Werner Krämer

Fallstudie/ Casestudy

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"Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla" (lateinische Lebensweisheit frei in Deutsch: Ein Gramm gutes Beispiel ist besser als ein Zentner gute Worte, L. A. Seneca, 4 v. Chr. - 65 n. Chr.). "Das  große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln", Herbert Spencer, englischer Philosoph. 

Untergliederung: VWL - Lehrbuch, 2.Teil, (3.Teil), (4. Teil), (5. Teil) (1.Teil)

VolkswirtschaftslehreFallstudien, Literaturtipps dazu, Lernsoftware,      Funktionsweise einer Volkswirtschaft, Ideologien (Ideen) & Wirtschaft, Wirtschaftspolitische Grundkonzeptionen (Denkschulen), Geschichte des Geldes und Kapitals, Marktbetrachtung (Grundlagen), Finanzmärkte, Umweltsektor, Arbeitsmarkt), Weltwirtschaftskrisen, Folgen und Folgerungen der letzten Krise 2008/2009, Aufstieg der Schwellenländer, Neue Ökonomie der Nachhaltigkeit (Green Economy), Analyse von Wirtschaftsordnungen (Markt- und Staatskapitalismus), Exportorientierung und Wettbewerb (Deutschland in der Kritik), Bevölkerungsentwicklung und Folgen, Abwertungswettlauf von Währungen (Währungskrieg in der Welt), Soziale Gerechtigkeit und Arbeit, Krise der Europäischen Union (Euro), "Wenn der Drache lahmt": Die Bedeutung Chinas für Deutschland und die Weltwirtschaft und der Wert des Staatskapitalismus, Ökonomische Analyse der Migration (Globale Flüchtlingskrise), Digitale Revolution und Transformation ("The Second Machine Age"), Die politische und ökonomische Wende in den USA und ihre mögliche Auswirkungen auf die Globalisierung ("Trumpokratie", am Anfang einer neuen Weltordnung; globaler Stellenwert der USA), Karl Marx - Jahr 2018: 200. Geburtstag und 150 Jahre "Das Kapital" (oder: "Von der industriellen zur digitalen Revolution", auch Bedeutung in China), Die Genossenschaftsidee von F. W. Raiffeisen - Die ideale Organisationsform in einer digitalen und nachhaltigen Welt? (200 Jahre Raiffeisen-Jubiläum; mit Fokus auf "Japan"), "Vom Land der aufgehenden zum Land der untergehenden Sonne?": Der langsame Abstieg Japans in einer lang andauernden ökonomischen Krise. Was können die EU und Deutschland daraus lernen? Erfolgsmodell Mittelstand! Die mittelständische Struktur der deutschen Wirtschaft als Grundlage des ökonomischen Erfolges Deutschlands.  Spieltheorie & Modell, Theoreme, Daten, Portrait, Blogonomics (diese Artikel passen immer zu bestimmten Lehrveranstaltungen).

Ostasien; Betriebswirtschaft; Wert der Fallmethode  & Quellen  dazu; Fallbearbeitung als Methode; Mitarbeiterinterview in der Personal-ökonomik; Fallstudie im Studium; Stellenwert des Internet.                 

   

Sowohl im Bachelor- als auch im Master-Studienabschnitt wird es ohne Fallstudien nicht mehr gehen. Diese Seite wird weiter ausgebaut, auch zu E - Learning hin. Teile sind  wie ein Blog gestaltet. Dabei handelt es sich um aktuelle wissenschaftliche Artikel zu volkswirtschaftlichen bzw. ökonomischen Problemen, die Schwerpunktthemen einzelner Lehrveranstaltungen sind oder waren. Zu vielen dieser Themen habe ich Vorträge gehalten (in der Regel mit PPP). Teilweise ist die Zuordnung von Artikeln auf diese Seite oder auf die Seite "Methode" schwierig zu begründen (bei "Methoden" eher empirisch, statistische Themen). Verhandlungen über eine Kooperation mit E - Learning Firmen in den USA in diesem Bereich konnten noch nicht erfolgreich beendet werden.

 

 

 

Volkswirtschaftslehre   "Lasst 100 Blumen blühen...",  Titel einer Kampagne von Mao Zedong 1956.

"Please find me a one-armed economist so we will not always hear ´On the other hand`...", Herbert Hoover, ehemaliger US-Präsident.

Fallstudien:

Ständig experimentiere  ich mit  einem Planspiel, aus dem ein   Buch  der Mittelstandsökonomik hervorgegangen ist. Dieses ist im Jahre 2003   erschienen (Werner Krämer: Mittelstandsökonomik, München). Auf dieser Basis will ich die Rolle der KMU in der Globalisierung weiter vertiefen (neues makroökonomisches Modell). Das Planspiel ist eine Weiterentwicklung der Fallmethode. Es eignet sich hervorragend um ganzheitlich und dynamisch ein Problem in den Mittelpunkt zu stellen, wenn Unterrichtszeit fehlt. Gegenwärtig geht es um die Auswirkungen der Globalisierung auf kleine und mittlere Unternehmen. Der Ansatz ist interdisziplinär und zeigt den Nutzen der VWL in der betrieblichen Praxis. Dieses Planspiel setze ich zur Zeit bei Marketing/Bachelor im 4. Semester ein. Ablauf und Lernerfolg sind o. k.; die Veranstaltung wird ständig verbessert.

"Unter den heutigen Bedingungen sind Spitzenmanager gezwungen, sich mehr mit dem Geld- und Devisenmarkt auseinander zu setzen als mit dem langfristigen Gedeihen ihres Unternehmens", Akio Morita (japanischer Unternehmer, 1921-1999, Sony).

Oil Price Shock (hoher Erdölpreis als Ausgangspunkt). Mit dieser Fallstudie arbeite ich im ersten Studienabschnitt. Sie soll theoretische Elemente praktisch veranschaulichen. Bei der Preiserklärung werden mikroökonomische Marktmodelle verdeutlicht; bei den Folgen wird mit makroökonomischen Hypothesen gearbeitet. Zunehmend werden umwelt- und internationale Aspekte berücksichtigt. So ist z. b. sehr interessant und lehrreich, den Einfluss der Ölpreiserhöhung auf die Wechselkurse zu untersuchen. Kleinere Fallstudien setze ich auch im 1. Studienabschnitt in der Klausur ein.

"Es gibt drei Dinge, die einen Menschen zum Wahnsinn treiben; der Ehrgeiz, die Liebe und die Beschäftigung mit Währungsproblemen", N. N., zitiert nach: Sperber, Wirtschaft verstehen, a. a. O., S. 274.

Globalisierung und Zukunft der Arbeit. Diese Fallstudie habe ich für IPO im Master -  Studienabschnitt entwickelt. Die Auswirkungen der Globalisierung, des technischen Fortschritts und der Bevölkerungsentwicklung auf die Arbeit können analysiert werden. Die Globalisierung hat zu einer Umkehrung der Knappheitsrelationen bei Arbeit und Umwelt geführt. Es gibt auch weltweite Interdependenzen beim Lohn. Die Ungleichheit in den Industrie- und Schwellenländern nimmt zu. Dies wird mit empirischen Forschungsmethoden verbunden.

"Die Aufgabe der Ökonomie ist es, die Welt zu verbessern", Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des IWF.

Fallstudie "Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2008/2009" anhand des Buches "Die Neue Weltwirtschaftskrise", Frankfurt/ New York 2009 (Autor. Paul Krugman, Wirtschaftnobelpreisträger 2008). Dies ist der Mittelpunkt der Veranstaltung "Internationale Ökonomie" im SS 2009 bei IM und WS 2009/2010 bei IBMEA. Die Lernmodule der Veranstaltung begleiten das Buch und die Themen der Hausarbeiten.

MoPoS: Es handelt sich um ein Geldpolitik - Simulationsspiel, das man bei der Schweizer Nationalbank herunterladen kann. Adresse: www.snb.ch, MoPoS als Suchwort eingeben.

Second Life  (SL) als virtuelle Volkswirtschaft (Linden Lab, San Francisco) soll eventuell systematisch einbezogen werden (das Institut als Akteur oder Erfahrungsberichte und Experimente der Studenten). Eine explorative Studie in Form einer Hausarbeit läuft zur Zeit. Die zentrale Frage ist, was Volkswirte in diesen virtuellen Welten lernen können. Es gibt einige interessante Aspekte: Der Linden-Dollar ist die Währung, die über die interne Währungsbörse LindEx in US-Dollar umgetauscht werden kann und umgekehrt. "Avatar" ist die Spielfigur, das virtuelle Alter-Ego. "Covenant" ist die Nutzungsvereinbarung zwischen einem Landbesitzer und seinen Mietern oder Käufer. "Tier" ist die Grundsteuer, die für ein bestimmtes Stück Land zu entrichten ist. Alles was innerhalb von SL läuft ist "inworld" im Gegensatz zu RL ("real life"). Mittlerweile gibt es weltweit 15 Mio. Nutzer, aber die meisten Firmen haben sich Ende 2008 schon zurückgezogen. Das Projekt droht zu scheitern. Vgl. auch: "Virtual Worlds, Virtual Institutions", David Bray und Benn Konsynski, Working Paper, Mai 2007 und Stöcker, Ch.: Second Life, München 2007. Die University of Utah baut ihren kompletten Campus in Second Life nach. Den Aspekt des Rollenspiels kann man mittlerweile auch in anderen Programmen finden, z. B. bei World of Warcraft.

Eve-Online: Weltrollenspiel mit Chef-Ökonom J. Gudmundsson (Akureyi, Island) als Analyst der virtuellen Welt. Es scheint allmählich ein neues Feld der Ökonomie zu entstehen. Gerade Konflikte zwischen Gemeinschaft und Individuum können gut simuliert werden.

Howrse: Wirtschaftssimulation. Pferdezucht. Es geht um die Betreibung eines Reitzentrums. Dieses Spiel wurde als beste Wirtschaftssimulation 2008 ausgezeichnet.

Global Economics Game: Volkswirtschaftliches Planspiel. Gut und recht kostengünstig.

Classroom Expernomics: Volkswirtschaftliche Prinzipien können spielerisch gelernt werden.

OLAT: Mittlerweile werden alle  Veranstaltungen der VWL über das E-Learning-System OLAT verwaltet, zumindest die Lern-Ressourcen. Hier sind weitere Fallstudien enthalten.

Flipped Classrooms (Mooc): Anstatt Frontalvorlesungen filmt der Dozent seine Vorlesung ab. Dann stellt es sie für seine Studenten und andere kostenlos ins Netz, die sie zuhause ansehen.  Die Zeit an der Hochschule kann für Übungen und Fragen genutzt werden.

Computerspiele: Turniere von Computerspielen sind mittlerweile so populär wie Sportwettkämpfe und große Konzerte. 10 Mio. $ betrug das höchste Preisgeld für ein Computerturnier. 32 Mio. Zuschauer verfolgten das LoL-Turnier. Für die Spiele - Plattform "Twitch" werden schon 1 Mrd. $ geboren. 400 Mausklicks pro Minute schaffen Profispieler. Sehr interessant ist das Spiel "Civilization". Es wird 2016 schon 25 Jahre alt. Man spielt die Geschichte der Menschheit nach.

Online Community zur Lösung globaler Probleme am MIT auf einer Plattform: http://solvecolab.mit.edu/web/guest/about

Literatur-Tipps zu Fallstudien in der VWL:  

15 Fallstudien zur VWL (angewandte Mikro- und Makroökonomie) enthält folgendes Buch: Börsch-Supan, A./ Schnabel, R.: Volkswirtschaft in fünfzehn Fällen, Wiesbaden 2006. Zu jeder Fallstudie gehören eine Kurzfassung und eine Theorie-Box.

Wirtschaftspolitische Fallstudien mit Lösungstechniken sind in folgendem Lehrbuch: Möller, H. W.: Angewandte Volkswirtschaftslehre, Wiesbaden, 1997.

Neu ist folgendes volkswirtschaftliche Buch mit vielen Fallstudien: Sperber, Herbert: Wirtschaft verstehen. 100 Lernmodule für Schule, Studium und Beruf, Stuttgart 2007.

"Wer umsichtig agieren will, sollte - bildlich gesprochen - mit Lesebrille und Fernrohr gleichzeitig arbeiten", Axel Weber, Bundesbankpräsident.

Lernsoftware:

LiveEcon: Es handelt sich um eine interaktive ökonomische Lernsoftware von der schottischen Firma Interactyx, die seit 2006 auf dem Markt ist. Es ist eines der ersten elektronischen mikro- und makroökonomischen Lehrbücher Ökonomische Modelle können Schritt für Schritt verändert werden (dynamische Darstellung mit Modellierungsmöglichkeiten). Mehr als 60 Unis in den USA und GB setzen diese Software bereits ein. Der Nachteil ist noch, dass Daten relativ stupide eingegeben werden können und Sachverhalte nicht kritisch hinterfragt werden müssen.

MyEconLab: Online Lernportal von dem  britischen Verlag Pearson Education (seit 2002). Es gibt auch Internetseiten zu den herausgegebenen Lehrbüchern. 2010 gab es eine neue deutsche Version des Programms.

Mittlerweile kann man auch Vorlesungen von Professoren auf DVD käuflich erwerben. Es gibt auch Einführungsveranstaltungen der VWL.

"Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von anderen. So wird dir viel Ärger erspart bleiben", Konfuzius.

Webseiten & Blogs:

New Economics Foundation. www.neweconomics.org . Fundierte Quellen zu alternativen Ansätzen der Ökonomie mit Analysen und innovativen Vorschlägen zu aktuellen Debatten.

Post-Autistic Economics Network. www.paecon.net . Datenbank mit kostenlosem Zugang zu hunderten Texten.

Marginal Revolution. www.marginalrevolution.com . Die beiden Wirtschaftsprofessoren Tyler Cowen und Alex Tababarrok diskutieren Nachrichten aus der ganzen Welt.

EconLog. econlog.econlib.org . Täglicher Blog aus der Library of Economics and Liberty. Drei Blogger bloggen zu aktuellen Wirtschaftsthemen.

Nachdenkliches zu Wirtschaft, Finanzen und Leben von Donald Marron:  https://dmarron.com

 

Funktionsweise einer Volkswirtschaft:

Jede Volkswirtschaft funktioniert nach einem Mechanismus, der sich in Grundregeln zeigt. Dies ist das Alphabet der Volkswirtschaftslehre. Alle Bürger leben in Volkswirtschaften, in denen sich das Wirtschaftsgeschehen abspielt. Die Wissenschaft sieht die Wirtschaftsakteure in ihren Rollen (Haushalte, Unternehmen, Staat u. a.) sowohl mikroökonomisch (individualistische Idealtypen ) und makroökonomisch (aggregierte Sektoren). In der Geschichte der Menschheit haben uns zwei große Sprünge nach Vorne gebracht: Die Sprache (mit der Schrift) und Überschüsse. Die schriftliche Verbuchung der Erntemengen steht am Beginn der Erschaffung von Schulden und Geld. Besitzrechte an Getreidevorräten wurden auf Muscheln oder ersten Metallmünzen notiert. Entscheidend war der Glaube an den Tauschwert dieser Einheiten (Glauben = Credere). Eine kollektive Institution (Staat) wachte darüber. So entstand Ökonomie dort, wo Menschen zum ersten Mal sesshaft wurden und Agrarwirtschaft betrieben, in Mesopotamien. Vgl. Yanis Varoufakis: Time For Change, Köln 2016, S. 18ff.

- Knappheit ist das grundlegende Phänomen der Wirtschaft (knapp sind Zeit, Ressourcen, Informationen, konsumierbare Güter, Frieden). Jede Wirtschaft braucht Ressourcen (alles, was genutzt werden kann, um etwas anderes zu produzieren). Dazu gehören die Produktionsfaktoren "Arbeit, Boden, Kapital". Immer wichtiger und teurer werden die zum Boden rechnenden Ressourcen "Energie" und "Rohstoffe", aber auch die durch ihn produzierten Güter "Lebensmittel". Die Produktionsfaktoren müssen so auf die Produktion von Gütern verteilt werden, dass möglichst viele Bedürfnisse erfüllt werden können (Allokation). Abstrakt stellt die Produktionsmöglichkeitskurve alternative Kombinationen von Gütermengen dar, die sich bei einer gegebenen Ausstattung mit Produktionsfaktoren herstellen lassen. Weniger Einsatz von Produktionsfaktoren für mehr Waren wird durch die Produktivität gemessen, die die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft kennzeichnet. Die realen Kosten eines Gutes bestehen in seinen Opportunitätskosten (dem, worauf man verzichten muss, um das Gut zu bekommen). Viele definieren die Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft über den Umgang mit Knappheiten (natürliche Ressourcen, technisches Wissen, Zeit), die Allokation von knappen Ressourcen (was jedoch zu eng ist, aber es ist das Kardinalproblem). Auf den Punkt gebracht hat diese Definition Lionel Robbins (1896-1984) in seinem "Essay on the Nature and Significance of Economic Science". Am besten kann Knappheit durch Arbeitsteilung (siehe unten) und Tausch beseitigt werden.

- Die wichtigste Ressource ist die Arbeit, genauer die Motivation und Fähigkeiten der Menschen. Wegen abnehmender Knappheit in der Globalisierung gerät die Bewertung der Arbeit (Lohn) immer mehr unter Druck. Insofern könnte die relative Mehrwerttheorie von Karl Marx aus einem anderen Grund wieder aktuell werden. Immer mehr  Arbeiter sind auch schlecht beschäftigt (atypische Beschäftigung: Leasing, Zeitverträge, geringfügige Beschäftigung  u. a.) und stellen in rezessiven Zeiten einen Puffer dar. Insofern sind viele Länder auf dem Weg in die Dualisierung des Arbeitsmarktes (Kern- und Randbelegschaft). Das gilt sogar für das Land, in dem die Arbeit den höchsten Stellenwert im Leben hat, für Japan. Zur Arbeit muss das Humankapital hinzugerechnet werden. Die Gestaltung der Arbeitswelt ist für die Qualität der Arbeit von entscheidender Bedeutung.

- Spezialisierung (Arbeitsteilung) sorgt für eine kompetente und Wettbewerb für eine effiziente Verwendung der Ressourcen. In Deutschland wird der Wettbewerb durch das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) geschützt. Es verbietet Kartelle und soll Unternehmenskonzentration verhindern. Der Wettbewerb wirkt auch als Anreiz für die Menschen, die zwischen Alternativen möglichst rational entscheiden müssen. Die Kosten eines Produktes bestehen aus dem, was dafür beim Erwerb ausgegeben werden muss. Tauschhandlungen erhöhen die Wohlfahrt der beteiligten Tauschpartner. Es scheint einer Gesellschaft besser zu gehen (Wohlfahrt), wenn die Menschen ihre eigenen Interessen verfolgen.

- Der Markt als Lenkungsmechanismus steht im Mittelpunkt jeder Volkswirtschaft. Er ist normalerweise gut für die Organisation des Wirtschaftslebens. Bei Marktversagen muss der Staat eingreifen. Vgl. hierzu meine aktuelle Markt - Betrachtung. Der Markt ist ein Ort, ein Mechanismus und eine Begegnung vieler Menschen (O. von Nell-Breuning, 1890-1991). Der Begriff reicht also vom kreativen Selbstentwurf von Menschen über Kommunikationsprozesse (Interaktion ist kulturell bedingt) bis zu Sachzwängen. Theorien über den Markt (ob sozial, kulturell, ökonomisch oder moralisch) beeinflussen wiederum den Markt selbst. Der Markt hat in einer idealen Welt die besten Lösungen. In einer Realität mit Verzerrungen (Qualität der Institutionen, historisches Erbe, Spekulationen)  muss es Modifikationen  geben. Einen freien Markt kann es in der Realität nicht geben, weil immer ein gutes Rechtssystem, Bilanzregeln u. a. da sein müssen und weil er den Umweltschutz nicht gewährleistet. Freie Märkte sind auch instabil und bedürfen deshalb der Regulierung. Besonders hervorzuheben ist ein brauchbares System von Eigentumsrechten. Besondere Probleme bestehen bei Märkten, die in starkem Wandel sind (Energie, Medien, Gesundheit).  "Die Märkte können länger irrational bleiben als man selber liquide", John M. Keynes. "Die Hypothese effizienter Märkte sollte man über Bord werfen", Klaus Adam, Mannheim (Wirtschaftswoche, Nr. 18, S.40).

- Der Staat schafft die institutionellen Rahmenbedingungen,  strebt die Erreichung anderer wirtschaftspolitischer Ziele an, sorgt für die Berücksichtigung der Umwelt (Internalisierung externer Effekte, starke Eigentumsrechte) sowie die soziale Abfederung (gerechtere Verteilung des Wohlstands). Insofern können Regierungen die Marktergebnisse verbessern, Wahlzyklen schwächen und stärken aber den Staat gleichermaßen. Der Staat kann systemrelevante Banken nicht in die Insolvenz gehen lassen. Um seine Aufgaben zu erfüllen, muss der Staat Steuern, Abgaben und Schulden nehmen, um Investitionen,  Ausgaben, Subventionen und Sozialleistungen geben zu können. Staaten können nicht Pleite gehen, aber Ausgabenreduzierung infolge hohen Schuldendienstes und Steuerrückgängen wird zu Konflikten führen. Die Kultur und die Geschichte einer Volkswirtschaft, die auch wichtige Einflussfaktoren darstellen, führen ein schwer einzuschätzendes Eigenleben. Zusammen mit der Psychologie der Wirtschaftsakteure ist die Kultur zu lange in der Volkswirtschaftslehre ausgeklammert worden (vgl. meinen Beitrag über Japan).  Die Digitalisierung durch das Internet führt erst virtuell zur Auflösung von Staatsgrenzen, später werden sie  wahrscheinlich auch real durchlässiger.

- Investitionen und Innovationen sorgen für Dynamik und erhöhen den Erfolg, der mit Ressourcen zu erzielen ist. Dieser wird in Gewinn gemessen und kontrolliert. Hauptträger von Investitionen und Innovationen sind die kleinen und mittleren Unternehmen (in öffentlichen Haushalten die Kommunen). Das Innovationsmanagement wird zu einem immer wichtiger werdenden Standortfaktor und Indikator der Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Mit Innovationen müssen die führenden Industrieländer ihren technologischen Vorsprung und ihren Wohlstand sichern. Der Schutz geistigen Eigentums fördert Innovationen. Bildung ist nicht nur für Innovationen notwendig, sondern steigert auch den Lebensstandard. Investitionen bestimmen den Wechsel zwischen Gipfel und Talsohle, was als Konjunktur angesehen wird. Viele Innovationen waren in den letzten 250 Jahren nur auf der Grundlage der fossilen Energieträger (Kohle, Öl, Gas) möglich. Die entscheidende Frage ist, was passiert, wenn diese Energieträger zur Neige gehen? Die Digitalisierung macht das Internet zum wichtigsten Produktionsfaktor heute. Das Internet beeinflusst entscheidend die Entwicklung der übrigen Produktionsfaktoren (z. B. Produktion 4.0).

- Unternehmen sorgen auch für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen und hängen von der Zufriedenheit ihrer Kunden ab. Dies wird manchmal auch verkürzt als Definition der VWL genommen: "Economics is the study of the production and distribution of goods and services". Dienstleistungen, die die Wirtschaftsstruktur moderner Länder prägen (Dienstleistungssektor vor Industrie und Landwirtschaft), haben eigene Gesetzmäßigkeiten im Preis- und Qualitätsmanagement. Von der Fähigkeit, Waren und Dienstleistungen zu produzieren, hängt der Lebensstandard eines Landes weitgehend ab. Die Trennung von Arbeit und Kapital (Unternehmen) wird oft als gegeben vorausgesetzt, obwohl sie Gegenstand der Analyse sein muss (z. B. bei Karl Marx). Gleichartige Unternehmen von der Produktion her werden zu Branchen zusammengefasst. Immer wichtiger werden heute Unternehmen, die Informationen und Wissen produzieren oder Dienstleistungen dafür bereitstellen (Google, Apple).

- Die Banken, insbesondere die Notenbank, sind für wertstabiles Geld verantwortlich (vgl. auch den Abschnitt über die Geschichte des Geldes). In kapitalistischen Volkswirtschaften (der Produktionsfaktor "Kapital" dominiert) hat der Finanzsektor eine Schlüsselfunktion. Die internationalen Finanzmärkte sind am weitesten globalisiert und der große Einfluss der Spekulation prägt den Marktmechanismus ("Mad Money"?). In der ökonomischen Theorie wird der Finanzsektor vernachlässigt (dies hat sich in der Finanzkrise 2008 gerächt, Finanzmärkte müssen auch weitgehend reguliert werden). GB und die USA forcieren den Protektionismus zugunsten ihrer Finanzzentren New York und London. Zu den bekanntesten Wirtschaftsdaten gehört die Inflationsrate, die als Kaufkraftverlust des Geldes beschrieben werden kann (Sinken des Preisniveaus nennt man Deflation). Kurzfristig kann es für eine Gesellschaft möglich sein, zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit zu wählen (Phillips-Kurve). Die Finanzaufsicht sollte mit der Internationalisierung der Finanzmärkte Schritt halten. Die Rolle und Bedeutung der Banken wird die aktuelle Zinspolitik und durch neue digitale Formen immer mehr zurückgedrängt (Schwarmfinanzierung, virtuelles Geld, Blockchain).  Die Privatbank Metzler in Frankfurt/M. ist die letzte unabhängige, große Privatbank in Deutschland. Sie wurde 1674 als Tuchhandelsfirma gegründet. Schrittweise wurde der Warenhandel mit dem Geldgeschäft gekoppelt. "Ein Banker leiht dir einen Regenschirm, wenn die Sonne scheint, will ihn aber sofort wiederhaben, wenn es anfängt zu regnen", Mark Twain.

- In der Globalisierung sind die Volkswirtschaften der Weltwirtschaft zunehmend miteinander verflochten und gegenseitig abhängig. Die Globalisierung hat den Grad der gegenseitigen Abhängigkeit der monetären und realen Welt drastisch erhöht und wesentlich mehr Unsicherheit mit sich gebracht. Koordinierungsversagen wirtschaftlicher Akteure hat immer schlimmere Folgen (weltweite Finanzkrise 2008/2009). Zu den wichtigsten Elementen gehören der internationale Handel und Wettbewerb, die internationalen Finanzmärkte und die Veränderungen der Umwelt. Durch internationalen Handel kann es jedem besser gehen (Adam Smith), viele werden auch ausgebeutet. Multinationale Unternehmen, die unabhängig von Nationen agieren,  haben an Bedeutung gewonnen. Das Thema "Global Government" wird immer wichtiger, um Marktdefizite auszugleichen (siehe oben, vor allem Bereich "Umwelt"). Die Schwellenländer tragen einen großen Teil der Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft; viel hängt davon ab, wann sie das technologische Niveau der führenden Industrieländer (IL) erreichen. Dies ist eine Schicksalsfrage für das Wohlstandsniveau der IL. Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft wird sich zunehmend nach Asien (China, Indien; im Jahre 1850 schon mal 50% der Weltwirtschaft) verlagern. Die aufstrebende, kaufkräftige Mittelschicht der Schwellenländer wird zunehmend zur Zielgruppe von Unternehmen der IL. Verteilungsprobleme nehmen überall auf der Welt zu (Arbeit gibt es reichlich in der Welt, Ressourcen werden immer knapper). In der Politik und Wahlen geht es immer mehr darum, wie die Verteilungsgerechtigkeit in den Gesellschaften erhöht werden kann (auch zwischen junger und älterer Generation). Die Verlierer der Globalisierung können in Wahlen dafür sorgen, dass Protektionismus wieder mehr Raum bekommt (Beispiel Wahlsieg von Trump in den USA).

"Die ganze Börse hängt davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten und mehr Idioten als Aktien", Andre Kostolany.

 

Ideologien (Ideensysteme) und Wirtschaft:

"Die Ökonomen machen es sich zu leicht, wenn sie uns in stürmischen Zeiten nur sagen können, dass, nachdem der Sturm lang vorüber ist, der Ozean wieder ruhig ist", J. M. Keynes, in: Tract on Monetary Reform, 1923.

Kapitalismus: liberale Wirtschaftsgesinnung mit Anerkennung des Privateigentums mit dem Ziel, den Gewinn zu maximieren. Historisch beschreibt Kapitalismus die Entwicklung der Wirtschaft im 19 Jahrhundert. Heute ist umstritten, ob der Marktzwang notwendigerweise dazugehört. Weitere Fragen sind die nach der Ungleichheit, der Instabilität, der Demokratie, der Moral und dem Menschenbild. Vgl. Sieben Fragen an den Kapitalismus, in: Die Zeit, 35/2009, S. 17ff. "Gegen die Illusionen der Ideologie gibt es zwei Heilmittel: die Erfahrung und die Notwendigkeit", Friedrich List, 1789-1846 (in Schwellenländern einer der berühmtesten deutschen Ökonomen).

Kommunismus: Vorstellung von einer zukünftigen Gesellschaft, in der das Privateigentum abgeschafft, die Produktionsmittel in Volkseigentum sind und die materiellen und kulturellen Bedürfnisse aller Menschen gleich befriedigt werden (ursprünglich aus dem Lateinischen: der Gemeinschaft gehörend). Karl Marx (1818-1883, deutscher Philosoph und Nationalökonom) hat die Konsequenzen des Kapitalismus präzise beschrieben und auf immanente Fehler hingewiesen. Die Menschen können sich befreien und zu sich selber kommen, wenn die Funktionsweise des Systems (Gesetze der Akkumulation) geändert wird. Die konkreten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen, die sich auf den Kommunismus beriefen (UdSSR, DDR), hatten aber ebenso grundlegende Fehler. In Deutschland ist der Begriff sehr stark mit den negativen Assoziationen dieser realen Regime verbunden. Es sollte aber immer zwischen der Utopie von Marx/Engels und den historischen bzw. realen (Nordkorea, Cuba) kommunistischen Systemen unterschieden werden.  "Die moderne Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor", Karl Marx/ Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Paris 1848.

"Verzeihung, ich bin nach wie vor dialektischer Materialist", Fidel Castro, kubanischer Revolutionsführer, auf die Frage, ob ihn seine Krankheit Gott näher bringe. "Der Kommunismus ist eine großartige Theorie. Das Unglück besteht darin, dass er sich in die Praxis umsetzen lässt", Ephraim Kishon.

In den polaren Denkkategorien von Kommunismus und Kapitalismus sind wirksame Lösungen für ein neues Funktionieren einer optimalen Form zu finden. Zu starke Bindung an diese Extreme kann zu Krisen führen. Moral und Werte müssen in die Organisation der Wirtschaft einfließen. Insofern muss es konkrete staats- und rechtspolitische Konzepte geben. So hat Deutschland eine Soziale Marktwirtschaft (der Begriff soll auf Müller-Armack zurückgehen, die Idee auf Ludwig Erhard). Dieses wirtschaftspolitische Leitbild ist aus dem Neoliberalismus hervorgegangen und verbindet seit 1948 eine Wettbewerbswirtschaft (mit GWB, Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen) mit der Idee der sozialen Gerechtigkeit. Dabei ist besonders wichtig, dass eine liberale Wirtschaftsordnung nicht nur Freiheit, sondern auch Verantwortung bedeutet (Haftung der Akteure für ihr unternehmerisches Handeln). Insofern sollten auch die Verursacher der Finanzkrise 2008/2009 an der Abfederung ihrer sozialen Folgen beteiligt werden. "Ich fand die Gedanken der Ordoliberalen spannend, weil sie ein Kernproblem unserer Zeit beschreiben: die privatwirtschaftliche Machtkonzentration", Sahra Wagenknecht, Linken-Vize-Chefin (Vgl. Handelsblatt, Nr. 32, Februar 2014, S. 56).

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern"; "Alles muss angezweifelt werden", Karl Marx. Er wollte vor allem das erklären, was die Ökonomen seiner Zeit als Gesetz einfach voraussetzten: Trennung von Arbeit und Kapital, das Privateigentum und den Wettbewerb. Vgl. auch Karl Marx. Der Prophet der Krisen, Zeit Geschichte, Hamburg 2009.

 

Wirtschaftspolitische Grundkonzeptionen (Denkschulen):

"Mens agitat molem" (Der Geist bewegt die Materie)

Merkantilismus: Ab Ende des 16. Jahrhunderts (teilweise bis 18. Jh., vor allem in Frankreich (Colbert). Er wollte die Staatseinnahmen steigern und den Einfluss des Staates vergrößern (in Deutschland/ Preußen Kameralismus). Der Staat sollte auch Einnahmen aus Staatsbetrieben haben. Wichtig war die Finanzierung der Berufsarmee. Wichtig war dei Kontrolle des Außenhandels durch die Regierung, um für eine positive Handelsbilanz und ausreichende Geldmenge zu sorgen. Heute wird der VR China manchmal Merkantilismus vorgeworfen. Hierzu muss aber der Protektionismus und die staatliche Strategie Chinas sehr differenziert analysiert werden. In neuester Zeit folgt die Handelspolitik von Trump scheinbar auch der Idee des Merkantilismus.

Klassik (Smith, Ricardo, Say, Marshall, Thünen, Pigou): natürlicher Preis als Entgelt für Produktionsfaktoren; Angebot schafft Nachfrage; Geld ist neutral und damit Geldpolitik wirkungslos. Bei flexiblen Preisen und Löhnen findet die Marktwirtschaft ein stabiles Gleichgewicht. Der Markt hat die Fähigkeit, mit wirtschaftliche Erschütterungen fertig zu werden. Es kann keine dauerhafte, unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben. Staat kann keine positive Rolle in der Wirtschaft spielen ("Nachtwächter"). Es gilt das Saysche Theorem, dass jedes Angebot seine eigene Nachfrage schafft. Weiterhin orientiert am Wachstum von Nationen und freien Märkten. Die Verfolgung des Eigeninteresses führt zu wirtschaftlichen Vorteilen für alle. Diese Theorierichtung gerät in der großen Weltwirtschaftskrise 1929 - 1932 in die Kritik ("In the lon run we are all dead, Keynes). "Mitten unter den unaufhörlich wachsenden Geldforderungen der Regierung hat doch dieses Kapital, bloß durch die Sparsamkeit und den klug angewandten Fleiß der Privatleute (...)ihren Zustand zu verbessern, langsam und im Stillen zugenommen", Adam Smith.

Marxismus: Benannt nach Karl Marx (1818 - 1883), obwohl er sich selbst zeitlebens wehrte. Weitere berühmte Vertreter waren Friedrich Engels (1820 - 1895), Ernest Mandel (1923 - 1995) und Antonio Gramsci (1891 - 1937). Nach der Überzeugung des Marxismus führen die Ungleichheiten des Kapitalismus dazu, dass die Arbeiter die Kontrolle übernehmen und eine sozialistische Wirtschaft etablieren. Jede Ware hat einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Der Arbeiter erhält für seinen Gebrauchswert, die Möglichkeit Waren zu produzieren, einen fairen Gegenwert oder Lohn, der seine Lebenshaltungskosten deckt. Wird der Gebrauchswert des Arbeiters mit den Maschinen des Arbeitgebers kombiniert, ist der Wert der produzierten Waren größer als der Tauschwert des Arbeiters. Den dabei erzielten Überschuss, den der Arbeitgeber als Gewinn erhält, bezeichnete Marx als Ausbeutung.  Dieser Gewinn ist einerseits die Grundlage für Wachstum und Expansion des Kapitalismus, während der kontinuierliche Ausbau der Ausbeutung als Motor dient. Vgl. Marron, Donald: Wirtschaft in 30 Sekunden, Kerkdriel 2018, S. 14. Irrtümlichweise wird Marxismus oft mit Kommunismus gleichgesetzt.  "Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt", Karl Marx.

Neoklassik (Gossen, Walras, Pareto, Jevons): Nutzen wird unter gegebenen Nebenbedingungen maximiert; vollkommen flexible Preise und Löhne; Staat hat Nachtwächterfunktion. Die Neuklassik (Barro, Lucas) führt die Theorie rationaler Erwartungen ein. Häufig werden beide zum Neoliberalismus zusammengefasst, dessen Kern im Ideal des eigeninteressierten, möglichst deregulierten Wirtschaftsakteurs besteht. Man setzt sich für Freihandel und stärkere Privatisierung ein. Der Begriff geht auf den deutschen Ökonomen Alexander Rüstow (1885-1963) zurück, der zuletzt in Heidelberg wirkte. Man könnte auch Eucken zu dieser Gruppe rechnen. In eine neue, liberale Wirtschaftstheorie müssten allerdings nach den Erkenntnissen der modernen Verhaltensökonomik auch Gerechtigkeitsfragen integriert werden (Fairness). Auch die Vertragstheorie zeigt die Verhaltenformen, die vom "homo oeconomicus" abweichen( moral hazard, asymmetrische Information).   Es gibt die Klassifizierung in Salzwasserökonomen (Keynesianer: MIT, Harvard, Stanford; Süßwasserökonomen: Neoklassiker und Chicago-Boys vom Lake Michigan; die Brackwasserökonomen, die beides für möglich halten, an beiden Theorien ist was dran).

Österreichische Schule: Vertreter sind Carl Menger (1840 - 1921, Begründer), Eugen Böhm-Bawerk (1851 - 1914), Ludwig von Mises (1881 - 1973) und Friedrich von Hayek (1899 - 1992). Menger und Böhm - Bawerk lehrten an der Uni Wien. Nur ein freier Markt ist in der Lage, die Informationen und Einstellungen jedes Einzelnen in Bezug auf den Wert effizient zu koordinieren - auf diese Weise werden  die Marktpreise gestaltet. Sie wandten sich gegen den Sozialismus. Alle ökonomische Aktivität wird den Entscheidungen des Einzelnen zugeschrieben. Man war gegen Eingriffe von Regierungsseite. "Das wirtschaftliche Problem der Gesellschaft...ist kurz gesagt das Problem der Nutzung des Wissens, das niemand in seiner Ganzheit erhalten hat", Friedrich von Hayek.

Keynesianismus (Keynes, Hicks, Samuelson, Tobin, Robinson): relativ starre Preise und Löhne kurzfristig; Staat muss durch Geld- und Finanzpolitik eingreifen, um über Nachfrageanstieg Rezession zu bekämpfen: Arbeitslosigkeit entsteht nicht nur, wenn Löhne und Preise zu hoch sind. Auch mangelnde Nachfrage kann zur Arbeitslosigkeit und damit zur Rezession führen, aus der die Wirtschaft allein nicht herausfindet. Vorübergehende Staatsschulden müssen in Kauf genommen werden. Keynes spricht von Deficit Spending (Ausweitung der Staatsausgaben durch Kreditaufnahme). Insgesamt soll der Staat vor den Risiken des Kapitalismus schützen. Als heute noch richtungsweisend gilt die neoklassische Synthese von Samuelson: Wenn die Wirtschaft wieder mit vollem Potential arbeitet, besteht die angemessene Rolle des Staates darin, öffentliche Güter bereitzustellen und sich um externe Faktoren zu kümmern. In den 90er Jahren in Japan und 2008 in den USA erlebt der Keynesianismus eine Wiedergeburt. In den  USA soll vor allem mit Steuergeschenken und Steuersenkungen die Nachfrage angeregt werden. In der Weltwirtschaftskrise 2009 verhindert die keynesianische Politik überall in der Welt einen Absturz (die entscheidende Frage ist, ob auf Dauer).

Neokeynesianer (Malinvaud, Grossman) und Neukeynesianer (Shapiro, Stiglitz, Blanchard, Jordi Gali´, Mark Gertler) variieren den Ansatz. Vollständig flexible Preise sind ihnen ein Dorn im Auge.  Preise reagieren zeitverzögert auf Veränderungen von Angebot und Nachfrage ("sticky prices", klebrige Preise). Sie nehmen aber die mikrofundierten Modelle (mit rationalen Erwartungen) der alten Keyneskritiker und bauen dort Rigiditäten ein. Schritt für Schritt wird jetzt untersucht, was diese für Arbeitslosigkeit und Inflation bedeuten. Dabei spielt auch die Zentralbank eine wichtige Rolle für die Stabilisierung der Realwirtschaft. Mankiw stellt Informations-Rigiditäten in den Mittelpunkt und bezieht auch ein, wie Unternehmen Preise setzen. Marktwirtschaft tendiert nicht zwangsläufig zu stabilem Gleichgewicht, sondern mehrere Gleichgewichte sind möglich.

Monetarismus (Brunner, Meltzer, Friedman): Aktive staatliche Politik ist überflüssig; Geld ist wichtigster Faktor, auf dessen stetige, gleichmäßige Entwicklung geachtet werden muss. Geldpolitik sollte hauptsächlich Inflation und Inflationserwartungen stabilisieren. Die Supply-Side-Ökonomen (Laffer, Roberts) radikalisieren diesen Ansatz noch (Schmähbegriff: Voodoo Economy). Die Politik des billigen Geldes vor und in der Krise, ausgelöst durch die Zentralbanken, mit ihren Folgen hohe Staatsverschuldung und neue Finanzblasen könnte mittelfristig wieder zu einer Renaissance dieses Ansatzes führen. Gewarnt wird vor allem vor Crowding-Out-Effekten=Verdrängung privater durch staatliche Ausgaben.

"Der Wunsch nach Nahrung wird bei jedem Menschen durch die Kapazität des Magens begrenzt, während sein Verlangen nach Annehmlichkeit und Verschönerung von Gebäuden, Kleidung und Hausrat nahezu grenzenlos erscheint", Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, München 2001, S. 143.

 

Geschichte des Geldes und des Kapitals:

Erste chinesische Münzen, ausgestellt im Shanghai-Geschichts--Museum. Dieses ist eines der besten Kulturmuseen der Welt, das einen guten Überblick über die 5000jährige chinesische Geschichte gibt. Diese Münzen wurden durch immer kleinere Münzen abgelöst, die dann auch zu schwer waren für den Handel auf der Seidenstraße, so dass Quittungen genommen wurden. Daraus entstanden die ersten Geldscheine der Welt..

"Die Instabilität gehört zum Finanzsystem, seit die alten Mesopotamier den Preis für Getreide danach kalkuliert haben, wie wohl die nächste Ernte ausfallen würde," Niall Ferguson, Historiker, in: Geld! Geschichte, Der Spiegel, Sonderheft, Nr. 4/ 2009, S. 12.

Geld ist untrennbar mit der Entwicklung der Zivilisation verbunden. Geld überwindet Distanzen. Geld hat Europa den Aufbruch in die Neuzeit ermöglicht. Die industrielle Revolution ist ohne eine Revolution des Geldwesens nicht denkbar. Ein Zurück zur Realwirtschaft wird es nicht geben. Vgl. Lotter, Wolf: Was zählt, in: brand eins 06/18, S. 42ff.

Geld ist die größte Antriebskraft und eine wichtige Quelle allen Fortschritts in der Wirtschaft. Der direkte Handel (Barter Trade) war zu ineffizient, Münzen und Tontafeln (vor 4000 Jahren Babylon) waren zu unbequem. Also entstanden Banknoten (in China, von Quittungen hergeleitet) und der Zahlungsverkehr in den Banken. Geldsysteme entstanden mit der Finanzierung von Kriegszügen, z. B. bei den Römern oder im Mittelalter für die christlichen Kreuzzüge. In Oberitalien entstanden im 12. Jahrhundert die ersten Seehandelskredite, die indisch-arabische Zählweise wurde übernommen und es wurden in Florenz die ersten modernen Banken gegründet. Im 15. Jahrhundert wird dort die doppelte Buchführung eingeführt.  Mit der Entdeckung Amerikas und dem Seeweg nach Indien beginnt ein Aufschwung des Fernhandels und der Kapitalgesellschaften. Edelmetalle, an die das Geld lange Zeit gebunden ist, gelangen in großen Mengen nach Europa. 1531 wird in Antwerpen im heutigen Belgien der erste öffentliche Finanzplatz der Welt eröffnet (Van der Beurze). Im 18. Jahrhundert lösen Aktien von John Law die erste Spekulationsblase aus (Law verkaufte Aktien für die Mississippi Compagnie, aber es gab kein Gold in Louisiana; manche gehen auch vom holländischen Tulpenwahn 1637 aus). Damit gilt John Law als "Erfinder" des modernen Kapitalismus. 1716 erhält er per königlichem Dekret die Erlaubnis, in Paris die Banque Generale zu gründen. Um sich Gold zu beschaffen, beteiligt Law das Volk (er verkauft Aktien). Die erste große Gelddynastie waren die Medici in Florenz. Es folgten die Fugger in Deutschland und die Rothschilds in Frankfurt, Paris, London und New York. Vgl. Sonderheft Nr. 4 des Spiegel: Geld, 2009. Die erste große Krise der Weltwirtschaft in der Neuzeit war 1857. Sie wurde von der Ohio Life Insurance Company ausgelöst. Sie hatte zu viel Geld in spekulative Anleihen für Eisenbahngesellschaften investiert. Diese Krise war allerdings rasch überwunden.

Geld beruht auf zwei universellen Prinzipien: Es ist universell tauschbar. Mit Geld lässt sich fast alles umwandeln bzw. kaufen (Loyalität, Gesundheit, Wissen, Gerechtigkeit). Geld schafft Vertrauen. Geld kann Menschen immer dazu bringen, zusammen zu arbeiten. "Money don´t get everything it´s true/ What it don´t get I can´t use", Berry Gordy/ Janie Bradford: Money (That´s What I Want).

Der Internationale Währungsfonds (IMF) weist zwischen 1970 und 2007  326 Währungskrisen, 124 Bankenkrisen und 64 Staatsschuldenkrisen nach. Es würde sich also lohnen, Innovationen in diesem Bereich durchzuführen. Dazu gehören neue Geldentwürfe (Bildungswährungen, Gesundheitswährungen, globale Referenzwährung und CO2-Währung). Auch über Zinsalternativen (zinsfreie Kredite, Standgebühr) und kleinere Organisationseinheiten (Genossenschaften) sollte nachgedacht werden. Vgl. Margit Kennedy: Occupy Money, Bielefeld 2011. "Unter den unzähligen Übeln, welche den Zerfall ganzer Staaten herbeiführen, sind vier als die vornehmlichsten anzusehen: innere Zwietracht, große Sterblichkeit, Unfruchtbarkeit des Bodens und die Verschlechterung der Münze. Die ersten drei liegen so klar zutage, dass sie schwerlich jemand in Abrede stellen wird. Das vierte Übel jedoch, welches von der Münze ausgeht, wird nur von wenigen beachtet, und nur von solchen, welche ernster nachdenken, weil die Staaten allerdings nicht gleich beim ersten Anlauf, sondern ganz allmählich und gleichsam auf unsichtbare Art und Weise dem Untergang anheim fallen", Nikolaus Kopernikus, 1473-1543, Denkschrift zum Münzwesen, 1526 (er wirkte an der Universität Krakau; ein Besuch dort lohnt sich).

Erst in der Neuzeit hat sich Geld von der materiellen Basis gelöst. Es fing an mit der Aufgabe des Goldstandards und dem Abschied von Bretton Woods (Gold immer noch wichtig, Dollar als Leitwährung mit festen Kursen). Das Geld ist nur noch durch einen Bruchteil von Realwirtschaft abgedeckt. Dies hat den Aufstieg des Finanzkapitalismus erheblich beschleunigt. Direkt mit der Bedeutung des Geldes ist die Gier danach verbunden, aber auch die Angst kein Geld zu haben. Das Vertrauen in die Institutionen, die über das Geld wachen, geht allmählich verloren. Diese psychologischen Komponenten des Geldes sind hervorragend in dem Buch von Günter Schmölders (Psychologie des Geldes) beschrieben. Ursprünglich war auch die Vorstellung, Geld zu verleihen und dafür Zinsen zu nehmen, verpönt. Die großen monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) untersagten es, Zinsen von Glaubensbrüdern zu nehmen. Immer war eine Krise des Geldes mit großen Krisen in anderen Bereichen verbunden (Inflation, Arbeitslosigkeit, extreme Verteilungsungerechtigkeit). Dies macht die Geldkrise so gefährlich für die politischen Regime. In der Frankfurter Judengasse gründete Mayer Amsschel Rothschild im 18. Jahrhundert eine der bedeutendsten und einflussreichsten Bankendynastien der Welt. Als er 1812 starb hatten seine Söhne Niederlassungen in allen wichtigen Finanzzentren gegründet. Deutschlands älteste Börse ist in Hamburg. Heute ist Franfurt der wichtigste Börsenplatz. Aber nur noch 8 Prozent des Börsenhandels werden 2013 klassisch im Saal abgewickelt.

Vielleicht werden in den kommenden Jahren die Karten beim Geld neu gemischt. In fast allen Banken suchen Expertenteams nach neuen Geschäftsmodellen. Sie beschäftigen sich mit Blockchain und wollen Plattform werden, bevor Amazon und Google auch noch die Geldgeschäfte übernehmen. Facebook kommt 2020 mit der digitalen Währung Libra. Sogar die Deutsche Bank sieht in einem digitalen Plattformmodell die Zukunft der Geldinstitute. Automaten ersetzen die Mitarbeiter. Chatbots die Kollegen im Callcenter. Robo-Advisers die Geldanlageberatung. Geld ist immer noch Treibstoff der Wirtschaft, aber die Wirtschaft ändert sich immer schneller. Daten sind das neue Gold, Bitcoin als Krypto - Währung ist eine neue Währung, China bestimmt immer mehr die Regeln.

Für Karl Marx, der sich in seinem Hauptwerk "Das Kapital" intensiv mit Geld auseinandersetzt, ist es "wahres Gemeinwesen", "Gott der Waren". Er wollte die "Genesis der Geldform", die "Warenzirkulation", das "Geldrätsel" und den "Fetischcharakter" entschlüsseln.

 

Marktbetrachtung (theoretisch hat die Spieltheorie wichtige Beiträge geleistet, z.B. zum Oligopol, auch der Nobelpreis 2007 würdigt dies wieder; der Artikel entstand im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2007/ 2008):

Der Markt besitzt kein Gehirn und kein Herz", Paul Samuelson (er plädiert für den mittleren Weg und für eine Drosselung der Globalisierung; er gilt als Begründer der modernen "Lehrbuchökonomie" mit dem erfolgreichsten Lehrbuch aller Zeiten (über 4 Mio. verkaufte Exemplare, heute von Mankiw abgelöst); von ihm stammt auch der berühmte Spruch:" Gott gab dem Ökonomen zwei Augen, eines für die Angebots- und eines für die Nachfrageseite", Samuelson, starb 2009). Die folgenden Ausführung sind stark durch die aktuellen damaligen Entwicklungen geprägt. Sie wurden nicht mehr überarbeitet, um den tagesaktuellen Eindruck zu belassen.

Der Markt als Lenkungsmechanismus ist das Kernkonzept der Volkswirtschaftslehre. Denn nach dem Zusammenbruch fast aller Planwirtschaften Ende der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gilt die Koordination durch den Markt als der beste Lenkungsmechanismus der Wirtschaft. Die Globalisierung hat jedoch gezeigt, das in zwei zentralen Bereichen der Markt  nicht optimal funktioniert: auf dem Finanzmarkt und in der Umwelt. Insofern ist das Pendel zu stark in Richtung unregulierte Märkte ausgeschlagen (Gesetzgebung in den USA). Auf einem dritten Markt, dem Arbeitsmarkt, wird in allen Ländern im Eigeninteresse stark reguliert, um die größten Nachteile der Globalisierung abzufedern und der Zufall spielt eine große Rolle. Auch in Bezug auf Entwicklungsländer gibt es Verzerrungen und deshalb muss es Modifikationen beim Marktmechanismus geben. Insofern ist der optimistische Glaube, dass Märkte, wenn man sie alleine lässt, alle Probleme lösen werden ("markträumendes Gleichgewicht"), in arge Zweifel geraten. Besonders die Märkte, die in starkem Wandel sind, müssen in ihren Rahmenbedingungen genau analysiert werden. Dazu gehören der Energiemarkt (Verzerrung durch Förderung, internationale Interessen und Komplexität der Ziele), der Medienmarkt (besonderer Einfluss des technischen Fortschritts und der staatlichen Regulierung) und der Gesundheitsmarkt (starker Einfluss der demographischen Entwicklung). Hier kommt man mit starren Prinzipien nicht weiter. Besonderen Regeln folgt der Kunstmarkt seit alters her. Als einer der ersten großen Kritiker des Marktes gilt Martin Luther. Er weist darauf hin, dass der Markt eigenen Gesetzen folgt, bis der Mensch selbst zur Ware wird. Er kritisierte besonders das Kreditwesen. 300 Jahre später kommt die fundamentale Kritik von Karl Marx. Er setzt gezielt an den Schwächen in den Konzeptionen von Adam Smith und David Ricardo an.   "Ich glaube nicht allein an die Selbstheilungskräfte der Märkte", Josef Ackermann, Ex-Deutsche Bank-Chef im März 2008.

Der weltweite Finanzmarkt  (vgl. auch meine Veranstaltung "Finanzierung") ist durch den hohen Anteil von Spekulationen  unberechenbar geworden und die Risiken werden unterschätzt: Hedge-Fonds, Private Equity Companies, Financial Derivatives und Real Estate Investment Trusts (Reits) entziehen sich mit ihren Motiven und Methoden den staatlichen Kontrollgremien und ökonomischen Theorien. Hedge-Fonds sind Investmentgesellschaften, die meist von London oder New York aus operieren,  mit einem enormen Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital, die ihren hohen Gewinn durch risikoreiche Anlagegeschäfte verdienen (2007 ca. 1,6 Bio. $ in 9400 Hedge-Fonds). Sie sind oft in Steueroasen registriert und können durch ihre dominante Stellung, wenn  sie zusammenbrechen, andere Marktteilnehmer in einer Kettenreaktion mit reißen.  Private-Equity-Firmen beteiligen sich am Eigenkapital von Unternehmen oder übernehmen diese ganz, um die Anteile später mit Gewinn zu veräußern. Die Asienkrise hat die ungeheure Relevanz des ersten globalisierten Marktes (auch der Aktien- und Devisenmarkt gehören dazu)  dargelegt. Der Aktienmarkt im Reich der Mitte ist zwar noch verschwindend klein, aber Gerüchte rund um die chinesische Wirtschaft beeinflussen mittlerweile die Welt - Finanzmärkte. Die G 8  wollen Regeln für Hedge-Fonds entwickeln, die Transparenz, Liquidität und Stabilität sichern. Transparenz ist für Investoren, Banken und Aufsichtsbehörden wichtig (z. B. mit Kreditregister). Allerdings wird um den (freiwilligen) Verhaltenskodex gestritten, der eine Selbstregulierung mit sich brächte. Die Bundesregierung erwägt Schutzregeln für Konzerne vor einer Übernahme durch kapitalkräftige staatliche Fonds aus Russland, China und dem Nahen Osten.  Große Angst in  Europa herrscht vor Chinas staatlichen Investmentfonds. Vgl. Marquardt/ Hefeker/ Schnabl/ Hoffmann, Hedge-Fonds: Risiken für die internationalen Finanzmärkte?, in: Wirtschaftsdienst 2007/ 4, S. 211-224.Als das Emirat Dubai Ende November 2009 in Geldnot gerät, zittern wieder die Weltbörsen. In Dubai sind der Staatsfonds Dubai World und dessen Immobilientochter betroffen (seit Beginn der Krise sind die Immobilienpreise um 50% gefallen). Die Schulden betragen 80 Mrd. $. Dubai World ist u. a. an der Deutschen Bank und EADS beteiligt. Auch Kuwait wird durch seine Schulden mitgerissen. Es zeigt sich, wie anfällig die globalen Finanzmärkte sind. Einige Länder planen Ende 2009 eine Sondersteuer auf Boni von Bankmanagern (Frankreich, USA, GB, Deutschland). Die BayernLB muss Ende 2009 die Hypo Group Alpe Adria mit 4 Mrd. € retten. Amerikanische Banken verhindern Ende 2009 eine strenge Kontrolle der Derivate. 1,5 Billionen € haben die die Zentralbanken der Welt seit der Finanzkrise erschaffen. Für 2012 wird auf den US-Finanzmärkten ein neues Beben erwartet (700 Mrd. $ Schrottanleihen, die mit Gewerbeimmobilien besichert sind). Im April 2010 gerät Goldman Sachs unter Betrugsverdacht. Die Griechenland-Krise und die Spekulation gegen den Euro 2010 machen eine Regulierung der internationalen Finanzmärkte dringend notwendig. Der Zusammenbruch einer Sparkasse in Spanien, die schlechten Wirtschaftsdaten in Spanien und der Korea-Konflikt lassen Ende Mai 2010 die Kurse wieder einbrechen. 2010 steigt der Zwang zur Fusion von Landesbanken. WestLB mit BayernLB ist eine Option, eine andere WestLB mit Helaba. Am Ende könnte eine StaatsLB stehen. Die erste große weltweite Finanzkrise war 1857, ausgelöst durch eine Bankenpleite in den USA. Die letzte große war 1987 (Schwarzer Montag, den 19. 10.). Dazwischen war ein großer Einbruch 1929 (Schwarzer Freitag und Beginn der Weltwirtschaftskrise).

Im Sommer 2007 zeigt die Krise auf dem US - amerikanischen Hypothekenkreditmarkt die Relevanz des Themas. Wegen gestiegener Zinsen können viele US-amerikanische Bürger ihre Häuser nicht mehr abbezahlen. In den amerikanischen Hypothekenmarkt haben aber viele internationale Investoren ihr Geld gesteckt. Deshalb wirkt sich die Krise auch auf die Börsen in Frankfurt und Tokio aus. Der Hypothekenmarkt für Risiko-Immobilien nennt sich Subprime-Markt. Mitte der 1990er Jahre entfielen auf ihn 2% aller Hypothekenkredite, heute sind es rund 25%, bei einem Gesamtvolumen von 680 Mrd. $. Subprime-Kredite sind über Umwege auch in anderen Anlageformen enthalten (Anleihen, Hedge-Fonds). Die Finanzinstitute reichen ihre Risiken oft mittels moderner Finanzprodukte an den Kapitalmarkt weiter. Dadurch sind z. B. die französische Großbank BNP Paribas, die englische Hypothekenbank Northern Rock oder die deutschen Banken IKB-Bank, WestLB, SachsenLB und Deutsche Bank  betroffen. Weitere Risiken stecken in den zahlreichen durch Schulden finanzierten Firmenübernahmen (Leveraged Buy - Outs) und in dem Trend, Kreditrisiken an Hedge Fonds weiterzureichen ("Kreditkarusell"). Die amerikanische Notenbank schätzt die Verluste von US-Finanzinstitutionen auf hunderte Milliarden Dollar. In der Folge zeigen sich die Interdependenzen in weltweiten Kurseinbrüchen der Aktien. Hier zeigt sich, wie wichtig Transparenz und eine Kontrolle der amerikanischen Rating - Agenturen wäre. Die Risikoeinschätzung hat sich völlig verändert. Die Bundesregierung will die Finanzaufsicht verbessern. Aber es bedürfte wohl eher einer globalen Aufsicht. Die Staatsfonds aus Arabien und China pumpen mittlerweile viele Milliarden als Beteiligung  in die amerikanischen Großbanken. Trotzdem brechen weltweit am 21. 01. 2008 die Aktienkurse ein (stärkster Rutsch seit 11.09.2001, DAX -7%). Trotz der Leitzinssenkung durch die Fed kurz danach kommt es weltweit zu Turbulenzen an den Aktienmärkten, was die große Unsicherheit zeigt. Erst allmählich beruhigt sich der Markt, hat hat immer mal Ausschläge nach unten (z. B. nach dem Fastzusammenbruch von Bear Stearns oder die Pleite der Hypothekenbank "Indymac"; auch Freddie Mac und Fannie Mae kriseln; sie werden im September 08 unter staatliche Obhut gestellt). Die Notenbank vergibt weiterhin Kredite zu günstigen Konditionen. Die Abschreibungen der Banken werden weltweit auf insgesamt 1,8 Bill. $ geschätzt. Der amerikanische Notenbankchef rechnet infolge dessen noch mit der Pleite einiger Banken. Die Bewertung der internationalen Großbanken an den Börsen sinkt auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Bankenexperten rechnen mit einem Andauern der Krise bis 2010. In den USA wackeln immer mehr Finanz - Dienstleister (z. B. AIG, Washington Mutual). Nachdem Fannie und Freddy in den USA unter staatliche Kontrolle gestellt werden, reagieren die Börsen in aller Welt zuerst positiv. Es kommt es zu einer Konsolidierung und damit zu Zusammenschlüssen: Commerzbank mit Dredner, Deutsche Bank mit Postbank; die Bank of America übernimmt Merrill Lynch; Citigroup übernimmt Wachovia. Goldman Sachs und Morgan Stanley werden reguläre Banken. Washington Mutual wird aufgelöst und kommt zu JP Morgan Chase. In Deutschland wird die Real Hypo Estate von einer Bürgschaft von den Banken und dem Bund gestützt. Mit einem Enteignungsgesetz soll 2009 die Kontrolle ganz übernommen werden, was nicht nötig ist, da der Bund die Aktienmehrheit kaufen kann.  Dies scheint notwendig, damit vom Bund nur der Marktpreis an Flowers gezahlt werden muss. Nach der Pleite der Lehman Brothers fallen die Kurse wieder und die größten Geschäftsbanken der Welt bilden einen internationalen Notfonds. Der Zusammenbruch von Lehman wirkt wie ein Dominostein und war wahrscheinlich ein Jahrhundertfehler. Inzwischen werden auch Banken in Russland (russische Finanzministerium gibt 16 Mrd. € an 28 Banken), Belgien/ Holland/Luxemburg (Fortis, Dexia), Schweiz (UBS), Schweden (Roskilde), Island (Glitnir) und Großbritannien (HBOS, B&B) erschüttert und meist durch Verstaatlichung gerettet. Die Börsen der Welt sind auf einer Berg- und Talfahrt. Die amerikanische Notenbank stützt AIG mit 85 Mrd. $ und übernimmt 80%. Außerdem will sie einen Fonds gründen, der die Risiken der Finanzinstitutionen sozialisiert und damit absichert (Einlagensicherung mit 50 Mrd. $ für Geldmarktfonds, insgesamt ca. 700 Mrd. $ für wertlose Hypothekenpapiere durch einen Rettungsfonds, Verbot von ungedeckten Leerverkäufen; Staat ist auch an Gewinnen beteiligt und erstes Zugriffsrecht; mittlerweile durch den Kongress). Die amerikanische Bundespolizei FBI ermittelt in 26 Fällen. Auch 2009 fahren die Banken noch Riesenverluste ein (Bank of America, Citigroup). Zehn der 19 größten US-Banken brauchen 2009 knapp 75 Mrd. $ Zusatzkapital. Ein Stress-Test der Banken zeigt die Lage etwas entspannt (die Zahlen sollen gefälscht sein!). Der US-Staat stützt die Autobank GMAC 2009 mit 7,5 Mrd. $. Sogar 2011 gehen noch zwei Regionalbanken pleite (Legacy, First Commercial). Die BaFin verbietet auch Leerverkäufe (Wetten auf fallende Kurse, auch die Managerhaftung soll modifiziert werden). Führende Köpfe der Kreditwirtschaft drängen auf eine "Bad Bank" für Risikopapiere über 800 Mrd. €. Der Staat übernimmt die Mehrheit an der Commerzbank, im letzten Quartal 2008 macht die Deutsche Bank einen Verlust von fast 5 Mrd. €. Die EU plant auch Reformmaßnahmen (mehr Eigenkapital: 1/4 der Kreditsumme, europäische Aufsichtsbehörde für Extra-EU-Aktivitäten, aber keinen Rettungsfonds). Im November erreicht die Krise weltweit den realen Bereich (USA, Japan, EU, China). Konjunkturprogramme sollen entgegen wirken. Ende 2008 haben ca. ein Drittel der deutschen Industrieunternehmen Probleme, Kredite zu bekommen. Auch die Auftragseingänge brechen ein, auch 2009. 2009 übernimmt der Bund 25% der Commerzbank. 2010 will dies Bank wieder in private Hände zurückgehen durch eine Kapitalerhöhung. Nach Berechnungen des IWF 2009 wird die Bankenrettung Deutschland 77 Mrd. € kosten. Immer mehr geraten auch die Sparkassen in den Strudel der Krise, weil sie die Landesbanken stützen müssen. 2009 will der Bund faule Wertpapiere absichern, indem er dezentrale "Bad Banks" vorsieht (entscheidend: welchen Wert setzt man für die Problempapiere an, die Aktionäre sollen mit ihren Dividenden einstehen). Bad Banks werden bei der WestLB, der NordLB und der HRE eingerichtet. 2009 ist ein Gesetz im Wirtschaftsministerium in Arbeit, das dem Staat Eingriffe in Banken erlauben soll, die von Insolvenz bedroht sind. Die erste Phase der Finanzkrise scheint Mitte 2009 zu Ende zu sein, aber Arbeitslosigkeit, Firmenpleiten und Kreditausfälle können die Banken noch weiter belasten. Offen ist noch, inwieweit die Kapitalmärkte eine Umlage für die staatlichen Hilfen leisten müssen. Die Bundesregierung führt 2010 eine Bankenabgabe ein, ebenso wird die Bankenaufsicht (Regulierung) reformiert. Im Herbst 2011 steht die Welt vor einer ähnlichen Situation wie 2008. Eigentlich ist die Lage sogar bedrohlicher, weil eine Staatsschuldenkrise dazukommt. Es gibt starke Kurseinbrüche an den Börsen und das Misstrauen zwischen den Banken ist groß. 2011 und 2012 wird in den USA genauer untersucht, wer an den CDOs (Wertpapierverbriefungen, Bündelung vieler Einzelverträge zu CDOs) verloren und verdient hat. Profiteure waren ausgewählte Hedgefonds, die gegen die CDOs gewettet hatten, indem sie Ausfallversicherungen für besonders riskante Tranchen kauften.  "Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer nackt schwimmt", Warren Buffet, reichster Mann der Welt, über die Milliardenverluste mehrerer Großbanken in der internationalen Finanzkrise.

Es zeigt sich, dass Finanzkrisen einem Muster folgen: exzessive Kreditvergabe, Fehlbewertung von Risiken, Verschuldung, unvertretbare Vermögenssteigerungen, Steigerung des Konsums. Dazu kommen jeweils Eigenheiten. So W. White, Chefvolkswirt der BIZ, im Handelsblatt vom 18.02. 08, S. 4. Vgl. auch: C. Reinhart/ K. Rogoff: Is the 2007 U. S. Sub-Prime Financial Crisis So Different? An International Historical Comparison, Paper NBER, January 2008. "Wir brauchen eine konzertierte Aktion von Notenbanken, Anlegern und Regierungen, um  dieses Zusammenschmelzen von Werten endlich zu beenden", Josef Ackermann, Ex-Deutsche Bank - Chef. Der schwache Dollar wird die amerikanischen Exporte stärken. Die USA werden immer weniger konsumieren. Das hat Konsequenzen für die EU und China. Die Weltwirtschaft muss eine neue Balance finden. Märkte mit unvollständiger Information und Asymmetrien brauchen wohl sorgfältige Regulierung, damit sie effizient und stabil sind. "Diese Krise ist anders - ein  Ereignis wie es einmal oder zweimal pro Jahrhundert vorkommt, tief verwurzelt in den Ängsten vor der Insolvenz großer Finanzinstitutionen", Alan Greenspan, ehemaliger US-Notenbankchef.

"Falsche Wirtschaftspolitik und ungenügende Überwachung des Kapitalmarkts in den USA sind die eigentlichen Ursachen der Finanzkrise", Zhang Jianhua, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung der chinesischen Notenbank.

Im Umweltbereich mit den Problemen "Artenschwund, Waldsterben, Überfischung, Sterben der Meereskorallen, Gletscherschmelze, Wasserverknappung, Ressourcenmangel, umweltbedingte Migration, Naturkatastrophen (schwere Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen), Ausbreitung der Wüsten und Klimawandel" macht sich besonders negativ bemerkbar, das der Markt global, aber das Umweltrecht weitgehend national ist. Außerdem belohnt der Markt die Geschwindigkeit und die Bedenkenlosigkeit und fördert externe Effekte. Auch die Wohlstands-Disparitäten in der Welt zwischen Industrieländern, Schwellenländern und Entwicklungsländern verhindern globale Lösungen (Energieeffizienz, d. h. Primärenergieverbrauch je 1 Mrd. $ BIP: China 0,83; Russland 1,09; Indien 0,86). Die größten Klimaverschmutzer USA, China, Indien und Australien können sich zu keiner effektiven Reduktion entscheiden. Die Umweltökonomik ist sicher der wichtigste Teil der Volkswirtschaftslehre, da von ihrer Problemlösungskompetenz die Zukunft der Menschheit und das Überleben der Erde abhängt. Die Entwicklung der Zertifikate und ihre weltweite umweltpolitische Umsetzung spricht einerseits für diese Problemlösungskompetenz, andererseits können damit alleine nicht alle Umweltprobleme gelöst werden. Zertifikate (Erlaubnisscheine) sind eine marktwirtschaftliche Vorgehensweise, die aber mit erheblichen institutionellen Problemen verbunden sind.

Moralisch (in der Umweltpolitik ist Moral purer Realismus) und rational sind in beiden Bereichen globale Institutionen notwendig. Vielleicht kann man die Weltbank als multilaterales Kreditinstitut für Entwicklungsländer zurückfahren und ihr mehr Aufgaben in der Umweltpolitik und im Finanzcontrolling geben. Die Wirtschaftswissenschaften und ihre Theorien widmen diesen für die Menschheit zentralen Phänomen viel zu wenig Aufmerksamkeit, weil sie einmal in der Regel fernab der normalen Lehrbuchweisheiten liegen und andererseits ein interdisziplinäres, ethisches Denken erfordern. Die StudentInnen werde ich bei diesen Themen für Abschlussarbeiten, aber auch bei speziellen Wünschen nach Sonderveranstaltungen, nach meinen Kräften unterstützen. "Unser Marktradikalismus war ein unverschämter Ego-Trip", Erhard Eppler.

Anleger können über Aktien, Fonds und Zertifikate für das eigene Vermögen beide Bereiche verbinden: Bioenergie aus nachwachsenden Rohstoffen ist das Potential der Zukunft. In den vergangenen drei Jahren erzielte der Dow Jones Sustainable Total Return Index, der die Entwicklung nachhaltiger Aktien abbildet, eine bessere Wertentwicklung als das Börsenbarometer für internationale Aktien "MSCI". "Bis 2030 sind wir der größte Treibstofflieferant der Welt", L. I. Lula da Silva, brasilianischer Staatspräsident über Ethanol aus Zuckerrohr. Ebenso Chancen bieten Unternehmen, die sich mit Energieeffizienz beschäftigen. 46 Staaten wollen 2007 eine starke UN-Umweltbehörde schaffen (allerdings sind die größten Verschmutzer "USA, Russland, China und Indien" nicht dabei). Über die Finanzmärkte können Bürger vielleicht den größten Einfluss ausüben. Die Aktionäre sollten niedrigere Vorstandsgehälter, weniger Atomstrom und mehr Moral durchsetzen. 2011 betrug das Volumen nachhaltiger Geldanlagen weltweit 11,0 Billionen $ (2006 3,6 Bio.). Die Umweltbranche boomt seit langem in Deutschland und hat sehr viele Arbeitsplätze geschaffen. Ebenso dürfte die Energiewende eine große Chance darstellen (First-mover- advantage). Das Angebot an Nachhaltigkeitsfonds wächst auch 2015. Dabei setzen ihre Manager auf unterschiedliche Konzepte.  "Nachhaltigkeit liegt im Auge des Betrachters, jede Fondsgesellschaft legt dieses Ziel anders aus", Detlev Glow, Lipper, 2015.  

Der Arbeitsmarkt, wird bezogen auf die Karriere genauso wie von Angebot und Nachfrage von Glück und  Pech beeinflusst. Gerade bei Hochschulabsolventen ist die Konjunkturlage bei Start von außerordentlicher Bedeutung. Dies habe ich schon vor  25 Jahren in einer empirischen Untersuchung festgestellt (neuere Untersuchungen liegen von Paul Oyer, Marianne Bertrand, Till von Wachter vor). Man kann auch einen grundlegenden Wandel des weltweiten Arbeitsmarktes durch die Globalisierung beobachten. Die Normalarbeitsverhältnisse gehen zurück, dafür steigen die atypischen Beschäftigungsverhältnisse sehr stark an (geringfügige Beschäftigung, Zeitarbeit, befristete Verträge, Teilzeitarbeit, Solo-Selbständigkeit). Die Kernbelegschaften sinken, die Randbelegschaften nehmen zu. Hierzu habe ich eine Veranstaltung mitgeplant und einen Einführungsvortrag gehalten. Andererseits scheint 2010 ein Kipp-Effekt auf dem Arbeitsmarkt einzusetzen, d. h. die Lage wird für das Arbeitsangebot, vor allem in bestimmten Segmenten, aufgrund der Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung sehr viel besser.

"Sofern wir in die Natur eingreifen, haben wir strengstens auf die Wiederherstellung ihres Gleichgewichts zu achten", Heraklit, griechischer Philosoph, ca. 550-480 v. Chr.

 

Weltwirtschaftskrisen und die Lehren daraus:

Dieser Stein stellte im Römischen Weltreich einst den Mittelpunkt der damaligen Welt dar. Von hier aus waren die Entfernungen zu den Grenzen etwa gleich groß. Er steht im heutigen Istanbul (einst Konstantinopel). Er zeigt, wie relativ Globalisierung und auch Weltwirtschaftskrisen sein können.

Die im letzten Jahrhundert begann mit dem Absturz der Börse in New York, wo die Kurse am 23.10.1929 um 13% einbrachen; bis zum 29.10.29 waren die Kurse dann insgesamt um 30% gefallen. Dem Einbruch der Börse war aber eine globale Verschlechterung vorausgegangen. Danach brach die Industrieproduktion weltweit ein. In der Folge gaben die Reallöhne erheblich nach, trotzdem stieg die Arbeitslosigkeit stark an. Diese Erfahrungen führten bei Keynes zu seinen Überlegungen in der "Allgemeinen Theorie..." ("In the long run we are all dead"). Anna Schwartz (eine der wenigen, lebenden Ökonomen, die die Krise noch selbst erlebt haben) und Milton Friedman haben haben die Entwicklung der Weltwirtschaftskrise darauf zurückgeführt, dass die Notenbanken den Geschäftsbanken nicht genug Liquidität zur Verfügung gestellt hatten (Schwartz/ Friedman: A Monetary History of the United States, 1867-1960). Schwartz weist heute auch immer wieder darauf hin, dass die laxe Geldpolitik von A. Greenspan die heutige Weltwirtschaftskrise (2008, 2009, 2010) mit verursacht hat. Hauptursache war eine Immobilienblase in den USA. Billiges Geld führte zu großzügiger Vergabe von Hypothekenkrediten auch an Schuldner mit geringer Bonität. Als die Immobilienpreise fielen, konnten viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen. Eine generelle Ursache war die Deregulierung der US-Finanzmärkte unter Reagan und Clinton (Sparkassen mehr Freiheiten, Darlehen mit variablen Zinsen, Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken aufgehoben). Die heutige Finanz- und Geldpolitik hat die Konzepte von Keynes umgesetzt und damit aus der Krise gelernt: Die Geldpolitik ist expansiv. Die Finanzpolitik brachte sofort Konjunkturpakete.  Zahlungsbilanzdefizite können aufgrund des flexiblen Wechselkurssystems zu Wechselkursanpassungen statt zu Deflation führen. Allerdings sollte auch eine Rückführung der massiven Liquiditätsexpansion durch die Zentralbanken sichergestellt werden. Ebenso müssen die explodierenden Defizite der öffentlichen Haushalte zurückgeführt werden. Der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke hatte die Weltwirtschaftskrise 1930 intensiv studiert und entsprechende Lehren daraus 2009 angewandt. Die meisten Amerikaner verstehen aber nicht, warum der Staat den Privatbanken so viel Geld zur Verfügung gestellt hat. Vgl. auch: Rogoff, K./Reinhart, C.: Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen, München 2010. Sie zeigen, dass Banken- und Staatsbankrotte immer wieder geschehen - und die Menschen haben nichts daraus gelernt. Die Griechenland-Krise und der Angriff der Spekulanten auf den Euro zeigen, dass es dringend notwendig ist, die Spekulation zu bekämpfen (Verbot bestimmter Finanzprodukte, Finanztransaktionsteuer, bessere Kontrolle der Finanz- und Schuldenpolitik). Die Schulden-Disparitäten in der EU und erste Ansätze zu einer Transferunion könnten die EU in ihrer Existenz gefährden.

2016 besteht die Angst vor der nächsten Krise. Das britische Pfund stürzt ab (nach dem Brexit), die Finanzbranche, allen voran die Deutsche Bank, findet keine Ruhe, Griechenland kriselt weiter. Südeuropa kommt nicht aus der Rezession, die EU streitet sich immer mehr (Flüchtlinge, Schulden, Klimapolitik).

"What can you flood, saturate, peg and open? The market".

 

Folgen und Folgerungen aus der letzten großen Krise der Weltwirtschaft 2008/2009/2010 und Wahrscheinlichkeit einer neuen Finanzkrise ab 2018:

"Wir müssen die Theorie, dass die Finanzmärkte effizient funktionieren, aufgeben", George Soros 2010.

Die wahrscheinlichste Folge der Finanz- und Weltwirtschaftskrise ist eine Geldwertkrise. Die wichtigsten Staaten dieser Welt sind total überschuldet. Die Staaten verlieren an Vertrauen; die internen Verteilungskonflikte werden zunehmen (in Deutschland z. B. die Finanzprobleme der Kommunen). Die Notenbanken der Welt haben für eine Geldschwemme gesorgt, die die Zinsen noch niedrig hält, um die Rezession zu bekämpfen. Die US-Regierung stemmt sich noch 2010 mit Hilfe einer expansiven Geldpolitik gegen die Krise. Sie hat bereits 1,75 Billionen Dollar in die Wirtschaft gepumpt. Der Inflationsschub wird zu einer Zinserhöhung führen, die auch die Verschuldung verteuert. Die Preise werden auch durch die stark steigenden Ölpreise (Nachfrage in China, Krise in Nordafrika) in die Höhe gehen. Das Internationale Währungssystem wird die Inflation über die Welt verteilen. Hinzu kommt, dass eine Konjunkturerholung die knappen Ressourcen wie Energie und Rohstoffe verteuert, was in Form einer Kosteninflation verstärkend wirkt. Dies kann sich durch eine Euro-Abwertung beschleunigen, weil die Öl- und Rohstoffimporte in Dollar abgerechnet werden. Die Rohstoffpreise steigen Ende 2010 und Anfang 2011 schon stark an, zur Jahreswende lag die Inflationsrate in der EU schon bei 2,4%. Die Europäische Union gerät in eine große Belastungsprobe, weil einige Peripherieländer (z. B. Griechenland, Irland, Portugal) ihre Überschuldung nicht mehr selbst lösen können. Es droht ein "bail- out". Brechen jetzt etwa Konstruktionsmängel der EU auf, brauchen wir vielleicht einen Europäischen Währungsfonds?  Vgl. auch meinen Artikel "Inflation" auf der Seite "Glossar/ Theory". Ein relativ leicht zu lesendes Buch dazu ist: Müller, Hendrik, Sprengsatz Inflation, Frankfurt/ New York 2010 (Campus). 2010 pumpen die USA riesige Geldmengen in die Wirtschaft, um sie anzukurbeln. Das  führt in anderen Ländern zu Kapitalimporten, die zur Aufwertung der Währungen führt (z. B. in der EU). Die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan, die Krisen in Nahost und die weiteren Geldschwemmen durch die großen Notenbanken (allen voran die USA und Japan) treiben die Inflationsraten nach oben. Inflation droht besonders in Asien und Lateinamerika. Etwa Irland ist ganz schlimm betroffen. Die Wirtschaftsleistung ist 2008 und 2009 um 16 Prozent geschrumpft. Das Haushaltsdefizit stieg 2010 auf 32%. Die Gesamtverschuldung stieg von 25 auf 75% (auch durch die staatliche Rettung der Banken). Ägypten, das in den Sog von Unruhen 2011 nach der Algerienkrise gerät, rechnet nicht mehr direkt zu den Schwellenländern wie früher. Das BIP betrug 2009 "nur" 188 Mrd. $. Einigen Ländern droht auch eine Deflation, also eine fatale Abwärtsspirale der Preise, zum Beispiel Japan. Auch 2012 hat die hohe Liquidität noch nicht zur Inflation geführt, weil die Konjunktur noch nicht angezogen ist und die Banken das billige Geld zur Deckung ihrer Unterkapitalisierung verwenden. In vielen Ländern setzt der Inflationsprozess schleichend mit Verzögerung ein. So ist es auch in der EU und Deutschland. Die alternativen Preise wie Immobilien, Gold und Kunst sind schon kräftig gestiegen. Die Überschwemmung der Industriestaaten mit dem Geld der Notenbanken wird unweigerlich zur Inflation und einer Verstärkung der Umverteilung ("Kalte Enteignung") führen. Einschränkend muss man aber dazu sagen, dass man bei Inflation streng analytisch trennen muss zwischen steigenden Güterpreisen und spekulativen Übertreibungen an den Finanzmärkten. Das letztere muss man in den Griff bekommen, so dass auch die folgenden Maßnahmen immer wichtiger werden (Vgl. Mark Schlieritz: Die Inflationslüge, München 2013).  Goldman Sachs half den Griechen, mit raffinierten Währungsgeschäften die Schulden zu verstecken. Sie sind nun wieder engagiert, um aus einer Pleite des Landes Gewinn zu schlagen. Die nebulöse und dubiose Spekulation scheint also weiterzugehen.

Besonders wichtig ist daher eine weltweite Reform der Bankenlandschaft. Durch zuviel Geld können wieder neue Finanzblasen entstehen. Banken müssen ihre Kernaufgaben erfüllen (z. B. Kredite geben). Sie müssen Geld in die richtige Richtung lenken und damit auch Menschen. Die Allgemeinheit darf zukünftig nicht mehr für die Schäden zahlen. Regulierung ist machbar, wenn die Lobby-Macht der Banken gebrochen wird. In jedem Falle muss die Bankenaufsicht wirkungsvoller gestaltet werden (in der EU kommt eine EU-Bankenaufsicht bei der EZB). Die Staaten müssen aktiver werden. Die Notenbanken stellen mit ihrer gefährlichen Liquiditätsschwemme auch eine Gefahr dar. Aber auch viele große Banken sind weiterhin angeschlagen. Trotzdem müsste die Gläubigerhaftung verstärkt werden. 2011 bricht der Bankenindex (DJ-Stoxx-600-Banken) ein. Voran ging der Aktiencrash insgesamt. Bankenpleiten drohen auch weiterhin. Die entscheidende Frage dürfte dann sein. ist dies immer systemrelevant? 2012 geben die Banken die hohe Liquidität nicht immer in Form von Krediten an die Realwirtschaft weiter, weil sie selber unterkapitalisiert sind. Auch dies verhindert vorläufig eine Inflation. Eine Expertenkommission der EU schlägt im Herbst 2012 eine Trennung in den traditionellen Bereich der Banken (Kredite, Sparen) und Investment/ Spekulation vor.  Leider hatte die Bankenwelt aus dem Fall der Barings Bank, der ältesten Investmentbank GB, nicht gelernt. Am 26. Februar 1995 ging die Bank nach 233 Jahren Geschäft in Konkurs. Der Wertpapierhändler Nick Leeson hatte durch Spekulationen an der Internationalen Währungsbörse Singapur 1,4 Mrd. $ verloren. Die Interne Revision und des Risikomanagement der Bank hatten versagt.

Spekulation muss wirkungsvoll bekämpft werden. Eine Finanztransaktionsteuer muss ernsthaft in Betracht gezogen werden, weil sie eine positive Lenkungswirkung haben dürfte. Einige Finanzprodukte - wie die Leerverkäufe - sollten verboten werden. Die Verschuldungsprobleme einiger EU-Länder - wie Griechenland und Portugal - müssen Anlass zu Reformen und Stabilisierungsmechanismen in der EU sein. Die USA blasen mit der Federal Reserve Bank riesige Geldmengen in die Wirtschaft, die neue Blasen der Spekulation und den Währungskrieg anheizen. Der Ökonomie insgesamt fehlt ein neues Weltbild, in das Spekulationen integriert sind. Vgl. N. Roubini/ S. Mihm: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft, Frankfurt 2010. Der spekulative Finanzkapitalismus erhöht drastisch die Volatilität der Finanzmärkte und macht sie noch unberechenbarer.

Immer mehr Fachleute und Menschen zweifeln auch am Wirtschaftswachstum als Wohlstandsformel der Zukunft. Nicht erneuerbare Ressourcen, die Effizienz der Industrieproduktion, Nahrungsmittel und Umweltbelastung sind begrenzt, es wächst nur exponentiell die Weltbevölkerung (Im Jahre 2030 etwa Maximalwert). Wir müssen uns auf eine Welt mit weniger materiellem Luxus einstellen. Diese Tendenzen müssen auch in einer Veränderung der Messindikatoren des BIP zum Ausdruck kommen (so Stiglitz, Sen, SRW in Deutschland und Frankreich, Bundestags-Kommission).  Die zunehmende Energieknappheit könnte dazu führen, dass die Welt wieder kleiner wird, die Uhr der Globalisierung also zurückgedreht wird (steigende Transportkosten könnten die weltweiten Logistik-Netze wieder ändern, aber auch die stark steigenden Produktionskosten). Vgl. Jeff Rubin: Warum die Welt immer kleiner wird, München 2010 (Hanser). Ebenso: Meinhard Miegel, Exit. Wohlstand ohne Wachstum, Berlin/ Propyläen 2010 (Zentrale Thesen: Für die alten Industrieländer geht die Epoche raschen Wachstums zu Ende. Was noch an Wachstum anfällt, wird die Lebensqualität nicht erhöhen). Schon jetzt machen Preissprünge und Engpässe bei der Versorgung mit Rohstoffen der Wirtschaft immer mehr zu schaffen. Da die Lebensweise in den Schwellenländern sich mit steigendem Einkommen stark ändert, hat dies schädlichen Einfluss auf den Klimawandel . Besonders negativ wirkt sich der steigende Fleischkonsum aus (Futtermittel, Treibhausgasausstoß). Sicher müsste eine neue globale Wirtschafts- und Finanzpolitik geschaffen werden (so: J. Stiglitz, Im freien Fall, München 2010). Die Krise - insbesondere die nachfolgende Euro-Krise - schlägt auch auf das Konsumklima und den privaten Konsum durch. Die drohende Rezession in den USA könnte ein  Warnzeichen sein. Zumal die führenden Staaten gegen die Grundlagen der Makroökonomie handeln: bei hoher Arbeitslosigkeit, langsamem Wachstum und Liquiditätsfalle die Staatsausgaben kürzen. Die USA dagegen halten an ihrer Nullzinspolitik und neuen Konjunkturprogrammen fest. Wachstum geht vor Konsolidierung.

Auf betrieblicher Ebene zeigen sich die Folgen insbesondere durch Nachfrageeinbrüche und Finanzierungsprobleme. Dies ist besonders kritisch für mittelständische Unternehmen die permanent Finanzprobleme haben. Hier sollte der Staat für gerechte Rahmenbedingungen sorgen. Hierzu habe ich schon eine Reihe von Spezialveranstaltungen gemacht. Die multinationalen Unternehmen (Multis) sind auf die Expansion in den Schwellenländern vorbereitet. Sie haben ihre Ausgangsbasen, von denen sie die Kontinente beliefern können. Zum Beispiel wartet VW in China, Süd-Afrika und Brasilien/ Mexiko auf das "Erwachen der schlafenden Kontinente". KMU tun sich wesentlich schwerer mit ihren Strategien im Hinblick auf die Schwellenländer.

Auch die Kultur muss überdacht werden: Was angeboten wird, sind nicht die Ideale der Gerechtigkeit, Solidarität und Demokratie, sondern der Wall Street. Die Gesellschaften sind ökonomisiert worden, die Bildung wurde in den Dienst der Wirtschaft gestellt. Alles wird in ökonomischen Erfolgsmaßstäben gesehen. Wünschenswert wäre in der Tat eine "empathische Zivilisation" und ein globales Bewusstsein, wie es Jeremy Rifkin beschreibt (Frankfurt/ New York, Campus, 2010). Andererseits bringt eine Werteorientierung der Unternehmen (CSR) auch ökonomischen Erfolg. Rodrik spricht von einem Trilemma der Weltwirtschaft: Hyperglobalisierung, Nationalstaat ("Goldene Zwangsjacke") und Politische Demokratie (Globalregierung) seien unvereinbar (Rodrik, D. Das Globalisierungsparadox, München (Beck) 2011, S. 261.

Die Gefahr einer neuen Finanzkrise ist höher als normal. Die Staaten der Welt sind relativ hoch verschuldet. Die Geldpolitik schafft zu viel Liquidität. Die Banken sind noch zu schwach kapitalisiert. In den USA droht eine neue Rezession (Arbeitsmarkt kriselt, Stagflation?, Häuserpreise fallen wieder). Der Aktiencrash im August 2011 ist ein Indikator, ein Währungskrieg könnte folgen. So könnte die Schuldenkrise irgendwann wieder außer Kontrolle geraten.  Die Geldmarktfonds sind gegenüber Runs nach wie vor anfällig. Die europäischen Banken hängen für die Finanzierung ihrer US-Dollar-Aktivitäten nach wie vor von den US-Geldmärkten ab. Die Möglichkeit eines Zusammenspiels von Wertpapierkäufen, Kursverlusten und Überschuldungsvermutungen besteht unverändert. Die Verlustbeteiligung der Gläubiger ist immer noch sehr umstritten. Vgl. Martin Hellwig: Was wäre, wenn der Lehmann-Konkurs heute stattfände? in: Wirtschaftsdienst 2018/8, S. 539ff. Auffällig ist im Jahre 2018, dass viele Unternehmen hoch verschuldet sind. Ihre Finanzierungskosten steigen. Aber auch Fusionen werden durch die billigen Kredite angetrieben. Noch steigen die Unternehmensgewinne. Doch was ist, wenn die Zinsen in den USA und in der EU wieder nach oben gehen.

Die Krise ist insgesamt als große ökonomische Fallstudie geeignet: Am Anfang steht eine Immobilienkrise (ab 2007). Dann wird daraus eine Bankenkrise (Höhepunkt Herbst 2008 mit Lehman). Daraus entwickelt sich eine Weltwirtschaftskrise (2009), die die gesamte globale Wirtschaft erreicht. Dann kommen die Staaten mit ihren Staatsschulden in Bedrängnis (2010). Daraus erwächst wieder eine neue Bankenkrise (2011).

Sehr beunruhigend ist die Rolle rückwärts in den USA nach dem Regierungsantritt von Trump. Sein Finanzminister Mnuchin, der von Goldman Sachs kommt, verkündet, man werde Teile der viel zu komplizierten Bankenregulierung wieder rückgängig machen. Das habe oberste Priorität. Das läuft auf eine Sabotage des Dodd-Franc-Act hinaus.

 

Ã?hnliches Foto Moskauer Kreml. Gebäudekomplex mit orthodoxen Kirchen und Palästen. Auch Museen für Kunst und russische Staatsgebäude. Russland ist gleichzeitig Transformationsland und Schwellenland. Es ist immer noch das größte Land der Erde vor Kanada. Russland ist eines der rohstoffreichsten Länder der Erde und hat in Sibirien die größte Waldfläche der Welt. Durch das Auftauen des Permafrostes werden die Rohstoffen besser zugänglich. 1981 habe ich Moskau noch als Hauptstadt der Sowjetunion besucht. Von da aus bin in andere Teile des Landes gereist, unter anderem auch nach Sibirien (Tour mit Langlauf-Skiern durch Sibirien). Kulturell ist Russland stark nach Europa ausgerichtet. Es gehört zwei Erdteilen an: Europa und Asien (Eurasien). Die Idee, Eurasien  mehr auszubauen, gewinnt durch die BRI - Konzeption der Chinesen mehr an Gewicht.

Aufstieg der Schwellenländer und ihre Probleme (Änderung der Machtverteilung in der Welt; teilweise auch Abstieg):

Die Schwellenländer sind nicht exakt definiert. Auf jeden Fall dazu gehören die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Mit Süd-Afrika spricht man von BRICS. Dann kommen Argentinien, Australien, Indonesien, Süd-Korea (Industrieland, aber nicht G7), Mexiko, Saudi-Arabien und die Türkei. Im Kreise der Next-11 sind besonders wichtig: Chile, Ekuador, Ägypten, Israel, Vietnam, Philippinen, Malaysia, Pakistan. Im Kommen sind auch die "Frontier Markets" (Bangladesch, Sri Lanka, Kuwait, Emirate, Ghana, Kenia, Sambia, Kolumbien, Peru). Hier einige Wachstumsraten der Schwellenländer 2011 in Prozent: Brasilien 3,8; Russland 4,3; Indien 7,8; China 9,5; Südafrika 3,4; Mexiko 3,8; Indonesien 6,4; Australien 1,8; Süd-Korea 4,4 (2012); Türkei 2,2 (2012).  Die wichtigsten Industrieländer wachsen langsamer. So wird in den USA nur mit 1,5% und in Japan mit -0,5% für 2011 gerechnet, in der EU mit -0,4%. Wahrscheinlich wird sich das weltweite Wachstum 2012 auf 3,2% verlangsamen. Mitte 2012 schwächeln auch die größten Schwellenländer (China, Indien). 60% der weltweiten Einkommenszuwächse werden aber mittlerweile von Schwellenländern generiert (interessant sind die Wachstumsraten 2007-2011: Deutschland 7%, China 109%, Brasilien 81%, Indien 49%, Russland 43%; Quelle: Die Zeit 41/2012, S. 34) . 2050 werden China uns Indien wahrscheinlich das höchste BIP haben. Brasilien, Mexiko und Indonesien werden Deutschland weiterhin überholt haben.

Am schnellsten aus der Krise kommt China, das einen neuen Wachstumsschub erlebt (spätestens 2050 ist China die größte Volkswirtschaft der Welt). Mittlerweile entwickelt sich das Land immer mehr zum Anker der Weltwirtschaft, das langfristig die USA als Leitwirtschaft ablösen kann. China passt nicht in die üblichen Kategorien von Entwicklungs- Schwellen- und Industrieländern. Es hat sich in Krisenzeiten weder an der Banken-, Staatsschulden- und Wachstumskrise der Industrieländer  angesteckt noch ist es vom Kapitalabfluss und der Wachstumsschwäche der Schwellenländer betroffen. Das Land selbst ordnet sich gerne als Entwicklungsland ein, um weiter Unterstützungen zu bekommen. China ist aber stärker als die Schwellenländer (2016 dürfte das BIP der EU überholt werden; 2017 das BIP der USA). Einige Ökonomen bezeichnen das Land als "hybride Leitwirtschaft". Die Schwerpunktverlagerung der Weltwirtschaft nach Ostasien beschleunigt sich durch die Krise (vgl. Globalisierung auf der Ostasienseite). Auch andere Schwellenländer wie Brasilien, Indien und Russland werden an Gewicht zunehmen (alle vier zusammen werden als BRIC bezeichnet, mit Südafrika spricht man von BRICS). Im März 2013 findet erstmals ein Treffen der Schwellenländer in Südafrika (Durban) statt. Die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts wird vom Aufstieg einer konsumhungrigen Mittelschicht in den Schwellenländern geprägt. Mittlerweile haben in China 500 Mio. den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft (kleiner Wohlstand). In den BRICS-Staaten werden in Zukunft z. B. die meisten Autos verkauft werden (ähnlich ist es bei Handys und Sportartikeln). 27 % der weltweiten Produktion wird 2020 in den BRIC - Ländern stattfinden, mehr als in den USA und Japan zusammen. Die wachsenden Kundenzahlen rufen in diesen Ländern aber auch zunehmende Konkurrenz hervor: SAIC, BAIC, Chery und Geely aus China, Tata aus Indien und Hyundai-Kia aus Südkorea. Mittlerweile kommen 120 Multinationale Unternehmen aus Schwellenländern (ca. 400 aus Industrieländern).  Wegen der positiven Wirtschaftsentwicklung 2010 haben sich in vielen Schwellenländern die Defizite verringert (die Schwellenländer wachsen bis 2014 um 4,7%, die IL um 2,4%, Weltbank). Für die deutschen Exporteure setzen sich die "goldenen Jahre" fort. Die Schwellenländer steigern weiter ihre Infrastrukturinvestitionen. Allein China plant für die nächsten fünf Jahre seine Importe zu verdoppeln (Nationaler Volkskongress). 2016 dürfte das Land die USA überholen. Zu China habe ich einen Vortrag gehalten. Doch in China droht ein überhitzter Immobiliensektor zusammenzubrechen (spätestens 2012?, trägt 20% zum BIP bei); auch die stark steigenden Nahrungsmittelpreise sind bedrohlich (Jasmin-Revolution?). Brasilien und Deutschland ergänzen sich ideal: Brasilien hat sehr viele Rohstoffe, Deutschland kann Know-how liefern. Teilweise exportieren die Schwellenländer ihre Inflation auch in die Industrieländer. Der stärkere Verfall des Dollar gegenüber vielen Währungen bedeutet, dass auch der Rembimbi gefallen ist. Der handelsgewichtete Gesamtwert des Remimbi hat erheblich abgenommen, vor allem im Verhältnis zu den Währungen der Schwellenländer, mit denen China konkurriert. Durch die anhaltende Niedrigzinspolitik in den Industrieländern entsteht ein Kapitalfluss in die aufstrebenden Schwellenländer, was zu Vermögensblasen dort führen kann (IIF). Zweimal schon hat Brasilien die Steuern auf Auslandskapital erhöht. Brasilien setzt außerdem zunehmend wieder hohe Zölle ein (z. B. hohe Zölle auf Importautos um sich gegen die Folgen des hohen Realkurses zu schützen). Auch Südkorea erhebt eine Steuer auf Kapitalzuflüsse.  Andere Staaten in  Südostasien wehren sich mit einer Quellensteuer. Indien führt noch keine Kapitalverkehrskontrollen durch. Chile interveniert am Devisenmarkt, um eine Aufwertung der eigenen Währung zu verhindern. Argentinien kann eine zu starke Aufwertung des Peso mit einer geschickten Geldpolitik vermeiden (wichtig für Exportboom, vor allem bei Weizen und Soja). Venezuela hat die zweithöchste Inflationsrate der Welt (2011 27,6%, importierte Inflation, Kapitalimporte, zweithöchsten Erdölvorkommen). Natürlich leiden auch die Währungen vieler Industrieländer wie Japan und die Schweiz (Franken ist Fluchtwährung). Aber die expansive Geldpolitik in den USA, Japan und der EU provoziert Gegenreaktionen der Schwellenländer. Der Wechselkurs wird politisiert. Wenn diese Blasen platzen, könnte eine Kettenreaktion ausgelöst werden (der Finanzsektor ist weiterhin sehr instabil).  Viele andere Staaten stehen vor ungelösten Problemen, was ihre Schulden angeht. So stehen Staatspleiten weiterhin im Raum.

Vieles in den Schwellenländern hängt von der Wirtschaft in den USA ab. Wie wird sich die lahme Wirtschaft entwickeln und wie kann der riesige Schuldenberg abgetragen werden? Aufgrund der Schuldenkrise in Europa hat eine Flucht der Investoren in die Schwellenländer eingesetzt. In China und anderen asiatischen Boomstaaten boomen Immobilienpreise, Aktienkurse und Wohlstandsversprechen. Welche Auswirkungen haben diese Blasen? Wie wird sich der Rohstoffboom in den Schwellenländern entwickeln? Dies sind viele offene Fragen.

Der rasche Aufstieg der Schwellenländer wird auch durch die Staats-Schuldenkrise der Industrieländer und die Euro-Krise begünstigt. Beinahe jedes westliche Industrieland muss um sein Rating fürchten, während die Schwellenländer ihre Kreditwürdigkeit weiter verbessern. Es wird zu gravierenden Machtverschiebungen in der Welt kommen, wobei Asien die Führung übernehmen wird (insbesondere China, Indien). Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten beiden Länder schon 50 Prozent des Welt - BIP. China will seine Währung freigeben. Der Renminbi, die chinesische Währung, ist auf dem Weg zur Weltleitwährung (10 Jahre?). Die Schwellenländer sind immer wieder im Mittelpunkt von Veranstaltungen (WS 11/12 in IBM(EA) (Internationale Finanzmärkte) und IHRM (Arbeitsmarkt, Personalwirtschaft). Die Schwellenländer werden immer mehr zur Lösung gravierender globaler Probleme eingesetzt. Ein wichtiges Forum sind hier die G20. China, Indien, Brasilien, Russland und Süd-Afrika kaufen (bzw. beabsichtigen dies) europäische Staatsanleihen, um den Euro zu stützen. Die Zentralbanken der Schwellenländer kaufen auch immer mehr Gold. Die Weltwirtschaft dürfte 2012 an Fahrt verlieren, so dass die Bedeutung der Schwellenländer weiter relativ zunehmen dürfte, da ihr Wachstum immer noch größer ist (vgl. ersten Absatz dieses Artikels). Wenn die Schwellenländer immer wettbewerbsfähiger werden, verlagern Unternehmen (auch aus Deutschland) immer mehr Produktion, Verwaltung und Forschung in diese Länder. Nach einer Studie des DIHK fördert die Produktion in anderen Ländern die Einstellung von Personal am Standort "Deutschland". Darauf hatte der SRW schon vorher hingewiesen (Exportfunktion!). 2013 machen die Exporte in Schwellenländer aus Deutschland heraus 16% aus. 2012 und 2013 sind die Geschäftsaussichten in den BRIC - Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) besonders gut. Der russische Gesamtexportwert betrug 2011 522 Mrd. $. Davon sind 70% Öl, Gas und Kohle. Der Anteil der Maschinen und Ausrüstungen liegt bei nur 5%.

Die Schwellenländer haben in der Regel gemeinsame Stärken und Schwächen. Zu den Stärken gehören der Rohstoffreichtum. Als Beispiel sei hier Indonesien genannt, das weltweit führender Produzent von Palmöl ist. Zudem werden dort Kohle, Kupfer, Erdgas und Eisenerz gefördert und exportiert. Als zweites Beispiel soll Mexiko genannt werden, das Öl, Gold und Silber exportieren kann. Eine andere Stärke ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit ein Handelsbilanzüberschuss. Dies trifft auf Südkorea zu: das Land ist der größte Hersteller von Frachtschiffen, Speicherchips und Flüssigkristallbildschirmen. Es gibt aber auch Länder, die große Schwächen in der Produktivität der Industrie haben, wie etwa Brasilien. Zu den weiteren Schwächen gehört meist die Infrastruktur. Doch hier wird stark aufgeholt. Als Beispiel seien Indien und die Türkei genannt. Bedrohlich ist, dass mit dem Wachstum auch die Ungleichheit in den Schwellenländern zunimmt. Die wachsende Mittelschicht fordert ihr Mitspracherecht ein (Dauerunruhen in Brasilien und Türkei).

Auf ihrem vierten Treffen 2012 im indischen New Delhi beschließen die BRIC-Staaten eine eigene Entwicklungsbank und internationale Börsenlistings und das Handelsvolumen in drei Jahren zu verdoppeln. Die deutschen Exporte in die BRIC-Staaten sind mittlerweile höher als in die USA. Aber Mitte 2012 scheint sich das Turbo-Wachstum der vier Schwellenländer zu verlangsamen, so dass sich auch deutsche Exporteure darauf einstellen müssen (die meisten Exporte gehen nach China vor Russland; Brasilien und Indien liegen weit dahinter). Gemessen an den Spitzenwerten des Wachstums wird es sich 2013 halbieren (China, von 14,2% auf 7,8%; Indien von 11,2 auf 5,6%), in Brasilien auf ein Fünftel (2,5%), in Russland auf ein Siebentel zurückfallen. Der lahmende Welthandel liefert nicht mehr genug Nachfrage für die Exporte. Die Schwellenländer stoßen mit ihren Wachstumsmodell des Basis-Effektes an ihre Grenzen (Unterkonsum, Überinvestition, Unterbewertung der Währung, hoher Exportanteil). Sogar die Währungen brechen 2013 ein. 2013 hat der brasilianische Real im Verhältnis zum Dollar um gut 20% abgewertet. Die näher rückende Verringerung der Geldmenge in den USA durch die Fed wirft ihre Schatten voraus. Hinzu kommt eine ausgeprägte Wachstumsschwäche, die auch China (7,5%) und Indien 2013 erfasst hat . Der chinesische Staatskapitalismus könnt trotzdem vielen Schellenländern oder angehenden Schwellenländern wie Peru, Vietnam oder Sambia als Modell dienen. Generell gilt für die Schwellenländer die Faustregel 6% Wachstum, um die Armut weiter zu reduzieren.

Der IMF senkt im Herbst 2013 zum sechsten Mal in Folge die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft aufgrund der schlechteren Entwicklung in den Schwellenländern. 2014 wird deutlich, dass die Notenbanken, insbesondere die Fed, eine gewaltige Kreditblase in den Emerging Markets befeuert haben. Der Boom geht dem Ende entgegen, die Blase könnte platzen. Die Schwellenländer, die die Weltwirtschaft fünf Jahre gezogen haben, wanken. Solange nur die Türkei, Brasilien und Indien am stärksten betroffen sind, ist das Risiko für die Weltwirtschaft zu Beginn 2014 noch begrenzt. Diese Länder leiden darunter, dass die Aussicht auf höhere Zinsen in den USA die Investoren ihr Geld dort anlegen lässt. Kapitalverkehrskontrollen werden immer mehr in Betracht gezogen. Sogar die Währungen im Osten geraten 2014 mit in den Strudel. Vor allem der Rubel und der kasachische Tenge sind betroffen. Von einem weiteren Abstieg der Schwellenländer wäre auch Deutschland betroffen. Die deutschen Exporte in diese Länder machen 11,1% vom BIP 2013 aus (IWF). Vgl. auch meinen Artikel zum Abwertungswettlauf der Währungen, der genauere Daten über die Schwellenländer enthält.

Zu Beginn 2015 zeichnet sich eine globale Spaltung bei den Schwellenländern ab. Die großen Verlierer sind Russland und Brasilien. Russland wird von den Rating-Agenturen auf Ramschstatus heruntergestuft; der Rubel ist im freien Fall. Weil der Anteil der Rohstoffe an den Gesamtexporten 77% beträgt, leidet das Land besonders durch den Verfall des Erdöl- und Erdgaspreises. Davon ist auch Brasilien betroffen, bei dem 62% der Exporte Rohstoffe sind (die Automobilindustrie in Brasilien bricht auch ein). Spitzenreiter der Schwellenländer sind China, Indonesien, Nigeria, Indien. Mit Abstand folgen Mexiko und die Türkei. China entwickelt systematisch Parallelstrukturen gegenüber den globalen Einrichtungen (z. B. mit der NDB gegenüber der Weltbank). Das macht aber auch die Schwellenländer misstrauisch. Im August 2015 brechen die Frühindikatoren in China ein (z. B. Aktienkurs in Shanghai). Auch die Frühindikatoren der anderen führenden Wirtschaftsmächte brechen ein (USA, Deutschland, Japan). Die Währung in China wird drei Tage hintereinander abgewertet, um die Exportchancen zu verbessern. Am 25.08.15 senkt die Notenbank den Leitzins auf 4,6%. Daraufhin steigen die Aktienkurse wieder, Für Deutschland werden die Schwellenländer immer wichtiger. 40% der deutschen Exporte gehen in die Schwellenländer. 12 Jahre nach dem berühmten Report von Goldman Sachs mit dem Titel "Dreaming with BRICS" 2013 sieht die Zukunft der Schwellenländer wieder düsterer aus. Das wird aber auch irgendwann die Industrieländer treffen: 65% des Weltwirtschaftswachstums gehen auf die Schwellenländer zurück.

Die Automatisierung stellt die Schwellenländer vor enorme Herausforderungen. Es könnte zu einer Migrationswelle aus den Ländern heraus kommen (2016 Warnung des leitenden Weltbank-Ökonomin Inhira Santos). Im Mai 2016 gibt Foxconn in China bekannt, dass in nächster Zeit 60.000 Arbeitsplätze wegfallen. Die Löhne sind schnell angestiegen (Aufbau eines Sozialversicherungssystems). Gleichzeitig sind in den Schwellenländern die Staatskassen leer, sogar die Betroffenen nicht auf staatliche Unterstützung hoffen können. Der Staat müsste sich in den Schwellenländern auch mehr auf die Nicht-Industriebereiche konzentrieren. Die Landwirtschaft bietet große Potentiale durch Bewässerungssysteme und hochwertige Pflanzen. Die Menschen müssen besser für Jobs ausgebildet werden, die nicht durch Technologie ersetzbar sind.

Geschäftsmodell der Schwellenländer am Ende: Das Geschäftsmodell der Schwellenländer und ihr Erfolg beruhte vor allem auf niedrigen Löhnen. Dadurch kamen Direktinvestitionen in diese Länder, vor allem im arbeitsintensiveren Bereich. Viele Produktionsprozesse werden durch die Digitalisierung aber weniger arbeitsintensiv. Dadurch fällt der Standortfaktor Arbeitskosten bei ausländischen Direktinvestitionen nicht mehr so stark ins Gewicht. Der rapide technologische Wandel verändert Produkt- und Innovationszyklen rasant. Betriebe können ihre Produktion zurückholen. Bildung gewinnt wieder immer mehr an Bedeutung. Die ist aber in der Regel im Heimatland der Unternehmen besser. Im produzierenden Gewerbe kann Arbeit auch am leichtesten substituiert werden durch Roboter, Drucker und KI. Im Dienstleistungsgewerbe geht dies weniger schnell. Die Handelspolitik von Trump ab 2018 lässt auch die Direktinvestitionen in den USA ansteigen, so dass sie nicht in Schwellenländern getätigt werden können.

Aktuell 2016 ist die Lage der Schwellenländer sehr unterschiedlich. Politikverlierer wie die Türkei, Brasilien und Russland darben. Andere wie Indonesien, Philippinen, Indien und Mexiko boomen.  2015/2016 kommt es zu einer "Massenmigration" der Pensionskassen und Staatsfonds aus den Nullzinsnationen in die Emerging Markets. Staatsanleihen in lokaler Währung versprechen dort rund 6 Prozent Rendite pro Jahr. Attraktiv sind Mexiko (abzuwarten ist hier, wie sich der Wahlsieg von Trump auswirkt), Indonesien, Philippinen und Indien. 73% des Gesamtwachstums der BRICS-Gruppe dürften immer noch auf China entfallen, das das mit Abstand wichtigste Schwellenland bleibt. Insofern braucht die Welt auch ein starkes China. Der Zollstreit mit den USA, der mittlerweile zu einem Wirtschaftskrieg gekommen ist, dürfte China vorläufig etwas bremsen. Im Jahre 2017 droht einigen Schwellenländern eine Schuldenkrise. Der starke Dollar erhöht automatisch die Auslandsschulden (bei Mexiko kommen noch andere Gründe dazu). 2018 entwickeln sich die Schwellenländer mit Rückenwind: ein schwacher US-Dollar, starke Konjunkturdaten und gute Gewinnerwartungen stützen insgesamt die positiven Aussichten. Die Türkeikrise verunsichert dann aber Wirtschaft und Finanzmärkte. Die Probleme vieler anderer Schwellenländer verstärken sich: Russland wird abhängiger von Rohstoffen, China verliert durch den Handelskrieg mit den USA an Schwung, Indien leidet unter dem steigenden Ölpreis und der maroden Infrastruktur, Südafrika leidet unter Korruption, Argentinien hat eine hohe Inflation (auch Arbeitslosigkeit und Armut; Probleme der KMU; 300 Mrd. € Staatsverschuldung; Verfall des Peso), Brasilien leidet unter der hohen Staatsverschuldung und einer Staatskrise. Das Kapital fängt an, die Schwellenländer zu verlassen (nach der Finanzkrise war es gekommen, um den Zinssenkungen in den USA und der EU zu entfliehen). Ein Höhenflug des Dollars und Kursverfall der eigenen Währung verschärft die Verschuldungsproblematik der Schwellenländer.

Neue Märkte schaffen (in unterentwickelten Volkswirtschaften von Schwellenländern): Einige Länder sind derart unterentwickelt, dass dort keine verbraucherorientierten Unternehmen erfolgreich sein können. Gründer, die auf diesen Märkten Erfolg haben, konzentrieren sich auf marktbildende Innovationen. Sie erkennen Probleme, für die es bislang keine Produkte und Dienstleistungen gibt, schaffen regionale Arbeitsplätze und expandieren rasch. Dann gibt es auch einen sozialen Gewinn: Grenzmärkte leiden oft unter Korruption, schlechten Straßen, mangelnder Stromversorgung et cetera. Die wichtigsten Entwicklungsschritte lassen sich jedoch von marktbildenden Innovationen in Gang setzen - und mit der Zeit ziehen Regierungen und Finanzinstitute nach und bieten ihre Unterstützung an. Quelle: Christensen, C. M./ O Jomo, E./ Dillon, K.: Neue Märkte schaffen, in: HBM Juli 2019, S. 54ff.

 

 

Neue Ökonomie der Nachhaltigkeit ("Green Economy", Wachstum 2.0; vgl. auch economics/ special/ Umweltökonomik):

Landwirtschaft am Li-Fluss im Süden Chinas bei Yangsuo (eine der schönsten und berühmtesten Landschaften Chinas; wird oft mit der Schweiz verglichen; Guilin mit dem Elefantenrüsselberg als Wahrzeichen  nächste Großstadt, subtropische Klimaverhältnisse). China ist auch heute noch in erster Linie Agrarland (am Li-Fluss wird Reis, Baumwolle, Tee, Obst und Gemüse angebaut; die Felder werden meist noch mit Wasserbüffeln bearbeitet). Aber die Agrarfläche geht in China  laufend durch das Vordringen der Wüste Gobi, durch Industrieflächen und Naturkatastrophen zurück. Schon kauft China Agrarflächen im Ausland, vor allem in Afrika. Die Kehrseite ist noch bedrohlicher: Wie soll die Erde eine KFZ-Dichte in China vergleichbar der Europas oder der USA bei heutiger Technologie aushalten? Die Verschwendung von Natur durch die Industrie ist bedrohlich, wobei noch nicht die Umweltverschmutzung durch die Industrialisierung betrachtet wird. In den Großstädten geht mittlerweile die Angst um. Im November, Dezember und Januar nimmt die Luftverschmutzung dramatische Ausmaße an. In Peking z. B. liegen die Werte manchmal 40 Mal über dem Normalwert, so dass der dichte Smog die Gesundheit bedroht (Lungenkrankheiten). Die Geldschwemme hat viele Landbewohner auch zum Bauen angeregt; viele scheitern, was der hohe Leerstand zeigt (verschandelt die Landschaft). In Guilin und in der Umgebung leben auch eine Reihe Minderheitenvölker, wie die Yao, die Miao und die Dong. Das ist ein Vorzeigeprojekt der Regierung für den Umgang mit Minderheiten.

"Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen", Rabindranath Tagore.

Kern des Klimawandels ist die CO2-Bilanz, Unsere Luft besteht aus Stickstoff, Sauerstoff und CO2. Normalerweise sollte der Anteil von CO2 (Treibhausgas) bei 0,04% liegen. Es wird also eine bestimmte Menge an Treibhausgasen benötigt. Allerdings steigt der Anteil beständig an und kumuliert sich. Dieser Anstieg beträgt etwa 37 Gt CO2/ pro Jahr weltweit. Der Mensch ist Hauptverursacher. Die Erde verkraftet aber nur einen bestimmten Anstieg (2 W/qm), um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad C zu begrenzen. Dieses Ziel ist im Pariser Klimaabkommen festgelegt. Wenn man nicht jetzt gegensteuert, werden die Kosten später sehr viel höher sein. Wenn die Erde sich stärker erwärmt, schauleön sich die extremwerte der planetaren Wellen auf (meandrieren). Die Omega-Wetterlagen häufen sich (Hochs und Tiefs bleiben länger an einer Stelle). Die Folge sind Naturkatastrophen in Form von Dürre, Starkregen und Orkanen.

2017 sah der deutsche Energiebedarf wie folgt aus: Mineralöl 34,1%, Erdgas 23,5%, Steinkohle 10,8%, Braunkohle 10,9%, Kernenergie 6,8%, erneuerbare Energien 12%. Der Energiefluss besteht aus vier Sektoren: Industrie, Verkehr, Haushalte und Handel/ Dienstleistungen. Der größte Hebel besteht bei der Wärme in diesen Sektoren. Deutschland will seinen Energiebedarf stärker auf Erneuerbare Energien umstellen. Quellen sind vor allem Wind und Sonne. Windräder kann es offshore und onshore gaben. Probleme bereiten Naturschutz, alternative Nutzung (Agrarflächen) und Lärmbelästigung. Sonne (Photo-Voltaik, PV) kann auf Dächern oder in Freiflächen wirken (Solaranlagen). Das größte Problem besteht aber in der Speicherung. Während früher die Kurzzeitänderungen im Mittelpunkt standen, geht es heute um einen längerfristigen zeitlichen und räumlichen Ausgleich (z. B. Elektrolyseure). Dazu müssen die Investitionen stark erhöht werden. 

Woher soll das Geld bzw. die Finanzierung dafür kommen? Einmal müssen die vier großen Oligopolisten EnBw, Eon, RWE und Vattenfall mitmachen, die auch über die Netze verfügen. Es müssen aber auch neue Akteure auftreten (Genossenschaften). Die Bundesregierung will auch Öko-Anleihen auflegen. Entscheidende Anteile an der Finanzierung dürften aber auch eine CO2-Steuer oder Zertifikate haben. Die Steuer wirkt nur national und Wettbewerbsverzerrungen müssten durch Klimazölle ausgeglichen werden. außerdem müsste es einen sozialen Ausgleich geben. Zertifikate wirken brauchen oft zu lange, um ihre Wirkung zu entfalten. Außerdem sind sie schwieriger zu kontrollieren.

Wichtig ist immer eine globale Ausdehnung der Instrumente. Beim Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 führen die USA. Deutschland liegt auf Platz 6; hat aber insgesamt weltweit einen Anteil von 2%. Beim Gesamtausstoß führen die USA, China und Indien. Also funktioniert die Rettung der Welt nur über diese Staaten.

Nachhaltigkeit (Sustainability): im Kern die schonende Nutzung der Produkte eines regenerierbaren natürlichen Systems in einer Weise, dass dieses im Wesentlichen erhalten bleibt und sein Bestand nachwachsen kann. Die Idee ist ca. 300 Jahre alt und wurde erstmals von Carl von Carlowitz (1645-1714) in seinem Werk "Sylvicultura oeconomica" (1713) formuliert. Er ist der Vater der Forstwirtschaftslehre und lebte in Freiberg, Sachsen. Danach wird ein Wald nachhaltig genutzt, wenn nur so viel Holz eingeschlagen wird, wie nachwächst. Bereits im 15. Jahrhundert findet sich der Begriff in Forstordnungen (Speyer 1442). Heute ist der Begriff ein Modewort, der auf viele Bereiche angewandt wird.

Mittlerweile hat die Konzeption der Nachhaltigkeit auch Einzug gefunden in viele Spezialgebiete der Ökonomie: In der Volkswirtschaftslehre geht es einmal um die Modifikation der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Das Bruttonationaleinkommen eignet sich nur bedingt als Indikator für Wohlstand. Die Haushaltsproduktion, ökologische und soziale Aspekte, Ehrenamt, Arbeit für die Familie und Schwarzarbeit finden keine Berücksichtigung. Die Siglitz - Kommission (mit Sen) hat 2009 Empfehlungen gemacht, wie Wohlstand und Lebensqualität besser zu ermitteln sind. Diese Vorschläge greifen Ende 2010 die Wirtschaftsweisen in Deutschland und Frankreich auf. Sie schlagen keine weichen Faktoren wie "Happiness", aber die Aufnahme von "Lebensqualität" und "Nachhaltigkeit" vor. Im Januar 2011 nimmt eine Bundestagskommission zur Wohlstandsmessung ihre Arbeit auf. Sie ist mit 17 Abgeordneten und 17 Wissenschaftlern besetzt. Zum anderen ist Nachhaltigkeit der Kernbegriff der Umweltökonomik. Im Zusammenhang mit knappen Ressourcen, insbesondere Energie, lenkt der Begriff hin auf eine Diskussion über neue Wirtschaftsformen. Nicht erneuerbare Ressourcen, die Effizienz der Industrieproduktion, Nahrungsmittel und Umweltbelastung sind begrenzt, es wächst nur exponentiell die Weltbevölkerung (Im Jahre 2030 etwa Maximalwert). Also geht es um ein "Wachsen ohne Wachstum" (vgl. gleichnamiges Buch von Willi Fuchs, München 2011). Über Innovationsdruck und Markteinführungshilfen sollten weiterhin die "grünen" Produktionsbereiche ausgebaut werden. Die kapitalistische Wirtschaft soll zu einer nachhaltigen Wirtschaft transformiert werden (ökologische Grenzen aufzeigen, wachstumstreibende Institutionen umbauen, Politik anpassen). Die wirtschaftliche Dynamik soll soziale und ökologische Gerechtigkeit zusammenführen. Zum Dritten steht Nachhaltigkeit  in diesem Sinne für Zielharmonie. Z.B. wird häufig die gleichberechtigte Berücksichtigung ökonomischer, ökologischer und sozialer Belange als "nachhaltig" bezeichnet (im engeren Sinne "Green Economy").

In der Betriebswirtschaftslehre wird auf die langfristige Orientierung ökonomischer Entscheidungen (Langzeitökonomie) hingewiesen im Unterschied zu der Quartalsorientierung vieler Unternehmen ("shareholder value"). Zurzeit kommt der Druck auch von den Kapitalgebern auf die Unternehmen, Nachhaltigkeit als Maßstab (natürlich auch ökologisch) zu setzen. So wird es als Wert und als Maßstab für Erfolg etabliert. Weiterhin zwingt die Ressourcenknappheit (s. o.) dazu, die Lebensdauer von Gütern zu verlängern bzw. zu verdoppeln. Also sind Produktion und Marketing zu einer Umkehr gezwungen. Weltunternehmen wie Panasonic in Japan und Bosch in Deutschland generieren mittlerweile schon 40 Prozent ihres Umsatzes mit "grünen" Produkten (Energieeffizienz, erneuerbare Energie, Green- and Cleantech). Aber auch erfolgreiche mittelständische Unternehmen wie Stiebel-Eltron oder Vaillant profitieren erheblich. "Es gibt keine bewerte Skala zur Messung des sozialen Bewusstseins von Konsumenten", Ingo Balderjahn, Uni Potsdam.

Eine besondere Rolle spielt der Begriff "Nachhaltigkeit" in mittelständischen Unternehmen. Hier wird er oft im Zusammenhang mit Familienunternehmen gebraucht. Im engeren Sinne wird der Begriff häufig auf die Nachfolge zugespitzt. Er kann aber auch umfassender im Mittelstand strategisch und ökologisch verwendet werden oder die gleichzeitige Berücksichtigung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten meinen. So wird nach der Finanz- und Weltwirtschaftskrise darauf verwiesen, dass der Mittelstand mit seiner Nachhaltigkeit für den schnellen Wiederaufstieg Deutschlands entscheidend verantwortlich sei. Nachhaltigkeit kann speziell sozial sein (social compliance - Erhalt langfristiger Beziehungen) oder auch finanziell (Erhöhung des Eigenkapitals, um die Abhängigkeit von Krediten zu verringern, Lösen von den Banken) sowie technologisch (optimale Anpassung an die Digitalisierung).

Die  Naturkatastrophe in Japan 2011 mit Erdbeben, Tsunami und Explosion von Atomkraftwerken hat die Diskussion über Nachhaltigkeit weltweit verstärkt (160.000 Menschen wurden evakuiert; der Ort bleibt hoch verstrahlt). Viele technische Risiken sind doch nicht beherrschbar. Die Atomkraft scheint gescheitert zu sein ("Brückentechnologie" wie lange?). Die Endlagerung des Atommülls erfolgt auch auf Kosten nachfolgender Generationen und nimmt ihnen Lebenschancen. Für die Nachhaltigkeit der Atomkraftwerke sprechen ökonomische Kriterien (hängt aber von den Bewertungskriterien ab: Bewertung der Risiken! Versicherungen finden sich nicht) und Klimagründe. Mittlerweile (ab 2018) bietet der Betreiber in Japan (Tepco) eine virtuelle Tour durch die Atomkatastrophe an. Es ist eine Mischung zwischen Eigenwerbung, Information und Voyeurismus.

Die damalige Ausgangsposition: Die Katastrophe wird sich auf die Weltwirtschaft auswirken: Entscheidend ist der weitere Verlauf, d.h. ob die Wolke nach Tokio zieht (dann würde die Wirtschaft lange stillstehen). Japan könnte aus USA-Staatsanleihen rausgehen ( in der EU auch 800 Mrd. $) und das Geld im Land verwenden. Die Notenbank soll bereits 200 Mrd. € in die Märkte gepumpt haben (insgesamt sollen die Kosten bei 400 Mrd. Euro liegen). Dies würde zu einer Aufwertung des Yen führen und die USA wären betroffen. Die Aufwertung des Yen wird durch Spekulationen verstärkt. Die führenden Notenbanken (G7) wollen auf eine Abwertung des Yen hinwirken, damit japanische Exporte erleichtert werden. Die Konjunktur in China könnte stark in Mitleidenschaft gezogen werden, weil viele Zulieferteile aus Japan kommen (Chips, Silizium, Displays, Autolacke). Insgesamt dürften weltweite Wertschöpfungsketten Lücken bekommen. Japan wird einen Rückgang des BIP erleben (1. Quartal 2011 -0,9%). Die Stromausfälle und Lieferunterbrechungen führen zu einer Rezession.  Im Sommer 2011 könnten sich die Stromengpässe verstärken (Klimaanlagen, Einspargesetz). Insbesondere die Automobilindustrie ist betroffen. Toyota wird 2011 seine Weltmarktführerschaft verlieren (Produktion in Japan -60%). Es wird eine Verschärfung an den Rohstoff- und Energiemärkten eintreten. Natürlich gehen zuerst die Aktien- und Rohstoffkurse in aller Welt nach unten und zeigen Konjunkturängste (an den zehn größten Börsen sofort -440 Mrd. € Kapital). Wahrscheinlich wird es weltwirtschaftlich eine leichte Wachstumsverlangsamung geben (0,8%?). An allen deutschen Exporten hat Japan einen Anteil von 1,4% (deutsche Importe aus Japan 2,8%). Nur 0,1% aller Nahrungsmittel in Deutschland sind Importe aus Japan. Je länger die Produktion in der Region Fukushima stockt, desto mehr wird sich auch die Wettbewerbsposition der Unternehmen dort verschlechtern (neue Sublieferanten). Japans Fischer, Bauern und Hersteller von Lebensmitteln bangen um ihre Existenz. Auch der Reiseverkehr nach Japan bricht dramatisch ein. Der damalige Premierminister aus Japan, der über die Katastrophe später ein Buch geschrieben hat, führt darin eindrucksvoll aus, wie nah Japan damals am Rande einer Katastrophe war. Er schilderte das auch bei einem Besuch im Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen. Acht Jahre nach der Katastrophe 2019 machen sich die Menschen Sorgen, welches Gemüse essbar ist. Wie hoch sind die Krebsrisiken? Menschen haben ein eigenes Testlabor eingerichtet. Denn der Regierung glauben sie nicht (Pilze sind aus jeder Küche verbannt, Kaori). Vor allem Schwangere haben Angst.  "In Japan gibt es eine Art Konsens, dass wir unsere Abhängigkeit von Nuklearenergie verringern wollen", Goshi Hosono, Energieminister Japans 2011.

Insgesamt sollten auch in der ökonomischen Theorie Nachhaltigkeitskonzepte eine größere Rolle spielen. Immer mehr Ökonomen wollen von Biologen lernen, wie komplexe Netzwerke in der Natur, so genannte Ökosysteme (Bienenstöcke, Ameisenhaufen),  funktionieren. Die meisten bestehenden Theorien sind zu sehr auf Optimierung ausgerichtet (z. B. Spieltheorie). Die Harmonie zwischen Ökonomie und Ökologie wird neuerdings wieder in Frage gestellt. Viele sehen die Gefahr, dass diese Formel gebraucht wird, um die Dauerpriorisierung der Wachstumsziele zu zementieren (vgl. Schluss mit der Harmonie, in: Die Zeit, Nr.5, 26.01.2012, S. 27). 

Eine neue, ökologische Ökonomie müsste folgende Kriterien erfüllen: 1. Die ökonomischen Ziele als solches müssen in Frage gestellt werden (insbesondere Wachstum). 2. Die Messkonzepte müssen verändert werden (bis heute misst die Weltbank Naturkapital nicht in Hektar, Biodiversität, Sauberkeit, sondern in Form von Einnahmen aus ihrer Nutzung). 3. Ein konsequentes Bezahlen für Umweltverbrauch muss gewährleistet sein. 4. Die Integrationsformel für Umwelt und seine Fassung im Drei-Säulen-Modell haben die Kernprobleme verschleiert. 5. Lebensqualität muss stärker einfließen. 6. Die Grenzen sind erreicht, so dass einen neue Utopie der Ökonomie gebraucht wird. Vgl. Maja Göpel: Das Ende des Homo oeconomicus, in: Futur zwei, Nr. 5/ 2018, S. 14ff. Frau Göpel ist Mitglied des Club of Rome (vgl. auch: Dies.: The Great Mindshift, 2016/Springer). Es muss auch konsequent definiert werden, welche Natur geschützt werden soll. Es muss ein ökologisch definierter Rahmen des volkswirtschaftlichen Strukturwandels geschaffen werden. Degrowth und freiheitliches Wirtschaften gehen nicht zusammen. Vgl. Michael Hüther: Marktwirtschaft + Öko, in: Futur zwei, 5/ 2018, S. 30f.

In der Politik in Deutschland gibt es in den letzten Jahren einen Trend zu den Grünen hin. Bei der Europawahl 2019 erzielen die Grünen ihr bislang bestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl und sie werden zweitstärkste Kraft in Deutschland (20,7%) vor der SPD und nach der CDU/CSU.  Im Europaparlament büßen Konservative und Sozialdemokraten ihre Mehrheit ein. Auch bei den Kommunalwahlen in einigen Bundesländern (unter anderem RLP und B. - W.) erobern die Grünen viele Großstädte und Kommunalparlamente. Der Klimawandel ist zu einem dominierenden Thema geworden, auch durch die heißen Sommer und die Jugendproteste ("Friday for Future"). Bei der jungen Generation (Generation Z) steht in vielen Ländern der Klimawandel im Mittelpunkt.

 "Das Bedürfnis nach einer neuen Form ökonomischen Denkens ist drängender denn je", Joseph Stiglitz 2011 (zitiert nach Handelsblatt vom 22.0811, S. 20).

 

Analyse von Wirtschaftsordnungen (Modelle und Realität heute: Markt- und/oder Staatskapitalismus):

Chinesisches Haus (Teehaus) im Schlosspark Oranienbaum bei Dessau/ Wörlitz (vielleicht das erste derartige Haus im deutschsprachigen Raum; im Schloss Wörlitz gibt es auch ein chinesisches Zimmer). Der Englisch-Chinesische Garten in dieser Geschlossenheit ist nur selten in Mitteleuropa anzutreffen. Im anliegenden Schloss  lebte eine Oranier-Prinzessin, die Ende des 17. Jh. in die Fürstenfamilie Anhalt - Dessau einheiratete. In den darauf folgenden zwei Jahrhunderten hatte China in der Realität den Anschluss an die Weltwirtschaft verpasst und wurde von Europa dominiert (teilweise Kolonien). So wurden in dieser Zeit auch ökonomische Ordnungs- und Lenkungselemente aus Europa übernommen. Erst mit Mao änderte sich die Ausrichtung der Wirtschaftsordnung zur zentralen Planwirtschaft mit dem Ziel Autarkie (Marxismus in der Praxis wurde von Russland übernommen; ursprünglich wegen der Agrarausrichtung Chinas für nicht relevant gehalten).

"Solange du dem anderen sein Anderssein nicht verzeihen kannst, bist du weitab vom Weg der Weisheit", aus China.

Für die ökonomische Betrachtung von Ländern wie China und Japan ist der Umgang mit Wirtschaftsordnungen fundamental. "Die Wirtschaftsordnung stellt das längerfristig stabile Rahmenwerk dar, innerhalb dessen private Haushalte und Unternehmen ebenso wie staatliche Stellen wirtschaftliche und die Wirtschaft steuernde Entscheidungen treffen" (Dr. R. Osterkamp, Ifo-Institut, München).  Merkmale sind Normen, gesetzliche Tradition, Unternehmensumfeld, Produktmarktregulierung, Soziale Sicherung, Arbeitsmarkt, Öffentlicher Sektor. Problematisch ist die Beurteilung des Erfolgs. Die Operationalisierung von Erfolg und Erfolgsdeterminanten  hängt stark mit den Ergebnissen zusammen und ist auch von Maßstäben abhängig (Lebensstandard, Glücksforschung). Damit sind Systemmodelle und Systemvergleiche immer problematisch. Beispiele: Bildung ist sehr wichtig, kann aber auch privat finanziert werden. Wirtschaftswachstum, z. B. in China, hat starke Basiseffekte. Ungleichheit ist extrem schwer zu messen. Ungeklärt ist auch, ob typische Probleme immer notwendigerweise mit einem System verbunden sind. Ein gutes Beispiel ist die Planwirtschaft mit ihren Engpässen. Lässt sich das immanente Problem, dass Unternehmen das Gesetz brechen können, dass die Einnahmen die Kosten nicht decken müssen (weil der Staat schützt), lösen? Die Kosten müssen also nicht an Output und Nachfrage angepasst werden.

 Als Vergleichsmaßstab ("Benchmark") werden oft die eigene Volkswirtschaft als Modell oder Pauschalmodelle wie das "angelsächsische" (geringe Staatsquote, geringe Steuerbelastung) oder "skandinavische" (hohe Staatsquote, hohe Steuerlast) genommen. Eine Langzeitstudie zeigt 2010, dass stattliche Eingriffe in Wirtschaft und Arbeitsmarkt (Sozialstaat) mehr bringt als bislang gedacht (Survey of Health, Ageing and Retirement, Share; seit 2004 in 13 europäischen Ländern). Hinzunehmen könnte man noch die theokratisch dominierten Volkswirtschaften (z. B. islamische Länder).

Als Beurteilungsraster für Wirtschaftsordnungen dient in der Regel folgende Aufteilung: Lenkungssystem (dezentral, zentral), Eigentumsordnung (Volkseigentum, Privateigentum, Genossenschaftseigentum), betriebliche Ergebnisrechnung (Gewinn, Planerfüllung), Preisbildung (Markt, staatliche Preisfestsetzung bzw. Preispolitik).

Die Wirtschaftsordnungen von China und Japan sind kurz auf der Ostasienseite dargestellt (Links: Wirtschaftsordnung China, Japan). Eine der letzten Planwirtschaften, Cuba (auch noch Nord-Korea), stellt sein System durch Reformen um: es soll eine gemischte Ökonomie mit mehr Privatinitiative entstehen. Alle vorhandenen Wirtschaftsordnungen sind aber Mischsysteme, die dynamisch sind. Der Systemwettbewerb geht weiter. Die finanzkapitalistische Marktwirtschaft angelsächsischer Prägung konkurriert mit den sozialen Marktwirtschaften in Europa und Japan. Alle müssen das Erfolgsmodell VR China im Auge behalten, wo ökonomisch erfolgreich ein kapitalistisches Wirtschaftssystem mit einer kommunistischen Diktatur kombiniert wird (könnte 2012 die USA im BIP nach Kaufkraftparität überholen, ist auch international immer expansiver, z. B. in Südamerika und Afrika). Vieles ist an China auch untypisch: laut IWF liegen die Staatsausgaben bei rund 23% des BIP (Platz 147 von 183 Ländern, Deutschland 48%). Manchmal wird in der Fachliteratur auch allgemein vom asiatischen Modell gesprochen. Da oft auch die Wirtschaftskraft eines Landes, also das Bruttoinlandsprodukt, als Erfolgsindikator des Systems gesehen wird. macht sich die Eindimensionalität dieses Indikators besonders bemerkbar. Insofern müsste man Menschenrechte, Glück, Lebensqualität u. a. aufnehmen, wie es eine UN-Kommission (Sen, Stiglitz) auch vorgeschlagen hat. Entscheidend für die Beurteilung der Wirtschaftsordnung dürfte aber die gerechte Verteilung des geschaffenen Wohlstands sein (hier scheint der Staatskapitalismus immer mehr aufzuholen). Zunehmend werden auch Faktoren wie "Rohstoffe", "Menge an qualifizierter Arbeit" und "Infrastruktur" in die Betrachtung einbezogen. Ein Klassiker auf dem Gebiet der Wirtschaftsordnung ist das Buch "Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft: Untersuchungen über den Sozialismus, 1922". In diesem Buch rechnet von Mises mit der Planwirtschaft ab. Der Sozialismus müsse scheitern, weil die Preise von staatlichen Instanzen gesetzt werden und nicht die tatsächlichen Knappheiten widerspiegeln.

Aktuell wird die Diskussion um Wirtschaftsordnungen durch die Frage nach den Rahmenbedingungen für die Wirtschaft eines Landes verdrängt. 2011 geht es beim Munich Economic Summit um dieses Thema. Während die USA wieder mehr Aufgaben auf den Staat verlagern wollen, fordern Länder in Europa den schlanken Staat. In die Diskussion mischt sich auch die "Occupy Wall Street" - Bewegung ein. Graeber, einer der führenden Köpfe, spricht von Kamikaze-Kapitalismus und versucht das Bild einer anderen menschlichen Gemeinschaft zu entwerfen (Mischung von Kommunismus und Marktwirtschaft; Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus, München 2012). Die Fraser Institute messen die wirtschaftliche Freiheit in der Wirtschaftsordnung empirisch. 2013 liegt Hongkong an der Spitze vor Singapur und Neuseeland.  Deutschland liegt auf Platz 19. Der Grad der ökonomischen Freiheit wird vor allem in folgenden Kategorien gemessen (10 Punkte= höchste Freiheitsstufe): Umfang der Staatstätigkeit, Arbeitsmarktregulierung, Unternehmensregulierung. "Wie wollen eine qualitative Veränderung der Wirtschaftsordnung erzeugen", Giorgos Kallis, Autonome Uni Barcelona.

Als Schöpfer der Wirtschaftsordnung in Deutschland gilt Ludwig Erhard (1897-1977). Erdacht hat er das Konzept nicht, aber er setzte es um. Der Staat muss dafür sorgen, dass Monopolisten den Wettbewerb nicht kaputt machen und Jeder in der Lage ist, seinen eigenen Wohlstand zu erwirtschaften. Ohne den ordnenden Staat funktioniert eine Wirtschaftsordnung nicht. "Demokratie und Freie Marktwirtschaft gehören ebenso zusammen wie Diktatur und Staatswirtschaft", Ludwig Erhard. Schon als Wirtschaftsverwalter der westlichen Besatzungszonen 1948 ließ er im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Währung fast alle Preisvorschriften streichen. Als erster Wirtschaftsminister der Bundesrepublik wachte er über das Wirtschaftswunder.

Als genialer mathematischer Nachweis, dass die Überlegungen von Adam Smith über die unsichtbare Hand tatsächlich korrekt waren, gelten die Arbeiten von Kenneth Arrow und Gerard Debreu. Seit dieser Beweis in den 1950er Jahren veröffentlicht wurde, diente er dazu, die Behauptungen totalitärer Regimes zu widerlegen, dass Zentralverwaltungswirtschaften produktiver und effizienter als Marktwirtschaften arbeiten würden.

Das China-Modell als Beweis für die Überlegenheit das Staatskapitalismus?  China besitzt ein Mischsystem der Wirtschaftsordnung; ein Teil ist privat- bzw. marktwirtschaftlich organisiert, ein Teil besteht aus Staatsunternehmen, die von der KPC gelenkt werden. Insgesamt gibt es ein Zusammenspiel von starker Zentralregierung, mächtigen Staatsunternehmen und weitsichtiger Industriepolitik. Viele machen dieses Modell für das rasante Wachstum in den letzten 40 Jahren verantwortlich. Es gibt auch auch Kritiker dieser Analyse. Der renommierte Ökonom Zhang Weiying (Ökonom des Jahres 2002, Peking Uni) kommt zu dem Schluss, dass ,wo der Staat sich zurückzieht und Privatunternehmen vorangehen, die Wirtschaft schneller wächst (vgl. Zhang Weiying: Die Mär vom China-Modell, in: Die Zeit 15. November 2018, S. 26; der Originalartikel auf der Homepage der Uni wurde gelöscht). Heute ist im Systemwettbewerb die Angst vor China normal. Die Marktwirtschaft, wie sie in Deutschland und Europa als Variante existierte, gilt nicht mehr als unschlagbar. Vor allem die großen Internetgiganten aus China dängen sich immer mehr in den Vordergrund (Alibaba, Tencent, Baidu). Digitale Güter können, einmal produziert, in unendlicher Zahl und weltweit an alle Menschen verkauft werden (Plattformkapitalismus). Ungeheuer hohe Summen an Wagniskapital werden in China und den USA (130 Mrd. Dollar 2018 in den USA)  eingesetzt, in Deutschland waren es nur fünf Mrd. Ein neutraler Rechtsstaat als Hüter der Marktwirtschaft gilt nicht mehr unbedingt als die beste Lösung. Industriepolitische Strategien gewinnen die Oberhand. So stellt sich immer mehr die Frage, ob Marktwirtschaft und Demokratie im Systemwettbewerb mit der staatlich gelenkten Kontrollwirtschaft mithalten können. Viele sprechen sogar von einer Art "Sputnik-Schock" und nennen ihn "Xi-Jinping-Schock". Als immer anfälliger erweist sich in den Demokratien der Wahlzyklus, weil er auch noch leicht zu manipulieren ist (Beispiel Brexit). Der Staatskapitalismus hat drei wichtige Vorteile: Er ist strategischer (nach innen mit "Social Scoring", nach außen mit dem Seidenstraßenprojekt). Er verbindet und löst alle Gegensätze zwischen Wirtschaft, Staat und Politik mit der KPC als "Krake" auf. Er sorgt für ein in sich geschlossenes Werte und Ideensystem aus einer Verbindung von Konfuzianismus und Marxismus. "Planung und Marktkräfte sind nicht der wesentliche Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Planwirtschaft ist nicht die Definition von Sozialismus, da es Planungen auch im Kapitalismus gibt. Marktwirtschaft findet auch im Sozialismus statt. Planung und Marktkräfte sind Wege zur Kontrolle der Wirtschaftstätigkeit", Deng Xiaoping. Die Idee war nicht neu: Theoretische Vorläufer waren Enrico Barone (1859 - 1924) und Oskar R. Lange (1904 - 1965).

"Sobald der Wagen sich dem Berg nähert, wird sich ein Weg auftun", chinesisches Sprichwort.

 

Exportorientierung und internationale Wettbewerbskraft (Deutschland in der weltweiten Kritik, insbesondere von Frankreich und den USA, wegen des Handelsbilanzüberschusses):

"Auf Reisen in fremde Länder lernt man nicht das Land kennen, sondern sich selbst", aus Tibet. Auf dem Foto ist der berühmte Geiranger - Fjord in Norwegen  abgebildet. Norwegen ist nach dem Pro-Kopf-Einkommen eines der reichsten Länder der Erde (Platz 2 hinter Luxemburg, nach Kaufkraftparität Rang 1, Rang 1 beim Human Development Index). Der Reichtum kam mit den Öl- und Gasfunden im Meer seit 1966. Stavanger ist die reichste Stadt Europas. Schon zur Zeit der Hanse waren die Städte sehr reich und wichtig, wie etwa Bergen (die Seefahrer - Tradition geht auf die Wikinger zurück, die zuerst nach Amerika segelten). Norwegen hat auch eine der höchsten Frauenerwerbsquoten der Welt und die höchsten Sozialausgaben pro Kopf in Europa. Das Renteneintrittsalter liegt mit 67 Jahren relativ hoch. Das Land ist Mitglied der EFTA, aber nicht der EU. Währung ist die Norwegische Krone (NOK, etwa 8 Kronen = 1€). Im weltweiten Ranking der UN ist Norwegen das Land mit dem höchsten Wohlstandsniveau in Europa. 2017 wird zum ersten Mal seit 1985 eine Rechtsregierung wieder gewählt (die "Eiserne Erna" Solberg). Im Brexit strebt die Regierung in GB in etwa einen Status wie Norwegen im Außenhandel an. Deshalb wird auch mehr über die Rolle Norwegens im Verhältnis zur EU diskutiert.

Jahrelang war Deutschland Exportweltmeister (höchster Exportwert in der Welt). 2009 ging der Titel an China verloren, die deutschen Exporte brachen um fast 20% ein (man muss natürlich die Relationen bei der Bevölkerung sehen: D 80 Mio., China 1,4 Mrd.). 2010 überholen auch die USA Deutschland (Exporte: China 1578 Mrd. US-$; USA 1278 $,; Deutschland 1269 Mrd. $, Japan 770 Mrd. $). 2011 könnte der Export Deutschlands erstmals eine Billion Euro erreichen und damit höher als 2008 sein (Prognose für Handelsbilanzüberschuss 143 Mrd. €.). Damit baut Deutschland seinen Weltmarktanteil auf 9,5% aus. Die Exportquote Deutschlands lag 2012 bei 41,5% (Exportwerte durch BIP mal 100). Wichtig ist, dass Deutschland seine internationale Wettbewerbsfähigkeit behält. Diese beruht auf technologischem Vorsprung, einer effizienten Ausstattung und einem effizienten Einsatz der Produktionsfaktoren, einem ausreichenden Markt, Attraktivität für Direktinvestitionen und einer optimalen Infrastruktur (Standortfaktoren, Kultur). Immer wichtiger wird eine effiziente Industriepolitik, die in der EU abgestimmt werden muss. Die Entwicklung der Terms of Trade gibt wichtige Anhaltspunkte. Indices von BERI oder IMD sind nicht valide und zuverlässig. Insbesondere Frankreichs ehemalige Finanzministerin Lagarde (jetzt Chefin des IWF) hat folgende Fragen aufgeworfen: Schadet unser Export anderen Ländern? Verschaffen wir uns mit Billiglöhnen Vorteile? Würden höhere Löhne die Binnenwirtschaft stärken? Was steckt hinter der deutschen Exportstärke? Die Internationale Arbeitsagentur haut 2012 in die gleiche Kerbe. Doch die hiesige Exportkraft beruht gar nicht auf niedrigen Löhnen. Einige Experten vertreten die Ansicht, dass die Nachfrage nach deutschen Gütern im Ausland bald wieder das alte Niveau erreicht. Andere meinen, andere Länder wie die USA, Großbritannien und Spanien seien gezwungen, ihre Leistungsbilanzdefizite - also Importüberschüsse - abzubauen. Wichtiger als den Export zu stützen, sei es, in Zukunft den deutschen Binnenmarkt zu stärken. Es geht auch um den Stellenwert der Einkommensungleichheit in den einzelnen Ländern. Unbestritten ist, dass eine Exportorientierung der beste Garant für Innovation ist. Andererseits haben die Exportüberschüsse Deutschlands ihren Ursprung auch in zu geringen Investitionen. Immer wichtiger wird die richtige und zukunftsweisende Ausrichtung der außenwirtschaftlichen Aktivitäten. Große Unternehmen, die nur in Europa und Amerika engagiert sind erleiden Verluste. Wer sich in Asien engagiert, meldet Supergewinne (Handelsblatt, 07.05.2010, S. 1). Im November 2013 kritisiert das US-Finanzministerium die deutschen Handelsbilanzüberschüsse. Sie würden die Stabilisierung sowohl in Europa als auch der Weltwirtschaft behindern. Kritik kam vorher schon vom IWF. Auch die EU (Olli Rehn im Herbstgutachten) kritisiert, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss seit 2007 über dem Referenzwert liegt. Die EU-Kommission leitet eine Prüfung ein. Die  Argumentation der Kritiker ist angreifbar: Der Anteil der Vorleistungen an den deutschen Exporten ist zwischen 1995 und 2008 von 13,5% auf 20% gestiegen. Dies ist überproportional, wovon ausländische Wettbewerber erheblich profitieren, vor allen Länder aus Mittel- und Osteuropa (Quelle: Ifo-Institut, München). Außerdem ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den Partnerländern der Euro-Zone von 2007 bis 2012 halbiert worden (von 4,4% auf 2,2%, Quelle: BMF, Berlin). Natürlich entscheiden Unternehmen selbst über ihre Exporte. Ebenso ist die Struktur der Wirtschaft zu beachten. Im Moment sind deutsche Investitionsgüter in den Schwellenländern sehr gefragt. Das Hauptproblem für die Krisenländer der EU bei den Leistungsbilanzungleichgewichten ist auch China.

Die Länder mit der stärksten weltwirtschaftlichen Verflechtung (Außenhandel, ausländische Direktinvestitionen u. a.) sind die Niederlande, Singapur, Irland und die Schweiz (DHL Global Connectedness Index 2011). 20 Prozent der weltweiten Produktion geht in den Export (überwiegend in Nachbarländer). Daneben gibt es eine ganze Reihe von Indikatoren zur Messung der Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. Vgl. dazu Messung der Wettbewerbsfähigkeit auf der Methodenseite. Die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, ist eher eine Binnenwirtschaft. Weniger als 10 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung geht in den Export.

Eine Studie des Weltwirtschaftsforums 2010 sieht bei Deutschland in der Wettbewerbsfähigkeit einen Aufstieg von sieben auf Platz fünf. Infrastruktur, Innovationsstärke und Geschäftskultur werden als herausragend gesehen. Hintere Plätze belegt Deutschland bei der Effizienz des Arbeitsmarktes und den staatlichen Bürokratielasten.  Auch Paul Krugman kritisiert im Herbst 2010 in der New York Times Deutschland, weil es zu egoistisch sei wie China. Der Sparkurs sei eine Belastung für die Weltwirtschaft. Die Konsumentennachfrage im Inland werde vernachlässigt. Krugman scheint völlig zu übersehen, dass die lockere Geldpolitik in den USA den Dollar in den Keller treibt. Dadurch werden die Konkurrenzwährungen (Euro, Yen, Yuan) aufgewertet und die Exporte dieser Länder verteuern sich. Die Weltwirtschaft 2010 und 2011 befindet sich in einer Art Währungskrieg. Dieser könnte in einer Inflation münden. Wenn die US-Wirtschaft zu stark lahmt, könnte es infolge globaler Abhängigkeiten auch zu einem Einbruch in Deutschland kommen: Die USA fragen weniger Konsumgüter aus China nach. China bremst seine Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern daraufhin. Der deutsche Exportboom lässt nach und damit auch das BIP. "Unserer Wettbewerbsvorteil ist nicht in Stein gemeißelt. Wir müssen aufpassen, dass wir das Rennen nicht verlieren", Ulrich Grillo, Präsident des BDI.

Die Technologieunternehmen der Schwellenländer werden allerdings auch immer mehr zu ernstzunehmenden Konkurrenten entsprechender Unternehmen in Industrieländern. Den Märkten in Asien hatten die führenden deutschen Technologieunternehmen (Siemens, Bosch) es zu verdanken, dass sie die Finanzkrise so gut überstanden. Doch Unternehmen aus China (Huawei, ZTE, Shanghai Electric) und Indien (Tata) holen in den oberen Kundensegmenten auf. Mittlerweile bieten auch sie komplexe Dienstleistungen an, deren wichtigstes Merkmal die Einheit von Produktion und Vertrieb ist. Die führenden Unternehmen aus den Industrieländern haben Mühe, ihre Positionen zu verteidigen (ZTE lag 2010 mit 1863 Patentanmeldungen vor den deutschen Spitzenreitern). Noch können allerdings die deutschen Vorzeigebranchen Elektroindustrie, Maschinenbau und Automobilbranche der Krise auch dank einer stark mittelständischen Struktur und hohen Wettbewerbsfähigkeit trotzen.

Gegen die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wird immer wieder die deutsche Investitionsschwäche angeführt. Sie wird auf schwache Profitabilität von Unternehmensinvestitionen zurückgeführt. Allerdings könnte sich empirisch dahinter auch ein Bias verbergen, der durch schwache Investitionstätigkeit der öffentlichen Haushalte und beim Wohnungsbau begründbar wäre. Die Länder der EU fordern, dass Deutschlands weniger spart und mehr investiert. Mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit konkurrieren auch die Länder der EU. Die Peripherieländer (Griechenland, Italien, Spanien, Portugal) fallen weiter zurück. Zum Beispiel haben in den letzten drei Jahren 1800 griechische Unternehmen ihre Heimat verlassen nach Zypern, in die Türkei und Bulgarien (vor allem wegen der geringeren Ertragssteuern, 10% statt 20%). Zu einem immer wichtigern Faktor werden die Strom- und Energiepreise. Während in den USA aufgrund von Fracking die Energiepreise einen Preissturz erleben, steigen sie in Deutschland stark, auch aufgrund des EEG. So könnte es zu Produktionsverlagerungen in die USA im energieintensiven Bereich kommen (BASF - Chef Bock warnt im Herbst 2013).

Insgesamt schwindet aber der Einfluss der USA. Nur noch 6,7% der deutschen Exporte gingen 2009 in die USA (2016 ist China wichtigster Handelspartner, s. u.). Die Tendenz ist sinkend. Deutschland ist in der neuen globalen Welt (Beginn etwa 1990 mit dem Zusammenbruch des "Eisernen Vorhangs" und dem Aufstieg Chinas) eine Art "Free-Rider" (Trittbrettfahrer): wir verkaufen den Schwellenländern auf der einen Seite die Maschinen zur Produktion und auf der anderen Seite die Luxusgüter für die Neureichen. Prognosen für 2015 besagen, dass China dann einen Anteil von 12,8% am Weltexport hält, die USA 9%, Deutschland 7,5% (Schätzung EIU). Nach und nach dürfte auch der Yuan (Währung heißt Renminbi, Yuan ist Einheit) freigegeben werden (spätestens in 5 Jahren, Zeitplan ist noch unklar). China will sein Wachstumsmodell (basiert wie bei uns stark auf Außenhandel) nach und nach ändern: Der Binnenmarkt soll an Bedeutung gewinnen, die Industrien sollen höherwertiger werden, der Kapitalmarkt weiter geöffnet werden, die Korruption soll bekämpft werden.  Durch die dramatische Staatsschuldensituation und die Abstufung in der Kreditwürdigkeit durch S&P in den USA kommt die Weltleitwährung Dollar immer mehr unter Druck (Inflation steigt im Herbst 2011 auf 3,8%). In 10 Jahren dürfte der Renminbi Weltleitwährung sein. Wirtschaftliche Dominanz ergibt sich durch die Größe der Wirtschaft, die Finanzmacht und das Handelsgewicht. Die protektionistischen Konzepte des US-Präsidenten Trump entflammen die Diskussion neu 2017. Deutschland wird Ausbeutung vorgeworfen (von USA und Polen). Anlass sind die neuen Rekorde in der Außenwirtschaft (Außenhandelsüberschuss 2016 252,9 Mrd. €, fast 9% des BIP). Doch kurzfristig hat eine Regierung so gut wie keine Mittel (zu Steuersenkungen siehe unten). Außenhandel findet zwischen Unternehmen statt. Vor der Austausch von Vorleistungen im Rahmen neuer Wertschöpfungsprozesse (supply-chains) dürfte kaum umzukehren sein. 2017 ermahnt auch die EU-Kommission wieder Deutschland wegen der hohen Exportüberschüsse. EU-Kommissar Pierre Moscovici fordert mehr öffentliche Investitionen in Deutschland ,um die Binnenkonjunktur zu stärken. Der Handelskrieg mit der USA und zwischen der USA und China könnte automatisch zu einem Rückgang der deutschen Exporte führen. "Foreign trade takes place between firms, not between countries", Kindleberger, schwedischer Ökonom.

Globale Ungleichgewichte zwischen Volkswirtschaften sind von der Theorie her nützlich. Es bringt Profit für die Überschuss- und die Defizitländer der Leistungsbilanz. Die internationale Arbeitsteilung ist als Tauschwirtschaft angelegt. So kann der Ausgleich auch intertemporal erfolgen. Entscheidend ist, dass das Kapital "in die richtige Richtung" fließt.  Im Moment wird der Aufschwung der Schwellenländer finanziert, der uns vielleicht in Zukunft vor den Risiken einer alternden Bevölkerung schützt (vgl. Renate Ohr: Globales Wechselspiel, in: Wirtschaftswoche, Nr. 48, 29.11.10, S. 44). In diesem Zusammenhang ist das Faktorpreisausgleichstheorem von Bedeutung. Es stammt von A. P. Lerner und P. A. Samuelson und besagt, dass der internationale Warenaustausch nicht nur zu einer Angleichung der Preise für handelbare Güter, sondern auch zu einer Annäherung der Preise für die Faktoren führt (insbesondere für die Löhne). So könnten auch Löhne auf national geschützten Arbeitsmärkten durch den Handel mit Niedriglohnländern (z. B. China) unter Druck gesetzt werden. Marcel Fratzscher, Chef des DIW in Berlin, weist Anfang 2017 darauf hin, dass von dem deutschen Exportmodell nur ein Teil der Wirtschaft profitiert. Für die Volkswirtschaft als Ganzes seien die Überschüsse schädlich. Das Problem seien die zu geringen Importe, weil die Investitionen zu gering seien. Im Dienstleistungsbereich, der stark reguliert sei, hätten ausländische Unternehmen nur eine geringe Chance. In der Steuerpolitik hätten KMU das Nachsehen. Er empfiehlt, stärkere öffentliche Investitionen durchzuführen (vgl. Handelsblatt Nr. 31, 13. Februar 2017, S. 48). Eine Gegenthese lässt sich aus dem Wachstumsmodell von R. F. Harrod ableiten (das bespreche ich auch in meinen Veranstaltungen). Es geht um Exportüberschuss und Wachstum: Das Wachstumsmodell von R. F. Harrod zeigt, dass ein Exportüberschuss Produktivitätskapazitäten beansprucht, die für wachstumsrelevante Investitionen nicht mehr zur Verfügung stehen. Mit zunehmender Kapazitätsauslastung könnte der Exportboom dämpfende Wirkungen auf das Inlandsprodukt haben. Sollte man mit einer Ausdehnung der öffentlichen und privaten Binnennachfrage gegensteuern? Man könnte auch die mit dem Exportüberschuss verbundenen Kapitalabflüsse umlenken und durch günstige Standortbedingen im Inland mindern. Vgl. Konrad, Anton: Exportüberschuss und Wachstum, in: Wirtschaftsdienst 2018/12, S. 900ff.

Die Exporte in der Welt werden allerdings immer mehr durch protektionistische Maßnahmen behindert. Vor allem die Schwellenländer behindern den Welthandel durch Schutzzölle, Exportquoten, Lizenzauflagen und weitere nichttarifäre Handelshemmnisse. Besonders hervor tun sich hierbei Brasilien (Zölle), China (Exportzölle, öffentliche Aufträge an Inlandsunternehmen), Indien (keine Lizenzen für Ausländer im Einzelhandel, Zölle) und Russland (Importzölle). Die EU arbeitet stark mit Subventionen, die USA bevorzugen Staatsaufträge. Abzuwarten bleibt, wie stark Trump seine protektionistischen Pläne in die Tat umsetzt (Schutzzölle, Kündigen von Wirtschaftsintegrationen, Setzen auf bilaterale Vereinbarungen). Schon 2016 ist China wieder der größte Handelspartner Deutschlands (Wert der Importe mit 93,8 Mrd. € deutlich höher als Exporte mit 76,1 Mrd. €).

Interessant ist eine Prognose der Exportüberschüsse. Die demographische Entwicklung könnte die Leistungsbilanzüberschüsse schrumpfen lassen. Experten rechnen mit einem Rückgang auf 7% des BIP im Jahre 2020 (von 9% als Rekordwert). Weitere Faktoren, die die Absenkung beeinflussen sind: der Immobilienboom und die Rekordzuwanderung. Eine Möglichkeit der Bundesregierung, den internationalen Forderungen nach einem Senken des Exportüberschusses entgegenzukommen, wäre, Steuersenkungen zu machen. Das würde die Inlandsnachfrage weiter ankurbeln. Auch die Importe würden zulegen. Dem sind aber durch die Schuldenbremse in Deutschland Grenzen gesetzt. Eine zweite Möglichkeit wären Lohnerhöhungen in Deutschland. Sie würden den Export deutscher Firmen verteuern und die Inlandsnachfrage ankurbeln. Doch wegen der Tarifautonomie hat die Regierung kaum einen Einfluss auf die Löhne. Externe Einflüsse haben einen zunehmenden Einfluss auf die deutsche Handelsbilanz (niedrige Preise bei Rohstoffen, die wir importieren, niedrige Zinsen stimulieren die Industrie, günstiger Wechselkurs bei starkem Dollar, Erholung der Schwellenländer). 2018 könnte trotzdem das fünfte Rekordjahr in Folge werden. Handelskonflikte und der Brexit geben trotzdem Anlass zur Sorge. 2018 stiegen die Ausfuhren das fünfte Jahr in Folge auf einen Rekordwert (1317,9 Mrd. Euro), das Wachstumstempo verlangsamte sich aber deutlich (3% 2018, 6,2% 2017). Die Importe steigen 2018 auf 1090 Mrd. Euro (+5,7%). Der Handelsbilanzüberschuss betrug 2018 227,8 Mrd. €. Wichtigster Einzelmarkt war die USA.

"Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird", Christian Morgenstern.

 

Bevölkerungsentwicklung und Folgen (Krise der demographischen Entwicklung; zur globalen Bevölkerungsentwicklung vgl. Economics/special, Arbeitsökonomik, Demographie):

  Kitzbüheler Horn, Kitzbühel. Hier ist eines der Paradiese für reiche Ältere. Verteilungskonflikte zwischen reichen Älteren und Jüngeren ohne Perspektive werden zunehmen (in vielen Ländern Europas und auch in Asien). Die weltweite Bevölkerungsentwicklung verläuft sehr unterschiedlich: In Afrika und Asien gibt es starke Zuwächse, in Europa Rückgänge, aber viel Wohlstand.. Das beeinflusst auch Migrationsströme.

Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaftswachstum über die Altersgruppen, die am Arbeitsprozess beteiligt sind. Außerdem ist die Frage wichtig, wie bildungsbereit die Jungen und wie weiterbildungsbereit die Alten sind. Weil die europäischen Gesellschaften in allen 25 Mitgliedsstaaten der EU strukturell immer älter werden, müssen wir uns auf ein Sinken des Wirtschaftswachstums einstellen (soziale und wirtschaftliche Probleme). Die sozialen Gegensätze werden sich zuspitzen. Die arbeitende Bevölkerung in Deutschland wird ohne Zuwanderung bis 2020 um 7% zurückgehen. Im Jahre 2010 ist schon jeder fünfte Deutsche im Rentenalter. Im Jahre 2060 wird es fast ein Fünftel weniger Deutsche geben. 14% werden dann über 80 Jahre sein. Bis 2030 schrumpft die deutsche Bevölkerung um drei Millionen, die Weltbevölkerung soll um 40% steigen. Die Schülerzahl wird dramatisch sinken: bis 2025 um 18,9%. Umso wichtiger werden in Zukunft Lebenslanges Lernen und die Steigerung der Arbeitsproduktivität sein. Die Zuwanderung ist schwierig einzuschätzen: weltweit gibt es 200 Mio. Migranten. Ab 2015 schrumpft die Bevölkerung in der EU insgesamt. Bis 2060 soll die Erwerbstätigenzahl um 19 Millionen sinken (2015: 43 Mio., 2020: 41, 2025: 38). Weltweit sinkt die Fertilität in den Industrieländern, in denen heute bereits 22% der Menschen älter als 60 Jahre sind. Der Alterungseffekt ist mit zeitlicher Verzögerung auch in den Entwicklungsländern zu beobachten.  

Infolge der Bevölkerungsentwicklung fehlen in vielen westlichen Industriestaaten in den nächsten Jahren Fachkräfte. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert für 2020 in Deutschland eine Lücke von bis zu 425.000 Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Bis 2014 sollen schon 220.000 fehlen. 2010 sollen schon bis zu 400.000 Fachkräfte einschließlich Facharbeiter fehlen. Damit ist es 2010 erstmals zu einem Kipp-Effekt gekommen: die demographische Entwicklung überlagert die konjunkturelle. In den USA ergibt sich die Lücke durch eine Änderung im Studienverhalten: immer mehr Ausländer und immer weniger Amerikaner studieren technische Fächer. Eine vorausschauende Personalpolitik wäre also sehr sinnvoll. Schon 2009 konnten in Deutschland nicht mehr alle Lehrstellen besetzt werden (100.000 weniger Bewerber als 2008, es fehlt den Bewerbern auch an Wissen und Interesse). 61.000 Stellen in naturwissenschaftlichen Bereichen konnten 2009 nicht besetzt werden. Über 100.000 offene Stellen gab es in der Zeitarbeit. Mittlerweile werden auf zahlreichen Internet-Plattformen ausländische Facharbeiter umworben. Die Arbeitsministerien wollen eher mit regionalen Lösungen arbeiten. 2011 macht die Wirtschaft Druck bei der Zuwanderung und fordert eine am Bedarf orientierte Zuwanderung. Logisch gesehen müsste die Fachkräftelücke von Frauen (höhere Erwerbsquote), von Älteren (längere Lebensarbeitszeit) und Zuwanderern (Hochqualifizierte) gedeckt werden. 2011 ist der Ingenieurmangel auf einem Zehn-Jahres-Hoch (es fehlen allein 31.000 Maschinenbauingenieure). Jeder Vierte bricht das Studium ab. Man sollte darüber nachdenken, Absolventen deutscher Hochschulen automatisch ein Bleiberecht zu geben. 2011 werden die arbeitsrechtlichen Hürden für bestimmte Gruppen von Arbeitskräften gelockert (Ingenieure, Ärzte). Außerdem wird die Einkommensgrenze für die Aufenthaltserlaubnis gesenkt (und in den ersten drei Jahren nicht Hartz IV). Es wird auch die Einführung einer "Blue-Card" beschlossen (Einreise von Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern, Hochschulabschluss, 44.000 € Jahresgehalt). Immer mehr Unternehmen setzen auch auf flexiblere Arbeitszeiten mit Arbeitszeitkonten. Fachkräfte haben eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, das Potential sollte nachhaltig entwickelt werden. Dies gilt besonders für Ingenieure. Nach einer Prognose des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) gibt es 2013 zu viele Akademiker in Deutschland und zu wenige Facharbeiter. Im Juni 2012 macht die Bundesregierung einen Fachkräftegipfel. Bei einer deutsch-spanischen Ausbildungskonferenz wird eine Zusammenarbeit vereinbart: spanische Jugendliche werden in deutschen Unternehmen in Spanien oder in Deutschland ausgebildet.

Das Arbeitskräftepotential wird bis 2025 um 6,5 Mio. auf ca. 38 Mio. Beschäftigte absinken. 2030 soll es eine Lücke von über 5 Mio. Fachkräften geben. Gleichzeitig steigen die Krankheitszahlen an (Burn Out!).

Die Gesellschaft in Deutschland und den anderen Industrieländern, aber auch in vielen Schwellenländern, wird immer älter. Die Beschäftigungsquote bei den 60- bis 64-jährigen ist aber auf 23,4% im Jahre 2009 in Deutschland gestiegen. Die Beschäftigungsquote der über 55-jährigen beträgt 56%. In der gleichen Zeit sind aber 145.00 ältere Menschen arbeitslos gemeldet. Die älteren Menschen - auch "Silver Hairs" genannt - spielen als Kunden eine immer größere Rolle. Allerdings herrscht ein Statistik-Wirrwarr: Die Zahlen von Statistischem Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit, Eurostat der EU und Familienministerium stimmen nicht überein. Andererseits ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen 2010 in Deutschland mit 16,5% am niedrigsten in Europa. Seit 2000 ist die Zahl der Kinder um 2,1 Mio. gesunken. Eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (gehört zum StBA) 2012 zeigt, dass das Kinderkriegen in Deutschland immer unattraktiver wird. Hauptursache dafür ist die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf (auch subjektive Fragen). Vor allem höher qualifizierte Frauen sind betroffen. Nach dem IAB hat sich die Erwerbsquote der von 60- bis 64-jährigen seit 1991 bis 2011 verdoppelt. Deutschland hat nach Japan 2010 die älteste Bevölkerung der Welt: Jeder fünfte Deutsche ist über 65 Jahre alt (StBA). Am 25.04.2012 legte die Bundesregierung eine Demographiestrategie vor ("Jedes Alter zählt"). Themenschwerpunkte sind die Familie als Gemeinschaft, Gesundheit, Selbstbestimmtes Leben im Altert, Lebensqualität in ländlichen Räumen und integrative Stadtpolitik, Nachhaltiges Wachstum, Handlungsfähigkeit des Staates erhalten.

Ältere Menschen auf der Erde: Das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung liegt 2011 bei 28 Jahren. Im Jahr 2050 wird es vermutlich bei 38 Jahren liegen. Japan und Deutschland besitzen die älteste Bevölkerung mit durchschnittlich 44 Jahren. Uganda und Niger haben die jüngste Bevölkerung mit 15 Jahren.  Das Rentenproblem ist nicht das einzige. Bleiben wir auch länger gesund, so dass die Menschen länger arbeiten können? Die sozialen Probleme werden zunehmen. Insbesondere drohen Verteilungskämpfe in den wohlhabenden Ländern (siehe oben Kitzbühel). In der EU hat mittlerweile (2014, Office for National Statistics) Großbritannien die zweithöchste Bevölkerungszahl mit 64,1 Mio. nach Deutschland und vor Frankreich 63,6 Mio.  Hält der Trend an, hat das Vereinigte Königreich 2050 die Spitze in der EU. Die Geburtenrate liegt bei 1,98 und die Zuwanderung ist hoch. Parallel zur Bevölkerungsentwicklung nimmt auch die Ungleichheit in der Welt zu. Immer weniger Menschen haben einen immer größeren Reichtum. Die Zahl der Armen wächst und die Mittelschicht wird weniger. Dahinter stecken Fehlentwicklungen der Marktwirtschaft, Fehler der Politik und die Globalisierung. Die Verbindung zwischen weltweiter Bevölkerungsentwicklung und zunehmender Ungleichheit muss im Auge behalten werden. Vgl. auch Joseph Stiglitz: Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, München 2012 (Siedler). 2013 leben laut der UN 7,16 Mrd. Menschen auf der Erde (44% unter 25 Jahren, 1,4 Mrd. hungern). mittlerweile gibt es auch eine Stiftung Weltbevölkerung in Hannover.

Hinzu kommt der Trend zur Urbanisierung der Weltbevölkerung. Seit dem Jahr 2008 leben erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Für die deutsche Industrie sind die Mega-Städte allerdings eine große Chance. Deutsche Unternehmen können Techniken gegen Verkehrschaos, U-Bahnen u. a. zur Verfügung stellen. Insgesamt leben im Jahre 2011  6.973.762.000 Menschen auf der Erde. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um die deutsche Größe (80 Mio.). In den kommenden 40 Jahren wächst sie wahrscheinlich auf 8 Mrd. an, wobei das Wachstum fast ausschließlich in den Entwicklungsländern ist. Bezieht man sich auf Erdteile, wächst die Bevölkerung in Afrika, Asien und Nordamerika. Nur in Europa geht sie zurück. In Deutschland zeigt der Prognos - Zukunftsatlas, dass  in der Mehrzahl der Städte und Kreise die Einwohnerzahl schrumpft.

Konzentriert man das Thema insgesamt auf Deutschland, ist bei der Ungleichheit zu bedenken, dass Armut und Reichtum sehr relative Größen in Wohlstandsgesellschaften sind (Schwierigkeiten der Definition). Außerdem sind große sozialstrukturelle Veränderungen zu berücksichtigen, die auch Einfluss auf die Bevölkerungsstruktur haben: Zwischen 1990 und 2011 ist die Anzahl von Einpersonenhaushalten von 35 auf über 40% gestiegen. Die Alleinerziehenden sind von 14 auf 20% gewachsen, die Älteren von 21 auf 27%. Hinzu kommt, dass die ehemaligen DDR-Bürger (16 Mio.) und neu aus dem Ausland Hinzugezogene (ungefähr 20 Mio.) - materiell - integriert werden mussten. Die Letzteren kamen aus Ländern, in denen überwiegend bittere Armut herrscht. Eine detaillierte Analyse der Bevölkerungssituation in Deutschland liefert auch der Familienreport des Bundesfamilienministeriums.  Im Bericht 2013 wird eine Trendwende bei der Geburtenrate gesehen. Bei Akademikerinnen sei der jahrelange Anstieg der Kinderlosigkeit gestoppt. Drei Viertel der Kinder wachsen bei Eltern mit Trauschein auf. Die Zahl der Scheidungen sei seit 15 Jahren konstant.

Die Lasten der alternden Gesellschaft in Deutschland lassen sich mit Zahlen belegen: 25.000 € pro Kopf betragen die Staatsschulden im Herbst 2012; es werden immer mehr für die folgenden Generationen.  Drei Erwerbstätige kommen heute auf einen Rentner, 2060 stehen zwei Rentner gegenüber. Heute beträgt die Lebenserwartung eines Mädchens 83 Jahre, 2060 rund 90 Jahre. Von der Bevölkerungsentwicklung werden die Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland sehr unterschiedlich getroffen. Bis 2025 werden die Regionen Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern mehr als 10 Prozent schrumpfen. Stark wachsen wird die Bevölkerung nahe München, in Hamburg und Berlin (mehr als +10%). s. FAZ, Montag 05.11.12, S. 5.

 Das größte Folgeproblem in Deutschland ist die Altersarmut. Langzeitarbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsformen, aber auch die Umstellung der Rentenformel, werden zu Versorgungsproblemen im Alter führen. 51% beträgt das Rentenniveau heute, 2030 sinkt es auf 43%. Heute gelten 14% der Senioren als armutsgefährdet. Bei Alleinerziehenden sind es 37%. Die Bundesregierung will mit einer Zuschussrente den langjährig Versicherten mit Niedrigeinkommen eine Rente von 850 € garantieren. Wer bei der Rente mit 67 früher aussteigt, muss Abschläge bis zu 18 Prozent in Kauf nehmen. Dies kann zu einer spürbaren Rentenkürzung führen. Es soll ein Konzept zur Bekämpfung der Altersarmut entwickelt werden (Gesetz). Darin enthalten ist eine Zuschussrente für Geringverdiener und höhere Zusatzverdienste für Frührentner. Die Bundesregierung beschließt im November 2012 eine Lösung (Lebensleistungsrente; Finanzierung aus Steuermitteln, nur ca. 2% werden Anspruch haben).  Schon 2012 wird deutlich, dass ca. 400.000 Senioren sich kein Altenheim mehr in Deutschland leisten können. Das durchschnittliche Arbeitsleben in der EU dauert 35 Jahre. Am längsten sind die Schweden in Arbeit mit 40 Jahren. In Deutschland sind die Erwerbstätigen 37 Jahre aktiv.  2030 wird der Höhepunkt des Bevölkerungsproblems in Deutschland erreicht: Dann wird der Jahrgang, der sich aus der Arbeit verabschiedet doppelt so groß sein wie jener, der von unten ins Erwerbsleben hineinwächst. In Bezug auf Afrika gibt es auch einen großen Irrtum: Heute sind die Menschen oft so arm, dass sie sich Flucht nicht leisten können. Bekommen die Menschen mehr Bildung, steigt die Abwanderungsbereitschaft. Also wird sich das Migrationsproblem verstärken. Wachsender Wohlstand, bessere Lebensperspektiven  und mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen führen zu sinkenden Kinderzahlen, was die Lösung sein muss.

Am 18. Oktober 2012 fand im Pfalzbau Ludwigshafen ein Demographie-Kongress statt (Regionalstrategie Demographischer Wandel).

"Über Vergangenes mache dir keine Gedanken, dem Kommenden wende dich zu", Tseng Kuang.

 

Abwertungswettlauf von Währungen ("Währungskrieg" in der Welt, Rolle in der Außenwirtschaftspolitik):

"Der moderne Mensch hat nur ein neues LASTER erfunden: die Schnelligkeit", Aldous Huxley.

Währungen (Geld bezogen auf Geld in einem anderen Land) beeinflussen Kaufkraft und Preise. Sie spielen eine große Rolle im Kampf um eine bessere Wettbewerbsfähigkeit zwischen Ländern. Die Beziehung zwischen zwei Währungen nennt man Wechselkurs (bzw. Devisenkurs).

Schwachwährungsländer können ihre Probleme in der Regel durch Abwertung lösen. Dadurch werden die eigenen Waren, die man exportieren will, billiger. In der EU wurde durch den Euro dieses Währungsventil geschlossen. Damit hängen die Probleme der Peripherieländer der EU (Griechenland, Italien, Spanien, Portugal) zusammen. Die eigene Wettbewerbskraft kann jetzt nicht mehr künstlich auf Kosten der Nachbarländer gestärkt werden. Der Vertrag von Maastricht verbietet ein Helfen bei Haushaltsproblemen (bail-out). Deshalb wird die Einführung eines Europäischen Währungsfonds erwogen. Die Abwertung kann wegen der Unabhängigkeit der Notenbank in vielen Ländern nicht direkt vorgenommen werden. So erfolgt sie indirekt: Wenn z. B. die Notenbanken in den USA und in Großbritannien in großem Ausmaß Staatsanleihen kaufen, um das Schuldenmachen der Regierung zu erleichtern, schwemmt dies Geld in den Markt. In der Folge sinkt dadurch der Wert von Dollar und Pfund (Weichwährungen, "billiges Geld für niedrige Wechselkurse und schnelleres Wachstum"). Bei einem G20-Treffen im Februar 2013 einigt man sich darauf, wenigstens Wechselkurse nicht direkt an Wettbewerbsgesichtspunkten auszurichten. Gewisse Zielwerte können dagegen verfolgt werden. In einen Abwertungswettlauf ("Währungskrieg") will man nicht eintreten.

Eine Ab- oder Aufwertung ist auch häufig Gegenstand von Spekulationen. Historisch am meisten wurde mit dem britischen Pfund verdient (Soros). Aber auch Peso, Rubel, Yen, Euro und Dollar waren schon das Ziel. Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Wechselkurs und Wahlen (z. B. Wahl in Italien). Die Abwertung des Euro 2010 hat die konjunkturelle Entwicklung in Europa gestärkt (Schätzung für Deutschland 2010 5 Mrd. €, 80.000 Arbeitsplätze). Daran waren vor allem die Produkte Autos, Elektrotechnik und chemische Erzeugnisse beteiligt. Dafür wurden Öl und Rohstoffe teurer. Die Abwertung des Euro allein 2010 ist z. B. verbunden mit einer Aufwertung des Yuan um 6% (feste Bindung an den Dollar). Im Juni 2010 wird der Yuan wieder durch eine Bindung an einen Währungskorb flexibilisiert (wie von 2005 - 2008), was nicht notwendigerweise zu einer Aufwertung des Yuan führen muss. Vielleicht wird die Währung in einigen Jahren (2014 oder 2015?) freigegeben. 2013 vollzieht die chinesische Zentralbank einen Kurswechsel. Das Geld wird drastisch verknappt, um die Spekulationsblasen zu bekämpfen (Zinsen im Interbankenmarkt vorübergehend bei 14%, Leitzins schon lange bei 6%). Im Herbst 2013 wird ein Experiment in Shanghai gestartet, wo ein freier Wechselkurs regional ausprobiert wird. Während Japan den Yen so stark abwertet (in den letzten Monaten um 30% gegenüber dem Dollar) hat China leicht um 2% aufgewertet (die Stückkosten sind massiv gestiegen). 2011 befindet sich der Euro gegenüber dem Dollar wieder in einem Aufwertungsprozess, 2013 in einer Abwertungsphase. Dies setzt sich mit der Senkung des Leitzinses auf 0,25% fort (siehe unten). Abwertungsprozesse haben großen Einfluss auf den Wert der Staatsanleihen. Würde z. B. der Dollar um 20% abgewertet, verlöre die chinesische Zentralbank ca. 400 Mrd. Dollar. "Gönne dir einen Augenblick der Ruhe und du begreifst, wie närrisch du herumgehastet bist", Laotse.

Nach der Abwertung des Yen durch die Geldschwemme 2013 in Japan (Hedgefonds machen Milliardengewinne mit ihrer Wette auf die Abwertung; Japan spricht von Selbstverteidigung gegen die amerikanische Geldpolitik; auch Abenomics genannt; genauer: Baustein 1 radikale Geldpolitik, um künstlich Inflation und Abwertung herbeizuführen; Baustein 2 schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme; Baustein 3 strukturelle Reformprogramme zur Erhöhung der Steuereinnahmen und Deregulierung des Arbeitsmarktes) befürchten Experten einen Abwertungswettlauf. Der Leitzins liegt fast bei Null und kann nicht weiter gesenkt werden. Deshalb kauft die Notenbank Staatsanleihen und andere Wertpapiere (die Gesamtverschuldung liegt im Mai 2013 bei 237%!). Die Geschäftsbanken horten eher das Geld und es kommt nicht in die Wirtschaft (deshalb keine Inflation). Andererseits sind Japans Banken die größten Kreditgeber im Ausland. Die japanische Wirtschaft leidet an einem Nachfragemangel und Strukturproblemen. Der Nikkei-Index steigt (seit Jahresbeginn 2013 bis Anfang Mai um 25%). Im ersten Quartal 2013 kletterte das BIP um 3,5% (die Stagnation scheint überwunden). Schwachstelle bleiben die Investitionen. Bisher investiert hauptsächlich der Staat. Importe wie Öl und Gas werden aber erheblich teurer. Japanische Anleger könnten ihr Geld ins Ausland verlagern. Insgesamt muss sich Abenomics nicht nur in der Geldpolitik, sondern auch in der Finanz- und Strukturpolitik bewähren (Sanierung des Staatshaushalts, Vertrauen ausländischer Investoren, Naivität der Sparer). Eine zu starke Abwertung birgt hohe Risiken. Es könnte ein "Sell Japan"-Effekt (gleichzeitiger Verkauf von Yen, Aktien und Anleihen) ausgelöst werden. Als kritische Grenze gilt 107 Yen.  Betroffen von den Folgen einer Yen-Abwertung sind vor allem die Schwellenländer. Extrem volatil sind der Südkoreanische Won, der Brasilianische Real, der Südafrikanische Rand und der Australische Dollar. Teilweise sind in diesen Ländern die Zinsen noch akzeptabel, wodurch Anleger angelockt werden. Die Länder werden zu Gegenmaßnahmen gezwungen (Kapitalverkehrskontrollen, Zollerhöhungen, Importverbote, vgl. auch Außenwirtschaft/Monetäre Außenwirtschaftstheorie über den Link "Monetäre Außenwirtschaftstheorie"). 2014 stürzt Argentiniens Währung Peso so stark ab wie seit zehn Jahren nicht mehr. Investoren befürchten eine Finanz- und Wirtschaftskrise. In Europa  müssen einige Länder dem Pfund folgen und auch abwerten (Dänemark, Norwegen). Ein wirksame Waffe in "Währungskriegen" ist eine expansive Geldpolitik. Das ist auch ein Grund für die weltweite Geldschwemme. Die angekündigte Verringerung der Geldmenge in den USA durch die Fed lässt 2013 die Währungen der Schwellenländer wieder schwächer werden. Der brasilianische Real verliert im ersten Halbjahr 2013 20% gegenüber dem Dollar. Jetzt legt Brasilien ein Interventionsprogramm auf (45 Mio. €, Tauschgeschäfte in $/ Swaps und Fremdwährungsgeschäfte). Aber auch 2014 verliert der Real weiter an Wert. Die indische Rupie hat noch stärker verloren (innerhalb von zwei Jahren mehr als 40%).  Verloren hat 2013 auch die indonesische Rupiah. Schwächer wurde auch 2013 die Währung der Türkei (2014 setzt sich die rasante Talfahrt fort, Leitzinserhöhung?). Der Leitzins wird Ende Januar 2014 auf 12% erhöht (von 7,75%).  Relativ stark bleibt 2013 der mexikanische Peso (der Leitzins konnte  auf 3,75% gesenkt werden). Südafrika erhöht den Leitzins Ende Januar 2014 auf 5,5%. Aber der Kapitalabfluss wird nicht aufgehalten. 2014 sind auch die Währungen im Osten, vor allem der Rubel, im freien Fall. Aber auch der kasachische Tenge ist betrofffen. Die Aussicht auf eine Zinserhöhung in den USA beeinflusst Investoren ihr Kapital abzuziehen und in die USA zu bringen. Immer mehr Länder erwägen, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen. Die Beibehaltung der lockeren Geldpolitik der Fed im Herbst 2013 verschafft den Schwellenländern zunächst Zeit (Währungen werten wieder auf). Im Januar drosselt die Fed ihre lockere Geldpolitik. Die EU verfehlt ihr Inflationsziel von 2% 2013. Aktuell ist die Inflationsrate bei 1,2% (in der Eurozone bei 0,7%, Oktober 13). Die Furcht vor Deflation geht um. Fallende Preise führen zu steigendem realen Wert der Schulden. Das kann insbesondere den kriselnden Staaten des Südens schaden. So könnte es sein, dass die EZB die Zinsen weiter senkt; auch um den Euro abzuwerten. Davon profitierten vor allem die Exporteure in Europas Süden. Dies geschieht dann auch am 07.11.13 von 0,5% auf 0,25%. Sofort verliert der Euro an Wert und der Aktienkurs legt zu. Die Frage ist, ob der Konsum angeregt wird (Binnenkonsum). Es könnte auch Inflationsgefahr drohen. Die Frage ist auch, ob die Banken das Geld weitergeben oder horten. "Es gibt eine Zeit zum Fisch und eine Zeit zum Netzetrocknen", aus Neuseeland.

Die weltweite Liquiditätsschwemme lässt das Vertrauen in Papiergeld schwinden. Alternative Werte wie Gold (Preis bricht zwischenzeitlich ein) und Immobilien werden wichtiger. Im Mai 2013 senkt die EZB den Leitzins für den Euroraum um 25 Basispunkte auf das historisch niedrige Niveau von 0,50%. Dies geschieht in der Hoffnung, dass die Banken niedrige Kreditzinsen an die Wirtschaft weitergeben, um die Konjunktur anzuregen (allerdings fraglich bei der schlechten Lage der Banken in den Krisenländern). In Griechenland, wo der Markt für Mittelstandskredite 2013 fast zusammengebrochen ist, soll die Europäische Investitionsbank helfen. Prognosen - auch die der EU-Kommission - sehen eine negative Entwicklung des BIP in Europa (2013 -0,4%). Auch Deutschland wird in den Sog nach unten mitgezogen (viele große Unternehmen aus dem DAX bauen Stellen ab). Die Liquidität wächst natürlich weiter (Euro könnte in der Folge abgewertet werden, was zunächst auch passiert). Es könnten auch falsche Signale verstärkt werden. Dies könnte dazu führen, dass die Akteure wieder höhere Risiken eingehen (dann Blasenbildung, vor allem auf dem Immobilienmarkt, der sowieso der Fluchtmarkt ist). Diese Entwicklung zeigt sich schon in den USA. Die expansive Geldpolitik der US-Notenbank lässt die Preise am Immobilienmarkt 2013 kräftig anziehen. Die großen staatlichen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac unterstützen dies. Hier könnte sich die nächste Blase aufbauen. Für die Sparer ist diese Entwicklung eine Katastrophe. Die versprochenen Renditen für die private Altersvorsorge lösen sich in Luft auf. Würde die Krise aber weiter eskalieren, müssten die Sparer noch mehr um ihr Geld bangen. Im Grunde befinden sich die drei großen Wirtschaftsräume USA, EU und Japan in einer geldpolitischen Experimentierphase. Sie haben vor allem versäumt, ihren Bankensektor zu bereinigen. So werden zu unrecht weiter Krisenbanken unterstützt (weil sie schwer identifizierbar sind). Störungen bei der Giralgeld - Schöpfung der Banken konnten neutralisiert werden, aber das Verhalten von privaten Haushalten und Unternehmen wurde verunsichert (obwohl hier eigentlich die Geldmenge nicht außergewöhnlich aufgebläht wurde). Die Börsen honorieren die Geldpolitik zunächst. Die Frage ist, ob und wann die Realwirtschaft wieder florieren wird. Die großen Unternehmen profitieren. Im Jahre 2012 haben sie durch Anleihen, die niedriger verzinst sind als im Krisenjahr 2007, 580 Mio. € an Zinszahlungen eingespart (Quelle: CBP, Uni Saarbrücken). Die Nachfrage aus den Schwellenländern sinkt (hängen stark an der Geldpolitik der Fed), wovon auch Deutschland betroffen ist (Exporte in diese Länder machen 11,1% des BIP aus, IWF). Nur China erscheint als Hort der Stabilität. Weder bricht die Währung ein, noch fliehen Investoren (Finanzsektor von den großen Staatsbanken geprägt).

Insgesamt hat die Notenbankpolitik in den USA und der Abwertungswettlauf der Währungen zu einem Sinkflug der Schwellenländer geführt. 2014 ist das Wachstum wichtiger Schwellenländer wie Argentinien, Brasilien, Türkei, Russland und Indien eingebrochen. Der Verlust der jeweiligen Landeswährung zum Dollar ist immens (Anfang 2011 bis Anfang 2014):  Argentinien -49,4%; Brasilien -30,3; Türkei -30,5; Russland -12,1; Indien -28,2. Auch die Aktienmärkte brechen ein, außer in Argentinien. Am 22.01.15 gibt die EZB den Kauf von Staatsanleihen von Banken im großen Rahmen bekannt. Dadurch soll Geld in neue Anlagen fließen, vor allem in den südlichen Krisenländern (monetäres Konjunkturprogramm). Die Wirtschaft soll schneller wachsen. Die Steuerzahler stehen dafür im Risiko (zusätzlich bekommen sie fürs Sparen dauerhaft keinen Zins mehr und können für das Alter nicht mehr vorsorgen). Am 22.0102015 gibt die EZB den Kauf von Staatsanleihen in großem Umfang bekannt. Monatlich werden für 60 Mrd. Euro Staatsanleihen von Banken aufgekauft (von März 2015 bis September 2016. Die Summe beträgt insgesamt 1140 Mrd. €). Die Staatsanleihen werden nach dem Anteil der Mitgliedsländer an der Notenbank gekauft, also am meisten Papiere von den Deutschen (trotzdem ist es eine Art Vergemeinschaftung der Haftung für Staatsschulden). Es gibt keine Eingrenzung bei den Laufzeiten. Die Frage ist, ob die Krisenländer jetzt trotzdem weiter Reformen durchführen und ihre Haushalte konsolidieren. Offen bleibt auch, ob die Preissteigerung tatsächlich angehoben werden kann. Ein schwächerer Euro ist sicher auch für die Exportwirtschaft erwünscht, insofern ist dies ein Element im Währungskrieg  

Aktuell: Die EZB (oder vorher die Fed) "produziert" neues Geld, indem sie Staatsanleihen auf dem Markt von den Banken kauft. Das Geld soll über die Banken in den realen Markt einsickern. Das Ziel ist, die Konjunktur anzukurbeln und die Inflation zu erhöhen (im Januar 2015 erstmals Preisrückgang). Der Euro-Kurs wird nebenbei gegenüber Dollar und Yen gedrückt, was die Exportchancen verbessert. Die Staaten können sich billiger verschulden (was sie hoffentlich nicht von Strukturreformen abhält; erst einmal hat man Zeit gewonnen). Die Steuerzahler zahlen die Zeche (als Sparer und Rentner). Die Vermögenswerte steigen (Aktien, Häuser). Insgesamt gesehen wirken die Anleihekäufe also über drei Kanäle: Kredite, Vermögen und Wechselkurs. Man kann die Wirkung aber nicht gleichsetzen in den großen Industrieländern (in Großbritannien und USA positiv, in Japan negativ). So funktionieren die Kapitalmärkte in den USA anders (mehr auch auf Immobilien und Unternehmensanleihen bezogen). Die Geldflut könnte das reale Bild über die ökonomischen Fähigkeiten verzerren. Am 14.12.16 erhöht die Fed den Leitzins in den USA leicht auf 0,5 bis 0,75%. Dadurch steigen in der Regel die Schulden der Schwellenländer, die überwiegend in Dollar bestehen. Am 15.03.17 erfolgt eine weitere Leitzinserhöhung auf die Spanne von 0,75 bis 1,0 %.   "Ich verstehe nicht, warum Länder ihre Währung abwerten, um den Export zu fördern, und dann andere Länder zwingen wollen, ihre Währung aufzuwerten", Wen Jiabao, ehemaliger Ministerpräsident Chinas vor dem Nationalen Volkskongress im März 2010.

Die Diskussion über Abwertungen und eine "angemessene" Bewertung von Währungen wird nie enden. Erstens ist die Wirtschaftsdynamik und die Krisenanfälligkeit in der Welt so hoch, dass Erwartungssprünge immer für Unsicherheiten und Volatilitäten sorgen werden. Zweitens gibt keine Einigkeit über das "richtige" Wechselkursniveau. Allein der Hauptindikator "Big Mac-Index" zeugt davon, wie wenig Möglichkeiten die Wissenschaft mit ihren Modellen hat. Drittens wird durch den Mechanismus, dass die Abwertung des einen Landes automatisch zur Aufwertung in einem anderen Land führt eine Art "Perpetuum Mobile" in Gang gesetzt.  Insofern steht der nächste Abwertungswettlauf immer bevor. Letzter Auslöser war ein Abwertungsprozess im August 2015 in der VR China drei Tage hintereinander. 2016 stürzt das britische Pfund ab nach der Brexit -Entscheidung. 2017 erstarkt der Dollar nach der politischen Wende in den USA. 2018 schmiert die türkische Lira ab (verliert 2018 die Hälfte ihres Wertes) wegen der Wirtschaftskrise (Arbeitslosigkeit, Inflation, Verschuldung) und den 50%-Strafzöllen der USA auf Stahl (Nichtfreilassung eines US-Pastors). Neben der Abwertung rückt mit dem Ausbreiten eines Handelskrieges auch immer mehr die globale Rolle der Währung in den Mittelpunkt. Stärkung der Rolle des Euro in der Welt: Mehr Verwendung des Euro im internationalen Handel. Vor allem der Energiesektor (Energieimporte) wird zu stark in Dollar gehandelt (Öl, Gas). Die internationalen Kontakte nach Südamerika, Afrika und Asien sollten stärker für den Euro genutzt werden. Finanzinfrastrukturen sind in einem starken Wandel. Zahlungen werden auf immer neuen Wegen abgewickelt. Der Euro sollte das als Chance nutzen. Eine Kapitalmarktunion mit stärker integrierten Märkten könnte weiter helfen.

 

Soziale Gerechtigkeit und Arbeit (Begriff und Problem, philosophische Grundlagen, Messung, Ungleichheit in der Welt, Ursachen, Eigentumsordnung, Folgen, Armut, Politischer Grundwert, Prognose, Themen; vgl. auch die  Seiten "Economics/ special"/ Arbeitsökonomik, "Methode/Econometrics" und "Ostasien/global")

Die Wieskirche in Oberbayern bei Steingaden. Sie gilt als Bayerns schönster Rokoko-Bau und ist seit 1983 Weltkulturerbe. Die katholische Kirche und  die evangelische Kirche sehen soziale Gerechtigkeit als einen ihrer wichtigsten Werte an (verbunden mit Barmherzigkeit). Gerechtigkeit ist der Kern religiöser Existenz.  Schon der Prophet Amos in der Bibel sieht durch wirtschaftliche Blüte die Gefahr wachsender Ungleichheit und fordert Gerechtigkeit ein (Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein Bach). Ebenso stellen alle politischen Parteien die soziale Gerechtigkeit als ein Ziel heraus. So anerkannt Gerechtigkeit als Wertvorstellung ist, so umstritten ist die konkrete Definition und die praktische Umsetzung in der ökonomischen Realität. Durch das Vordringen von Marktgesellschaft und Marktgläubigkeit ist die soziale Gerechtigkeit in den Hintergrund getreten. In China dürfte sich die Existenz der KPC an der Gerechtigkeitsfrage entscheiden.

"Ich für meinen Teil glaube, dass es eine soziale und psychologische Rechtfertigung für eine signifikante Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand gibt - allerdings nicht für derart große Missverhältnisse, wie sie heute existieren", John Maynard Keynes.

Begriff und Problem: Ursprünglich bedeutete Gerechtigkeit nur die Durchsetzung geltenden Rechts und die Rechtsgleichheit aller vor dem Gesetz. Man unterscheidet heute bei der Gerechtigkeit Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit (im Rahmen eines Gesellschaftsvertrags eines freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens) und Ergebnisgerechtigkeit (im Sinne von soziale Gleichheit). Daneben werden oft noch Familiengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit genannt. Es ist ein Dauerthema der politischen Diskussion (vgl. unten), wenn effiziente Marktergebnisse als ungerecht empfunden werden. Nach Umfragen ist die gefühlte Ungerechtigkeit seit den 80er Jahren stetig gewachsen, seit 2008 sprunghaft. Viele glauben, dass Leistung nicht mehr gerecht gemessen wird. Auch Bildung kann Aufstieg nicht mehr garantieren. Es gibt nicht mehr genug Arbeit für alle, die arbeiten wollen. Viele Menschen kommen aus der prekären Beschäftigung nicht mehr heraus (vgl. M. Breitscheidel: Arm durch Arbeit, Berlin 2010). Das ist besonders kritisch in modernen Gesellschaften, in denen sich normalerweise der Mensch über die Arbeit definiert. Damit hängt auch das Glück von der Arbeit ab (vgl. Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht, Bauer, Joachim, München (Blessing) 2013. An die Arbeit gebunden sind auch Gesundheit und Rente. Fast ein Fünftel aller Jugendlichen findet keine richtige Arbeit (20% der Fünfzehnjährigen können nur auf Grundschulniveau rechnen, lesen und schreiben, Vgl. Die Zeit Nr.40, 26. Sep. 2013, S. 25f.). Die Generationengerechtigkeit ist in Deutschland und vielen anderen Ländern darüber hinaus durch die dramatische demographische Entwicklung gefährdet. Die Menschen leben sehr lange, es gibt zu wenige Kinder, die die vielen Älteren finanzieren können (Sozialversicherung). In der Demokratie und Marktwirtschaft sehen viele Experten den Kern in der Chancengerechtigkeit. Diese kann durch wachsende Ungleichheit, die durch die Wirtschaftskrisen beschleunigt wurde, stark gefährdet sein. Die Verhaltensökonomie liefert ständig neue Erkenntnisse, die darauf hindeuten, dass den Menschen Gerechtigkeitsfragen mindestens genauso wichtig sind wie ihr eigener Vorteil. Meiner Meinung nach können wichtige und grundlegende ökonomische Fragen nicht ohne Rekurs auf Fragen der Gerechtigkeit entschieden werden. Reine und unkritische Marktgläubigkeit in der Ökonomie führen auch zu Politikverdrossenheit, Desinteresse, Egoismus und Frustration. "Je mehr einer für andere tut, desto mehr besitzt er. Je mehr er anderen gibt, desto mehr hat er", Laotse.

Philosophische Grundlagen: John Rawls (Theory of Justice, 1921 bis 2002): Nicht alle sind gleich, also sollen auch nicht alle gleich behandelt werden. Im Zweifel sollen die Schwächsten bevorzugt werden. "Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die aus dem Namen des Wohls der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann. Daher lässt es die Gerechtigkeit nicht zu, dass der Verlust der Freiheit bei einigen durch ein größeres Wohl für andere wettgemacht wird", John Rawls. Alle großen Ökonomen haben sich mit der Frage der ökonomischen Gerechtigkeit beschäftigt. Schon der Begründer der Ökonomie Adam Smith ging darauf ein. Er definierte eine Art Minimum - Gerechtigkeit (vom Ertrag der Arbeit leben können, Fairness). Gustav von Schmoller (1838-1917) wies auf das selbständige Denken und Handeln der Menschen ("Selbsthilfe") hin. Ludwig Ehrhard, der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft (1897-1977), wollte den Kampf um Distribution vermeiden (also Umverteilung), damit das Wachstum des BIP im Mittelpunkt steht. Friedrich August von Hayek will keine Verteilungsgerechtigkeit, sondern Regelgerechtigkeit (Ders., Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit, 1976). Milton Friedman propagierte "The business of business is business" (die Wirtschaft soll nicht über gerecht oder ungerecht diskutieren). Als einer der ersten großen Denker machte Aristoteles (384-322 v. Chr.) die Gerechtigkeit zum Thema. Er glaubt nicht, dass Gerechtigkeit neutral sein kann. Sie ist einmal teleologisch (man muss Zweck und Ziel der Natur kennen) und hat zum anderen mit Ehre zu tun. Die Menschen sollen das bekommen, was sie verdienen. Charakterbildung ist aber nur im Austausch von Argumenten möglich. Die Soziale Gerechtigkeit steht im Zentrum des Marxismus (Karl Marx, 1818-1883; Hauptwerk "Das Kapital", 1867-1894, 3 Bände): Die Produktionsmittel sind im Eigentum einer Minderheit. Diese beutet die Arbeit der Mehrheit aus. Die Arbeiter werden gebildeter  und schütteln die Unterdrückung ab (kommunistische Revolution). Auch viele Schriftsteller und Dichter haben sich des Themas angenommen (z. B. Georg Büchner, Berthold Brecht). "Lieber die Hütte, wo man fröhlich ist, als der Palast, wo man weint", aus China. "Unsere Wohlstandskultur vermindert offenbar unser Gespür für unsere gegenseitige Verantwortlichkeit", Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln. Drum machte er lieber Investments als den Bedürftigen zu helfen. Vgl. Die Zeit, Nr. 8, 13. Februar 2014, S.17ff.

Vergleiche zum Thema Philosophie der Gerechtigkeit aktuell die Analyse von Michael J. Sandel: Gerechtigkeit. Wie wir das Richtige tun, Berlin 2013 (Originalausgabe mit dem Titel "Justice", New York 2009). Er beschreibt auch die vier grundlegenden Theorien der Verteilungsgerechtigkeit: 1. Feudal- und Kastensystem. 2. Libertarianisch: freier Markt mit formaler Chancengleichheit. 3. Meritokratie: freier Markt mit fairer Chancengleichheit. 4. Egalitär: Rawls´Unterschiedsprinzip. Sandel prägt mit seinem Harvard-Kurs-Hit "Gerechtigkeit" auch die Moralvorstellungen der ökonomischen Elite von morgen. Weil die Nachfrage so gewaltig war, wurde die Vorlesung ins Internet gestellt ( www.justiceharvard.org ). Er sieht insgesamt drei philosophische Traditionen bei dem Gerechtigkeitskonzept: Utilitarismus (J. S. Mill; Maximierung von Glück und Wohlstand), Immanuel Kant (Gerechtigkeit als Respekt vor individueller Freiheit und persönlicher Würde), Aristoteles (Gerechtigkeit als Ziel eines gelingenden Lebens und Zusammenlebens, Kultivierung der Tugenden). Aus seiner Sicht spricht viele für den Gerechtigkeitsbegriff von Aristoteles. Vgl. Das Marktdenken hat uns im Griff, Interview mit Michael Sandel in der Wirtschaftswoche, Nr. 45, 4.11.2013, S. 26f. "Nichts verhindert den rechten Genuss so wie der Überfluss", Michael de Montaigne.

Messung und Ergebnisse (Transparenz): International vergleicht man empirisch (Statistik) normalerweise beim Einkommen den Gini-Koeffizienten (Vgl. auch Methoden, Alternativen: Herfindahl, relative und absolute Konzentration, Anteile am Medianeinkommen, Mittelwerte, Lorenzkurve, Pro-Kopf-Einkommen u. a.). Der Wert eins bei Gini definiert totale Ungleichheit (einer hat alles und alle anderen nichts). Bei null besteht völlige Gleichheit. Graphisch kann dies an der Lorenz-Kurve dargestellt werden. Der Gini-Koeffizient ist nach einem italienischen Statistiker benannt und berechnet mathematisch die Fläche zwischen Diagonale und den Seiten in einem Rechteck. Über die mathematischen Methoden und deren Vor- und Nachteile herrscht Klarheit. Das Problem sind die zugrunde liegenden amtlichen Statistiken. Sie sind verzerrt, mit Lücken behaftet und veraltet. Auch die Zuordnung statistischer Daten zu der Formel ist umstritten. Die statistische Grundlage der sozialen Gerechtigkeit ist also sehr unbefriedigend. Deutschland liegt beim Einkommen bei 0,3 (gleicher als USA, Japan, China, Großbritannien). Die USA liegen bei 0,38, Japan bei 0,33. Dänemark hat einen Wert von 0,25 (OECD). Man kann den Gini-Koeffzienten vor und nach der staatlichen Umverteilung berechnen (vgl. zu mehr das Gebiet "Arbeitsökonomik"). Betrachtet man Verteilungsmaße im zeitlichen Ablauf sollten immer auch sozialstrukturelle Veränderungen berücksichtigt werden. Für die Bekämpfung relativer Ungerechtigkeit (bei Löhnen) sind in den europäischen Staaten eigentlich die Gewerkschaften zuständig. National werden Einkommens- und Vermögensverteilung betrachtet.  "Wer sich darauf versteht, das Leben zu genießen, muss keine Reichtümer anhäufen", aus China.

Beim Vermögen 2008 hatte in Deutschland das reichste Zehntel der Bevölkerung 52,9% des Nettovermögens. 1,2% des Vermögens sind im Besitz der ärmeren Hälfte der Haushalte (Quelle: EVS 2008; 4. Armuts- und Reichtumsbericht; Der Spiegel 7/2013, S. 40). 2010 gegenüber 2000 hatte das unterste Zehntel  der Haushalte bezogen auf das verfügbare Einkommen einen Rückgang von -10,3% zu verzeichnen. Das oberste Zehntel einen Zuwachs im gleichen Zeitraum von 15,5% (Quelle: SOEP, DIW Berlin). Es gibt große statistische Defizite. Das Statistische Bundesamt kann über Vermögen über 2 Millionen Euro kaum Angaben machen. Völlig unzureichend sind die Informationen über die Verteilung des Produktivvermögens. Immer wieder umstritten ist auch die Armutsgrenze (klar ist, dass sie relativ ist). Hier sind die Statistiken bei Auswertung immer schon einige Jahre alt (5 Jahre). Der Gini-Koeffizient wird auch in Deutschland beim Netto-Vermögen errechnet. 2008 war der Wert 0,75. Das reine Geldvermögen ist 2012 in Deutschland so hoch wie nie zuvor. Es liegt auf der Rekordhöhe von 4939 Mrd. Euro.  Allerdings liegt auch die Verschuldung der privaten Haushalte relativ hoch (1566 Mrd. €). Das Nettovermögen pro Haushalt ist in Deutschland im europäischen Vergleich eher niedrig (51.400€, Angaben der EZB). In Frankreich, Italien und Spanien ist es viel höher. Es ist ein interessantes Phänomen, dass die deutsche Volkswirtschaft insgesamt sehr viel mehr produziert als sie verbraucht (Exportüberschuss!), davon aber im Vergleich wenig beim Bürger zur Vermögensbildung bleibt. Das liegt daran, dass die gesamtwirtschaftliche Ersparnis schlecht angelegt wird und dass die Sparleistung (Vermögensbildung) sehr ungleich verteilt ist (vgl. Gros, D./ Mayer, T.: Ein Vermögensbildungsfonds für Deutschland, in: FAZ, Nr. 22, 22.11.13, S. 12). Auch die Wohnungseigentümerquote ist in Deutschland lediglich bei 45,7%. Der europäische Schnitt liegt bei 70 Prozent.  "Genug zu haben ist Glück, mehr als genug zu haben ist unheilvoll. Das gilt vor allen Dingen, aber besonders vom Geld", Laotse. Der reichste Deutsche war Aldi-Mitbegründer Karl Albrecht, der 2014 starb (März 2014 Vermögen auf 18 Mrd. Euro geschätzt).

Global (transnational): Ungerechte Arbeitsbedingungen im Ausland werden auch oft angeprangert (Lohnsklaverei, Interdependenzen zu uns! Konsumethik). Die Ungleichheit in den meisten Ländern der Welt nimmt zu. Immer weniger Menschen haben immer mehr Reichtum (Luxus). Die Mittelschicht wird ausgedünnt und die Zahl der Armen nimmt drastisch zu. Ursachen (vgl. auch weiter unten genauer) sind Konstruktionsfehler der Marktwirtschaft, falsche Politik, technischer Fortschritt (stärkere Lohnunterschiede) sowie die Globalisierung. Insbesondere die Fortschritte in der Informationstechnologie führen zu immer größeren Ungleichheiten in den Industriegesellschaften (sie ersetzen das Gehirn und machen die Arbeit von vielen Menschen überflüssig). Produktivitätsgewinne verteilen sich immer mehr zu Gunsten der oberen Klassen (in US-Unternehmen ist dieser Effekt am stärksten, weil sie mehr aus der IT-Technologie herausholen). Vgl. Robert Shiller, Irrational Exuberance, Princeton 2000 (Nobelpreisträger 2013). In der Entwicklung der Ungleichheit liegen große Risiken. Vgl. Joseph Stiglitz: Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, München 2012. "Im Jahr 2007, dem Jahr vor der Krise, verfügten die obersten 0,1 Prozent der amerikanischen Haushalte über ein 220 Mal höheres Einkommen als der Durchschnitt der unteren 90 Prozent", Ebenda S. 30. In den USA formiert sich 2014 eine neue Bürger-Bewegung, die gegen die soziale Spaltung und für einen Mindestlohn von 15 Dollar kämpft.  Stiglitz erläutert eindringlich die Funktionsweise von "Rent-Seeking". Er führt weiterhin aus, wie Ungleichheit die Chancengerechtigkeit einschränkt und Politik und Justiz korrumpiert. Mehr Ungleichheit ist ein langfristiger globaler Trend, unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Systemen bzw. Konjunkturzyklen. Dadurch könnte das Wachstum und die soziale Stabilität bedroht sein. In keiner großen Volkswirtschaft ist der Unterschied zwischen Arm und Reich  so groß wie im kommunistischen China. Es gibt dort 315 Milliardäre und 2,8 Mio. Millionäre (das Vermögen der fünf Reichsten hat sich innerhalb eines Jahres um 80% vermehrt). Die Verbindungen zwischen den Superreichen und der Politik ist sehr eng (Quelle: Hurun-Report 2013). Obwohl China sich als sozialistische Marktwirtschaft definiert, ist es extrem elitär und ungleich in den Lebenschancen (Gini 2012= 0,42). Große Ungleichheit tritt in allen Schwellenländern zutage. In den USA als führendem Industrieland erzielen 10% der Menschen 2007 49,7% des Gesamteinkommens (2012 bezogen die obersten 10 Prozent sogar 50,4% aller Einkommen), also nahezu die Hälfte (ebenso geringe soziale Mobilität, teure Ausbildungssystem als Ursache?). Die Wirtschaftskrise von 2009 bis 2012 hat bei den Spitzenverdienern keine Negativfolgen hinterlassen (Emmanuel Saez, Uni Berkeley). In Japan wird die soziale Differenzierung von der materiellen Situation dominiert (Gisela Trommsdorf, Soziale Ungleichheit in Japan..., in: KZfSS 39/1987, S, 496-515).  39% des weltweiten Vermögens soll sich in den Händen von lediglich 0,9% der Weltbevölkerung befinden (Quelle: Boston Consulting Group: Shaping a New Tomorrow, How to Capitalize on the Momentum of Change, Global Wealth Report 2011, S. 7). Mittlerweile gehört nach Ansicht des Weltwirtschaftsforums (WEF) die Kluft zwischen Arm und Reich zu den größten Risiken der Weltwirtschaft (neben Ungleichgewichten in den Staatshaushalten). Es folgen der Ausfall des internationalen Finanzsystems und die Trinkwasserknappheit. Vergleiche auch A. V. Banerjee/ E. Duflo: Poor Economics, Plädoyer für ein neues Verständnis von Armut, München 2012. Sie zeigen auf, warum die Armen so anders leben und wirtschaften. Sie eröffnen eine eigne Perspektive für wirtschaftliches Denken (Homepage: http://pooreconomics.com ). Die Zahl der bekannten und unbekannten Milliardäre ist in der Welt drastisch angestiegen. Es ist eine neue globale Klasse mit gigantischem Vermögen entstanden (vor allem in Schwellenländern wie China, Indien u. a.). Die globalen Eliten entziehen sich der Kontrolle einzelner Staaten und bedrohen als Plutokratie viele Demokratien (z. B. in Griechenland). Vgl. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Fall einer neuen globalen Geldelite, Frankfurt/Main (Westend) 2013. Der Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen (aus Indien stammend, lehrt in den USA) zeigt Wege auf, wie soziale Gerechtigkeit international hergestellt werden kann (Ders., Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, München 1999). Man könnte von einem Befähigungsansatz sprechen. Die Freiheit des einzelnen soll soziale Verpflichtung für soziale Gerechtigkeit sein. Natürlich kann man die Diskussion um globale soziale Ungerechtigkeit auch umfassender anlegen (25% der Erdbevölkerung lebt in Industrieländern, die über 50% des Wohlstands und über 75% des Welthandels verfügen; Terms of Trade als Nullsummenspiel!; Ausbeutung der globalen Ressourcen durch die Industrieländer).  Der erste Milliardär war John D. Rockefeller (1916-1937). Als er starb, betrug sein Vermögen 1,4 Mrd. US-Dollar. Dies entsprach 1,53% des BIP der USA. Wahrscheinlich war er damals der reichste Mann der USA und der Welt. Heute ist der Mexikaner Carlos Slim (laut Forbes) der reichste Mann der Welt. Sein Anteil am mexikanischen BIP dürfte ähnlich hoch sein (genauso ungewöhnlich ist es, dass Mexiko-Stadt einen Anteil von ca. 50% hat am mexikanischen BIP).

Ursachen (vgl. auch in Global): Wodurch entsteht nun die große Ungleichheit in der heutigen Welt? Warum sind einige Länder arm und andere reich? Wie soll man Ungleichheit entgegentreten? Institutionen haben eine große Bedeutung, die im Sinne der Bürger funktionieren. Sie sorgen dafür, dass sich Nationen  mit gleichen Voraussetzungen wirtschaftlich und politisch unterschiedlich entwickeln. Eliten können mittels repressiver Institutionen die Regeln zu ihren Gunsten manipulieren. "Extraktive Institutionen kommen in der Geschichte so häufig vor, weil ihnen eine machtvolle Logik innewohnt: Sie können einen begrenzten Wohlstand hervorbringen und ihn einer kleinen Elite zuführen", Acemoglu/ Robinson, S. 193.  Vgl. Daron Acemoglu/ James A. Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut, Frankfurt a. M. (S. Fischer; amerikanische Originalausgabe mit folgendem Titel: Why Nations Fail. The Origins of Power, Prosperity, and Poverty, (Crown) New York 2012). "Das vorliegende Buch erläutert, wie inklusive und extraktive Institutionen funktionieren, welche Auswirkungen sie auf die wirtschaftlichen Ergebnisse haben und wie sie sich im Lauf der Zeit entwickeln, in ihrem Zustand verharren oder sich ändern", Acemoglu/ Robinson, ebenda, S. 15f. In einer Marktwirtschaft - wie in Deutschland - werden Einkommen und Erträge aus der Arbeit und dem Handel nur nach Leistung verteilt. Wer viel arbeitet und im Besitz eines knappen Gutes ist und das anbietet, was viele wollen, bekommt viel. Wer nichts anzubieten hat, bekommt auch nichts. Dies ist die Logik des Wettbewerbs. Nur wer aufgrund eines Handicaps am Markt nicht bestehen kann, bekommt Transferzahlungen (Umverteilung in der Sozialen Marktwirtschaft). Den größten Einfluss auf die Ungleichverteilung hat die Institution "Eigentumsordnung". Man unterscheidet drei Vermögensarten: Grund und Boden, mit den dazugehörigen Immobilien; Produktivvermögen (Eigentum an Unternehmen mit Aktien) und Geldvermögen. Die Ungleichverteilung dieser Vermögensarten, die legal ist, hat in jeder Gesellschaft die immanente Tendenz zu immer stärkerer Ungleichverteilung.  Dies kann bis zu exponentiellen Entwicklungen gehen, wobei die illegalen Trends des Steuerbetrugs und der Steueroasen noch nicht mitgerechnet sind. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, die auch die Eigentumsordnung prägen, haben durch Senkung der Transferzahlungen, Privatisierung und Deregulierung die Ungleichheit verstärkt. Eine wichtige Determinante der Ungleichheit ist die Kultur und ihre historische Entwicklung. Der Konfuzianismus (wird auch heute noch in China und Japan als Rechtfertigung für Ungleichheit instrumentalisiert)  und Hinduismus in Asien, der Katholizismus in Europa haben Ungleichheiten gefördert und legitimiert. Einen großen Einfluss auf die Ungleichheit hat auch das kulturelle Element "geändertes Heiratsverhalten" von Akademikern: Diese heiraten immer später und auch Akademiker.  Diese Entwicklung hat einen Nebeneffekt für die Gesellschaft: Der soziale Aufstieg durch Heirat wird immer schwieriger - und das verringert die Aufstiegschancen generell. Sogar die steigende Einkommensungleichheit in westlichen Gesellschaften lässt sich zum Teil mit den veränderten Heiratsverhalten erklären. "The more you get, the more you want", Proverb, über 650 Jahre alt. Ebenso: "Much would have more"; Wer viel hat, will noch mehr.

Folgen:  Für Wachstum: Alle Gesellschaften sind ungleich verteilt. Wer kein akkumuliertes Kapital besitzt, ist unzufrieden. Es entsteht Druck auf die Politik, eine Umverteilung einzuleiten. Die Umverteilung wird durch höhere Steuern auf akkumuliertes Kapital finanziert. Höhere Steuern können das Wirtschaftswachstum verlangsamen (Quelle: Alberto Alesina, Dani Rodrik, Distributive Politics and Economic Growth, 1994; vgl. Das Wirtschaftsbuch, München 2013, S. 326, 327). "Je ungleicher der Wohlstand verteilt ist, desto höher sind die Steuern und desto niedriger ist das Wachstum", Alesina/ Rodrik, ebenda. Die Ungleichheit nimmt in Zeiten der Finanzkrise und des Abwertungswettlauf von Währungen zu (Entwicklung). Die Ärmeren sparen überwiegend in Geldvermögen (niedrig verzinsliche Bankeinlagen), das besonders durch Entwertung und Inflation geschädigt wird (Berechnungen der Allianz 2013: 5,8 Mrd. € Verlust durch Niedrigzinspolitik). Reichere profitieren mit ihren Kapital- und Immobilienvermögen. Der britische Sozialforscher Roger Wilkinson behauptet: Je ungleicher eine Gesellschaft, desto größer ihre sozialen Probleme. Insofern ist der wachsende Abstand zwischen Arm und Reich schlecht für alle (Derselbe zusammen mit Kate Picket: Gleichheit ist Glück, 2010). Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Selbstüberschätzung: Diese Korrelation scheint stark kulturabhängig zu sein. In Ländern mit einer hohen Neigung zur Selbstüberschätzung ist auch die Einkommensungerechtigkeit in der Bevölkerung sehr stark ausgeprägt. Deutschland hat im internationalen Vergleich bei beiden geringere Werte (anders als in Südafrika, Peru oder Venezuela). Vgl. Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug, Berlin 2013. "What you see is what you get" für Deutschland, Trivers (Der Spiegel, 22/ 2013, S. 139).

Entscheidend bei der Analyse der Armut ist die Definition und Operationalisierung, die für Deutschland und international erheblich abweichen dürfte. In Deutschland sind zwei Gruppen besonders betroffen: ältere Menschen (Altersarmut, vor allem Frauen) und Kinder. Wegen der starken Zunahme der geringfügigen Beschäftigung wird auch die Altersarmut zunehmen. Für die Bekämpfung echter Armut ist der Staat zuständig (geltende Gesetze durchsetzen, neue Gesetze machen). In diesem Zusammenhang wird über eine Sockelrente (Mindestrente) bzw. eine Rente nach dem Grundeinkommen diskutiert. Es stellt sich die Frage, ob unser Sozialstaat noch effektiv die Armut verringern kann. Sehr kompliziert sind die Statistiken über Armut. Es muss unterschieden werden zwischen Armut und Ungleichheit (in ärmeren Ländern ist die Armutsgrenze kleiner als in reichen). Die Frage ist auch, wo die "Armutsgefährdeten" einzuordnen sind (weniger als einen bestimmten Prozentsatz zum mittleren Einkommen). Zu eindimensional ist auch die Fixierung der Armut am Einkommen und die Vernachlässigung des Vermögens. Die meisten Armutsanalysen lassen das individuelle Vermögen außen vor (dadurch wird das Problem überzeichnet). Zum Vermögen  gehört ebenso das Humankapital. Die Berechnung des Einkommens ist teilweise sehr umstritten (mit Arbeitgeberanteil an der Sozialversicherung?, Einkommen aus Schattenwirtschaft und Haushaltsproduktion?, Bedarf eines Single-Haushalts). Über das Leben armer Menschen ist relativ wenig bekannt. Es gibt wenig Sozialreportagen in der Presse und den Medien. Eine rühmliche Ausnahme stellt folgendes Buch dar: Stefan Selke, Schamland. Die Armut mitten unter uns, Berlin (Econ) 2013. Im Jahre 2013 werden in Deutschland ca. 1,5 Mio. Menschen durch 917 Tafeln unterstützt (1993 eine Mio. Menschen). Viele Anbieter müssen sich von ihrer Gratisstrategie verabschieden. 2010 war das Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung. Der Rot-Kreuz-Bericht (IFRC) 2013 zeigt auf, dass 43 Mio. Europäer (in 22 Staaten einschließlich Türkei) ihr Essen nicht bezahlen können. 120 Mio. Europäer sind armutsgefährdet. Besonders in Italien hat sich die Lage in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Auch Frankreich hat viele Probleme. Symptomatisch ist die Situation in Europas Kulturhauptstadt 2013 Marseille. 40 Prozent Arbeitslose und viele Drogenabhängige in den armen Stadtteilen im Norden. Hinzu kommt, dass rund 880.000 Menschen in der EU als Sklavenarbeiter (einschließlich Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung) gelten (Quelle: CRIM - Komitee des Europäischen Parlaments 2013). Folglich dreht sich die Diskussion um soziale Gerechtigkeit in Deutschland und Europa immer mehr um die "Ränder" der Gesellschaft. Dabei handelt es sich insbesondere um die Problemgruppen ältere Menschen (vor allem Frauen), Kinder, Jugendliche, prekär Beschäftigte, Asylbewerber und illegal Eingewanderte. "Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast", Marc Aurel (römischer Kaiser und Feldherr, auch Philosoph).

Der Ruf nach "Sozialer Gerechtigkeit" bestimmte den Wahlkampf 2013 in Deutschland wie viele andere Wahlkämpfe auch (Grundwert der Politik und von Parteien). Es geht um die Armut der Unterschicht, den Luxus der Reichen und um die umworbene Mittelschicht, die aber eigentlich ziemlich ignoriert wird. Konkret zeigt sich die Verteilungspolitik in der Einkommenssteuer (auch Ehegatten-Splitting, "kalte Progression", Spitzensteuersatz, Reichensteuer?), der Familienpolitik, der Unternehmensbesteuerung, der Besteuerung von Vermögen, Geringverdienern und Erben. Ein Großteil der Nichtwähler dürften mittlerweile die Menschen ausmachen, die durch Arbeit keine Chance mehr in der Gesellschaft sehen. Der 20. Februar ist der Tag der Sozialen Gerechtigkeit (seit 2009). "Hypererfolgreiches Re-Branding. Da der Neid seit jeher eine biblische Todsünde war und also mindestens als anrüchig galt, nannte man das Habenwollen ohne Leistenmüssen irgendwann soziale Gerechtigkeit. Durch den direkten Bezug des neuen Begriffs auf die anerkannte Tugend der Gerechtigkeit gilt seither praktisch jede gesetzgeberisch gedeckte Form der wirtschaftspolitischen Hehlerei im Namen der finanziellen Redistribution als moralisch wertvoll", Carlos A. Gebauer in Wirtschaftswoche Nr. 41/2013, S. 12. Gutes Beispiel, wenn man Zynismus erklären will!

Eine Prognose der Ungleichheit ist äußerst schwierig. Die Eurokrise ist aber längst nicht vorbei und wird weitere Einschnitte bringen. Die finanzielle Repression (niedriger Leitzins) dient ja als Instrument zur Bewältigung der Krisenfolgen. Da die Neuordnung der Finanzmärkte nicht spürbar vorankommt, ist die nächste Weltfinanzkrise und Weltwirtschaftskrise wahrscheinlich. Diese sind immer mit Spekulationsblasen verbunden, die im Zuge von Akkumulationsprozessen die Ungleichverteilung und ökonomische Machtkonzentration erhöhen. Opfer dieser Krisen sind aber immer die Ärmeren einer Gesellschaft (siehe oben). Dies zeigt sich auch deutlich in den Südländern der Europäischen Union (die Reichen bringen ihr Vermögen ins Ausland, die Armen zahlen die Zeche). Die Grundaxiome der Mainstream-Ökonomie dürften auf absehbare Zeit erhalten bleiben (wichtig für bedingte Prognose) : Unbegrenztes Vermögen ist gut und richtig. Zinseszins ist sinnvoll und nützlich. Wachstum (und die zugrunde liegenden Motive wie z. B. Gier) ist notwendig. Vergleiche Christian Kreiß, Profitwahn. Warum sich eine menschengerechte Wirtschaft lohnt, Marburg/Tectum 2013, S. 191ff. und S. 112. Die atypischen Beschäftigungsformen dürften sich weltweit weiter ausbreiten (in Deutschland sinkt sie allerdings, StBA). So wird es immer mehr Menschen geben, die von ihrer Arbeit nicht leben können und auch mit ihrer Rente nicht versorgt sind. Unklar ist auch, inwieweit die Staaten die finanzielle Repression verstärken werden. Hier sind noch viele Instrumente im Köcher: Negativzins, Vermögensabgabe, Zwangsanleihe, neue Steuern (z. B. Transaktionssteuer auf Aktien), Steuererhöhung (z. B. Grund- und Grunderwerbsteuer), Verbote (Goldbesitz nur bis zu einer Höchstgrenze). Die Digitalisierung scheint die soziale Ungleichheit zu verschärfen. Einfachere Arbeiten werden ganz durch Roboter abgelöst (das könnte dramatische Auswirkungen in Schwellenländern haben). Die Anforderungen an digitale Qualifikationen steigen.  "Gott schließt nie eine Tür, ohne eine andere zu öffnen", aus Irland.

Aus dem Themenbereich "soziale Gerechtigkeit" können Themen für Seminararbeiten  übernommen werden: Zum Beispiel globale Geldelite/ Plutokratie, Poor Economics, globale Lohnsklaverei, Zwangs- und Kinderarbeit, Compliance, atypische Beschäftigung, Jugendarbeitslosigkeit, Steuern (Einkommensteuer, Reichensteuer, Vermögensteuer, Erbschaftsteuer), Familienpolitik, Chancengerechtigkeit (Bildung, Arbeiterkinder), gerechte Löhne (Mindestlohn, Grundeinkommen, Managergehälter, Rente, Gesundheit), Einkommens- und Vermögensverteilung (einschließlich Messung; zeitliche Entwicklung; international), Erklärung der Ungleichheit (Politik, Globalisierung, Informationstechnologie, technischer Fortschritt), Bedeutung der Ungleichheit (Instabilität der Gesellschaft, Disparitäten), sozialökonomische Erkenntnisse zur Bedeutung der Gerechtigkeit für Menschen, Wohlstandsgefälle (Armut) und Migration (Afrika, Lampedusa, EU)  usw.  Eigene Themenformulierung bzw. Konkretisierung ist nach Absprache und Abstimmung möglich. Hierbei kann der Bezug zum jeweiligen Studiengangschwerpunkt vertieft werden (Personalmanagement, Marketing, China/ Japan/ Asien, Europäische Union/ Euro). "Wenn du erkennst, dass es dir an nichts fehlt, gehört dir die ganze Welt", Laotse. 2014 erscheint ein Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty über die Ungleichheit im Kapitalismus (Capital in the Twenty-First Century, Harvard University Press, Englisch; 2014 auch in Deutsch, 2013 in Französisch: Le capital au XXI siecle, Paris). Seine Grundthese lautet: Der Kapitalismus schädigt die Demokratie. Leistung lohnt sich doch nicht. Es gibt eine wachsende Konzentration des Vermögens auf der Welt. Kapitalistische Systeme neigen zu wachsender Ungleichheit und zur Bereicherung Weniger. Ebenfalls neu ist von Walter Scheidel (Stanfort University): Nach dem Krieg sind alle gleich. Eine Geschichte der Ungleichheit, 2018 (Theis). Seine Grundthese ist, dass Kriege nivellieren. Die Frage sei: wie gelingt friedliche Gleichmacherei?

2019 formiert sich weltweit eine Bewegung, die die Macht des Kapital begrenzen will. Sie streben an, die Ungleichheit in der Welt zu verringern. Diese treten auch sehr massiv beim World Economic Forum in Davos auf. Dazu gehören Guy Standing von der University of London, Rutger Bregman aus den Niederlanden (Historiker). Aber auch Marianna Mazzucato aus Italien. In den USA fordert man einen "fair share". In GB will Labour-Chef Jeremy Corbyn Eisenahn, Post und Trinkwasserversorgung verstaatlichen. Viele linke Politiker fordern, die Steuern für Spitzenverdiener und Vermögende zu erhöhen. (in den USA haben 1 Prozent der reichsten Haushalte 38,6% des Vermögens). Eine Berliner Initiative will Wohnungen großer Konzerne vergemeinschaften. Sogar in den USA werden die massiven Aktienrückkäufe der Konzerne kritisiert (1,1 Billionen 2018). Vgl. auch: Heuser, J.: Auf der Kippe, in: Die Zeit, Nr. 10, 28.02.2019, S. 19ff.

"Die Armen fühlen, dass die Wohltätigkeit eine lächerlich ungenügende Art der Rückerstattung ist oder eine gefühlvolle Spende, die gewöhnlich von einem unverschämten Versuch des Gefühlvollen begleitet ist, in ihr Privatleben einzugreifen. Warum sollten sie für die Brosamen dankbar sein, die vom Tische des reichen Mannes fallen? Sie sollten mit an der Tafel sitzen und fangen an, es zu wissen", Oscar Wilde.

"Ein Mann ist reich im Verhältnis zur Zahl der Dinge, auf die er verzichten kann", Henry David Thoreau.

 

Krise der Europäischen Union und ihre Zukunft (Eurokrise, Flüchtlinge, Austritt/ Brexit, Schuldenkrise in Italien, Wirtschaftskrise Frankreich; Vgl. auch EU bei Außenwirtschaft):

Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main (von der Eisenbahnbrücke aus gesehen; provisorisch war die EZB einige Jahre in der Kaiserstraße untergebracht). Bei der Entscheidung der EU für die Zentralbank in Frankfurt hat sicher eine große Rolle gespielt, dass Großbritannien mit London an der Landeswährung "Pfund" festhielt. London ist der umsatzstärkste Devisenmarkt der Welt vor New York und Frankfurt. Ein Brexit könnte die Position von Frankfurt als Bankenstandort in der EU erheblich stärken. Die Baulandpreise in Frankfurt und Umgebung ziehen deutlich an. Die EZB - wie alle Notenbanken der Welt - beeinflusst stark mit ihrer Geldpolitik (Niedrigzinspolitik seit vielen Jahren) die Entwicklung in der EU und in einzelnen Ländern.

Banken gehen nach wie vor Risiken ein, und wenn es schief geht, reichen sie die an den Staat weiter. Die einzige Art, damit umzugehen, ist, den Bankern zu sagen: Nein, Jungs, ihr seid die Risiken eingegangen, dann kümmert euch drum!", Jeroen Dijsselbloem, ehemaliger Vorsitzender der Euro-Gruppe in der EU 2013.

Aktuell: 2013 und Anfang 2014 steckt Europa fest. Das Thema wurde aus dem Bundestagswahlkampf herausgehalten. Die EU-Kommission wehrt sich gegen Machtverlust (der IWF hat z. B. beim Rettungsfonds mit das Kommando). Die Mitgliedsstaaten wollen den Nationalstaat wieder mehr herausstellen; der Rat der Staats- und Regierungschefs soll entscheiden. Gleichzeitig stört viele Mitgliedsländer die deutsche Dominanz (George Soros sieht uns als Hegemon; Marshall-Plan für Südeuropa). Dies drückt sich auch in der Kritik an den deutschen Außenhandelsüberschüssen aus. Die Euro- und Europaskeptiker scheinen stärker geworden zu sein. Auch beim Beitritt des 18. Mitglieds zur Währungsunion Lettland 2014 ist die Mehrheit der Bürger in diesem Land dagegen (die Hauptstadt Riga ist europäische Kulturhauptstadt 2014). 2014 beginnen die Beitrittsgespräche Serbiens mit der EU. Vor 2020 dürfte ein Beitritt nicht realistisch sein. Reichere Staaten befürchten ab 2014, wenn die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Rumänen und Bulgaren gilt, eine Armutszuwanderung ("Sozialtourismus"). Im Mai 2014 fand die Europawahl statt (100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges, 75 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg). Juncker wird EU-Kommissionspräsident (vom Parlament durchgesetzt gegen britischen Widerstand). Griechenland übernimmt ab 2014 den Vorsitz im Rat (die aktuellen Daten 2013 sind durchwachsen: Haushaltsdefizit 2,0%; Arbeitslosenquote im November 13 bei 28%/ Jugend 61,4%; Geburtenrate geht zurück; Auswanderung steigt stark an; immer wieder Diskussion um Schuldenschnitt; erstmals seit 1948 im Jahre 2013 Überschuss in der Leistungsbilanz). Die Griechen verhandeln 2014 auch wieder mit der Türkei, um eine Vereinigung von Zypern zu erreichen. Die Folgen der Schuldenkrise für die Bürger und das schwindende Vertrauen in die EU könnten rechten, populistischen Parteien Zulauf bescheren. 2014 wird nach Angaben der EU-Kommission Wachstum in folgenden Ländern erwartet: Deutschland (1,7%), Irland (1,7), Frankreich (0,9), Portugal (0,8), Italien (0,7), Griechenland (0,6), Spanien (0,5). 2014 wird das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Euro-Rettungsschirm ( Karlsruher Richter sagen im März 14 ja) und den Ankäufen von Staatsanleihen durch die EZB erwartet (verspätet im Frühjahr oder Sommer). Fällt das Urteil negativ aus, könnten die Finanzmärkte in Aufregung versetzt werden. Bei den Anleihekäufen gibt das Verfassungsgericht erstmals die Entscheidung an den EuGH ab (angekündigter uneingeschränkter Kauf von Anleihen durch die EZB Eingriff in die Finanzautonomie der Länder vereinbar mit EU-Recht? entweder EuGH stoppt EZB oder Verfassungsgericht selbst). Von besonderer Bedeutung sind die Beschlüsse zum OMT-Programm (Outright-Monetary-Transactions-Programm, Bereitschaft der EZB zum unbegrenzten Ankauf von Staatsschulden). Auch eine Entscheidung zu Hartz-IV für EU-Ausländer liegt beim EuGH; mit einem Urteil wird 2015 gerechnet. Aktuell besonders wichtig für die Zukunft des Euro und der EU dürfte die weitere Entwicklung in Frankreich sein (zu hohe Arbeitskosten, zu hohe Staatsquote; Arbeitslosigkeit im Januar 2014 auf neuem Höchststand mit 3,31 Mio.; starke Zunahme der rechten Front National in den Kommunalwahlen Ende März 2014). Frankreich kommt auch 2014 wirtschaftlich nicht auf die Beine.  Die Proteste im Land mehren sich. Es könnte eine neue Finanzkrise drohen. Frankreich und Deutschland planen im Oktober 2014 Projekte für mehr öffentliche und private Investitionen, um das Wachstum anzukurbeln. Die EU-Kommission verzichtet auf ein sofortiges Veto gegen defizitären Haushaltsentwurf. Frankreich wird immer wieder in Konflikte in Afrika verwickelt. Anfang 2014 schickt die EU Soldaten nach Zentralafrika (Racheakte zwischen Christen und Muslimen). In Griechenland gibt es am 25. Januar 2015 Parlamentswahlen. Die oppositionelle Syriza-Partei holt einen Sieg bei der vorgezogenen Wahl: 35,4%, zwei Sitze zur absoluten Mehrheit fehlten. Sie denkt über ein Ende stattlicher Zinszahlungen an Gläubiger nach. Wenn die EU auf Vertragstreue pocht und die EZB keine Euros mehr liefert, könnte dies zu einem Austritt Griechenlands aus dem Euro führen. Die Bundesregierung hält das Ausscheiden verschuldeter Länder inzwischen für verkraftbar. Griechische Sparer plündern schon ihre Konten. Die Finanzmärkte in Griechenland brechen ein. Die neue Griechische Regierung verweigert die Umsetzung der Reformen und Sparmaßnahmen und kündigt die Zusammenarbeit mit der Troika auf. Auf der anderen Seite könnte ein Verbleiben mit Schuldenerlass zu einem Modell für andere "schwächelnde" Länder werden (Spanien, Italien Frankreich). Der Euro wäre dann eine Überlebensgarantie auf Kosten der Kreditgeber. Die Volksabstimmung in Großbritannien für den Brexit schafft eine neue Situation für die EU (vgl. Brexit auf der Seite "special"). Schottland will in der EU bleiben und bereitet wieder ein Referendum vor. Das Referendum in Italien für eine Verfassungsreform scheitert im Dezember 2016: Renzi tritt zurück. In Österreich gewinnt der Grüne Van der Bellen endgültig die Präsidentschaftswahlen. Die englische Premierministerin May hat mit Zustimmung des Parlaments eine neue Wahl für Juni 2017 angesetzt. Dann dürfte es noch mal zu einer Entscheidung über den Brexit kommen. Bei der Wahl verlieren die Konservativen die absolute Mehrheit. Vielleicht kommt es dadurch zu einem Exit vom Brexit. Der mögliche Wahlsieg der rechtsextremen Front National in Frankreich beunruhigt Europas Politiker. Erleichterung tritt ein, als Ende April Emmanuel Macron (europafreundlich, 39 Jahre, ohne Partei; Ex-Wirtschaftsminister; Philosoph, Ena) die erste Runde der Präsidentschaftswahl vor Le Pen gewinnt (24% zu 21,3%). Zwischen den beiden Kandidaten findet eine Stichwahl statt. Favorit ist Macron (Prognose: über 60%). Er erreicht dann am 07.05.17 66,1% der Wahlstimmen. Bei den Parlamentswahlen am 11.06.17 erreicht er für seine Bewegung eine große Mehrheit (Macron kann die Nationalversammlung dominieren). Im zweiten Wahldurchgang erreicht seine Bewegung eine absolute Mehrheit (bei Rekord-Negativwahlbeteiligung). Macron will zuerst Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht reformieren. Italien wird ab 2018 seit dem Wahlsieg der Bewegung Fünf Sterne und der Lega von einer Koalition der Populisten regiert. In Schweden legen die Rechtspopulisten im September 2018 zu. Die Sozialdemokraten bleiben aber stärkste Kraft. Rot-Grün ist knapp der stärkste Block. Ein europaweiter Trend setzt sich fort: Die großen Volksparteien finden beim Wähler immer weniger Gehör. Dem Trend folgt nicht Spanien. hier bleiben die Sozialisten bei der Wahl im April 2019 stärkste Fraktion. Bei der Europawahl im Mai 2019 gibt es in Deutschland schwere Verluste für Union und SPD. Die Grünen überholen die SPD (sie haben die Mehrheiten in vielen Metropolen und bei den unter 25 jährigen Wählern). Die hohe Wahlbeteiligung verhindert, dass die rechten Parteien zu stark werden (sie gewinnen aber in Frankreich, Italien, Polen, Ungarn und Großbritannien). Konservative und Sozialdemokraten büßen ihre Mehrheit im Europaparlament ein. Es wird schwierig für Koalitionen und den neuen Kommissionspräsidenten. Macron ist zusammen mit anderen Staatschefs dagegen, einen Spitzenkandidaten der Europawahl zum Präsidenten zu machen (weil die EU-Wahl national ist). In Dänemark gewinnen bei den Wahlen die Sozialdemokraten (linke Sozialpolitik, restriktive Migrationspolitik). Auf dem G20-Gipfel einigen sich die anwesenden Regierungschefs der EU darauf, dass Weber aus dem Rennen ist. Er soll Präsident des Europa-Parlaments werden nach zwei Jahren. Zuerst soll ein Sozialdemokrat gewählt werden. EU-Kommissionspräsidentin wird Ursula von der Leyen, noch Bundesverteidigungsministerin. Sie muss allerdings vom EU-Parlament gewählt werden (die Wahl ist am 16.07.19; sie wird knapp mit 9 Stimmen über der Grenze gewählt). EZB-Präsidentin wird IWF-Chefin Christine Lagarde. EU-Außenbeauftragter wird der spanische Außenminister Josep Borrell. EU - Ratspräsident wird der Belgier Charles Michel. Boris Johnson wird britischer Premierminister. Er will auf jeden Fall die "Backstop-Lösung" kippen oder einen harten Brexit durchführen. Mehrmals bekommt er im Kabinett keine Mehrheit. Am 10.09.19 stellt von der Leyen ihre EU-Kommission vor. Schwerpunkt sollen inhaltlich Klimapolitik (Frans Timmermans, Vizepräsident) und Digitalisierung (Margarethe Vestager, auch Wettbewerb, Vizepräsidentin) sein. Die Französin Sylvie Goulard wird Binnenmarkt-Kommisarin. Karl der Große schuf das erste vereinte Europa. Er begann mit der Kultur. Er hatte auch eine gemeinsame Währung für die Wirtschaft. Die Verwaltung war hoch effizient (ca. 100 Pfalzen; Pfalzgrafen waren zugleich Gerichtsherren; es gab schon eine Art Change-Management). Gegner wie die Sachsen wurden aber grausam unterdrückt.

Grundzüge: Die EU hat 28 Mitgliedsstaaten (mit GB), über 500 Mio. Einwohner, 1952 Gründung, seit 1993 EU (der Brexit würde die EU auf 27 verkleinern). Der größte Nachteil der EU ist die Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschaftspolitik (eher disparate Politik: z. B. ungleiches Renteneintrittsalter, Mindestlöhne, billige Immobilienkredite) und ohne wirkliche Konvergenz. So ist auch die eigentliche Ursache der Krise 2011 (Schulden usw.) der große Unterschied zwischen den Euro-Ländern. Dies war bei Aufnahme dieser Länder bekannt (aber die Finanzkrisen waren nicht vorhersehbar). Besonders kritische Differenzen gibt es bei der Staatsverschuldung (siehe unten), beim Wirtschaftswachstum (ganz hinten Portugal, Griechenland, Italien, Irland) und in der Industrieproduktion (hohe Rückgänge in Luxemburg, Italien, Griechenland und Spanien). Die Nordländer Luxemburg, Niederlande, Österreich, Finnland und Deutschland stehen in der Regel am besten da (BIP je Einwohner, Jahresnettoeinkommen je Haushalt, Schulden je Einwohner). Der große Vorteil für Deutschland liegt in der Vergrößerung des deutschen Binnenmarktes. Der Euro könnte an den Widersprüchen zerbrechen: 2010 liegen alle Euro-Länder beim Haushaltsdefizit über 3,0% (am stärksten drüber Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und die Slowakei). Mittlerweile wird die Haushaltsdisziplin besser überwacht. Das wichtigste Argument für die Einführung des Euro war die Senkung der Transaktionskosten, insbesondere für mittelständische Unternehmen (Umtauschkosten fallen weg, Preistransparenz steigt). Sicher hat der Euro in den letzten zehn Jahren die deutsche Exportwirtschaft insgesamt beflügelt (Schutz vor Wechselkursschwankungen). Die Probleme 2010 nach der Finanzkrise sind ursprünglich von Ökonomen vorhergesehen worden. Vier Maßnahmen können zur Rettung des Euro beitragen: Eurobonds, Umschuldung, Anleihekäufe und eine Vergrößerung des Rettungsschirms. Vgl. allgemein zur Eurokrise: Schuppan, Norbert, Die Euro-Krise, München 2014. "Von dem, was wir nicht wirklich brauchen, können wir nie genug bekommen", U2, Stuck in a Moment.

Vier Euro-Länder sind unter den Rettungsschirm (ESM) geschlüpft. Gegen Reformauflagen bekommen die Länder günstigere Kredite. Irland und Spanien wollen sich ab 2013 wieder selbst finanzieren. Griechenland und Portugal (will sich im Sommer 2014 wieder den Finanzmärkten stellen) bleiben Problemfälle. Mit dem Beitritt zum Euro (auch schon Jahre vorher als der Beitritt klar war) konnten sich die Länder zu günstigen Zinsen auf den globalen Kapitalmärkten finanzieren. Nach Einschätzung der EU-Kommission hat dies in den Folgejahren zu der Illusion geführt, relativen Wohlstand erreichen zu können, ohne die Rahmenbedingungen anzupassen. Traditionelle Industriezweige verloren an Wettbewerbsfähigkeit oder konnten mit wettbewerbsfähigeren Ländern nicht mehr mithalten. Um den Wirtschaftskreislauf in Gang zu halten, wurde der Dienstleistungssektor einschließlich öffentlicher Dienst aufgebläht. Nach der Finanzkrise 2008 waren die bereits angeschlagenen Länder auf den Finanzmärkten nicht mehr kreditwürdig. Staat und Banken bekamen nur noch gegen hohe Risikoaufschläge frisches Geld. 2010 und 2011 beantragten die Länder Hilfen, Sie bekamen sie von der EU, den Euroländern und dem Internationalen Währungsfonds. Die Hilfspakete wurden gegen Reformauflagen für eine bestimmte Dauer zur Verfügung gestellt (vgl. Economics/ special, Außenwirtschaft, Europäische Union). Zunehmend Probleme mit einer abnehmenden Kreditwürdigkeit haben auch Finnland und Belgien. Aus dem Schneider sind ebenfalls nicht Italien und Frankreich. 2018 wird er ESM in Teilen reformiert.  "Fuck the EU", Victoria Nuland, wichtigste Europaberaterin von US-Präsident Barack Obama, 2014 in einem Telefongespräch.

Südeuropa in der Rezession: Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sind 2012 in der Rezession. Dies zeigt sich am Schrumpfen der BIP 2012 (Prognosen: Griechenland -4,3, Italien -1,3, Spanien -1,0, Portugal -3,3). Dies ist vor allem eine Folge ihrer mangelnden Wettbewerbsfähigkeit. Mittlerweile gibt es Auswirkungen auf die Nordländer, vor allem deren Unternehmen. Die Märkte für Kleinwagen verschlechtern sich. Die Versicherer haben kräftige Abschreibungen. Die Banken leiden unter den schlechteren Bonitätsnoten und Abschreibungen. Der Rüstungsindustrie brechen gute Kunden weg. Der Maschinenbau verliert wichtige Märkte. Außerdem verfügt Deutschland über hohe Direktinvestitionen in den südeuropäischen Ländern (Bestand 2012). Am höchsten sind sie in Italien mit 36,8 Mrd. €. Dann folgen Spanien (27 Mrd. €), Portugal (5 Mrd. €) und Griechenland (3,5 Mrd. €). Die Südländer müssten durch Preis- und Lohnsenkungen wettbewerbsfähiger werden. Am einfachsten ginge dies durch einen Ausstieg aus dem Euro. Dieser könnte bei Griechenland vielleicht noch kommen. Das erste Rettungspaket der Euro-Zone und des IWF für Griechenland umfasste 73 Mrd. €. Das zweite Paket betrug 163,7 Mrd. €. ausgezahlt wurden bis Februar 2014 142,0 Mrd. €. Mitte 2015 droht der Staatsbankrott in Griechenland, weil es nicht mehr seine Schulden zurückzahlen will oder kann. Der plötzliche und unausweichliche Austritt aus dem Euro wird "Grexit" genannt. Die linke Regierung lässt ein Referendum über den Verbleib im Euro durchführen. Es geht gegen die Reform- und Sparpolitik aus und damit gegen die Konditionalität (Geld nur gegen Reformen). Die Griechenlandkrise wird in den USA, China, Indien und der ganzen Welt aufmerksam verfolgt und mit dem Schicksal Europas verknüpft. Die Südländer fordern immer wieder, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln (EU-Gipfel Mitte März 2013). Einen Wachstumspakt mit 120 Mrd. € gibt es bereits. Uneins ist man über die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Sparkurs soll durchgehalten werden, eventuell kommt dabei etwas mehr Flexibilität. Die Anpassungsprozesse in den Krisenländern treiben die Arbeitslosigkeit aber weiter in die Höhe. Allein Wettbewerbsfähigkeit dürfte der ökonomische Schlüssel zum Erfolg sein. Dazu brauchen diese Länder ein Geschäftsmodell bzw. eine Idee. In der EU beträgt der Anteil des Produzierenden Gewerbes an der Gesamtwertschöpfung 2012 nur noch 15,2% (gegenüber 2000 -3,3%; IW). Somit hängt die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der EU auch mit der De- Industrialisierung in vielen Ländern zusammen. Die soziale Gerechtigkeit in den Ländern selbst müsste verbessert werden. 2014 befürwortet der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff eine nationale Reichensteuer in den Krisenländern der EU. Ähnlich fordert die Bundesbank eine einmalige Vermögensabgabe. Das Risiko für Unruhen ist durch die hohe Arbeitslosigkeit gestiegen (26 Mio. 2013 in der EU, insbesondere Folge der Sparpolitik). Am höchsten ist die Arbeitslosigkeit in Griechenland mit einer Quote von 22,5%. Besonders bedrohlich ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit (in Griechenland und Spanien über 50%). Das Duale System Deutschlands sollte vielleicht auf die EU ausgedehnt werden. Jungen Arbeitslosen will die Bundesregierung auch mit bilateralen Programmen helfen. Letztlich können Unternehmen nicht gezwungen werden, mehr in den Südländern zu investieren. Zu hohe Lohnkosten und zu niedrige Produktivität laden im Süden aber nicht dazu ein. In den letzten Jahren sind die Lohnstückkosten in den Südländern allerdings gesunken (seit Beginn der Krise 2009 um 8,5%). Letztlich wird der Lebensstandard sinken müssen (keine rein ökonomische Frage). Auch die Leitzinssenkung der EZB im Mai 2013 soll Südeuropa zugute kommen. Es ist allerdings fraglich, dass die erhofften Impulse dort ankommen. Gerade die Banken in Spanien und Italien haben große Probleme mit der Bewältigung ihrer Krise und nehmen höhere Kreditzinsen. Insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen in den Krisenländern haben Schwierigkeiten, an günstige Kredite zu kommen. Die Prognose der EU-Kommission für 2014 beim Wachstum des BIP sieht Estland und Malta an der Spitze; ganz hinten liegen Griechenland und Zypern. Immer mehr Menschen und Parteien in den Südländern fordern ein Ende des Sparkurses, für den sie zum großen Teil die deutsche Bundesregierung verantwortlich machen. Griechenland fällt auch durch Steuersenkungen und Rentenerhöhungen wieder weiter zurück. Man sollte auch bedenken, dass einige Staaten noch stärker als die Südländer der EU von der Eurokrise betroffen sind. Dazu gehören Albanien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Montenegro und Bosnien/ Herzegowina. Gegen die Ukraine will die EU Finanzsanktionen für die Elite verhängen. Die neue Regierung und die Einheit sollen unterstützt werden (es fehlen mindestens 25 Mrd. € um den Staatsbankrott abzuwenden). Das Land tritt in einen Krieg mit den Separatisten (von Russland unterstützt) in der Ostukraine. Im September 2014 schließt die EU ein Partnerschaftsabkommen mit der Ukraine ab. Der Start der Freihandelszone wird jedoch auf Ende 2015 verschoben. Die Instabilität der Regierungsbildung und die Überschuldung Italiens treibt 2018 die Indikatoren der Finanzmärkte der EU in den Keller. Macron, der französische Staatspräsident, versucht mit seinen  Reformvorschlägen, die Schulden Südeuropas zu "Vergemeinschaften". Durch die Demos der "Gelbwesten Ende 2018 steht er aber im eigenen Land erheblich unter Druck. Der Brand im nationalen Symbol Notre-Dame in Paris führt vorübergehend zu einer Welle der Einigkeit (Milliardäre bringen die Kosten der Restauration auf). Im Juni 2019 schlägt die EU-Kommission ein Defizit-Verfahren für Italien vor. Die Regierung verstößt bewusst gegen alle Kriterien (Gesamtverschuldung über 132%).   "Die gesunkenen Risikoprämien für Staatsanleihen sind durch die Wirklichkeit der Krisenländer nicht gedeckt", Barry Eichengreen, US-Ökonom, 2014. Nach der Finanzkrise droht der EU eine soziale Spaltung: Die Bertelsmann-Stiftung hat einen EU-Gerechtigkeitsindex konstruiert: Danach hat sich das Gefälle zwischen den Staaten Nordeuropas und Südeuropas vergrößert. Deutschland liegt auf Platz sieben. Dänemark und die Niederlande an der Spitze. Auf dem letzten Platz liegt Griechenland.

Die Krise ist auch eine Bankenkrise. Im Oktober 2011 legt die EU-Kommission einen  Bankenrettungsplan vor: vorübergehend höhere Kapitalquote. Die großen Banken müssen ihr Eigenkapital erhöhen (bis Juni 2012 auf 9%). Die gesamte Rekapitalisierungsquote liegt bei 106 Mrd. €.  Im Notfall soll der Euro-Rettungsschirm einspringen.  Der EU-Gipfel Mitte 2012 beschließt die Bankenkapitalisierung. Eine Expertengruppe um den Finnen Liikanen entwirft einen Bankenplan. Danach sollen bei großen Banken in der EU die beiden Bereiche "Traditionell (Privatkunden)" (Sparen, Kredite) und "Spekulation" (Investment, Hedge-Fonds) organisatorisch getrennt werden. Die Krise der Banken dürfte noch auf Jahre anhalten: bei niedrigen Zinsen nahe Null ist es schwierig Gewinne zu erzielen. Zudem halten sich Kunden mit der Geldanlage zurück. Es gibt auch strukturelle Probleme (starker Wettbewerb, erschwerter Aufbau von Eigenkapital). Wenn den Banken von der EU geholfen wird, fehlt das Geld für die hilfsbedürftigen Staaten (der Risikoverbund zwischen Banken und Staaten ist grundsätzlich nicht optimal). 2013 einigt man sich in der EU darauf, dass Banken direkt Mittel aus dem ESM erhalten können (nicht mehr über Staaten). Die Eigentümer der Banken (Aktionäre, Großanleger, Kunden über 100.000€ Konto u. a.) sollen zukünftig (ab 2015, ab 2018 volle Wirkung) als erste für die Risiken gerade stehen ("Teufelskreis zwischen Banken und Staaten" wird durchbrochen; weitere Verluste werden auf die Finanzbranche umgelegt). In einer Studie 2014 warnt allerdings das Institut der Wirtschaft vor weiterer Haftung der Steuerzahler, weil es noch Problemkredite in Höhe von 900 Mrd. € in den Bankenbilanzen gibt. Die Fragmentierung im europäischen Finanzsystem ist noch zu stark. 2014 stehen erstmals EU-weite Banken-Stresstests an (etwa 130 Banken; bei der Deutschen Bank Sonderprüfung des Devisenhandels; zuerst Bestandsaufnahme bis Juni 14, dann Durchführung bis Oktober 14, November 14 Ergebnisse). Diese könnte neue Löcher in den Kapitaldecken sichtbar machen (faule Kredite). 24 Banken fallen beim Stresstest durch (zu wenig Eigenkapital, schlechte Bilanz). Darunter ist mit der Münchener Hypothekenbank eine deutsche; 4 italienische Banken sind betroffen. Das Reformpaket "Basel III" tritt 2014 ebenfalls in Kraft. 2014 wird auch das Gesetzespaket "Mifid" vom europäischen Parlament beschlossen (gegen Finanz-Zockerei). Es tritt ab 2017 in Kraft. Kernstück ist die Schaffung einer neuen Marktform an den Finanzmärkten. Die krasse Trennung zwischen Börsengeschäften (Aktien, Wertpapiere) und Trading floors (Termingeschäfte, Handel zwischen Finanzhäusern) soll aufgehoben werden. Es soll normale Informations- und Transparenzpflicht gelten. Über Risiko und Kundeneignung muss genau informiert werden. Vgl. das Sonderheft 2014 "Europa: Eindämmung der Krise, und dann?", Wirtschaftsdienst. Die Eckpunkte für eine europäische Bankenunion wurden Ende 2013 festgelegt: Finanzmarktaufsicht bei der EZB; Sanierung und Abwicklung von Banken im Krisenfall nach einheitlichem Abwicklungsmechanismus. Der Abwicklungsfonds muss von den Kreditinstituten binnen acht Jahren gefüllt werden (steht ab 2016 bereit). Ein Stresstest der griechischen Banken von Blackrock Ende 2013 lässt nichts Gutes erwarten. Die Notenbank hat die Kapitallücke bewusst niedrig angesetzt, damit die Regierung den Rest des Bankenfonds einsetzt. Südeuropäische Banken haben auch die Geldspritze durch die EZB vor Jahren zum Kauf heimischer Staatsanleihen genutzt und nicht die Realwirtschaft angeregt mit günstigeren Krediten. Das Risiko muss nun die Bankenunion tragen. Die Rettung von Banken, ohne das das die ärmere Bevölkerung eine Verbesserung ihres Lebensstandards erfährt, löst viel Kritik aus. Mitte 2014 wanken Privatbanken in Bulgarien. Die Zentralbank soll helfen. Die EU gibt einen Notkredit. Im Juli 2014 gibt es Turbolenzen im portugiesischen Bankensektor (Spekulationen um Zahlungsprobleme der Familie Santo). Giriechenland kommt auch nicht zur Ruhe: Im Sommer 2017 sind Kredite in Höhe von 7 Mrd. € fällig. Die Euroländer und der IWF streiten über die Lasten. Die Gelder in Höhe von 8,5 Mrd. € werden ausgezahlt (IWF nur noch symbolisch, nicht mehr mit Geld dabei). Die Europäischen Banken und Notenbanken warnen vor einer Deregulierung von Finanzinstituten in den USA durch Trump. Eine andere Entwicklung aus den USA macht aber den Banken genauso zu schaffen: Sie haben zunehmend mit der Konkurrenz von Plattformen und Netzwerken (Blockchain) zu kämpfen. Die Krise der Türkei 2018 (Arbeitslosigkeit, Inflation, Verschuldung, Strafzölle der USA) macht den EU-Banken stark zu schaffen, am meisten den spanischen Banken. "Rühre an das Leere in deinem Leben und dort werden Blumen blühen", Zen-Weisheit. "Ich wäre nicht überrascht, wenn der Start der einheitlichen Bankenaufsicht in Europa der Anfang einer Periode der Restrukturierung wäre", Vito Constancio, EZB-Vize. Die ersten Banken in Europa entstanden weit vor Christi Geburt im alten Griechenland (ca. 600 v. Chr.) in Delphi. Wenn das Orakel befragt wurde, musste es vorher durch Geschenke und Gaben wohlgesinnt gestimmt werden. Die Priester legten das in Geld an und gründeten Banken, die auch Geld an Geschäftsleute und die Stadtstaaten verliehen.

Die privaten Haushalte in der EU sind wegen ihrer Schulden besorgt und sind mit Konsum vorsichtig. Sparen ist weiterhin notwendig, um die Risiken im Alter abzudecken. Die besonders großzügigen Rentensysteme, wie z. B. das in Frankreich oder Griechenland, werden nicht zu halten sein. Auch die meisten Regierungen sparen und investieren zu wenig. Die finanziell gebeutelten EU-Mitglieder sind sogar so erfinderisch, dass sie Staatsbürgerschaften verkaufen (Pass ab 50.000 €). Das Wachstum in der EU wird eher bescheiden bleiben. Auswege wären höhere Löhne und noch höhere Schulden. Aber die Erhöhung der Verschuldung in Deutschland würde den Krisenländern nicht helfen. Eine 100 Prozent-Rückzahlung der Schulden wird es nicht geben. Dazu ist die Schuldenlast in den Peripherieländern zu hoch. Im Moment wird noch indirekt agiert über Verlängerung von Fristen und die Herabsetzung von Zinssätzen. Vielleicht kommt irgendwann der Schuldenschnitt für Griechenland (Gesamtverschuldung 2014 176% des BIP), Portugal, Spanien und vielleicht für Irland und Italien. Vgl. Kenneth Rogoff, Die Notenbanken sind überfordert, in: Handelsblatt Nr. 232, Mo. 02.12.2013, S. 30. Im Jahr 2013 betrug die Neuverschuldung aller 18 Eurostaaten zusammen exakt drei Prozent der Wirtschaftsleistung (Maximalwert; im Krisenjahr 2010 6,2%). Zehn Staaten liegen höher als 3,0%: Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Kroatien, Polen, Portugal, Slowenien, Spanien, Zypern. Es herrscht höchste Alarmstufe in der EZB , weil ein weiterer Preisverfall (Deflation) eine Gefahr für die hoch verschuldeten Krisenstaaten in der EU darstellt. Die abwertenden Schwellenländer verbilligen ihre Exporte nach Europa. Das drückt die Inflationsraten weiter nach unten. Zu Teil rührt die geringe Preissteigerungsrate auch von Preisanpassungen in den südlichen Krisenländern. Im März 2014 sinkt die Inflationsrate sogar auf 0,5% (tiefster Stand seit vier Jahren). Ein konjunktureller Rückschlag würde die Deflation vielleicht herbeiführen. Viele Experten raten, dafür zu sorgen, dass die Inflationsraten steigen (Geld drucken). Die Leitzinsen könnten weiter gegen Null gehen, aber das Ende 0 ist abzusehen. Tatsächlich senkt die EZB den Leitzins im September 2014 fast auf Null (0,05%). Jetzt bleibt nur der Ankauf deutscher Staatsanleihen und der Aufkauf von Bankkrediten, um die Banken für weitere Kredite zu entlasten. So werden Vorbereitungen getroffen, dass die EZB ABS ankaufen kann (Kreditverbriefungen, um die Bilanzen der Banken zu entlasten). Für 2014 erwartet die EZB eine Preissteigerung von 1,1%. Die europäischen Staaten sind kaum bereit nationale Souveränität in der Finanzpolitik aufzugeben, so dass die fiskalpolitische Eigenverantwortung der Mitgliedsstaaten und ihrer privaten Gläubiger weiter gestärkt werden sollte.  "Das wird es nicht noch einmal geben", Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble über den Schuldenschnitt für Griechenland; im Februar 2014 bei G. Jauch.

Die Notenbanken in aller Welt pumpen Milliarden in die Wirtschaft (Niedrigzinspolitik, Wertpapierkäufe). Das Wachstum soll angekurbelt werden, auch um die Verteilungsprobleme zu übertünchen. So senkt die Europäische Zentralbank im Herbst 2013 den Leitzins wie in den USA und Japan auf 0,25% (der Bundesbankpräsident Weidmann ist eher isoliert). Im Juni 2014 senkt die EZB den Leitzins sogar auf 0,15% (negativer Einlagen-Zins). Im September 2014 folgt eine Senkung auf 0,05%. Dadurch werden aber vor allem die Preise an Immobilien- und Aktienmärkten angekurbelt. Vor allem in Ländern wie Großbritannien und Deutschland setzen Anleger auf Immobilien in den Ballungszentren (weltweit laufen die Immobilienpreise heiß, vor allem in Brasilien, Russland, Indien und China). Besonders die Aktien mittelgroßer Unternehmen schnellen nach oben. Der Boom am US-Aktienmarkt ist besorgniserregend. Je mehr Geld in den Kreislauf fließt, desto besser können sich Spekulationsblasen ausbreiten. Die Frage ist, wenn der Einbruch kommt und die Blase platzt. Vgl. Wetten auf den Crash, in: Der Spiegel, 49/2013, S. 64-72. Dringend notwendig wären Strukturreformen. Diese müssten Pläne zum Sparen bei den Regierungen, Senkung von Steuersätzen und ein gerechteres Steuersystem enthalten. Gerade die Harmonisierung der Steuersysteme und die gegenseitige Transparenz bei der Steuererhebung wären eigentlich in einer EWWU selbstverständlich. Steuerhinterziehungsmöglichkeiten innerhalb der EU oder mit ihr kooperierender Länder (z. B. Schweiz) gehen gar nicht. Verbesserungen könnte ein Beschluss der OECD-Länder 2014 bringen. Staatsanleihen sollten nicht weiter von der Notenbank gekauft werden, um die Konjunktur anzukurbeln. Es könnten dadurch eher außenwirtschaftliche Ungleichgewichte in der Euro-Zone verstärkt werden. Vgl. Belke/ Gros: Kontraproduktive Geldpolitik, in: Wirtschaftswoche, Nr. 15, 07-04.14, S. 42.  Am 04.09.14 senkt der Gouverneursrat der EZB den Leitzins im Euroraum um 0,1 Prozentpunkte auf 0,05%, einhistorisches Tief. Der Euro geht auf Talfahrt (Goldman Sachs erwartet die Parität zum Dollar bis Ende 2017). Die Konjunktur soll gestützt (mehr Investitionen, höhere Exporte) und die Inflation angekurbelt werden (Verteuerung der Importe). Die Ersparnisse der Bürger werden weiter entwertet und der Reformdruck auf die Regierungen sinkt. Die Banken selbst wollen das Billiggeld gar nicht.  Noch im Oktober 2014 will die EZB weitere Risiko-Anleihen (Pfandbriefe, ABS-Papiere) aufkaufen, um neues Geld in den europäischen Finanzmarkt zu spülen und die Konjunktur zu beleben. Der Europäische Gerichtshof verhandelt im Herbst 2014 über die Ankündigung der EZB, unbegrenzt Anleihen zu kaufen.  Eine gewisse Renationalisierung der Risiken wird empfohlen. Am 22.01.2015 gibt die EZB den Kauf von Staatsanleihen in großem Umfang bekannt. Monatlich werden für 60 Mrd. Euro Staatsanleihen von Banken aufgekauft (von März 2015 bis September 2016. Die Summe beträgt insgesamt 1140 Mrd. €; dann folgt eine Verlängerung um ein Jahr). Die Staatsanleihen werden nach dem Anteil der Mitgliedsländer an der Notenbank gekauft, also am meisten die Deutschen. Es gibt keine Eingrenzung bei den Laufzeiten. Die Leitzinsen bleiben unverändert (sehr wahrscheinlich bis Mitte 2017 und länger). Die Notenbanken verlieren aber auch zunehmend die Kontrolle über das Geld (Krypto - Währungen, E-Payment)   "Die Europäische Zentralbank hat noch immer die große Bazooka und jede Menge Munition", Olli Rehn, EU-Wirtschaftskommissar, zum Kampf gegen die Schuldenkrise.  

Die Krise in der EU und um den Euro führt mittlerweile dazu, dass in einigen Mitgliedsstaaten die Demokratie in Gefahr ist. Einmal geht eine Gefahr von den postsozialistischen Staaten aus. Die politischen Institutionen haben nicht mit dem Aufbau des Binnenmarktes dort Schritt gehalten. In erster Linie sind hier Rumänien, Bulgarien und Ungarn betroffen. Das Democracy Barometer (DB, Wissenschaftszentrum Berlin) zeigt Defizite auf dem Sektor "Medien- und Informationsfreiheit" auch in Österreich, Frankreich, Griechenland und Italien. In Italien und Griechenland sind Justiz und Verwaltung stark politisiert. Sogar in Dänemark, Schweden und Finnland haben "Rechtspopulisten" deutlichen Zulauf. Demokratiedefizite müssten stärker sanktioniert werden (vgl. Timm Beichelt: Von Steinen und Glashäusern, in: FAZ, Nr. 302, Mo. 30.12.13, S. 7). Insgesamt scheint der eher technokratische Weg der EU (Macht der EU-Bürokratie) an sein Ende gelangt zu sein. Dringend notwendig wären Elemente einer Bürgerbeteiligung.  Die schwerwiegenden ökonomischen Probleme in den Süd- und Ostländern (vor allem Jugendarbeitslosigkeit) dürften die demokratische Unterstützung nicht wachsen lassen. Es gibt sogar Ökonomen, die empfehlen, Europa wieder in möglichst viele Kleinstaaten zu zerlegen, um die Freiheit zu maximieren (vgl. Hans-Hermann Hoppe, in: Wirtschaftswoche Nr. 1/2, 6.1.2014, S. 36ff.). So gesehen wird die Nation als Garant für Demokratie gesehen. Die politischen Systeme in den einzelnen Ländern richten sich aber immer mehr an den Interessen der Reichen aus. Denn diese finanzieren die Wahlkämpfe und die Parteien. Damit wird aber die soziale Ungleichheit in den einzelnen Ländern weiter verschärft (vgl. Der Spiegel, 5/ 2014, Jeffrey Sachs, S. 67). Sicher ist auch die Frage zu stellen, was die EU zusammenhält. Reichen Interessen aus? Oder ist mehr die Kultur/ Religion/ Werte bzw. das Ethos zu berücksichtigen? Weiterhin muss transparent debattiert und  entschieden werden, was die EU regeln soll und was nicht. Gerade das Ergebnis der Volksabstimmung in der Schweiz 2014 (Kontingente für Einwanderer, Vorrang für Schweizer auf dem Arbeitsmarkt) zeigt, dass Angstmache ein wichtiger Faktor in der europäischen Politik geworden ist (so wollen auch Briten, Franzosen und Italiener die Zuwanderung begrenzen). Dabei kann man nachweisen, dass Freizügigkeit immer den Wohlstand in einem Gebiet steigert (Menschen wandern dorthin, wo Arbeitskräfte fehlen und sie höhere Löhne bekommen). Allerdings gibt es immer Grenzen für Zuwanderung. Experten empfehlen ein Punktesystem. Man findet in der EU auch 2015 keine faire Lösung für die Verteilung der Flüchtlinge (Quotenlösung). Die Hauptlast tragen aufgrund ihrer Lage nach wie vor Italien und Griechenland. In den anderen Ländern nehmen auch immer mehr gemäßigte Parteien Anleihen am rechten Rand. So bei Dänemarks Sozialdemokraten 2019. Die Demokratie muss auch die digitale Revolution in den Griff bekommen. Es muss ein offener, vernetzter Kontinent geschaffen werden (digitale Infrastruktur und ausreichender Schutz). Die Europäer haben viel Gutes an der Europäischen Union: dauerhafter Frieden, Erleichterungen für die Bürger, mehr Gewicht in der Welt. Das wird ökonomisch viel zu gering gerechnet.    "Man sollte keine Illusionen haben: Wie werden nicht über das Prinzip der Freizügigkeit verhandeln. Darüber kann man nicht verhandeln", Jose Manuel Barroso, EU-Kommissionspräsident 2014. Die Demokratie entstand im alten Griechenland im Stadtstaat Athen ca. 600 v. Chr., weil man die gesamte Bevölkerung einbeziehen musste, um Kriege gegen äußere Bedrohungen (Persien, Ägypten) gewinnen zu können.

Langfristig dürfte die EU nur als Politische Union (Euro-Politikunion) erfolgreich sein. Nur sie kann zuverlässig die Stabilität und Vorteile des Euro absichern. Kein Land allein, auch Deutschland nicht, kann in der Globalisierung und beim herausragenden Aufstieg Chinas zur führenden Wirtschafts- und Weltmacht seine Ziele durchsetzen. Die Vereinigten Staaten von Europa würden nicht so leicht abgehängt und könnten vielleicht ein eigenes Wettbewerbsmodell aufbauen. Darin dürften die Sozialpolitik und die Gründungsförderung Säulen sein. Allerdings wird dies nicht klappen, wenn immer mehr Europa mit immer weniger Rückhalt der Europäer verbunden ist. Leider genießt die EU in den USA oder China mehr Aufmerksamkeit als in der EU selbst. Bei der Europa-Wahl am 25.05.2014 haben die Europa-Gegner in Großbritannien (UKIP), Dänemark (Dänische Volkspartei) und Frankreich (Front National/Le Pen gewinnt sogar die Wahl) sehr starke Zuwächse (stark werden auch die Gegner in Irland, Italien, Griechenland, Ungarn und Österreich). In Schottland wird am 18. September 2014 über die Unabhängigkeit von Großbritannien abgestimmt. Ein positives Votum für die Unabhängigkeit könnte auch andere Regionen in Europa ermuntern (Katalonien, Baskenland, Korsika, Padanien, Flandern). Drei Fragen ergeben sich: Welche Währung?; Verbleib in der EU?; was passiert mit den Schulden? Die Schotten stimmen gegen die Unabhängigkeit.  In Deutschland kommt die AfD auf fast 7%. Insgesamt sind die Europa-Gegner auf dem Vormarsch. Für den Kommissionschef haben weder die Konservativen noch die Sozialdemokraten die Mehrheit. Merkel votiert für Juncker, den einige Staats- und Regierungschefs ablehnen. Juncker wird im Juli als Kommissionspräsident vom Parlament gewählt und damit durchgesetzt. Er will ein Wachstumspaket in Höhe von 300 Mrd. € auflegen (Investitionen). EU-Schlüsselressorts fallen Großbritannien (Regulierung der Finanzmärkte) und Frankreich (Währungskommissar) zu. Im Oktober 2014 will die EU 2,1 Mrd. € von Großbritannien. Die Forderung leitet sich aus der Wirtschaftsleistung Großbritanniens ab. Eine Umfrage des Instituts "Opinion Way" für die französische Zeitung "Le Figaro" bringt folgende Ergebnisse Ende 2014: Die Briten sind mehrheitlich klar für den Austritt aus der EU. Eine knappe Mehrheit für den Austritt gibt es auch in den Niederlanden. Den möglichen Austritt Großbritanniens bezeichnet man als Brexit. die Verhandlungen darüber beginnen im März 2017 und können 2 Jahre dauern. Am 31. März 2019 endet die Mitgliedschaft GB. Man findet keine Lösung für den Austritt; der mit der EU ausgehandelte Brexit-Vertrag findet keine Mehrheit im Parlament. Es droht ein so genannter  "harter Brexit". Nach langem hin und her wird die Frist für den Brexit von der EU auf den 31.10.2019 verlängert. In den Niederlanden, die im großen Wahljahr 2017 als erste wählen,  gewinnen zum Glück eher die gemäßigten Parteien.

Die EU müsste dringend reformiert werden. Die Euro-Krise, die Flüchtlingswellen, der Brexit, die wirtschaftliche Lage Süd-Europas, das Referendum in Italien, die Wahlen in Deutschland und Frankreich 2017, die mögliche Änderung der Position der USA durch den Wahlsieg Trumps bauen ordentlich Druck auf. In seinem neuen Buch entwirft Hans-Werner Sinn fünfzehn Reformvorschläge (Der Schwarze Juni, Freiburg 2016): Diese Vorschläge sind in drei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe betrifft den Euro (Konkursordnung für Staaten, Tilgung der Target - Verbindlichkeiten, EZB-Stimmrechte nach Größe). Dann geht es um die Steuerung der Migration (Heimatlandprinzip, Grenzsicherung, Punktesystem). Schließlich kommen noch einige hinzu (europäischer Subsidiaritätsgerichtshof, gemeinsame Armee). Vgl. die Seiten 281ff. Die Wirtschafts-Politik von Trump in den USA ab 2017 wird von vielen Experten inzwischen eher positiv für die EU gesehen (ZEW/ Mannheim-Umfrage 2017). Auch ein Brexit könnte die übrigen Länder näher zusammenbringen. Einige Experten raten Osteuropa, dem Brexit zu folgen. Bei Amtsantritt macht der französische Präsident Macron Reformvorschläge. Wegen der schleppenden Regierungsbildung in Deutschland können die lange nicht beantwortet werden. Deutschland und Frankreich schließen am 22.01.2019 einen neuen Freundschaftsvertrag in Aachen (Kooperation auf vielen Gebieten). Das britische Parlament lehnt im Januar 2019 den Austrittsvertrag ab. Plan B sieht Nachverhandlungen vor, insbesondere zu der Grenze nach Nord-Irland. Im Februar 2019 schließen GB und die Schweiz einen Handelsvertrag für die Zeit nach dem Brexit ab. Er könnte als Blaupause dienen.

Systemwettbewerb der EU mit den USA und China bzw. Russland: Die EU muss künftig als Weltmacht auftreten, wenn sie ihre wirtschaftlichen Interessen durchsetzen will. Das größte Problem sind 2019 die Populisten, die in die Entscheidungsprozesse eingreifen wollen. Sie werden direkt von Russland gefördert und indirekt auch von den USA und China. Die Großmächte versuchen alles, um die EU zu spalten und damit in ihrer Position zu schwächen (in Osteuropa, in Südeuropa). Die EU muss ihren unumkehrbaren Niedergang verhindern. Sie muss erfolgreiche Strategien dafür entwickeln: 1. Starke Währung. 2. EU-Außenpolitik. 3. China-Strategie. 4. Energiewende. 5. Binnenmarkt. Vgl. Wettach, Silke: Der verhinderte Riese, in: WiWo 22, 24.5.19, S. 14ff. Sie muss vor allem eine effektive Kommission und Rat bekommen. Das Postengeschacher nach der Europawahl zerschlägt viel Porzellan. Nach der großen  Finanzkrise 2009 wurde das "Europäische Semester" 2010 eingeführt: Bevor die nationalen Parlamente die Etats beschließen, werden sie von der EU-Kommission überprüft. Sie spricht dann Empfehlungen aus. Dabei hat die Kommission mehrere Ziele. Die Volkswirtschaften sollen sich annähern, die Haushalte solide finanziert, das Wirtschaftswachstum angekurbelt, die ökonomischen Ungleichgewichte abgebaut und Reformen angepackt werden. Im Idealfall richten die nationalen Gesetzgeber dann ihre Haushalts- und Wirtschaftspolitik an diesen Empfehlungen aus. Die deutsche Haushalts- und Finanzpolitik bekommt 2019 schlechte Noten. Dei Bundesregierung erwirtschafte zwar Überschüsse, Aber die Zukunftsvorsorge sei zu schwach.

"Jeder, der glaubt, dass er mit einer fortgesetzten Periode des billigen Geldes Probleme löst, dem ist nicht zu helfen", Jürgen Fitschen, einer der beiden ehemaligen Vorstandschefs der Deutschen Bank 2013 zur Niedrigzinspolitik der EZB (heute ist die Zusammensetzung des Vorstands eine andere).

 

"Wenn der Drache lahmt": Die Bedeutung Chinas für die deutsche Wirtschaft und die Weltwirtschaft und der Wert des Staatskapitalismus. Das Thema wird immer mal wieder relevant in der ein oder anderen Form (vgl. z. B. meinen Vortrag von 2010 beim Landesinstitut für politische Bildung  B. - W.  in Freiburg, gefördert von der Ludwig-Ehrhard-Stiftung, Bonn "China -  Anker der Weltwirtschaft?"). Auch das Jahr 2019 mit einer möglichen Rezession macht das Thema wieder aktuell: Vgl. Das China-Dilemma. Wie die Volksrepublik zur Falle für deutsche Konzerne wird, in: Handelsblatt Nr. 13, 2019 (18.19.20. Januar), S. 42ff. China selbst hat 2018 zu einer neuen Bescheidenheit zurückgefunden  (Armut, Arbeitslosigkeit, Immobilienblase, Schulden, Handelsstreit mit den USA, schwächelnde Konjunktur). Das Wirtschaftswachstum ist mit 6,4% bzw. 6,6% das geringste seit 1949; die Geburtenrate ist trotz Wechsel in der Bevölkerungspolitik (2 Kinder) gesunken. Als Folgen müssen die deutschen Auto- und Maschinenbauer Absatzrückgänge wegstecken.

"China ist ein schlafender Drache, lasst ihn schlafen, denn wenn er sich erhebt, erzittert die Welt", Napoleon Bonaparte. (auf Sankt Helena, Aufzeichnungen des Leibarztes). Das Tier ist ein schlangenartiges Mischwesen der Mythologie. Der Drache symbolisiert die Macht, den göttlichen Beistand und den Reichtum Chinas (er spielt überall auf der Welt in Sagen eine Rolle, so auch in Wales und Deutschland). Der gelbe Drache stand ursprünglich für die Macht der chinesischen Kaiser. Das letzte Jahr des Drachen in China war 2012. In einem solchen Jahr werden traditionell mehr Kinder geboren als üblich. Der neu gestaltete Flughafen in Peking zu den Olympischen Spielen 2008 hat die Form eines Drachens. Er ist noch der modernste der Welt (der größte ist Atlanta/ USA), bis 2018 im Süden Pekings ein neuer Flughafen entstehen soll.

"China kann nicht 30 Jahre ohne Rückschlag wachsen", Kenneth Rogoff, Uni Harvard; ehemaliger IWF-Chefökonom (zitiert nach Wirtschaftswoche, 37, 4.9.15, S. 27. Dagegen Chinas Parteichef und Präsident Xi Jinping auf dem Volkskongress 2017: "Unsere chinesische Zivilisation erstrahlt in dauerhafter Pracht und Herrlichkeit" (zitiert nach Der Spiegel 46/2017, S. 15).

0. Chinas traditionell dominiernde wirtschaftsgeschichtliche Rolle in der Welt. Das einheitliche, kaiserliche China wurde im Jahr 221 v. Chr. vom ersten Kaiser Qin Shi Huangdi gegründet (nach der Zeit der "Streitenden Reiche"; von Qin kommt der Name China in Deutschland, "Tchin" ausgesprochen; heute sind die sieben ständigen Mitglieder des Politbüros der KPC die neue Dynastie). Über große Teile seiner zweitausend Jahre war das Land immer das bevölkerungsreichste Land und die größte Volkswirtschaft der Erde (1820 noch 33% Anteil an der Weltwirtschaft) und auch die fortschrittlichste Zivilisation (höchster technischer Fortschritt, vor allem um 800 n. Chr. bis 1000 n. Chr. Drehscheibe des Handels in Asien (im späten Mittelalter hatte China die größte Flotte der Welt und hätte Eroberungen machen können). In der ganzen Zeit hatten China und Indien 50% der Weltwirtschaft inne (zu Zeiten von Christi Geburt vielleicht sogar 70%; aber Messungen gab es noch nicht). Dieses Selbstverständnis drückt sich in der Bezeichnung "Zhonguo" aus, was bedeutet "Reich der Mitte", also Land im Zentrum der Welt und Kultur. Das China-Bild in Europa und das Bild Europas in China wurde maßgeblich von Jesuiten geprägt ebenso wie der wissenschaftliche Austausch (das Bild wird durch große Philosophen wie z. B. Kant multipliziert). Inwieweit Marco Polo dabei eine Rolle gespielt hat, ist bis heute umstritten. Vor der industriellen Revolution wurde dem sino-zentrischen Weltbild jäh ein Ende gesetzt. Mitte des 19. Jahrhunderts zwangen erst die Briten in zwei Opium-Kriegen China, sich dem Handel zu öffnen (Deutschland war zum Glück für das heutige Verhältnis zu China nur am Rande beteiligt: "Germans to the Front"). Später wurde das Land 1937 und 1945 von japanischen Angriffen in die Knie gezwungen. Mittlerweile ist die VR China wieder die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde (natürlich nicht pro Kopf; wichtig ist auch die Bewertungseinheit), was das Ausgangsthema legitim macht. Grundsätzlich ist "luan" die Grundangst der Chinesen. Luan bedeutet Chaos. Man will alles tun, damit das Land politisch und wirtschaftlich stabil bleibt (damit nützt die wirtschaftliche Stabilität des Landes heute auch der ganzen Welt). Eine wichtige Rolle spielen dabei Riten (Li). Sie sind wichtiger als Gesetze (anderes Rechtsverständnis). Am ehesten kann man wirtschaftliche Stabilität heute erreichen, indem man die großen sozialen Unterschiede im Land bekämpft (der Lebensstandard hat sich aber insgesamt erhöht) und sich nicht zu Export abhängig vom Ausland macht (das ist die ökonomische Grund-Position der KPC). Die Geschichtsschreibung ist in China Staatsmonopol. Deshalb ist Misstrauen immer geboten.

1. China als größter Markt der Welt für die wirtschaftliche Nachfrage (Importe aus dem Ausland): Die chinesische Schwäche belastet Deutschland. Für Deutschland steht China 2014 für die Exporte auf Rang vier gleichauf mit den Niederlanden, hinter Frankreich, den USA (im ersten Halbjahr 2015 Spitzenreiter) und Großbritannien. 2016 steigt China zum wichtigsten Handelspartner für Deutschland auf. Am wichtigsten ist China für die deutsche Automobilbranche (für 2015 wird die Absatzprognose zurückgeschraubt; zum Jahreswechsel 2016 bricht vor allem Porsche ein), dann folgen als Branchen Chemie (die BASF senkt im Oktober 2015 ihre Ziele und drosselt die Produktion) und Maschinenbau. Die 30 DAX-Unternehmen machen 2018 15% ihres Umsatzes in China, hauptsächlich mit rund 700 Tochtergesellschaften.  5.200 deutsche Unternehmen sind in China aktiv und haben 1,1 Mio. Arbeitsplätze geschaffen. In den letzten 20 Jahren (1998 - 2018) stiegen die deutschen Exporte nach China um 1500%. Im Jahr 2018 handelten Deutschland und China Waren im Wert von fast 200 Mrd. € (Quelle: Deutsche Handelskammer). Der Gesundheitssektor in China dürfte für die Zukunft eine große Chance sein (bei Fresenius schon 3% Umsatzanteil). Dabei ist auch zu bedenken, dass ausländische Firmen bei Schlüsselindustrien in China ausgeschlossen sind (Telekommunikation, Luftfahrt, Energie). Die deutsche Industrie spürt aber im Juli und August 2015 die nachlassende Nachfrage aus China, die sich insgesamt in einem Rückgang der Aufträge niederschlägt (die höchsten Umsatzanteile im Ausland haben Linde, Heidelberg Cement, Bayer und Adidas). Besser läuft das Geschäft für die deutsche Konsumgüterwirtschaft. Die Kauffreude haben die Chinesen nicht verloren. Davon profitiert z. B. Adidas (China mit 15% Umsatzanteil). Wichtiger noch ist die Nachfrage aus China für die USA, das gleichzeitig auch das größte Importland der Welt ist. Die aufstrebende Mittelschicht kauft zunehmend amerikanische Konsumgüter (Apple, Google).  Apple merkt 2015 und 2016 deutlich die abgekühlte Konjunktur in China (erstmals seit 13 Jahren Umsatzrückgang). Die Nachfrage der Mittelschicht muss weiter wachsen, damit die Exportabhängigkeit des Landes nachlässt. Besonders wichtig ist die Nachfrage aus China auch für einige asiatische "Tigerländer": Singapur (15,4% Anteil der Exporte nach China am BIP), Südkorea (9,7% Anteil der Chinaexporte am BIP), Malaysia (7,3%), Australien (4,8%). Selbst Japan hat einen Anteil der Chinaexporte am BIP von 2,5% (im Vergleich dazu Deutschland 2,0%). Nicht so wichtig ist der Handel mit China für Indien. Deshalb könnte Indien 2015 sogar ein Wachstum von 7,5% erzielen (Prognose IWF). Im September 2015 brechen die chinesischen Importe insgesamt um 20% ein. Die Schwellenländer sonst  schwächeln insgesamt (Brasilien, Russland, Mexiko, Indonesien, Türkei, Süd-Afrika; vgl. Schütte, C. u. a.: Die Neue Weltordnung, in: Capital 10/2015, S. 28ff.). Zum Glück exportiert die deutsche Wirtschaft nur rund 25% in die wichtigsten Schwellenländer (Abgrenzung und damit Messung schwierig). "17,3 Prozent des weltweiten BIPs entfallen auf die chinesische Volkswirtschaft", Stephen Roach, Wirtschaftsprofessor in Yale (2016 im Handelsblatt, 31.10.16, S. 56).

Für einzelne deutsche Firmen hat China allerdings eine sehr große Bedeutung: Bei VW hat China einen Umsatzanteil von 39,9% (2018). Bei Infineon sind es 34,2%. Es folgen Daimler (26,4%), BMW (24,1%), Covestro (21,7%), Adidas (17,9%), Continental (13,0%), BASF (11,3%), Merck (10,3%) und Siemens (9,8%). Alle Zahlen sind für 2018. Quelle: Handelsblatt Nr.13, 18./19./20. Januar 2019, S. 46. Heute schon hat China einen Anteil von 40% des Weltchemiemarktes. 2030 wachst der Anteil auf 50%, also soviel wie der Rest der Welt. Das sagt einiges über die Bedeutung des Landes für die großen deutschen Chemieunternehmen (BASF).

Die Importe Chinas aus dem Ausland hängen stark von  drei Faktoren ab, die relativ schlecht berechenbar sind: 1. Die Führung Chinas tut alles - auch unter Einsatz protektionistischer Methoden -, um Produktionsstätten (Direktinvestitionen) ins eigene Land zu bekommen (dadurch kann der Binnenkonsum und die Beschäftigung angehoben werden; der Binnenkonsum kann aber noch nicht die Rückgänge beim Export auffangen). 2. Abwertungen der eigenen Währung senken die Kaufkraft der Bevölkerung für importierte Güter.  3. Aufgrund großer Disparitäten zwischen Provinzen und großer sozialer Unterschiede in der Bevölkerung sind Prognosen zur Kaufkraft in China fast unmöglich (wir haben das mal in einem Projekt versucht).  "Ich glaube, wir sollten ganz besonnen die Wellenbewegungen in China abwarten", Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender von Audi im September 2015. 

Exkurs: Die drei größten Handelsriesen im Vergleich: Die Anteile am globalen Bruttoinlandsprodukt 2018 in 1000 Mrd. Euro: USA 17, EU 15, China 10, Japan 4, Rest der Welt 24. China exportiert in die EU Waren im Werte von 394,6 Mrd. Dollar (2018). Von der EU importierte China Waren im Werte von 209,8 Mrd. Dollar (2018). Die USA importierten von der EU Waren für 407 Mrd. Dollar. Sie exportierten in die EU Waren für 268,1 Mrd. Dollar. China exportierte in die USA Waren für 539,7 Mrd. Dollar. China importierte für 120,1 Mrd. Dollar aus den USA. Quelle: U.S. Census, Eurostat.

2. China als Konkurrent auf der Angebotsseite (Abwertung des Renminbi und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, Exporte): Nach einer Prognose des Ifo-Instituts in München im September 2015 wird der Leistungsbilanzüberschuss 2015 in China bei einer Rekordhöhe liegen und erstmals  höher sein als in Deutschland mit 250 Mrd. Euro (aber im September 2015 sinken die Exporte um 3,7%). Im Januar 2016 brechen die Exporte im Vergleich zum Vorjahresmonat um 11,2% ein. Durch die dreimalige Abwertung des Yuan  im August 2015 sollten eigentlich die Exportchancen erhöht werden. Die Abwertung hängt auch mit einer Veränderung des Wechselkursregimes zusammen: Das tägliche Fixing orientiert sich stärker am Schlusskurs des Marktes vom Vortag (neue Bezugswerte). So wird die Dollarbindung immer mehr durch einen Währungskorb ersetzt (China Foreign Exchange Trade System). Außerdem verkauft die Zentralbank Dollar und Euro (Anleihen-Verkauf). Kurzfristig verbessern Abwertungen Wachstum und Beschäftigung, langfristig müssen "Leistungen" billiger getauscht werden (Wer verzichtet gern auf höhere Löhne?). Nach den Aktienstürzen ab 04.01.16 wird die Währung acht Tage hintereinander abgewertet (auf zuletzt 6,5032 Yuan zu einem Dollar). Am 08.01.16 erfolgt dann wieder eine Aufwertung. Die Regierung will den Kurs stabil halten. Im Februar 2016 macht die Notenbank Stützungskäufe mit dem Ziel, eine deutliche Abwertung des Yuan zu verhindern (Währungsreserven sinken um 99,5 Mrd. Dollar auf 3230 Milliarden Dollar). Der wichtigste Grund für die Abwertungstendenz sind Kapitalexporte chinesischer Unternehmen und Privatpersonen, die eine Abwertung ihrer Heimatwährung fürchten. Vielleicht kommen bald schärfere Kapitalverkehrskontrollen. Die Währung Chinas heißt eigentlich Renminbi, Yuan ist nur eine Zahlungseinheit und heißt "das Runde".  Durch die Abwertung sind die direkten Konkurrenten unter den Schwellenländern besonders betroffen: Indien, Brasilien und Russland. Chinesische Importe werden billiger, auch in den USA (die Export-Güter Chinas sind stark preiselastisch). Es könnte ein Abwertungswettlauf zumindest mit den südostasiatischen Nachbarländern drohen. Die chinesische Lohnexplosion (schneller als Produktivität; auch verursacht durch den Aufbau eines Sozialversicherungssystems) lässt die Preise aber nur bedingt sinken (Kostenvorteil liegt 2015 im Durchschnitt noch bei etwa 15%). Viele Staatsfirmen erreichen nur noch gute  Bilanzen durch versteckte Subventionen und  günstige Kredite von Staatsbanken. Das Verhältnis von Staat zu Markt muss generell neu geordnet werden. Die drei aktuellen, ökonomischen Hauptprobleme Chinas Überalterung, ungleiche Verteilung und steigende Lohnkosten können durch die Währungspolitik nicht gelöst werden.

Laut Beitrittsprotokoll zur WTO wird China normalerweise nach 15 Jahren zur Marktwirtschaft erklärt. Das wäre also 2016. Die USA und Kanada sträuben sich. Die EU prüft noch. Vom Status der Marktwirtschaft international hängt sehr stark die Exportkraft Chinas ab. Die Handelspartner weisen auf den sehr starken staatlichen Einfluss auf die Unternehmen hin. Sie bemängeln zügellose und intransparente Subventionspolitik. 2016 übernimmt China die G20-Präsidentschaft. Vielleicht kommt es dann zu einer Kehrtwende und einer handelspolitischen Liberalisierung. China versucht auch, handelspolitische Alternativen in Form von Wirtschaftsintegrationen aufzubauen (APEC, FTAAP).

Massiv bemüht sich das Land auch um die Öffnung seines Devisenmarktes: Mit 39 Staaten in der Welt hat die Volksrepublik so genannte Swap-Abkommen.  Einmal gibt es seit einpaar Jahren Renminbi-Handelszentren (das europäische ist in Frankfurt; Clearingbanken). Zweitens gibt es seit dem 08.10.15 das internationale Zahlungsverkehrssystem "Cips". Das inländische Zahlungssystem "Cnaps" unterstützt nur chinesische Schriftzeichen und akzeptiert keine internationalen Überweisungen. Es ist auch nicht mit dem internationalen System "Swift" vereinbar. Cips soll Swift und Cnaps verbinden. Ab Dezember 2015 erklärt der IWF den Renminbi zur Welt-Reservewährung.

3. China als Nachfrager und Anbieter auf den Rohstoffmärkten und Investor (mit Direktinvestitionen der Unternehmen): Bei lahmender Konjunktur braucht China weniger Rohstoffe. Davon sind stark Nigeria (Öl) und Südafrika in Afrika (Eisenerz), Venezuela, Chile (Kupfer), Peru (Silber) und Brasilien in Südamerika betroffen. Die abnehmende Nachfrage nach Rohöl dürfte zusammen mit dem hohen Angebot aus Saudi-Arabien und dem Iran den Ölpreis länger stabil halten bzw. zum Fallen bringen. 2016 könnte es wieder erste Anstiege des Ölpreises geben, weil die US-Ölindustrie schwächelt. Die Stahl-Konzerne aus dem Reich der Mitte drücken ihre gewaltigen Überkapazitäten auf den Weltmarkt (keine Produktionsvorteile, einige Länder erwägen Anti-Dumping-Strafzölle). Die Preise einiger Sorten geraten unter Druck. Überkapazitäten gibt es auch bei Zement und anderen Grundstoffen (teilweise hängen die Überkapazitäten auch mit staatlichen Konjunkturprogrammen nach der großen Krise 2009 zusammen). Landwirtschaftliche Importe stammen in immer höherem Maße aus eigenen Agrarinvestitionen im Ausland ("Strategic Cropping Land": Z. B. in Äthiopien, Brasilien, Indonesien). Dort werden mittlerweile die früheren Eigentümer diskriminiert und ausgebeutet. China lässt insgesamt die Preise auf den Weltmärkten verrückt spielen: Das gilt einmal für den Ölpreis (das Land ist der weltgrößte Importeur). Das gilt auch für den Kohlepreis (2008 bis 2013 Verdreifachung der Importe). Auch der Zementpreis wird stark von China beeinflusst (in drei Jahren mehr Zement verbraucht als die USA im 20. Jahrhundert). Die Baubranche ist 2014 für fast ein Drittel des BIP verantwortlich. Der Eisenerzpreis befindet sich in einem Siebenjahrestief.

China ist bei Seltenen Erden der wichtigste Anbieter. 2019 setzt China Seltene Erden im Handelsstreit mit den USA ein: Etwa 70% der Seltenen Erden, die 2019 in der Produktion eingesetzt werden, kommen aus China. Das Land erwägt einen Exportstopp bzw. eine Reduktion. 80% der exportierten Mengen gehen in die USA. Außerdem beherrschen mittlerweile chinesische Firmen den Abbau im Kongo (Kobalt). Sie sind auch am Abbau in Australien beteiligt. Yttrium, Dysprosium, Terbium: Besonders wichtige seltene Erden. Sie spielen im gesamten Bereich der Magnet- und Batterieherstellung bis zu den Laptops eine wichtige Rolle. 80% der weltweiten Förderung lag 2016 in China.  In den Salzseen Boliviens lagern riesige Mengen. Lithium: Es gibt auch hohe Vorkommen in Chile und Argentinien. Weitere Minen gibt es in Australien. Chinesische Batterie- und Autohersteller sichern sich langfristige Lieferverträge und Joint Ventures mit den Minen. China beherrscht mittlerweile so auch den Lithium-Markt.

Die ungeheure Höhe der Investitionen wird China nicht mehr aufrechterhalten können (1980 bis 2010  50% der Wirtschaftsleistung; Entwicklung erklärbar mit dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag). Der Gewinn in der chinesischen Industrie bricht im August 2015 um 8,8% ein (Statistikbüro, Peking; stärkste Abwärtsbewegung seit Datenerhebung ab 2011). Der Einkaufsindex für September 2015 ist auf 47 Punkte gefallen. Für den Wandel von der Schwerindustrie zur High-Techindustrie sind aber weiterhin hohe Investitionen erforderlich.

Die chinesischen Staatsunternehmen haben sehr hohe Schulden. In der Vergangenheit, vor allem nach der Finanzkrise 2008, wurden exzessiv Kredite vergeben (aus einem staatlichen Konjunkturpaket, 400 Mrd. €). Die Unternehmen investierten gerne in unrentable Infrastrukturprojekte. Die Schulden sollen in Höhe von 240 % des BIP liegen. Die Firmen können jetzt die Schulden nicht mehr zurück zahlen. Nach außen dringt dies bei Sinosteel, eines der größten Stahlunternehmen der Welt. Am höchsten verschuldet ist China Railway (173 Mrd. €; Zinsen für Anleihen können nicht mehr aus dem erwirtschafteten Geld bezahlt werden). Auch Petrochina und State Grid China sind hoch verschuldet. Rund ein Fünftel aller börsennotierten staatlichen Unternehmen sollen Minus machen (Ausgleich durch Schulden). In den ersten drei Quartalen 2015 nahmen zehn Staatsunternehmen zwei Milliarden Euro an neuen Krediten auf (die Schuldenquote bei staatlichen Unternehmen ist doppelt so hoch wie bei privaten).  Einige Unternehmen kaufen im Ausland zu, am bekanntesten ist das Beispiel Chem China, das 2016 Kraus Maffei in München für 925 Mio. Euro kauft. KMU haben dagegen Probleme, von Banken Geld zu bekommen. Es gibt keine Schufa, so dass jeder seine Kreditwürdigkeit selbst nachweisen muss. Online-Kreditportale stoßen gezielt in diese Lücke. Aufgrund der strengen Kapitalverkehrskontrollen landen die im Export erzielten Devisen immer noch nicht auf den eigenen Konten der Firmen, sondern bei der Zentralbank. Die nimmt dann den Tausch in Renminbi vor zu einem festgelegten Wert.  Die Firmenschulden fallen insgesamt mit 163% der Wirtschaftsleistung höher als in der Eurozone (103%) und in den USA (73%) aus.

Aber nicht nur Unternehmen, sondern auch die anderen Institutionen sind relativ hoch verschuldet: Privathaushalte (38% des BIP), Finanzinstitute (125% des BIP), Staat (55% des BIP).

Strategie bei den Direktinvestitionen: Das Münchener Ifo-Institut hat die Direktinvestitionen empirisch analysiert (2019). Sie untersuchten mehr als 70.000 Firmenkäufe in 92 Ländern von 2002 bis 2018.  Bei 1900 Übernahmen kamen die Käufer aus China. In 171 Fällen wurden deutsche Unternehmen übernommen. Die chinesischen Investoren werden nicht per se mit Staatsgeldern unterstützt. So können sie auch nicht jeden Wettbewerber überbieten. Sie konzentrieren sich auf Firmen, die sie billig kaufen können (nicht so rentabel, die Verschuldungsquote bei den Übernahmefirmen  liegt mit 6,5% über dem Durchschnitt). Die durchschnittliche Profitabilität der Zielunternehmen war gering. Die Größe lag meist über dem Durchschnitt. Es werden von Seiten der chinesischen Staatsunternehmen Unternehmen aus der Rohstoffgewinnungs- und der Agrarbranche bevorzugt. Private Unternehmen präferieren Elektro-, Maschinenbau- und Fahrzeugindustriefirmen. Damit scheint China einen langfristigen Plan zu haben, der zum "Neuen Seidenstraßenprojekt" und zu "Made in China 2025" passt.

China liegt ganz hinten beim FDI Restrictiveness Index der OECD (Stand 2017; 0=offen, 1=geschlossen).  China hat einen Wert von 0,317. Ganz vorne liegen Deutschland (0,023) und Großbritannien (0,040). Dahinter Frankreich, Japan, USA, Russland, Indien, China.

4. Globale Relevanz der Umwelt- und Energiepolitik Chinas: China (und auch die USA sowie Japan) werden wahrscheinlich beim Nachfolgeprotokoll von Kyoto in Paris dabei sein. Das ist die wichtigste Determinante. Durch den hohen Kohleanteil der Kraftwerke beeinflusst das Land das Weltklima durch den CO2-Ausstoß (höchste CO2-Emissionen der Welt, 27% an den Weltemissionen/ 2018; pro Kopf allerdings USA)  negativ. China und die USA haben zusammen fast 50% der Kohlendioxid-Emissionen. Die starke Nachfrage nach Öl beeinflusst den Preis. Bei der Atomkraft hat China ehrgeizige Zukunftspläne und sorgt somit für die weitere Verbreitung neuer Atomkraftwerke in aller Welt. Durch ein Green-GDP und konkrete Pläne für die starke Ausbreitung alternativer Energien versucht China, auch hier Vorreiter zu sein (zu konkreten Daten vgl. die Seite "Ostasien/ Makroökonomische Grunddaten" oder einen Vortrag von mir zum gleichen Thema: Energiepolitik). Wirtschaftskrisen in China verlangsamen voraussichtlich die Energiewende. Umweltverschmutzung und Energieverbrauch gehen dadurch aber zurück. Im Oktober 2015 lässt die chinesische Regierung die umweltbedingten Produktionseinschränkungen fallen. Im Großraum Peking verschlechtert sich die Luft schlagartig. Das wird Anfang Dezember 2015 so schlimm, dass wieder ca. 2000 Firmen ihre Produktion zurückfahren müssen und Autobahnen gesperrt werden (Smog-Alarm; Feinstaub 20x höher als Norm; Ursachen: Wetterlage, CO2 in Peking, Kohlekraftwerke im Süden Pekings). Der Smog-Alarm wiederholt sich mehrmals. Die chinesische Hauptstadt plant eine "Stau-Abgabe" (5,6 Mio. Fahrzeuge sind registriert). Die chinesische Regierung will Autos mit kleineren Motoren fördern. Im Jahre 2016 sollen allein 2500 Firmen geschlossen werden (KMU: Hotels, Werkstätten, Restaurants; evtl. nur Vorwand für Stadtplanungsmaßnahmen; 2017 sollen weitere folgen). Außerdem will China 4300 kleine Kohlebergwerke schließen (ab 2016 in drei Jahren). Ende 2015 waren 11.000 Kohlebergwerke in Betrieb.

Auf dem Weltklimagipfel in Paris im Dezember 2015 übernimmt China eine wichtige Funktion. Einmal aufgrund seiner Führungsrolle beim CO2-Ausstoß. Zum anderen als Vorbild für viele andere Länder, vor allem Entwicklungsländer. Indien folgt in der Regel immer der Position Chinas. China lehnt den ersten Entwurf eines Klimavertrags ab (wegen "High Ambition Coalition", Finanzierung, Dekarbonisierung, Kontrolle). Die Türkei passt sich der chinesischen Position an, und verweist auf eine Sonderrolle aufgrund des wirtschaftlichen Rückstandes. China setzt auf eine spätere zeitliche Ausdehnung (Kohlekraftwerke u. a.) und stimmt dem Vertrag schließlich zu (Absichtserklärungen überwiegen; Sanktionen und Kontrollen sind sowieso unzureichend).  Auch nach dem Ausstieg der USA unter Trump will China im Abkommen bleiben.

5. Finanzmärkte in China und Auswirkungen: Die Finanzmärkte in China sind noch reguliert und fehlgesteuert. Wegen der drohenden importierten Inflation waren die Kapitalmarktgrößen Leitzins und Mindestreserve lange restriktiv gesetzt. Erst die sich 2015 anbahnende Konjunkturflaute lässt die Notenbank auf expansivere Geldpolitik umschalten (mehrmalige Senkung des Leitzinses). Am 23.10.15 wird der Leitzins zuletzt um 0,25 Prozentpunkte auf 4,35% gesenkt. Der Aktienmarkt ist heute schon nach den USA der zweitgrößte der Welt (Börsen in Hongkong, in Shanghai mit Shenzhen und in Tianjin). Die drei Unternehmen China Mobile, China Petroleum und Petrochina sind alleine so groß wie die 30 DAX-Unternehmen zusammen. Der Aktienmarkt in Shanghai ist hoch volatil (viele Chinesen kaufen mangels Alternativen inzwischen Aktien, auch Spieltrieb und Manipulation der Händler). 2016 wirkt ein Gesetz, dass der Aktienhandel automatisch ausgesetzt wird, wenn die Einbrüche stärker als 5% sind (soll wieder abgeschafft werden). Außerdem dürfen Anteilseigner, die mehr als 5% der Aktien eines Unternehmens besitzen, die Aktien nicht verkaufen. Mitte September 2015 gibt es wieder Einbrüche. Weitere Stürze kommen ab 04.01.2016 (Einbrüche um 7%). Ursache  ist der starke Rückgang der chinesischen Industrieaktivitäten (Einkaufsindex, auch Rückgang der Erzeugerpreise). Der Shanghai Component Index beeinflusst inzwischen als Frühindikator stark den Nikkei in Japan und die Börsen der Nachbarländer. Auch der Dow Jones in den USA und der DAX in Deutschland schließen sich dem jeweiligen Trend an (Anfang 2016 rutscht der DAX deshalb unter 10.000). Die Börse in Hongkong mit dem Hang Seng wirkt noch ausgleichend (gilt auch als seriöser Maßstab). Starke Argumente für die Stabilität der Finanzmärkte und Chinas insgesamt sind die gewaltigen Devisenreserven (rund 3,33 Billionen Dollar; sie sind deutlich zurückgegangen wegen der Interventionen auf dem Devisenmarkt 2015 und 2016; -513 Mrd. $), die hohe Sparquote der Bevölkerung, der Fleiß und Geschäftssinn der Menschen und das besonnene Management bzw. die Machtposition der Führungsspitze. Argumente dagegen sind die enorm hohe Verschuldung (Staat, Unternehmen, Banken) und politische Probleme (z. B. Demokratie, Verteilung, Umwelt). Der Schuldenberg des Landes hat sich seit 2007 (Jahr vor der Finanzkrise) bis Mitte 2015 vervierfacht. Der Anteil an faulen Krediten ist dramatisch gestiegen (den höchsten Anteil hat traditionell die Agricultural Bank of China wegen der Naturkatastrophen-Risiken mit fast 2% vor der China Construction Bank mit ca. 1,5%; es folgen die Bank of China mit 1,41% und die Industrial and Commercial Bank of China mit 1,4%). Andererseits ist das Bankgeschäft im Vergleich zum Westen noch sehr traditionell (Differenz zwischen Spar- und Kreditzins als Hauptgewinnquelle). Regionalregierungen verschulden sich jedoch zunehmend bei Schattenbanken. Wichtig wird sein, wie China seine Banken in Zukunft schützt. Wählt sie die Methode der USA, gewährt die Zentralbank den Banken Zinsen, wenn sie Reserven dort parken. In diesem Falle subventioniert die Notenbank die Finanzindustrie. Die Frage ist, ob die chinesischen Steuerzahler das  tolerieren, wenn sie es merken. Alternativ kann die Zentralbank auf die riesigen Devisenreserven zurückgreifen. Kein Land der Welt hat auch die letzte Finanzkrise von 2008 so schnell hinter sich gelassen. Mitte Januar 2016 fließen wieder 7,7 Mrd. Euro von der Notenbank ins Bankensystem. Grund ist die Furcht vor einem Konjunktureinbruch. Umgerechnet 500 Mrd. Euro haben Notenbank und Regierung in die Wirtschaft gepumpt. "Die Ökonomie hat noch nicht die Konsequenzen aus dem Versagen der Finanzkrise gezogen... Eine wichtige Ursache der Finanzkrise war Unsicherheit", Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, auf der Jahrestagung des Vereins für Sozialpolitik, Anfang September 2015.

Sieben Jahre nach dem Lehmann-Crash und der großen Finanzkrise 2008 scheint eine neue Ära zu beginnen. Das Kapital flieht aus den Schwellenländern, die US-Notenbank will die Geldschwemme bremsen und die Zinsen erhöhen (bei der letzten Zinserhöhung gab es noch kein Smart-Phone). Das geschieht auch im Dezember 2015. Investoren ziehen ihr Geld aus China ab. 2015 flossen 676 Mrd. $ Kapital aus dem Land (Quelle: IIF). 2016 soll der Kapitalabfluss bei 552 Mrd. $ liegen. China zeigt sich erstmals seit vielen Jahren als schwächelndes Land, das aber mittlerweile die Finanzmärkte anderer führender Länder der Welt beeinflussen  und sogar erschüttern kann.

6. China als größter Gläubiger der Welt (Kredite als Machtmittel): China sichert sich mit seinen Krediten Rohstoffe und Einfluss. Die größten Schuldner sind Länder in Afrika (am höchsten Niger und Republik Kongo, Dschibuti, Angola, Elfenbeinküste), Südamerika (am höchsten Ecuador, Venezuela) und Asien (am höchsten Laos, Sri Lanka, Pakistan). Vgl. Horn, Sebastian/ Reinhart, Carmen/ Trebesch, Christoph: Analyse der chinesischen Auslandskredite, 2019. Die Kredite laufen in der Regel über die China Development Bank (CDB, Chinas Superbank, Bilanzsumme 2,4 Billionen Dollar).

Die USA haben allerdings in den letzten Jahren ihre finanzielle Abhängigkeit von China reduziert. China ist zwar weiterhin größter Gläubiger, aber der Anteil der ausstehenden US-Staatsanleihen im chinesischen Besitz ist von 15% (2010, nach der Finanzkrise) auf knapp 8,5% Ende 2018 nahezu halbiert. Amerikanische Staatspapiere werden heute zu 60% von Inländern gehalten.

7. Immobilienmarkt: Der Immobilienmarkt hat eine Blase. Aber des Ende des Baubooms ist abzusehen. Halbfertige Immobilienvorhaben liegen brach. Die Kommunen als Eigentümer von Grund und Boden ("Volkseigentum"; käuflich ist ein Recht, vergleichbar unserer Erbpacht), hatten in der Vergangenheit großes  Interesse, Land zu verpachten. Das brachte Geld in die kommunalen Kassen. Die Preise wurden nach oben getrieben. Um Immobilienprojekte und Bauten zu finanzieren, sprangen manchmal Sparer ein, weil die Banken traditionell Staatsunternehmen bevorzugen wegen der Sicherheit. Das wurde häufig mit Bürgschaften verknüpft. Mit dem Einbrauch der Verkaufpreise der Immobilien sehen die Sparer ihr Geld nicht mehr und die Bürgen werden belastet. Das stürzt viele Familien ins Elend. Auf der anderen Seite haben viele Bürger ihre Immobilien auch mit den Krediten von Banken bezahlt. Es gibt also auch ganz normale Finanzierung. Über die Häufigkeitsverteilung wissen wir kaum was, so das die Verhältnisse intransparent sind (das gilt auch für andere Bereiche wie etwa die Privatisierung staatseigener Unternehmen). Die fortschreitende Urbanisierung ist ein Projekt der Regierung und der kommunistischen Partei. Also werden die Städte weiter wachsen, die Dörfer zurückgehen und die Immobilienpreise in den Ballungsgebieten weiter steigen.

8. Arbeitsmarkt und Kaufkraft/ Wohlstand: In China wird der Arbeitsmarkt statistisch nicht korrekt erfasst. Gezählt wird die Arbeitslosigkeit der städtischen Bevölkerung. Das liegt an Chinas Einwohnermeldesystem (Hukou). Wer in einer Stadt geboren ist, wird automatisch als Arbeiter registriert, wer auf dem Lande geboren ist, als Bauer. Also tauchen die Bauern, die als Wanderarbeiter ihre Heimat verlassen, nicht in der Statistik auf. Sie stellen aber sicher den höchsten Anteil bei den Arbeitslosen. Das Niveau der Arbeitslosenversicherung ist auch noch gering, so dass Beiträge und Leistungen von Provinz zu Provinz variieren.

Viele Anzeichen sprechen aber dafür, dass die Arbeitslosigkeit in China gestiegen ist. Das zeigen Befragungen in den Großstädten oder Daten des Jobportals Zhaopin. Die Unternehmen halten sich im Handelsstreit mit den USA mit der Arbeitsnachfrage zurück. Die Staatsfirmen lassen sich nur noch bedingt dazu anhalten, Arbeiter nicht zu entlassen. Die Digitalisierung dürfte auch zu Arbeitsplatzverlusten führen, weil China nicht mehr länger die Werkbank der Welt ist (Regionalisierung der Lieferketten, höhere Lohnkosten)). Der Dienstleistungsbereich kann nicht genügend ausgleichen. Entlastung bringt etwas die Demographie. Vgl. Asia und China (Makroökonomische Daten/ Arbeitsmarkt, Erwerbstätigkeit) und Petring, Jörn: Das chinesische Arbeitsmarkträtsel, in: Wirtschaftswoche 16, 12.4.2019, S. 38ff. 

Wenn die Arbeitslosenzahlen stark steigen fällt der Wohlstand und die Kaufkraft. 3,1% der Bürger gelten 2018 in China als arm. 2010 waren es noch 17,2%. 8826 Dollar pro kopf betrug Chinas BIP pro Kopf 2018. Das deutsche lag bei 44.470 Dollar.

9. China als Zielland für Flüchtlinge und Migranten und Herkunftsland für Auswanderer (Rolle in der Weltflüchtlingsprolematik): In China sitzt das Misstrauen gegen einwandernde Menschen tief. Minderheiten im Land werden zwar besonders geschützt, aber gleichzeitig auch diskriminiert. 2014 gehörte China trotzdem zu den zehn Hauptaufnahmeländern von Flüchtlingen (10. Platz; 301.052 aufgenommene Flüchtlinge; vor allem aus Myanmar, Afghanistan, Pakistan, Kasachstan, Mongolei, Nord-Korea; Quelle: Flüchtlingsbericht 2015 des UNHCR). 2015 gibt es eine merkliche Zuwanderung von qualifizierten Menschen aus der Ukraine (durch den Krieg dort bedingt). Für die ärmere Bevölkerung der Nachbarländer ist China wegen des unterentwickelten Transfersystems noch kein Anreiz zur Arbeitsmigration (außerdem findet eine restriktive Regulierung statt). Auf dem chinesischen Arbeitsmarkt kommt nicht einmal die eigene Bevölkerung unter (hoher Anteil von Wanderarbeitern, die in die Städte strömen; die Infrastruktur in den Ballungsgebieten fehlt dafür). Migranten aus China in die Nachbarländer gibt es nennenswert in Richtung russische Grenzgebiete. Die eingewanderten Chinesen dominieren in der Regel den Handel und die Geschäftswelt. Ähnlich sieht es mit der chinesisch stämmigen Bevölkerung in Malaysia aus.

Die chinesische Regierung betreibt eine Umsiedlungspolitik im eigenen Land. 300 Mio. Menschen sollen bis 2030 vom Land in die Städte ziehen (Urbanisierung).  Insbesondere in den Randregionen, wo man sich vor den Minderheiten, vor allem vor dem Islam,  fürchtet, wird die Stammbevölkerungsgruppe "Han-Chinesen" hingesiedelt (so auch stärker in Tibet). Zusätzlich gibt es eine höhere Zahl von Binnenflüchtlingen (0,1-0,5 Mio.; UNHCR), die hauptsächlich vor Naturkatastrophen (Erdbeben, Taifun, Überschwemmungen) fliehen Es gibt auch eine nennenswerte Re-Migration von Exil-Chinesen, die während der Wirren (z. B. Kulturrevolution) geflohen waren, und kontinuierlich zurückgekommen sind. Insgesamt verhindern das starke Familienbewusstsein (jia=Familie; danwei=Einheit), das Hukou-System (Wohnsitz-Melderegister mit allen sozialen Ansprüchen) und der große Nationalstolz zu große Auswanderungen. Dafür hat sich der Binnentourismus sehr stark entwickelt. Der Auslandstourismus der Chinesen ist bereits in einigen Sehenswürdigkeiten der Welt ein Problem (z. B. Florenz, Paris, Tokyo).

10. China als Teilnehmer am "Global Government": Das Land strebt ein multipolares Government in der Welt an. Möglichst viele Staaten sollen über die Spielregeln der Weltwirtschaft entscheiden. China sieht sich selbst als Sprachrohr der Entwicklungsländer in Afrika, Südamerika und Asien. Die Volksrepublik versucht die bestehenden Global Government - Institutionen zu erodieren, weil sie von den USA dominiert sind. Bereits jetzt baut China mit anderen Schwellenländern zusammen eine Alternative zum IWF auf (alternativer Währungsfonds und Weltbank 2). 2015 möchte China mit dem Renminbi in den Währungskorb des IWF aufgenommen werden (spätestens 2016; Liste von Reformen: konvertierbar, keine Kapitalverkehrskontrollen, Börsen vollständig öffnen, Umtausch der Währung für Kapitalmarkttransaktionen). Das gelingt auch Ende 2015. Bis dahin hatten nur vier Länder bzw. Regionen  Sonderziehungsrechte (künstliche Reservewährung): USA, Euroland, GB, Japan. Ab Dezember 2015 ist der Renminbi dann Welt-Reservewährung (siehe oben). Damit wickelt der IWF seine internen Transaktionen ab. Das wird ganz sicher die Akzeptanz der chinesischen Währung stärken (Welthandel, internationaler Zahlungsverkehr). Gegenwärtig (2015) hat der Renminbi nur einen Anteil von 2% am Welthandel (Quelle: Swift Watch).  China strebt an, den Renminbi durch Gold zu decken und den Umtausch zu garantieren. Deshalb hat die Zentralbank systematisch Gold gekauft (Stand: mehr als 1600 Tonnen Mitte 2015). Vielleicht kann die Währung so den Dollar als Leitwährung ferner in Zukunft ablösen oder vielleicht sogar einen "Globo" bzw. "Mundo" als einheitliche Weltwährung  schaffen. Zuerst aber muss die Regierung die Kontrolle über die eigene Wirtschaft wiedergewinnen.

In der Entwicklungspolitik werden am stärksten die Entwicklungsländer in Afrika unterstützt. Es ist ein Geschäft auf Beiderseitigkeit. China interessieren die Rohstoffe (sie werden in der Regel mit chinesischen Beschäftigten abgebaut). Dafür gibt China Unterstützung und baut Infrastruktur. Ende 2015 sagt der Präsident Xi Jinping Afrika 60 Mrd. Dollar an Hilfen zu. Die meisten werden für zinsfreie Kredite vergeben. Damit sollen unzureichende Infrastruktur verbessert und der Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften beseitigt werden. Viele Staaten Afrikas werden von der Wirtschaftskrise in China sehr hart getroffen. Zunächst werden die Investitionen in Afrika gekürzt. Weiterhin leiden die afrikanischen Staaten besonders unter der Schwäche der Rohstoffpreise (bei den China eine Ursache ist, siehe oben; Sambia, Angola, Nigeria, Südafrika). Mittlerweile (2016) stürzen die Währungen in den Keller; Rand, Naira, Kwacha. Die Billigexporte der Chinesen zerstören eigene Industrien (z. B. Schuh- und Textilindustrie).

Mit Donald Trump könnte die Vorherrschaft der USA enden. In die Position könnte China schlüpfen. Es könnte jetzt wirklich ein chinesisches Jahrhundert beginnen. Das Projekt "Neue Seidenstraße" (BRI) symbolisiert den Anspruch des Landes auf eine führende globale Rolle. Dahinter stecken geostrategische Interessen. Bisher ist Zentralasien, Afrika, Europa und der mittlere Osten einbezogen ("Chinas Griff nach Westen"). Jetzt soll auch Südamerika dazu gehören. Es soll auch eine "polare Seidenstraße" durch die Arktis geben. Die Initiative trägt den Namen "Ein Gürtel, eine Straße" (One Belt, One Road). Die Projekte werden zu 805 von chinesischen Unternehmen geplant. Nur wenige lokale Firmen sind beteiligt. Die "maritime Seidenstraße" dient unter anderem der Sicherung der Energie- und Rohstoffversorgung. 2019 wächst der chinesische Druck auf Italien. Es soll sich der chinesischen Initiative zum Bau der "Neuen Seidenstraße" anschließen. Ende März 2019 kommt Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping nach Italien. Dann könnte eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet werden. Italien wäre dann als bisher größte Volkswirtschaft und Mitglied der G7 dabei. China lockt mit großen Investitionen. Es fordert auch "Respekt vor Kerninteressen". Damit sind die Ansprüche im Ost- und Südchinesischen Meer gemeint. Deutschland übt scharfe Kritik an der geplanten Kooperation zwischen China und Italien. China als als Einfallstor in Italien den Hafen Triest im Nordosten Italiens gewählt.  Andere EU-Länder wie Griechenland, Portugal und Ungarn haben entsprechende Vereinbarungen schon unterschrieben. Vgl. Peter Frankopan: Die Neuen Seidenstrassen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt, Berlin 2019.Ende April 2019 (Eröffnung 26.04.) findet ein weiterer Gipfel zur "Neuen Seidenstraße" in Peking statt. Aus Deutschland ist Wirtschaftsminister Altmaier dabei. Xi Jinping gibt bekannt, dass bereits Infrastruktur-Verträge in Höhe von 64 Milliarden Dollar abgeschlossen wurden. Laut Außenminister Wang haben 126 Länder und 29 internationale Organisationen Verträge abgeschlossen. Seit 2013 wurden Kredite in Höhe von 265 Milliarden Euro von verschiedenen Banken vergeben.

Trump verschärft den Handelskrieg (vgl. nächsten Abschnitt) mit China auch, um den Vorsprung der USA in der Welt zu konservieren. Der Schuss könnte aber nach hinten losgehen. China forciert als Gegenschlag seine technologische und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Entglobalisierung könnte so den Abstieg der USA beschleunigen und erhöht gleichzeitig das Risiko militärischer Konflikte. So wird der Wohlstand der ganzen Welt gefährdet. Demonstrationen in Hongkong finden 2019 immer wieder statt. Sie treten für Freiheit und Demokratie ein. Hongkong ist eine chinesische Sonderverwaltungszone. Auslöser der Proteste waren die Versuche Chinas, Sonderrechte der Bewohner in der Sonderverwaltungszone einzuschränken (Daten nicht an die VR China).

11. Handelskrieg mit den USA ab 2018 und Auswirkungen: 2018 häufen sich Probleme in der Ökonomie des Landes. Seit Januar sind die Kurse an den chinesischen Aktienmärkten im Schnitt um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Das Wachstum hat sich auf 6,7% verringert (teilweise, weil die Staatsinvestitionen  zurückgefahren wurden). Die Schuldenberge der öffentlichen Haushalte sollen abgetragen werden. Die Technologiebranche kämpft mit Rückschlägen. Xiaomi erzielt beim Börsendebut in Hongkong nur die Hälfte der anvisierten 100 Mrd. Dollar. In diese Bedingungen kommt der Handelsstreit mit den USA. Trump droht sogar damit, alle chinesischen Waren zu belegen. Doch welche Möglichkeiten hat China? Dienstleistungen in den USA könnten mit Zöllen belegt werden. Das wäre aber eine Katastrophe für die vielen Familien und Freunden in den USA, ganz zu Schweigen von den notwendigen Wirtschaftsprüfungsfirmen (Aktienrecht von USA abgeschrieben). Ein Verkauf der hohen Dollarreserven würde den Zinsdruck in den USA verstärken, aber der Anteil Chinas liegt bei nur 7%. Seltene erden könnten verknappt werden (China fördert mehr als 80%). Beim Boykot amerikanischer Waren wären stark US-Firmen in China betroffen (Apple, McDonald´s). Eine Erschwerung der Bürokratie in China würde den Ruf des Landes im Ausland schädigen. Ein Währungskrieg (Abwertung de Yuan) könnte die Exporte erhöhen, aber die Importe würden teurer (Verleistungen für viele Exportprodukte). Die Gefahr einer Asienkrise wäre groß (vgl. auch Xifan Yang: Angst in China, in: Die Zeit, Nr. 31, S. 19. Im Juni (29 Mrd. $) und Juli (28 Mrd. $; Exporte +12,2%) 2018 werden Rekordüberschüsse im Handel mit den USA erzielt. Es könnten Vorwegnahmen sein, aber auch die Abwertung des Yuan wirkt. Am 23. August 2018 treten weitere Strafzölle der USA in Kraft: 279 Waren im Werte von 16 Mrd. $ (Metalle, Chemikalien, Elektronik). Chinas Wettbewerbsfähigkeit könnte gestärkt werden. China antwortet sofort mit Retorsionszöllen.  Dann einigt man sich beim G20-Treffen in Buenes Aires auf eine Aussetzung der Zölle bis Ende März 2019. Der Handelskrieg ist nur eine Dimension des Kampfes zwischen den beiden Weltmächten um die politische und militärische Vorherrschaft in der Welt. Hoffentlich geraten die USA nicht in die berühmte Falle des Thukydides. Der Dichter sah im Aufstieg Athens den Grund für den peloponesischen Krieg zwischen Sparta und Athen im 5. Jahrhundert vor Christus: "Den wahrsten Grund sehe ich im Wachstum Athens, das die erschreckten Spartaner zum Kriege zwang". "Du führst deinen Krieg, ich führe meinen", Mao Zedong. Vgl. auch: Bernhard Zand: Messer am Hals, in: Der Spiegel, Nr. 1; 29.12.2018; S. 12ff.

Der Protektionismus der USA kann aber den Aufstieg Chinas nicht verhindern, nur verlangsamen (dies würde auch für einen erschwerten Technologietransfer gelten). China sollte in das internationale System mehr eingebunden und dann auch sanktioniert werden. So auch der US-Ökonom P. Krugman: Wir sind nicht vorbereitet, in: Der Spiegel 2/2019, 5.1., S. 69. "Ein voller Handelskrieg triebe den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden Chinas auf 30 Mrd. $", Gabriel Felbermayr, Ifo-Institut, bald Institut für Weltwirtschaft Kiel; Quelle: China, wir und die neue Aufteilung der Welt, in: Focus 5/2019, S. 52.

Manche sprechen mittlerweile von einem Art Kalten Krieg 2.0. China ist den USA zu gefährlich geworden. Der kalte Wirtschaftskrieg wird um Hochtechnologie, Rohstoffe und Finanzmacht geführt. Kurz bevor sie ökonomisch überholt werden, brechen die USA in eine Torschlusspanik aus. Auf allen Kontinenten haben sich die Chinesen eingekauft. Sie sichern sich Lebensmittel, Rohstoffe und Macht. Immer öfter stößt man auch direkt aufeinander wie in Venezuela 2019: China stützt Maduro, die USA Guaido. Huawei wird Spionage und Betrug vorgeworfen, obwohl das nicht belegt werden kann. Auch Iran-Sanktionen sollen verletzt worden sein. Mit dem Sanktionsmechanismus wird Politik gemacht. Die USA versuchen, eine Anti-China-Allianz aufzubauen. Für Unternehmen die nicht einem der beiden Länder angehören, wird das zunehmend zu einem Risiko. Vgl. Wirtschaftswoche, Ausgabe 6, 02.02.2019, S. 59ff. und Sieren, F.: Zukunft? China! , München 2018, S. 265ff. Der Kampf der beiden Supermächte China und USA betrifft in starkem Maße die EU, dei ökonomisch etwa gleich stark ist. Beide Länder versuchen mit allen Mitteln die EU zu spalten (China über die "Neue Seidenstraße", die USA über Militärprojekte mit Osteuropa und über GB). Lightnizer, der Handelsbeauftragte, kündigt im Mai 2019 eine Ausweitung der US-Zölle auf die Höhe von 25% auf alle verbliebenen Importe aus China an. Das beträfe Waren im Wert von 300 Mrd. $. Er setzt eine Frist von drei Monaten für ein Abkommen. China ist in der schwächeren Position, weil es nur noch die Zölle erhöhen kann. Im Mai 2019 setzen die USA Huawei auf eine "schwarze Liste". Daraufhin will Google das Unternehmen nicht mehr mit dem Betriebssystem "Android" versorgen. Das könnte Huawei schwer schaden. Dann werden die Strafmaßnahmen gegen Huawei wieder etwas gelockert (zunächst für drei Monate; Software wird geliefert). Damit erreichen die Sanktionen eine neue Dimension. China antwortet mit einer Androhung eines Exportstopps beziehungsweise einer Exportbeschränkung bei Seltenen Erden (China liegt weit vor Australien, den USA und Sonstigen). Diese werden für die Handy-Produktion benötigt. 2019 ist China der Rohstoffproduzent für 70% der Seltenen Erden. 80% davon werden in die USA exportiert. Ebenso macht China eine Liste mit "unzuverlässigen" ausländischen Firmen. Mittlerweile hat China die USA bei Patentanträgen überholt (2017: 1,3 Mio. gegenüber 525476 aus den USA). Die Devisenreserven lagen 2018 noch immer in China über 3 Billionen Dollar gegenüber 0,2 in den USA (ohne Goldreserven). Es geht um die Weltherrschaft. Ab 1.6.19 treten chinesische Zölle in Höhe von 53,8 Mrd. Dollar auf Importe aus den USA in Kraft. Abgaben in Höhe von 5 bis 25% werden erhoben (5400 Produkte: Kosmetika, Kaffeemaschinen, Musikinstrumente, Sportartikel, Kondome, Diamanten, Wein). Am 01.08.19 verhängen die USA neue Strafzölle gegen China: Es handelt sich Produkte im Wert von rund 300 Milliarden Dollar. Die Strafzölle gelten ab September 2019 und haben die Höhe von 10%. Die Handelsgespräche wurden vorerst ohne sichtbare Fortschritte beendet. Sie sollen im September 2019 fortgesetzt werden.  Betroffen sind besonders wichtige Produkte für China wie Handys, Laptops, Textilien und Spielzeug. Die Produkte werden in den USA teurer. Die USA scheinen die Veränderung von Lieferketten zu beabsichtigen. Als Retourkutsche werten die Chinesen ihre Währung ab. Vorübergehend rutscht der Renminbi unter 7 (die chinesische Zentralbank, die nicht unabhängig ist, hat den größten Einfluss). Die USA sprechen von Währungsmanipulationen. Die USA verschieben die jüngsten Zollerhöhungen von 10% gegen China auf Anfang Dezember 2019 (wegen Weihnachtsgeschäft in den USA). Im August 2019 verkündet Trump die Einfuhrzölle gegen China, die es schon gibt, auf 30% zu erhöhen. China kündigt sofort ebenfalls eine Erhöhung an.  "Die reichen Länder von heute setzen fast ausnahmslos Zölle und Subventionen ein (...). Interessanterweise sind Großbritannien und die USA die beiden Länder, die den Gipfel der Weltwirtschaft durch ihre Politik des freien Marktes und des Freihandels erklommen haben wollen, gerade diejenigen, die Zölle und Subventionen am aggressivsten eingesetzt haben", Ha-Joon Chang. Chinas Verhandlungsführer und wichtigster Berater für Xi Jinping ist Liu He. Er sieht sogar einen positiven Effekt für China: mehr Innovationen und mehr Qualität.

Exkurs: Handelskonflikt im Alltag der Chinesen: 19% der Exporte Chinas gingen 2017 in die USA. Damit lebt China stark vom Export, auch wegen der lange Zeit niedrigen Löhne. Der niedrige Kurs des Yuan kann Zölle zum Teil auffangen, weil die chinesischen Produkte gegenüber dem starken Dollar günstiger sind. Wohlhabende Chinesen drücken ihren Pessimismus aus, indem sie Goldbarren in Hongkong bunkern oder Barreserven in US- oder australischen Dollar horten. Es wächst die Sorge vor Arbeitslosigkeit und Inflation. Die Preise für Obst und Lebensmittel sind schon stark gestiegen (was nur bedingt von den Zöllen der USA abhängt). Die Staatsmedien schweigen eher, Unzufriedene melden sich in Online-Foren. China hat nicht mehr viele Möglichkeiten für Zugeständnisse an die USA. Die Regierung spricht von einem "Langen Marsch" (angelehnt an Maos Kommunisten-Armee).

Resümee: Bis Juni 2019 haben die USA die Zölle auf chinesische Produkte in vier Stufen bis zuletzt am 13. Juni 2019 erhöht. Insgesamt sind Produkte im Wert von 300  Mrd. Dollar betroffen. Die Chinesen haben Strafzölle in drei Stufen für einen Wert von  insgesamt 60 Mrd. Dollar erhoben (Quelle: US-Kongress). Bis 2018 exportierte China Waren im Werte von 539,7 Mrd. Dollar und importierte Waren im Werte von 120,1 Mrd. Dollar. Mitte 2019 setzt der Handelskrieg China kräftig zu: Im Juni geht der Außenhandel um -4% zurück; insgesamt sank der Außenhandel zwischen den Ländern seit Ausbruch des Konfliktes um -13%. Das verlangsamt auch das chinesische Wachstum (nur noch 6,2% im 2. Quartal 19). Ab Mai 2019 steigen die Exporte wieder kontinuierlich an (aber die Ausfuhren der USA sinken). Vgl. auch: Erber, Georg: Handelsstreit zwischen den USA und China, in: Wirtschaftsdienst 2019/8, S. 588ff.

12. Chinesische Industriepolitik und Standort Deutschland: China betreibt eine umfassende und aktive Industriepolitik. Dabei wird der staatliche Sektor (Staatsunternehmen) mehr gefördert als die privaten Unternehmen. Ein Paradebeispiel ist die E-Mobilität in China. So erhielt z. B. FAW, der größte chinesische Autohersteller, 2018 einen Kredit in Höhe von 129 Millionen Euro. Zwischen 2009 und 2017 soll China insgesamt 50 Milliarden Euro in diese Industrie investiert haben (Beispiele: Kaufprämien, Ladeinfrastruktur, Forschung; das Vorgehen ähnelt der Förderung der Solar-Branche). Quelle: Center for Strategic and International Studies Washington 2018. Die Verkäufe der Autofirmen wurden also stark durch Staatsausgaben angeregt. BYD machte aber 2017 nur Gewinne aus dem Verkauf traditioneller benzingetriebener Autos. Wenn die Gewinnsituation für die Branche in China so kritisch bleibt, könnte man versuchen, die Autos zu stark reduzierten Preisen am Weltmarkt los zu werden. Also ist die Erfolgsbilanz der Industriepolitik sehr umstritten, in China selbst und im Ausland. Vgl. Mühlhahn, Claus: Licht und Schatten der chinesischen Industriepolitik, in: bdvb aktuell, Nr. 145, 2019, S 12ff.

Chinesische Unternehmen haben ein hohes Interesse an Deutschland. als Standort. Spätestens seit den Brexit - Überlegungen wird Deutschland bei Niederlassungen häufig als EU-Hauptsitz gesehen. 2018 sind 2000 chinesische Unternehmen in Deutschland aktiv. Sie beschäftigen über 80% lokale Mitarbeiter. Immer mehr chinesische Unternehmen richten auch Forschungs- und Entwicklungszentren in Deutschland ein. Vgl. Duan Wei: Standort Deutschland: eine chinesische Perspektive, in: bdvb aktuell Nr. 145, 2019, S. 16f.

Auf der anderen Seite gerät Deutschland bei der US-Handelspolitik immer mehr in eine Sandwich-Position zwischen den USA und China. Immer öfter müssen sich die deutschen Unternehmen entscheiden ("zwischen den Fronten").

"Wer mir Milch gibt, darf meine Mutter sein", chinesisches Sprichwort.

13. Der Wert des Staatskapitalismus (die bessere Wirtschaftsordnung?): Sozialistische Marktwirtschaft: Mischsystem, d. h. Volkseigentum und starker Plan- bzw. Staatsanteil verbunden mit Marktpreisbildung und Gewinnergebnisrechung bei Betrieben. Planwirtschaftliche Methoden spielen noch eine Rolle, vor allem über die KP-Kader (Partei hat ca. 90 Mio. Mitglieder mit strengen Aufnahmekriterien; sie bilden eine Klammer bis in die Regionen, "Rotchina AG"; der Parteitag trifft sich alle 5 Jahre in Peking; die 2213 Delegierte wählen die 350 ZK-Mitglieder). Man spricht von Staatskapitalismus. Der Anteil der Privatwirtschaft liegt mittlerweile über 50% (abhängig von der Zuordnung der Rechtsformen, den Anteilen und dem Einfluss des Staates). Die Staatsunternehmen, noch ca. 35% aller Unternehmen (ca. 150.000 größere Unternehmen  2003),  haben in der Wertschöpfung einen Anteil von 42%. 2011 gibt es noch 144.700 Staatsunternehmen mit einem Nettogewinn von 322 Mrd. Euro. Man spricht auch vom "China-Modell". Typisch sind auch stark informelle Strukturen wie das Kultur geprägte "Family Business Network". Ein neues Eigentumsrecht soll das Privateigentum gesetzlich schützen (Nutzungsrecht vergleichbar der Erbpacht). Im August 2007 wird ein Anti-Monopolgesetz verabschiedet: Preisabsprachen werden verboten und Fusionen sind genehmigungspflichtig.  Für ausländische Investoren wird bei Zusammenschlüssen "die nationale Sicherheit" überprüft (wegen der Schwammigkeit sehr umstritten!). Nach dem internationalen Business-Monitor von Handelsblatt ist China 2008 das wettbewerbsfähigste Land der Erde (vor Deutschland und der Schweiz). China wird von der EU noch nicht als Marktwirtschaft anerkannt (non-market economy), was Antidumping -  Maßnahmen erleichtert. Umgekehrt sind die Märkte in China noch nicht vollständig geöffnet, wodurch viele ausländische Firmen von lukrativen Aufträgen ausgeschlossen sind. In der Weltwirtschaftskrise 2009 verstärkt China die staatliche Lenkung seiner Wirtschaft wieder (der Umweltschutz wird gelockert). Rund 6,5 Mrd. € will China von 2010 bis ca. 2013 in "Auslandspropaganda" investieren, um sein Image in der Welt zu verbessern. China baut seine Wirtschaft konsequent von einer Export- zu einer Binnenwirtschaft um. Nach jüngsten Prognosen wird China 2028 die USA als führende Wirtschaftsnation ablösen (Heuser, J./ Yang, X.: Der Markt macht`s, in: Die Zeit, 15.11.2018, S. 25 und Zhang Weiying: Die Mär vom China-Modell, in: Die Zeit 15.11.18, S. 26). "Planung und Marktkräfte sind nicht der wesentliche Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Planwirtschaft ist nicht die Definition von Sozialismus, da es Planungen auch im Kapitalismus gibt. Marktwirtschaft findet auch im Sozialismus statt. Planung und Marktkräfte sind Wege zur Kontrolle der Wirtschaftstätigkeit", Deng Xiaoping. Die Idee war nicht neu: Theoretische Vorläufer waren Enrico Barone (1859 - 1924) und Oskar R. Lange (1904 - 1965).

14. Hongkong: Geschichte: "Eine öde Insel mit kaum einem Haus drauf", nannte Lord Palmerton Hongkong 1841 (Quelle: Vogelsang, Kai: Geschichte Chinas, Stuttgart 2019). Etwa 5000 bis 6000 Einwohner lebten auf der Insel. 1842 im Vertrag von Nanjing mussten die Qing Hongkong den Engländern überlassen.  1898 zwangen die Engländer die Qing, ihnen auch die "New Territories" (nördlich der Stadt und viele Inseln) für 99 Jahre zu verpachten. Von Anfang an war Hongkong auch ein Refugium für Flüchtlinge aus Südchina.   

Ein Land, zwei Systeme. 1997 übernahm China Hongkong wieder von den Briten. Die Stadt hat eine eigene Währung und ein eigenes Rechtssystem. Auch der Aktienmarkt (Hang Seng) ist eigenständig. Auch die Presse- und Versammlungsfreiheit sind garantiert. 2020 sind freie Parlamentswahlen verabredet. 2017 soll erstmals der Regierungschef gewählt werden. Die Situation der Pressefreiheit hat sich zunehmend verschlechtert. Unter einer Brücke im Zentrum von Hongkong verdient eine Handvoll Frauen ihr Geld damit, andere Menschen zu verfluchen. Fünf Euro bezahlen, den Namen des persönlichen Plagegeistes notieren, verfluchen lassen - fertig. Man nennt sie die "Fluchfrauen". Es ist eine Dienstleistung, die immer Konjunktur hat.

Viele deutsche Konzerne setzen auf Hongkong als Standort für die
Asien-Zentrale (600 Unternehmen). Ca. 400 Mitglieder hat die deutsche Außenhandelskammer. Wichtig ist dabei die Offenheit und Unabhängigkeit der Metropole (weniger wichtig sind die Steueranreize). Ökonomisch stärker ist mittlerweile Shanghai. China zieht die Schlinge in Hongkong aber immer mehr zu. Der Sonderstatus ist allerdings eines der attraktivsten Merkmale. China will die südchinesische Stadt Shenzhen zur Finanzmetropole ausbauen, um Hongkong "das Wasser abzugraben". Außerdem sollen nach der "Greater-Bay-Area" - Strategie, die China im Süden des Landes verfolgt, Hongkong, Macau und die Provinz Guangdong stärker vernetzt werden. Mittlerweile geht die Regierung in China dazu über, ausländische Unternehmen gegen Hongkong zu nutzen. Wer sich den Pekinger Vorgaben nicht beugt, muss mit Einbußen rechnen. (Airline Cathay Pacific, Finnair, PwC, KPMG, EY, HSBC). Vgl. Sauga, Michael: Ewiger Kniefall, in: Der Spiegel, Nr. 35, 24.8.2019, S. 60ff.

China versucht immer mehr, Hongkong zu politischem Wohlverhalten zu zwingen. Die Lehrpläne in Schulen wurden geändert, es gibt mehr chinesische Geschichte, Demonstrationen werden bekämpft. Die Politiker werden immer mehr eingeschränkt und eingeschüchtert. Jack Ma, der Besitzer von Alibaba hat die renommierte englischsprachige "South China Morning Post" gekauft. Sie soll Chinas Geschichte gut erzählen. Vgl. Petra Kolonko: Die Schlinge in Hongkong zieht sich zu, in: FAZ , Nr. 289, 13. Dez. 2017, S. 5. Im Oktober 2018 wird die längste Brücke der Welt nach fast neunjähriger Bauzeit fertig. Sie verbindet über das Delta des Perlflusses die beiden Sonderverwaltungszonen Macau und Hongkong. Die 55 km lange Brücke enthält auch einen 6,7 Kilometer langen Wassertunnel. Die Kosten liegen bei 15 Mrd. Euro. Umweltschützer kritisieren, dass der Lebensraum der seltenen weißen Delphine weiter eingeschränkt wird. Ende  2018 stehen Demokratieaktivisten in Hongkong vor Gericht wegen "Verschwörung". Pekings langer Arm reicht sicher bis Hongkong. Der Prozess wird zeigen, wie unabhängig die Justiz ist. Im Juni 2019 gibt es große Demonstrationen in Hongkong mit über eine Million Teilnehmern. Die Menschen demonstrieren gegen ein Auslieferungsgesetz, das Auslieferungen von Hongkong in die VR China erleichtern soll. Nachdem die Demonstrationen nicht abreißen, verschiebt die Vorsitzende des Parlamentsrates von Hongkong kurz die Abstimmung über das Abschiebegesetz. Die Proteste eskalieren. Sicherheitskräfte gehen mit Tränengas, Pfefferspray, Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen Demonstranten vor. Die EU streitet mit China wegen Hongkong. Peking verbittet sich "Einmischung" in innere Angelegenheiten. Schließlich wird das Gesetz auf Eis gelegt. Die Demonstranten fordern, dass Regierungschefin Carrie Lam zurücktritt. Am Jahrestag der Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie an China sind die Proteste eskaliert. Hunderte Protestierende besetzen am 01.07.19 das Parlament. Die Polizei räumt das Gebäude. Danach finden noch viele Proteste statt. Am 05.09. 2019 kommt es zu einem Generalstreik. Am 12.08.19 legen Demonstranten den Flughafen lahm. Die chinesischen Polizisten gehen immer brutaler vor. China zieht Militär an der Stadtgrenze zusammen (konzentriert bei Shenzhen). Es ist allerdings unwahrscheinlich, das es den letzten Schritt wagt. Im September 2019 besucht einer der führenden Aktivisten von Hongkong Joshua Wong Deutschland. Er trifft auch Außenminister Maas. Der chinesische Botschafter in Deutschland gibt erstmals eine Pressekonferenz und verurteilt das Treffen.  "Hongkong ist nicht eine Sache, die Eurer Sorge bedarf", aus einem Brief des chinesischen Außenministeriums an die USA.

 15. Zukünftige Entwicklung: Ein wichtigen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung in China dürfte die Straffung der Geldpolitik in den USA haben (allein die Verschiebung der Zinswende in den USA verunsichert weltweit die Finanzmärkte im September 2015). Die Angst vor der Zinswende sorgt für Nervosität bei Anlegern. Am 16.12.2015 kommt es zu der erwarteten Zinswende: Erhöhung der Leitzinsen in den USA auf das Niveau 0,25 bis 0,50%. Auswirkungen der Zinserhöhung könnten sein:  Kapitalabflüsse aus den ohnehin geschwächten Schwellenländern, Stärkung des Dollars und damit Anstieg des Schuldendienstes vieler Länder, Erhöhung des Ölpreises (Öl wird in Dollar gehandelt). Das Wachstumsziel in China wird ab 2015 für die nächsten Jahre auf 6,5% gekappt (2015 werden wohl noch 6,9% erreicht, CASS). Längerfristig für das Wachstum entscheidend dürften die Innovationen im Land sein. Es müssen höherwertige Produkte entwickelt werden. Langfristig bis 2050 könnte Asien wieder seinen ursprünglichen Anteil an der Weltwirtschaft von 50% haben. China allein soll  schon einen 25%-Anteil 2025 in Kaufkraftparitäten erreichen (Prognose der Weltbank). Wenn diese Vorhersagen halbwegs zutreffen, wird die ökonomische Bedeutung der VR China für Deutschland, die EU und die Welt weiter ansteigen. Dann müsste das Land als Leitwirtschaft irgendwann die USA ablösen können. "China ist zum Sorgenkind der Weltwirtschaft geworden., (...) Gerade die deutschen Exporteure von Maschinen, Elektrotechnik und Fahrzeugen spüren eine sich abkühlende Investitionstätigkeit in vielen Auslandsmärkten", Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des DIHK (s. Handelsblatt, Mo. 01.02.2016, S. 4).

Ende Oktober 2015 treffen sich die kommunistischen Spitzenkader (ZK der KPC), um einen neuen Masterplan für die chinesische Wirtschaft zu beraten. Ergebnis wird der 13. Fünfjahresplan sein, ein Grundsatz-Planungsdokument mit Vorhaben bis 2020: 1. Förderprogramme für Elektromobilität, Robotertechnik und Biotechnologie. 2. Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Finanzmärkte. 3. Verdopplung des BIP pro Kopf bis 2020 im Bezug auf 2010. 4. Menschen unter der Armutsgrenze soll es 2020 nicht mehr geben (heute rund 70 Mio.). Der endgültige Plan wird erst auf dem Volkskongress im Frühjahr 2016 beschlossen. Innenpolitisch hat Staatspräsident Xi Jinping die Zügel enger angezogen  (man spricht von Mikro-Management by Angst). Bekämpft wird auch zunehmend die Korruption (Exzesse der Staatswirtschaft). Die Reform des Staatssektors mit zunehmender Privatisierung (Übertragung von Vermögen auf private Haushalte) muss fortgesetzt werden. Die steigende Staatsverschuldung und die Zinswende in den USA drohen eine Flaute zu verursachen. Die Antwort auf die Entwicklung ist Abschottung.  China wird nicht mehr lange die "Werkbank der Welt" sein. Inflationsbereinigt gleichen sich mittlerweile die Stundenlöhne in China und Europa an (Stundenlohn 2016: China 3,6 US-Dollar, Portugal 4,5 US-Dollar). Damit hat China klassische Schwellenländer überholt (Mexiko, Brasilien, Indien, Thailand). Unternehmen aus Niedriglohnsektoren ziehen sich schon zurück. Das frei verfügbare Einkommen der Chinesen hat sich erhöht (meist fast verdoppelt) und damit die Konsum- und Sparquote. China wird mehr für den Binnenmarkt herstellen. "Chinas offene Tür wird sich nicht wieder schließen", Xi Jinping, Staatschef, auf dem Nationalen Volkskongress im März 2017.

China will in den nächsten Jahren seine Kontrolle verschärfen. Bürger werden in Städten mit Gesichtserkennung gescannt. 2029 tritt ein Bewertungssystem in Kraft, das das Verhalten der Bürger beurteilt. Wer seine Schulden nicht zahlt, gegen die Verkehrsordnung verstößt oder seine Eltern nicht besucht, muss mit Nachteilen bei der Kreditvergabe und bei der Verteilung von Schulplätzen rechnen. Virtuelle private Netzwerke sollen verboten werden. "Ich have seen the future, and it won`t work". Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren". Der Nobelpreisträger 2008 für Ökonomie Paul Krugman in der New York Times 2009 in seinem Erfahrungsbericht über eine Studienreise durch China, bei der ihm Li Ping eine Lotosblüte überreicht hatte. Das sagt viel über die Arroganz der USA gegenüber China über viele Jahre und vor allem über die Fehlbarkeit der US - Volkswirtschaftslehre. 

"Was geht es uns an, wenn in China ein Sack Reis umfällt". Dieses chinesische Sprichwort gilt im übertragenen Sinne für die Wirtschaft ganz sicher nicht mehr: Ca. sieben Billionen Dollar Aktienkapital wurde im Anschluss an die Volatilitäten in China seit Jahresbeginn 2016 im Januar weltweit vernichtet (darunter Dow Jones -9,5%; DAX -12,6%; Shanghai Composite -15,9%).

16. Exkurs: Indikatoren der Wirtschaft in China und Aussagekraft der Statistik (Relativierung): Auch in der Sozialistischen Marktwirtschaft in China ist das BIP der wichtigste Indikator. Experten zweifeln aber diese Zahl an. Es stehen 5,5% Revidierung nach unten im Raum. Folgende Indikatoren sprechen für eine Korrektur nach unten: Energieverbrauch, Wachstumsraten in den Provinzen geschönt, Rückgang der Importe, Dienstleistungssektor schlecht erfasst. Es fehlt auch die Transparenz wie das Statistikbüro genau den Wert des Bruttonationaleinkommens ermittelt. Einen großen Anteil haben Schätzungen. Einige Analysehäuser sehen das Wachstum jeweils um bis zu 5% niedriger. Eine völlig unterschätzte Rolle spielen die Lokalregierungen, die gezielt falsche Zahlen liefern. Das Statistikbüro will die Vorgaben der Regierung erfüllen. "Zombie-Fabriken" (nicht ausgelastet, falsche Zahlen) tragen auch dazu bei. Chinas Wirtschaft wächst seit 1978 ohne Unterbrechung. Der Durchschnitt liegt bei fast 10 Prozent. Erst ab 2018 kommt der Einbruch mit wesentlich geringeren Wachstumsraten. Aus meiner eigenen statistischen Erfahrung und dem engen Kontakt zu chinesischen Kollegen gehe ich davon aus, dass die Statistik relativ genau ist, allerdings unter Berücksichtigung der obigen Rahmenbedingungen. Vgl. Fernald, J./ Hsu, E./ Spiegel, M. M.: Is China Fudging its Figures? Evidence from Trading Partner Data, Federal Reserve Bank of San Francisco, Working Paper, Nr. 2015-12, 2015. Auch: Chen, Z./ Liu, C./ Liu, J.: The Financing of Local Government in China: Stimulus Loans Wane and Shadow Banking Waxes, VoxChina, 9.7.2017.

Es gibt auch mittlerweile eine Reihe alternativer Aktivitätsmaße für die chinesische Wirtschaft. Sie können ergänzungsweise herangezogen werden.. Für China entwickelt wurde der Keqiang-Index. Er wurde nach dem jetzigen Premierminister Chinas Li Keqiang benannt, der in einem Gespräch mit US-Diplomaten die offizielle Statistik des Nationalen Statistikbüros als "menschengemacht und unzuverlässig" abtat. In den Index gehen die wirtschaftliche Aktivität anhand der Variablen Energieverbrauch (Strom), Kreditvergabe und Eisenbahnfrachttonnen (Frachtvolumen) ein. Große Bedeutung hat mittlerweile der Einkaufsmanager-Index (PMI) für die Beurteilung der chinesischen Industrieaktivitäten. Das Wirtschaftsmagazin "Caixin" veröffentlicht ihn regelmäßig. Zu Beginn 2016 führt ein Rückgang von 48,6 auf 48,2 zu Aktieneinbrüchen in Shanghai. Sehr starke Aufmerksamkeit richtet man in China auf die Entwicklung der Erzeugerpreise (Index der Erzeugerpreise). ein deutlicher Rückgang zeigt in der Regel Konjunktureinbrüche an. China Satellite Manufactoring Index: Er überwacht die Industrieproduktion. Per Satellit werden 6000 Industrieregionen beobachtet (Start up Space now).

Eine Konjunkturabschwächung in China ab 2018 ist aber unbestritten. Zahlreiche Indikatoren signalisieren das. Besonders schlecht ist die Stimmung 2019  in kleinen und mittleren Unternehmen (Einkaufsmanagerindex). Sowohl bei Exporten als auch bei Importen haben sich die Zuwächse stark abgeschwächt. Hier wirkt sich die Handelspolitik aus. Vgl. Gern, K.-J. / Hauber, P.: Konjunkturabschwächung in China, in: Wirtschaftsdienst 3/ 2019, S. 227f.

17. Resümee - VR China als Lokomotive bzw. Anker der Weltwirtschaft?: Die Rettung der Weltwirtschaft darf man von China nicht erwarten, obwohl die Führung weiterhin auf das Wachstumsmodell setzt (in den vergangenen 7 Jahren trug China mit einem Drittel am weltweiten Wirtschaftswachstum bei; 19% der globalen Wirtschaftsleistung). Ein 3%-iger Rückgang des Wirtschaftswachstums in China würde nach ökonometrischen Berechnungen etwa folgende Konsequenzen haben: Deutschland -0,4; Euroraum -0,4; Welt -0,9 (Vgl. Gern, Hauber, Auswirkungen einer harten Landung in China, in: Wirtschaftsdienst 10/2015, S. 719-720). Das Wirtschaftswunder scheint vorerst vorbei zu sein (aber laut Weltbank 2015 voraussichtlich noch 7% BIP-Wachstum; im 3. Quartal 2015 aber Rückgang unter 7%; Ministerpräsident Li Keqiang rückt vom 7%-Ziel ab). Insgesamt erwartet die Weltbank 2016 für die Weltwirtschaft nur noch 2,9% Wirtschaftswachstum (von 3,3% revidiert; das beeinflusst die deutsche Wirtschaft stärker als nur die Entwicklung in China). Vielleicht geht China den gleichen Weg wie die "kleinen Drachen" Taiwan und Südkorea, deren Wachstumsraten inzwischen auch relativ klein sind (2014: Südkorea 2,99%; Taiwan 4,04%). Experten sprechen von der "middle income trap" (steiles Wachstum, Löhne steigen über Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Exporte nehmen ab). Der Übergang von zu hohen Investitionen  (schuldengetrieben) und zu hohen Exporten auf mehr heimischen Konsum (konsum- und dienstleistungsorientierte Wirtschaft) wird eine zeitlang dauern (Umbauprozess; Strukturwandel). Im Jahr 2021 feiert die KPC ihren 100. Geburtstag. Bis dahin will China sein Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zu 2010 verdoppeln. Es gilt aber als fraglich, dass das Land wie bei der letzten Weltwirtschaftskrise 2008/2009 noch einmal die Weltwirtschaft in einer Krise stabilisieren könnte. Die Krise könnte dann sogar mit einem Schock in China beginnen. Die strukturellen Probleme sind offenkundig. Der Modernisierungsprozess stockt (auch wegen US-Handelspolitik). 2018 dürfte die Wirtschaft nur um 6,5% wachsen. Eine Abwertung des Renminbi ist wenig wahrscheinlich, weil sie eine Kapitalflucht verursachen würde.  "Was sich in den vergangenen Wochen erwiesen hat, ist, wie sehr Asien im Zentrum der Weltwirtschaft steht. Wir gehen davon aus, dass das globale Wachstum moderat bleibt", Christine Lagarde, IWF-Chefin, im September 2015. "Mit der Abwertung des Renminbi folgt die chinesische Notenbank dem Druck der Märkte", Zhou Xiaochuan, Notenbankchef Chinas, im August 2015 zu den Abwertungen drei Tage hintereinander.

Wachstumseffekte der Digitalisierung: Nach einer Prognose der Weltbank wird die Digitalisierung das Wirtschaftswachstum beschleunigen. Die etablierten Volkswirtschaften können den Wert ihrer produzierten Güter und Dienstleistungen bis 2030 nur langsam steigern: USA 24%, Deutschland 17%. China dagegen soll auch dank Automatisierung bis 2030 noch einmal um 85% zulegen. Andere Experten sprechen von 25%. Damit hätte das Land dann die größte Volkswirtschaft der Welt. Spätestens aber 2049 (100 Jahre Volksrepublik) dürfte China mit Sicherheit die führende Wirtschaftsmacht der Erde sein und das von China dominierte Asien der wichtigste Erdteil der Welt sein. Die großen Strategien "Made in China 2025" und "Belt and Road"  sind langfristig angelegt. Vgl. auch: Sieren, Frank, Zukunft? China!, München 2018, S. 59ff. Vgl. auch: Meier, Christian: Grüße vom Großen Bruder, in: Welt am Sonntag, Nr. 13, 31. März 2019, S. 14. Sommer, Theo: China First, München 2019, S. 169ff. Die entscheidende Frage ist, sind diese Effekte größer als die Folgenden?

Überkapazitäten in der Schwerindustrie 2019: Massive Überkapazitäten treten in der Grundstoff- und Stahlindustrie auf. Diese überschüssigen Erzeugnisse sollen mit Macht auf die Weltmärkte (direkt über Exporte, indirekt über die Seidenstraße-Initiative). Das geht aber aus den oben genannten Gründen nicht mehr so einfach. Deshalb belasten die Probleme die Verlagerung von Kapital und Arbeitskräften zu neuen Dienstleistungsbranchen (Strukturwandel). Erstens werden im Überlebenskampf Unternehmen (Staatsunternehmen) und Banken (faule Kredite) vom Staat unterstützt. Zweitens verzögert das die China 2025-Strategie. Drittens kann die Regierung nicht mehr so einfach abwerten. Mit Kapitalverkehrskontrollen und Devisenmarktinterventionen stemmt sie sich sogar dagegen. Denn ein schwächerer Renminbi erschwert die Rückzahlung der in ausländischer Währung aufgenommenen Anleiheschulden (die Erträge werden überwiegend in heimischer Währung erzielt). Vgl. Langhammer, Rolf J.: Das wird keine sanfte Landung, in: WiWo 24, 7.5.2019, S. 43. Wenn man diese beiden letzten Abschnitte auf den Punkt bringen will, könnte man Folgendes resümieren: Langfristig wird China nicht aufzuhalten sein und die Führungsrolle in der Welt übernehmen. Kurz- und mittelfristig werden Strukturprobleme und die US-Handelspolitik diese Entwicklung hinauszögern. Sie haben auch Einfluss auf Staaten, die mittlerweile in einem engeren ökonomischen Zusammenhang mit China stehen, so wie Deutschland.

"Das politische Modell Chinas ist eine große Schöpfung und ein Modell für andere Staaten", Xi Jinping auf dem Volkskongress 2017 in der großen Halle des Volkes in Peking.

"China braucht uns nicht, aber wir China", Wolfgang Röhr, ehemaliger Generalkonsul von Shanghai, jetzt Lehrauftrag an der Tongji-Uni. Quelle: Focus 5/2019, S. 56.

 

Ökonomische Analyse der Flüchtlingskrise (Globale Migration, Migrationsökonomik, Migrationspolitik):

"Die Herausforderung ist viel größer, als wir sehen und sehen wollen. Es wird zu wenig getan", Christine Lagarde, IWF-Chefin zur Flüchtlingskrise 2016.

Das Foto links ist von einem Symposion zur Flüchtlingskrise im April 2016 in der HS Lu, W. Krämer bei seinem Vortrag.

Man spricht auch von Migrantenökonomik bzw. Migrationsrentabilität (eigentlich ein Unwort). Sie ist schwierig zu berechnen. Am Beispiel Japans haben wir das mal versucht. Man kann nur erstmal grob die Faktoren beziffern, die eine Rolle spielen. Die Wohlfahrt wird durch Arbeitsmigration im Zielland nicht in jedem Falle gesteigert. Die Wanderer haben die Industrieländer als Ziel. Dort locken sie auch die hohen Löhne. Sie kommen aber auch in die Sozialsysteme. Sie verbessern dadurch ihre eigene Position, verschlechtern aber die Lage der Steuerzahler im Zielland. Je größer das Transfersystem eines Landes ist, desto attraktiver wird es für Migranten (Selbstselektion). Die Migranten benutzen und beanspruchen zusätzlich das Eigentum der indigenen Bevölkerung: Straßen, Schulen, Krankenhäuser, Justizwesen (sie treten teilweise in Wettbewerb, sie konkurrieren am ehesten mit den gering Qualifizierten). Diese Infrastruktur wurde mit Mitteln der Steuerzahler geschaffen und wird von ihnen unterhalten. Also muss ein Land aufpassen. Z. B. wäre eine Karenzzeit beim Zugang zu den Sozialsystemen eine Möglichkeit. 2015 wächst die deutsche Bevölkerung durch Zuwanderung um ca. ein Prozent. Das ist historisch und im internationalen Vergleich eine extrem hohe Zahl. Entscheidend dürfte der Zugang zum Arbeitsmarkt sein, damit Kosten von den Migranten selber getragen werden können. Sprachprobleme, Qualifikation und Mindestlohn dürften hier Einfluss haben. Wahrscheinlich spielt auch das Herkunftsland eine große Rolle dabei. Syrer und Eritreer gelten als relativ höher qualifiziert.  Die empirischen Daten sind noch zu ungenau. Zunächst wirkt die Einwanderung wie ein Konjunkturprogramm (Binnenkonjunktur). Die Nachfrage steigt an. In Bildung, Wohnungen und Gesundheit muss dringend investiert werden.

Die beste Form von Investition dürfte aber eine gelungene Integration sein (Länder, die Flüchtlinge aufnehmen, gewinnen bei erfolgreicher Integration: z. B. Steuerzahler, Nachfrage). Sie besteht aus den Bausteinen "Bildung, Arbeit und Heimat" (Wohnraum, medizinische Versorgung, Sozialsysteme). Erschwert wird die Integration vor allem durch Kriegstraumata der Flüchtlinge und durch das Frauenbild männlicher islamischer Einwanderer, die die größte Gruppe stellen (50% der Flüchtlinge haben posttraumatische Belastungsstörungen; 40% von ihnen sind selbstmordgefährdet). Wichtig ist auch die Qualifikation der Flüchtlinge (Schätzungen sprechen von 70%, die nicht für den Arbeitsmarkt qualifiziert sind). Die Löhne bei einfacher Arbeit dürften unter Druck kommen (entweder legal oder illegal) und die Schattenwirtschaft wird sich ausweiten. Insgesamt wird die Einkommensverteilung in Deutschland, die schon ungleicher geworden ist, noch ungleicher werden (H. - W. Sinn in der ZEIT vom 08.10.15). Im Schnitt sind Flüchtlinge deutlich weniger qualifiziert als Deutsche. Wenn die Qualifikation hoch ist, fehlen oft Deutschkenntnisse oder zumindest Englischkenntnisse. Die Arbeitslosenzahlen werden sicher ansteigen (mit allen entsprechenden Kosten). Neben den Qualifikationsmängeln spielen auch "schwierige institutionelle Bedingungen eine Rolle" (IAB). Der Staatssektor wird sich wieder mehr aufblähen (steigende Transferzahlungen, Personalausgaben der öffentlichen Haushalte). Dafür braucht er aber weiterhin dauerhaft niedrige Zinsen, um die zusätzlichen Schulden bezahlen zu können (es gibt schon Forderungen nach Ausgliederung aus dem Haushalt). Dann drohen Fehlinvestitionen und Wohlstandsverluste (kalte Enteignung). Die rechten Populisten bekommen starken Zulauf und werden die politische Landschaft verändern. Dadurch wird auch die Kriminalität ansteigen (BKA: schon bis Oktober 2015 über 500 Anschläge auf Asylbewerber-Unterkünfte; aber keine Islamisten oder Sympathisanten unter den Flüchtlingen; Problemgruppen eher aus Nordafrika und Osteuropa).

Eine Analyse der vielen historischen Einwanderungswellen in Deutschland zeigt eindeutig, dass ein wirtschaftlich starker Staat, der Arbeitskräfte braucht und dessen Gesellschaft überaltert ist, von Zuwanderung mittelfristig nur profitieren kann. Die Allianz schätzt die Kosten der Flüchtlingskrise bis 2025 auf rund 90 Mrd. €. Der SRW beschäftigt sich in seinem Jahresgutachten 2015 mit der Migrationsrentabilität: Er hält die Zuwanderung insgesamt für positiv und bezahlbar. Entscheidend seien schnelle Asylverfahren und eine zügige Integration in den Arbeitsmarkt. Die Zuwanderungskosten werden 2015 auf bis zu 8,3 Mrd. € beziffert (2016 maximal 14,3 Mrd. €, bis 750.000 Zuwanderer). Flüchtlinge können aber nur ein- und aufsteigen, wenn der Arbeitsmarkt weiter dereguliert wird. Auch eine bessere Verbindung von Humanität und Ökonomie wäre nicht schlecht (vgl. Die Zeit, Nr. 46, 12.11.15, S. 23/24). Der Mindestlohn könnte Unqualifizierte vom Arbeitsmarkt ausschließen. Der Bau von Flüchtlingsunterkünften, die Einstellung von zusätzlichem Personal und die Bildungsprogramme wirken wie ein kleines Konjunkturprogramm (mit Multiplikator).  Die steigenden Sicherheitskosten (mehr Polizei, mehr Richter; Fanal sind die Vorgänge vor dem Hauptbahnhof in Köln in der Silvesternacht) belasten aber die öffentlichen Haushalte. Eine Karenzzeit für alle Einwanderer (von D. Cameron in GB gefordert) bei den Sozialleistungen könnte die Kosten drastisch senken (Verhinderung der Entstehung eines Migrantenprekariats). Eine Wohnsitzauflage (Residenzpflicht), wie sie vermehrt gefordert wird, könnte die Folgekosten in den Städten und Ballungsgebieten senken (Vermeidung von Ghettos).

Auf keinen Fall ist Einwanderung für Alle von ökonomischem Vorteil: Einwanderung ist mit Umverteilung verbunden (Lüge der Politik!). Die Verschiebung des ethnischen und kulturellen Gleichgewichts lässt sich nur schwer messen (Indikatoren sind umstritten, z. B. Kriminalität). Asylsuchende in der Schweiz sind verpflichtet, bei der 'Einreise persönliche Vermögenswerte von mehr als 1000 Franken abzugeben. Mit denen müssen sie sich an den Kosten des Aufenthalts beteiligen (Asylgesetz). Sehr schwer zu berechnen sind die Kosten, die die Grenzkontrollen in der EU für den Handel mit sich bringen. Die Grenzkontrollen dürften verschärft werden und länger andauern. Es gibt Schätzungen, die die Kosten für den Handel mit 10 Mrd. Euro pro Jahr beziffern. Trotzdem dürften Grenzen wieder ein Comeback erleben. Im Februar 2016 zeigt sich zuerst, dass die gesetzlichen Krankenkassen hohe Defizite haben, weil sie nach der Anerkennung Asylbewerber aufnehmen müssen. Über die Sozialversicherungsbeiträge werden die Mitglieder an der Finanzierung indirekt beteiligt.

Eine konsequente Einwanderungspolitik (mit Einwanderungsgesetz auf Qualifikation ausgerichtet)   - wie sie etwa Australien und Kanada betreiben - wäre sicher rein ökonomisch betrachtet die beste Lösung. Schwer zu errechnen ist der Effekt, dass durch Zuwanderer die Wirtschaft besser internationalisiert werden kann. Sprachkenntnisse können erheblich in den Heimatmärkten der Zuwanderer helfen. Die Schweizer Ökonomen Margit Osterloh und Bruno Frey entwickeln eine ökonomische Analogie zur Genossenschaftsidee: Sie wollen Länder mit ihren jeweiligen Sozialsystemen als Genossenschaften begreifen. Wer in ein Land kommen will, muss Anteilsscheine erwerben. Das gilt auch für Flüchtlinge. Rolf Langhammer vom IfW in Kiel ist der Ansicht, dass die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands durch den Zustrom an Flüchtlingen abnimmt: Die Zuwanderung lässt den Dienstleistungssektor expandieren. Die Exportindustrie wird geschwächt. Vgl. als Quelle: Faßmann, Heinz: Migration - Gefahr oder Potential, in: FAZ, Mo. 27. Juni 2016, S. 6 (der Autor ist Vizerektor der Uni Wien). 2019 macht die Bundesregierung in Deutschland einige Gesetze, die mehr Klarheit in die Migrationspolitik bringen: Ein Einwanderungsgesetz für hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Ländern. Ein Gesetz, das die Abschiebung von Migranten erleichtern soll, die in die Sozialsysteme einwandern (Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber sollen erleichtert werden, verschärfte Regeln).

Zur Flüchtlingskrise habe ich im Frühjahr 2016 ein Symposion an der HS Ludwigshafen durchgeführt. Zu einer ausführlicheren Analyse der Situation vgl. auf dieser Homepage die Seite "special/ Arbeitsökonomik/ Demographie. Die USA haben eine Einwanderungswelle von Staaten aus Mittel- und Südamerika. Die Menschen fliehen vor Gewalt, Armut und Chancenlosigkeit. Europa ist ein attraktives Ziel für Menschen aus Afrika, die aus den gleichen Gründen aus ihren Heimatländern fliehen. Eine bessere Bildung dürfte das Problem nicht verringern, sonder sogar vergrößern. Verbessert werden muss insgesamt die soziale Situation in Afrika. Die CDU veranstaltet im Februar 2019 ein Werkstattgespräch zur Migration. Man einigt sich auf ein Migrationsmonitoring und ein Frühwarnsystem. Abschiebungen sollen beschleunigt werden. Im Jahre 2019 sind erstmals über 70 Mio. Menschen auf der Erde auf der Flucht (Quelle: UN-Flüchtlingskommissar).

"Nicht Flüchtlinge sind die Gefahr, sondern Populisten", Charles Taylor, kanadischer Philosoph.

 

Digitale Revolution und Transformation ("The Second Machine Age", vgl. auch die ausführliche Extraseite zur Digitalisierung: digital)

"Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt", William Ford Gibson, Science-Fiction-Autor. "Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance", Victor Hugo.

Links auf dem Foto ist das James Watt-Denkmal in Glasgow/ Schottland abgebildet. Watt, der Erfinder der Dampfmaschine, studierte und wirkte dort (er war mit Adam Smith befreundet). Die Dampfmaschine löste die erste industrielle Revolution aus (mechanischer Webstuhl, Lokomotive u. a.). Das Internet steht für die heutige digitale Revolution.

Links Konrad Zuse mit dem ersten Grundmodell eines Computers (hier im Konrad Zuse Museum Hoyerswerda, wo Zuse Abitur machte). Er gilt als Erfinder des Computers (Motiv: "Ich war zu faul zum Rechnen"). 1948 veröffentlicht er den Aufsatz "Ein neues Rechengerät für technische und wissenschaftliche Rechnungen, in: Der Wirtschaft Spiegel, Bd. 1 (1948), S. 55-58. Schon 1936 hatte er in Berlin, seiner Geburtsstadt,  mit der Z1die erste Rechenmaschine der Welt gebaut. Es folgten weitere Modelle. Nach dem Krieg gründete er in Bad Hersfeld/Hessen eine eigene Computerfirma, die Zuse KG. Sie war bis 1964 im Privatbesitz von Zuse. 1964 ging sie an Rheinstahl, BBC und 1967 an Siemens. "Wenn die Computer zu mächtig werden, dann zieht den Stecker aus der Steckdose", Konrad Zuse. Außerdem: "Ich hatte nur das Glück, das meiner zuerst lief".

1. Definition, Grundlage: Sie verläuft mit exponentieller Geschwindigkeit und basiert auf der Digitalisierung. Sie verknüpft zahlreiche Technologien und betrifft alle Sektoren. Digitalisierung bedeutet auch Automatisierung. Die Wertschöpfung ist mit immer weniger Beschäftigten möglich. Besondere Sorge bereitet die zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft. Eine herausragende Bedeutung kommt dem Plattform-Effekt zu: Digitale Unternehmen bauen Netzwerke auf, die Käufer und Verkäufer mit einer breiten Palette von Produkten und Dienstleistungen zusammenführen. Megatrends sind selbst fahrende Kraftfahrzeuge, 3D-Druck, Robotik, neue Materialien. Vgl. Klaus Schwab, Die vierte industrielle Revolution, München 2016. "Nie hat es eine Zeit gegeben, die so große Möglichkeiten und zugleich so große Gefahren bereithielt", Klaus Schwab.

2. Chancen und Risiken: Machtkonzentration und Totalitarismus entstehen durch die Digitalisierung: In der Internetökonomie liegt eine große Gefahr, das Private abzuschaffen und Menschen effektiv zu kontrollieren. Am Anfang steht oft Freiwilligkeit (wie in der Share Economy), dann kommt Profit in der Regel durch Werbung und am Ende Machtakkumulation (alle Informationen über das soziale Leben). Teilweise erhöhen Unternehmen mit diesen Informationen den Druck auf die Menschen (z. B. wenn Versicherungen einen Bonus zahlen, wenn man sein Verhalten kontrollieren lässt). Die Internetunternehmen versuchen auch, an immer jüngere Nutzer heranzukommen. Ein Beispiel ist die Streaming-Plattform "YouNow". Danach muss sich auch die Wettbewerbspolitik neu ausrichten. Sicher gilt in der digitalen Ökonomie zwei Gesetzmäßigkeiten: 1. Information entwickelt sich zum wichtigsten Rohstoff zur Welterschließung ("Informationskapitalismus" löst den "Finanzkapitalismus" ab). 2. Der Mensch selbst wird zur Information und zum Rohstoff. Die Rolle de Menschen verändert sich: Er ist gleichzeitig Datenkonsument und Datenproduzent (große Gefahr der modernen Sklaverei). Er lässt sich aber auch zurichten (Empfehlungen von Streaming - Diensten, Follower). Monopole, insbesondere die aus dem Silicon Valley, gewinnen an Bedeutung (sie werden als Garant des Fortschritts beworben). In der Preisbildung wird das Image immer wichtiger (Beispiel Apple: macht den Preis nicht der Markt). Preise haben früher die wichtigsten Informationen verdichtet, heute verändert Big Data das Spiel.  Informationsdienste - etwa Google - streben eigentlich die Integration aller Marktzugänge an. Digital-industrielle Komplexe ersetzen die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Vgl. Douglas Rushkoff, Present Shock, Orange Press, 2015; Yvonne Hofstetter, Sie wissen alles, 2015. Deutschland und Europa haben fast kein Internetunternehmen unter den Top 20 der Welt (SAP Ausnahme). Damit fehlt die Schnittstelle in der Wertschöpfung. Der Staat muss digitaler Wettbewerbshüter sein.

3. Digitales Defizit und Herausforderungen: Deutschland hat in Bezug auf Digitalisierung große Schwächen: Die Vernetzung ist unterentwickelt. In der Produktion verlassen wir uns zu sehr auf alte Stärken (Mittelstand). Wir denken zu sehr in Fachgebieten und meiden Risiken. Im Management wird Perfektion zu sehr belohnt und Fehler bestraft. Wir müssen Technologien weiter entwickeln. Plattformen müssen ausgebaut werden. Die Disruption muss gefördert werden, alte Märkte kollabieren. Neue Geschäftsmodell, die  das "Wie" in den Fordergrund stellen, müssen entwickelt werden. Vgl. Christoph Keese: Silicon Germany, München 2016 (Wirtschaftsbuch 2016 auf der Frankfurter Buchmesse). Netzwerkeffekte wirken wie externe Effekte: Das Handeln einzelner Akteure beeinflusst das Handeln anderer Akteure. Die Technologie ist gut standardisiert. "Lock-in", virtuelle Märkte, Wertschöpfungsmodule und Systemwechselkosten wirken als Betreiber der Internetökonomie.

Um mit den führenden Technologieplattformen mithalten zu können, muss sich in Europa einiges ändern: 1. Die EU muss einheitlicher werden. Verschiedene Sprachen, viele Verbraucherschutzbestimmungen, unterschiedliches Steuerrecht wirken als Barriere. Da haben es die USA und China einfacher. 2. Die Finanzierungsmöglichkeiten müssen verbessert werden. Es fehlt vor allem Venture Capital. 3. Die einzigen Computer - Science - Fakultäten in der EU sind in GB, das aber evtl. die EU verlässt.

4. Bausteine:  Die digitale Ökonomie (the Second Machine Age) besteht aus mindestens folgenden Bausteinen: Produktion 4.0, Internet der Dinge (kommunizierende Geräte), digitale Transformation (vor allem Dienstleister mit Plattformen), Breitbandausbau. Sie beeinflusst insbesondere folgende Branchen (Rangfolge): Technologie, Medien/ Unterhaltung, Handel, Finanzen, Telekom, Bildung, Gastgewerbe, Fertigung, Gesundheit. Eigentum geht auch in der digitalen Ökonomie nicht verloren. Es bleibt vor allem als eine mentale Ressource. Teile des Wirtschaftslebens wandern von den Märkten ab: Der Konsument ist zugleich Produzent ("Prosument"). Vielleicht lässt sich erst viel später erkennen (50 Jahre), wohin die Basistechnologie Internet führt. Bis der Massenmarkt erreicht ist, dauert es etwa so lange (Anfang des Digitalzeitalters?). Auf digitalen Märkten tummeln sich vier Technologien: Speicher- und Übertragungstechnik, Steuerungstechnik bzw. Robotik, Künstliche Intelligenz und Informationsplattformen.

Die Technologien hängen also mit Daten und neuen Kundenrollen zusammen. In Unternehmen werden Prozesse ausgelöst, die mit Disruption (Wandel von Geschäftsmodellen), Change Management und Entrepreneurship beschrieben werden. Vgl. Nicolai, A. T./ Schuster, C.: Digitale Transformation, in: WiSt, H. 1, 2018, S. 15ff.

5. Glossar: 1. Distributed Ledger: Zentral gesteuerte und weltweit verteilte Datenbanksysteme. Die Blockchain gehört dazu. 2. Tangle: Transaktionsdaten werden nicht - wie bei der Blockchain - chronologisch hintereinander angeordnet, sondern in einem netzwerkartigen Gewirr (Tangle) mit vielfältigen Knotenpunkten (Nodes). "Miner" fallen hier weg. 3. Smart Contracts: Eine beliebige Transaktion wird automatisch unter der Voraussetzung abgewickelt, dass alle beteiligten Parteien die zuvor in der Blockchain niedergelegten Konditionen erfüllt haben. 4. DApps: dezentralisierte, automatische Apps. Open Source, öffentlich in einer Blockchain gespeichert. 5. DAO (Decentralised Autonomous Organization): Ein eneue Form der Organisation, deren Geschäftsordnung, Gesellschaftsvertrag oder Satzung durch einen Smart Contract festgelegt und automatisch ausgeführt wird. 6. ICO: Bei einem Initial Coin Offering (ICO) werden quasi digitale Wertpapiere aufgelegt. 7. Kryptokatze: Eine der erfolgreichsten Anwendungen auf der Blockchain - Plattform Ethereum. Anwender können virtuelle Kätzchen (Cryptokities) züchten und mit ihnen handeln. Vgl. Sommer, Sarah: Vertraut den Daten, in: brand eins 06/18, S. 20ff.  8. Token: Digitale Münze bzw. Schlüssel. Sie wird mithilfe eines Smart Contract erstellt. Bei Ethereum heißen die Münzen ERC20-Token. Ein Token kann verschiedene Funktionen haben: Sollen Eigentümer ihn einsetzen, um Dienstleistungen eines Start-ups zu nutzen, handelt es sich um einen Utility-Token. Soll er Anteile an einem Unternehmen repräsentieren, also einer Aktie gleichkommen, heißt er Equtiy- oder Security-Token und fällt unter die Kontrolle der Finanzaufsicht. 9. Whitepaper: Projektbeschreibung des Start-ups zum ICO. Verbindliche Zahlen fehlen fast immer. Es ist kein Börsenprospekt.

6. Innovationen im Finanzbereich: Blockchains: Treten im Zusammenhang mit Digitalwährung auf. Ein gutes Beispiel ist Bitcoin. Interessant ist die Technologie und die Logik: 1. Person A kauft von Person B bestimmte Diamanten (Geschäft). 2. Verifizierung (Identifizierung, Eigentümer). 3. Transaktion (anonym). 4. Validierung. 5. Umsetzung. 6. Ergebnis. Vgl. Bettina Schulz, Das ärgert Betrüger, in: Die Zeit, Nr. 3, 14.01.2016, S. 24f. Allgemein ist eine Blockchain ein dezentrales Register für Transaktionen. Alle Transaktionen werden in Blöcken zusammengefasst und bilden eine Kette. Ein aufwendiges Rechenverfahren gewährleistet die Unveränderbarkeit der Blockchain. Sie kann vertrauensbildende Intermediäre ersetzen, zum Beispiel Banken. So werden Geschäftsprozesse automatisiert. Es entsteht eine gemeinsame Vertrauensgrundlage (Konsens, Proof-of-Work). Zwischengeschaltete Finanzinstitute fallen weg. Es entsteht auch mehr Transparenz, da die Blockchain ein globales Hauptbuch darstellt, in dem alle Transaktionen gespeichert werden. Bei einzelnen Schritten bestehen Variationsmöglichkeiten: Da der Proof-of-Work-Mechanismus viel Rechenleistung und Energie fordert, wurde Proof-of-Stake als energiesparende Alternative entwickelt.

Die Blockchain besteht aus vier Teilen: 1. Einem Wallet und Schlüssel. Ein Wallet ist eine digitale Geldbörse, bestehend aus einem öffentlichen (public key) und privaten Schlüssel (private key, geheim). Mit dem privaten Schlüssel wird die Identität las berechtigter Besitzer der Wallet bestätigt. Der öffentliche Schlüssel entspricht etwa einer gewöhnlichen Kontonummer. 2. Verteiltes System. Die Transaktionsabwicklung läuft in einem Netzwerk auf spezieller autorisierter Hardware. Geschäftsabschlüsse werden kryptographisch abgesichert. 3. Kassenbuch. Transaktionen werden chronologisch aufgezeichnet. 4. Peer-to-Peer. Direkter Austausch von Werten zwischen einzelnen Marktteilnehmern. Vgl. com professional 11/16, S. 14ff.  Im Bereich Finanzen  arbeiten US-Unternehmen wie IBM, Intel und J. P. Morgan schon mit der Blockchain -Technologie. Hierüber werden die Bücher sicher ausgetauscht. Sie können von jedem geprüft werden, der eine Berechtigung besitzt. Den Unternehmen bietet das den Vorteil, dass sie zum Beispiel die Einhaltung von Bilanzregeln per Croudsourcing prüfen lassen und sie bekommen von einem breiten externen Netzwerk Feedback zu ihrem Finanzmanagement. Das signalisiert auch Vertrauenswürdigkeit. Mittlerweile gibt es auch Blockchain - Finanzdienste: Es handelt sich um P2P-Kreditvergabeunternehmen (Peer-to-Peer). Einige sollen hier aufgeführt werden. lendico.de ist ein P2P-Kreditvergabe- und Anlageportal von Privatpersonen an Privatpersonen und Kleinunternehmer. auxmoney.com ist ein P2P-Kreditvergabeportal von Privatpersonen an Privatpersonen. Sieben Gestaltungsprinzipien beeinflussen die Blockchain - Wirtschaft: 1. Vernetzte Integrität. 2. Verteilte Macht. 3. Wert als Anreiz. 4. Sicherheit. 5. Datenschutz. 6. Wahrung von Rechten. 7. Inklusion. Vgl. Don Tapscott/ Alex Tapscot: Die Blockchain - Revolution, Kulmbach 2016.

Geldtransfer via Blockchain: Person A will Person B Geld schicken. Die Transaktion wird online in einen Datenblock verwandelt. Der Datenblock wird an jeden Rechner im Blockchain - Netzwerk geschickt. Jeder Rechner prüft die Transaktion automatisch und gibt sie frei. Der Datenblock wird zu der Kette hinzugefügt und kann nicht mehr verändert werden. Das Geld wechselt von Person A zu Person B. Vgl. Financial Times. , 2016.

Die Entwicklung schreitet fort. Einmal zum Algorithmischen Handel: Computergestützte und automatisierte Entscheidungs- und Durchführungshilfen setzen sich immer mehr durch. Damit können Marktdaten unvorstellbar schnell bearbeitet werden. Finanztransaktionen werden in Form von Small Contracts abgebildet. Die damit verbundene Digital Ledger-Technologie hilft, Kreditvertragsbeziehungen, Wertpapiertransaktionen und Derivate - Geschäfte zu verifizieren und zu automatisieren.

Aber insgesamt gibt es mittlerweile ein digitales Finanzleben, das den traditionellen Banken Konkurrenz macht: so gibt es Giro-Konten per App (N26), Bezahlung per Smartphone (SumUp), Vermittlung von Privatkrediten (Auxmoney), Onlinebezahlsysteme (Billpay), Wertpapierhandel (Ayondo), Vermögensverwaltung (Liqid).

Vor- und Nachteile: Die Blockchain macht aber vor keiner Branche halt. Sie wird Auswirkungen auf Lieferketten haben. Sie wird einen Peer-to-Peer-Handel begünstigen und zu Börsen führen. Die Blockchain bietet Chancen für neue Geschäftsmodelle. Sie erhöht die Sicherheit von Transaktionen. Sie führt zu mehr Dokumentensicherheit. Die Blockchain macht aber vor keiner Branche halt. Die Blockchain hat auch viele Nachteile: De Rechenaufwand ist riesig und damit auch der Energieverbrauch. Der Stromverbrauch soll 2018 so hoch sein wie der von ganz Österreich. Der US-Ökonom nennt die Blockchain in einem Gutachten für den US-Senat 2018 "die am stärksten überschätzte Technik aller Zeiten". Neue Anwendungen 2018 waren Plattform für Online-Wahlen, Flugschreiber für Drohnen, virtuelle Kryptoschweine für Kinder (Pigzbe), Verwaltung von Lieferketten in der Logistik, Patientendaten in der Medizin.  80% der Projekte sollen aber Betrug sein (Beratungsfirma Satis Group). Man muss den Institutionen vertrauen, die die Datenbank betrieben.

Treasury - Management: Immer wichtiger wird auch das Treasury - Management - System. Es ist eine Art Schatzmeister aus der Cloud. Die KI steht hier erst am Anfang. Funktionen sind der Zahlungsverkehr, die Kontakte zu Banken und Kapitalmärkten, das Cash- und Liquiditätsmanagement, das Finanzmanagement, die Absicherung finanzieller Risken und Reporting. Bisher kann man das noch nicht von der Stange kaufen. Vgl. Jürgen Mauerer: Schatzmeister aus der Cloud, in: com! professional 1/2019, S. 54ff.

Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein", Johann Wolfgang von Goethe.

7. Produktion/ Industrie 4.0: In der Fabrik der Zukunft werden IT- und Fertigungstechnik verschmelzen. Immer mehr Maschinen kommunizieren über das Internet. Damit wird auch immer mehr improvisiert (ausgehend von einem groben Schema viele kleine Abweichungen). Die gesamte Produktion ist vernetzt. Das heißt, es findet eine umfassende Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Maschinen statt, in die auch Kunden und Geschäftspartner eingebunden sein können. Robotterquallen sind relativ autonom. Durch die starke Vernetzung wird die Sicherheit zum Problem. Diese Technik gilt als Krönung der Produktion. Die deutsche Industrie hat 2014 ein bis zwei Jahre Vorsprung. Die Vernetzung bietet grundsätzlich ganz neue Geschäftsmodelle (völlig neue Produktionslogistik). Die größten Hindernisse gegen die Ausbreitung von 4.0 sind: Lücken in der IT - Sicherheit, fehlende Normen, fehlende Fachleute, mangelnde Infrastruktur und hohe Kosten. Die KMU sind in dieser Produktionstechnik stark (Pionier dieser vierten industriellen Revolution). Einzelfertigungen und Kleinserienfertigungen, die traditionell hier gefertigt werden, können sehr viel billiger hergestellt werden. Die Produktion 4.0 hat drei Grundelemente: Selbststeuerung (Smart Factory, cyber-physische Systeme, CPS, es verschmelzen virtuelle und reale Welt); Interaktion (alle Daten tragen die Produktkomponenten in sich, dezentrale Selbstorganisation); Information (der Industriearbeiter ist Planer und Entscheidungsträger, Smartphone). Die "Integrated Industry" mit ihrer Vernetzung hat auch Auswirkungen auf den Markt, auf Arbeitsplätze, auf Ausbildung und Geschäftsbeziehungen. Der Produktionsstandort Europa könnte gesichert werden. Es kommen neue Entwicklungspartnerschaften mit mehr Kooperationen. Die Arbeitsplätze könnten höherwertiger werden. In den USA entsteht 2014 ein neues Normungskartell. Dadurch könnten die deutschen Unternehmen ihre bislang gute Position bei den Standards für die Industrie 4.0 verlieren. Normensetzung und ein gutes Rechtssystem sind Voraussetzungen der Produktion 4.0. Von den Arbeitnehmern fordert die Produktion 4.0 mehr Flexibilität (Abhängigkeit von Marktimpulsen wird stärker, Produktionszyklen werden noch kürzer).  Am 12.06.17 beginnt der Digital-Gipfel der Bundesregierung in Ludwigshafen. Das Stammwerk der BASF dort soll schnell digitalisiert werden (Sensoren, Datenerfassung zur Wartung und Steuerung der Kraftwerke und der Steamcracker). Eine Datenschutz-App für Bauern wird entwickelt.

8. Internet der Dinge (Internet of Things, IoT, Vernetzung): Die Entwicklung geht rasend schnell. Den Endpunkt bildet das Internet of Everything. Systeme sind z. B. automatische Verkehrssysteme, intelligente Straßen, intelligentes Stromnetz, vernetzte Geschäfte, intelligente Krankenhäuser, intelligente Stadt, Logistiksysteme. Die Gefahr könnte sein, dass die künstliche Intelligenz in einigen Jahren den Menschen überlegen ist. Im Unternehmen können Algorithmen bisherige Managementaufgaben übernehmen. Die Unternehmen haben Zugriff auf einen riesigen digitalen Datensatz. Marktforscher sind leicht ersetzbar; Kundenprofile können auf Knopfdruck erstellt werden. Große Gefahren sind der Kontrollverlust, die fehlende Transparenz, falsche Analysen, Diskriminierung. Anwendungsbereiche sind die Automobilelektronik, branchenspezifische Geräte (Produktion, Transport, Versorgung), allgemeine industrielle Anwendungen (Bankautomaten, Terminals), Konsumenten. IoT verunsichert viele Unternehmenslenker. Sie müssen teilweise völlig neue Strategien entwickeln. Vor allem der Wettbewerb ist immer schwieriger einzuschätzen (Quelle: Bain). Chancen und Risiken sind ganz schwer einzuschätzen: Es es zu einem Verlust von Arbeitsplätzen oder werden mehr entstehen? Auch persönlich sind die Folgen schwer abzuschätzen: Es kommt zu Effizienzsteigerungen, gleichzeitig steigt die Ablenkung und der Autonomie- und Privatsphäreverlust. Zum Internet der Dinge gehört auch folgendes: Facebook, Microsoft und andere arbeiten an digitalen Parallelwelten. Per Datenbrille erfüllen sich Simulationen, die sich wie echt anfühlen. Bald können Menschen so arbeiten, leben und shoppen an Orten, die nur im Computer existieren. Man setzt hier auch große Hoffnungen in die Digitalisierung, weil sie bei großen gesellschaftlichen Themen helfen könnte: Bei der Energiewende, beim Klimaschutz, bei der Qualität von Bildung, bei Gesundheitsvorsorge und Pflege in ländlichen Gebieten.  Im Juni 2017 gewinnt Darmstadt den digitalen Wettbewerb "Digitale Stadt" des Branchenverbandes Bitcom. Unter anderem war auch Kaiserslautern als Finalist im Wettbewerb. Es gibt Fördergelder von unternehmen, die hier sponsern.

9. Plattform - Kapitalismus: Dies ist eine weitere Bezeichnung für die Sharing Economy oder die digitale Ökonomie. Hier geht es speziell um Online-Plattformen. Sie ändern rapide den Büroalltag. Einerseits schaffen sie große Freiheiten, andererseits führen sie zu neuen Abhängigkeiten. Sie revolutionieren Märkte wie z. B. den Wohnungsmarkt (Airbnb) oder Taximarkt (Uber). Sie bringen auf dem Arbeitsmarkt direkt Arbeitnehmer und Auftraggeber zusammen (Upwork in den USA, Freelancer in Australien). Arbeitnehmer werden so von angestellten zu Freiberuflern. Wer via Plattform arbeitet konkurriert mit Millionen anderer Anbieter. Das dereguliert radikal den Arbeitsmarkt. Scheinbar hohe Stundenlöhne relativieren sich dadurch, dass man sich selbst für Alle versichern muss und oft noch die Ausrüstung stellt. Die Ratings geben den Plattformen noch mehr Macht. Vgl. O. V. : Immer auf Abruf, in: Wirtschaftswoche 29.7.16, S. 87ff. Die meisten Plattformfirmen kommen aus den USA. Sie dominieren die Weltwirtschaft. Es werden zunehmend Klagen laut, dass die ganz großen Plattformen ihre Marktmacht missbrauchen und Wettbewerber mit unlauteren Methoden zurückdrängen. Der Konsument wird zum User degradiert (nicht mehr Besitzer). Bei der Software wird er nur zum Lizenznehmer. Damit werden Eigentumsrechte reduziert. Ganz wichtig ist, dass die Vielfalt der Entscheidungsassistenten sichergestellt wird.

10. Management und Personal: Die Verwaltung der Mitarbeiter mit HR-Software verlagert sich in die Cloud. HR-Dienste können auch aus der Cloud abgerufen werden. Damit verliert die klassische Personalverwaltung an Bedeutung. Anbieter sind z. B. Haufe (Umantis), IBM (Kenexa Talents Insights), Oracle (Human Capital Management Cloud), SAP (ERP Core Human Resources), Workday (Human Capital Management) und Sage (HR & Personalabrechnung). Erfahrung und Routine im Bezug zu Industrie 4.0: Die fortschreitende Digitalisierung verlangt von den Beschäftigten, mit Komplexität und Wandel umzugehen. Bisher weiß man wenig über die dafür notwendigen informellen Anforderungen. Erste Ansätze bringt ein Index des Arbeitsvermögens mit folgenden Elementen: Situatives Umgehen mit Komplexität, Situative Unwägbarkeiten, Strukturelle Komplexitätszunahme, Relevanz Erfahrungslernen. Vgl. Pfeiffer, S./ Suphan, A.: Erfahrung oder Routine? Ein anderer Blick auf das Verhältnis von Industrie 4.0 und Beschäftigung, in: BWP 6/ 2015, S. 21ff.

11. Beschäftigungseffekte: Die aktuelle Entwicklungen der digitalen Technik eröffnen große Rationalisierungspotenziale. Ob der Arbeitsplatzverlust tatsächlich eintritt, ist bisher offen. Denn Digitalisierung schafft auch viele neue Arbeitsplätze, insofern ist ein Strukturwandel sicher. Die Wirkungen dürften auch entscheidend von den Reaktionen der Beschäftigten abhängen: Es ist ein strukturiertes und zertifiziertes Weiterbildungssystem erforderlich. Sinnvoll ist auch ein Flexicurity-Konzept. Zur Anwendung kommen sollte auch eine integrative regionale Strukturpolitik. Vgl. Kurt Vogler-Ludwig: Beschäftigungseffekte der Digitalisierung - eine Klarstellung, in: Wirtschaftsdienst 2017/12, S. 861ff. Im April 2018 legen das IAB der BA und das BIBB eine gemeinsame Studie zu der Folgen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt vor: Fazit ist, dass die Jobs kaum weniger, aber anders werden. Regional soll sogar ein Plus an Arbeitsplätzen möglich sein. Vor allem im Bereich Information  und Kommunikation könnte es zu einem deutlichen Stellenaufbau kommen.   "Die Tätigkeit des Arbeiters auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft , die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch die Konstruktion zweckgemäß als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst", Karl Marx, MEW 42, S. 599.

12. Marketing: Digitales Marketing: Alle Maßnahme im Marketing, die über Computer und Internet ausgeführt werden. Technologien müssen integriert und Strategien angepasst werden. Zunächst muss "eine digitale Reife" entwickelt werden. Das Marketing muss optimal in das Management von Daten eingefügt werden. "Zero Trust" muss bei der Sicherheit das Konzept sein. Es muss eine Verbindung bzw. Schnittstelle zur Industrie 4.0 geben. Im Vordergrund steht "Augmented Reality" als Kombination aus wahrgenommener und vom Computer erzeugter Realität. Das Netzwerk der "Quantified Self" muss genutzt werden. Fog-Computing wird Cloud-Computing ablösen. Digitales Marketing heißt auch direkter Kundenkontakt, Produkt- und Serviceinnovation, Unternehmen 3.0 (Effizienzsteigerung entlang der Wertschöpfungskette). Die Aktivitäten im Digitalen Marketing sind entweder sichtbar oder unsichtbar. Sichtbar sind z. B. Internetauftritt, E-Commerce, Online-PR. Nicht sichtbar ist Suchmaschinen-Marketing, Suchmaschinen-Optimierung, Auswertung des Nutzungsverhaltens. Vgl. H. Ahlf: Digitales Marketing, in: WISU 1/2016, S. 49f.

Big Data: Es könnte die größte Veränderung im Marketing sein seit dem Internet. Es geht um das Sammeln von Kundendaten, die Auswertung in Systemen und die zielgenaue Kundenansprachen daraufhin. Gemeint sind auch Applikationen auf mobilen Geräten (Handys). So wird der Wettbewerbsvorteil über die Datennutzung definiert. "Customer-Journey" heißt die Reise zum Verkauf und Vertrieb auch. Big Data läuft in mehreren Phasen ab: 1. Assessment: Potentiale für den Einsatz von Big-Data-Methoden; 2. Readiness: erforderliche Hardware- und Software-Infrastruktur und entsprechende Kompetenzen; 3. Implementierung und Integration: Verbindung mit vorhandenen Datenquellen; 4. Reporting und Predictive Analytics: Optimierung der Reporting-Prozesse und evtl. Prognose. Bestandteile von Big Data sind die Datenmenge (Volumen), die Datenvielfalt, die Geschwindigkeit und Analytics. Insgesamt werden die Menschen immer mehr vermessen (Werbung, Shoppen, Onlinehandel, Kreditwesen, Reisen, Gesundheit, Lebensplanung u. a.), um Verhalten vorherzusagen. Die Frage ist, wie die einzelnen Menschen ihre Freiheit schützen können und wollen.  "Wer aus Daten die richtigen Schlüsse zieht, hat die Macht", com professional 11/2014, S. 3. "Die Daten über unser Verhalten explodieren", Susan Athey, Stanford. 2015 entbrennt über die Daten der Autofahrer ein heftiger Verteilungskampf. die Autofirmen wollen ihre Märkte sichern. Internetkonzerne wollen werben. Versicherungen wollen bessere Tarife entwickeln.

13. Digitaler Markt, Eigenschaften: Digitale Märkte haben besondere Merkmale: 1. Hohe Dynamik und Innovationskraft. 2. Hohe Fixkosten und geringe marginale Kosten (kaum Kapazitätsgrenzen, Log-in-Effekte). 3. Hohe Transparenz und geringe Transaktionskosten. 4. Große Bedeutung von (personenbezogenen) Daten (Abschöpfung der Zahlungsbereitschaft?). 5. Internet-Plattformen und mehrseitige Märkte (Matching). 6. Fehlende unmittelbare monetäre Gegenleistung auf Plattformen (Finanzierung nur durch eine Marktseite). Marktteilnehmer treten individuell in Kontakt in einem Netzwerk. Eine solche Blockchain besteht aus vier Teilen: 1. Einem Wallet und Schlüssel. Ein Wallet ist eine digitale Geldbörse, bestehend aus einem öffentlichen und privaten Schlüssel. Mit dem privaten Schlüssel wird die Identität als berechtigter Besitzer der Wallet bestätigt. Der öffentliche Schlüssel entspricht etwa einer gewöhnlichen Kontonummer. 2. Verteiltes System. Die Transaktionsabwicklung läuft in einem Netzwerk auf spezieller autorisierter Hardware. Geschäftsabschlüsse werden kryptographisch abgesichert. 3. Kassenbuch. Transaktionen werden chronologisch aufgezeichnet. 4. Peer-to-Peer. Direkter Austausch von Werten zwischen einzelnen Marktteilnehmern. Vgl. com professional 11/16, S. 14ff. Auch: Brynjolfsson, E. / McAfee, A.: The Second Machine Age, Kulmbach 2015. Weiterhin spielt in den digitalen Märkten das Eigentum nicht mehr die große Rolle. Menschen sind mehr bereit, nur zu teilen. Zugleich verliert der Preis als Steuerungsmechanismus an Bedeutung. Von der Größe von Internetgiganten profitieren auch die Kunden massiv. Auf den digitalen Märkten gelten auch andere Regeln als früher. Der Tendenz nach sieht dies wie folgt aus: 1. Monopole statt Wettbewerb. 2. Daten statt Preise. 3. Clickworkertum statt Sozialpartnerschaft. 4. Sharing statt Eigentum. Vgl. A. Wambach/ H.-C. Müller: Digitaler Wohlstand für Alle, New York/ Frankfurt 2018, S. 24ff.

14. Wettbewerbspolitik in der digitalen Wirtschaft:  Bei sozialen Netzwerken, Suchmaschinen und dem Online-Handel beherrschen große Unternehmen den Markt (fast Monopolisten). Die entscheidende Frage ist aber, ob dies zu Wettbewerbsbeschränkungen führt. Das zu beurteilen hängt davon ab, wie digitale Märkte abgegrenzt werden können und was faire Marktbedingungen bedeuten. Geklärt werden muss auch, ob das geltende Wettbewerbsrecht ausreicht. Sonst bedürfte es sektorspezifischer Regulierungen. Der Missbrauch von Datenmonopolen muss verhindert werden. Marktbeherrschende Plattformen müssen angemessen reguliert werden. Kunden brauchen echte Wahlfreiheit. Aber auch die Infrastruktur durch Gigabyte - Netze muss wettbewerbspolitisch ermöglicht werden. In der digitalen Wirtschaft werden marktbeherrschende Unternehmen begünstigt.  Verantwortlich dafür sind Skaleneffekte (Vorteile gegenüber kleinen Anbietern) auf der Angebotsseite, Netzwerkeffekte (mehrseitige Märkte, verschiedene Gruppen treffen sich) und Lock - in - Effekte (Wechselkosten für den Kunden).  Das Datenschutzrecht müsste dringend an die digitale Wirtschaft angepasst werden. Es muss Transparenz darüber hergestellt werden, wie die Plattformen die erhobenen Daten verwenden und auch welche überhaupt gesammelt werden. Vgl. auch: Big Data aus wettbewerblicher Sicht, in: Wirtschaftsdienst 2016/9, S. 648ff. Der Mittelstand in Deutschland wird sicher in Zukunft von Wettbewerbern angegriffen werden, an die wir gar nicht denken.  Im Jahre 2016 taucht der Verdacht auf, dass sich die USA und die EU in einem Wirtschaftskrieg befinden ("transatlantische Feindschaft"). Die USA gehen hart gegen VW und die die Deutsche Bank vor. Die EU bekämpft Google und Apple.

15. Mögliche strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft als Folgen: Hierüber kann man nur Vermutungen anstellen. Bildet sich eine Mainstream-Blockchain heraus? Bewegen wir uns auf dem Weg zur Peer-to-Peer-Gesellschaft? Wird die Blockchain nur in Nischen erfolgreich sein (Notarwesen)? Wird es zu einer selektiven Disruption kommen? Vgl. Martin, Diehl, Deutsche Bundesbank, in einem Vortrag bei der Volkswirte - Tagung am 18.5. 2017 in Worms.

Die Wirtschaftswelt wird zunehmend von Software geprägt. Hardware und Ingenieurskunst verlieren an Boden. Die Automobilindustrie ist die Schlüsselbranche in Deutschland. Elektrofahrzeuge sind technisch weniger komplex und einfacher zu bauen. Im DAX (30 Unternehmen) sind nur zwei Digitalkonzerne, SAP und Wirecard. Die künftige Wirtschaftswelt wird weniger von Ingenieuren und Maschinen geprägt als von Programmierern und Daten. Die große Gefahr besteht darin, dass die eigentlichen Produzenten nur noch Zulieferer für die großen Digitalkonzerne sind. Traditionelle Managementtechniken sind zu langsam. Möglichst viele Geschäfte sollten die Unternehmen selbst machen, damit sie nicht von Plattformen abhängig werden. Im Konsumgüterbereich und auch im Industriegeschäft schieben sich Plattformen wie Amazon und Alibaba zwischen Produzenten und Endkunden. Die Grenzen zwischen klassischen Branchen verändern sich oder lösen sich auf.

16. Digitalisierung und gesellschaftliche Ungleichheit: Die Fortschritte in der Informationstechnologie führen zu immer größeren Ungleichheiten in den Industriegesellschaften (sie ersetzen das Gehirn und machen die Arbeit von vielen Menschen überflüssig). Produktivitätsgewinne verteilen sich immer mehr zu Gunsten der oberen Klassen (in US-Unternehmen ist dieser Effekt am stärksten, weil sie mehr aus der IT-Technologie herausholen). Notwendig wäre ein "Gleichheitsindex" im Steuersystem ("Steigende- Flut-Steuersystem"), der sich der Ungleichheit mit den Steuersätzen anpasst (Robert Shiller, Yale, Irrational Exuberance, Princeton 2000; New Financial Order, Princeton 2003). Shiller fordert  eine Globalisierungsversicherung für jedermann. Er untersucht auch, wann Spekulationsblasen auf Immobilienmärkten platzen ("Historic Turning Points in Real Estate", Working Paper, Juni 2007). In Deutschland arbeiten 2007  61% aller Erwerbstätigen mit dem PC. Als wichtigster Aufsatz des Autors gilt: Do Stock Prices Move Too much to Be Justified by Subsequent Changes in Dividents, in: AER, 1981. R. Shiller hat auch ein Unternehmen gegründet, das erstmals Handel mit ökonomischen Risiken aller Art betreibt (Rezession, fallende Immobilienpreise, Arbeitslosigkeit). Der Name ist Makro Market. Es gibt einen weiteren Faktor, der die Ungleichheit durch Informationstechnologie beeinflusst: menschliche Faulheit. Einige Experten sprechen von einer "Winner takes all"- Welt: Wenige profitieren übermäßig.  "Der herrschende Glaube an soziale Gerechtigkeit ist gegenwärtig vielleicht die größte Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Gesellschaft", Friedrich von Hayek, The Mirage of Social Justice. "Ein innovationsgetriebenes Wachstum kann auch Ungleichheit verschlimmern", Christine Lagarde, IWF-Chefin, 2016. "Wir müssen verhindern, dass die Gewinne der Digitalisierung privatisiert werden, während die Gesellschaft die Folgekosten trägt.

17. Digitalisierung und Besteuerung: Die "Bepreisung" von Daten, insbesondere die der Konsumenten, ist ein Gerechtigkeitsproblem jetzt und in der Zukunft. Die Menschen liefern kostenlos Daten und andere verdienen damit viel Geld. Die Menschen als Datenlieferanten sind doppelt benachteiligt. Weil das Steuersystem an realen Gütern orientiert ist, müssen die Bürger die Steuern aufbringen. Andererseits werden die Daten-Unternehmen nicht ausreichend besteuert. Die Digitalsteuer wird von der eU ins Auge gefasst. Was würde aber passieren, wenn die USA und China auch diese Steuern einführten?

18. Auswirkungen der Digitalisierung auf den öffentlichen Sektor: Der öffentliche Sektor ist in vielerlei Hinsicht durch den digitalen Wandel betroffen. Der Handlungsspielraum des Staates könnte vergrößert werden, wenn zusätzliches Wachstum entsteht. Die Polarisierungsthese behauptet, dass durch die Nutzung digitaler Technologien funktionale, räumliche und personelle Ungleichheit zunehmen. Die Erosionsthese behauptet, dass digitale Technologien zu einem langfristigen Rückgang der Lohnquote und einer Erosion des Ausmaßes der voll versicherungspflichtigen Beschäftigung führt. Dann gibt es noch die steuertechnische Herausforderung bei der Besteuerung von Einkommen bzw. Gewinnen sowie Umsätzen  digitale Geschäftsmodelle nicht zu begünstigen. Vgl. Margit Schratzenstaller: Auswirkungen der Digitalisierung auf den öffentlichen Sektor - ein erster Überblick, in: Wirtschaftsdienst 2018/11, S. 799ff.

19. Digitalisierung und Handel/ Außenhandel bzw. internationale Arbeitsteilung: Kampf um Wertschöpfungsketten (Modell der Institutionenökonomik/ Jean Tirole, Toulouse, Nobelpreis 2014): Die Institutionenökonomik/ Tirole bietet ebenfalls wie Krugman eine Alternative zum Freihandelsmodell. Freihandel wird nicht als Wert an sich gesehen. Es ist eines der Verfahren, um für eine Gesellschaft Wohlstand zu erzeugen. Aktuelle Handelskonflikte (wie zum Beispiel der zwischen den USA und China 2018) ergeben sich danach aus grundlegend veränderten Risiko- und Kommunikationsstrukturen. Die Digitalisierung senkt die Transaktionskosten weiter und verändert das Risiko. Es entstehen durch reduzierte Informationsasymmetrien neue Institutionen im Kontext der Plattformökonomie. Dadurch wandeln sich Informationstransport, Informationsspeicherung und Informationsverarbeitung. Die Digitalisierung beeinflusst auch die Industriestruktur: Systemtreiber sind die Fähigkeit zur Kontrolle des Agenten und die Möglichkeit, Skaleneffekte zu realisieren. Es kommt zu einer Reintegration von Wertschöpfungsketten. Treiber sind die Finanz- und Schuldenkrise, die Störanfälligkeit von Lieferketten und die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts. In diesem Zusammenhang sind Zölle ein Mittel der politischen und wirtschaftlichen Rivalität. Unter zu erwartenden Konfliktbedingungen ist die Sicherung der Lieferkette entscheidend dafür, die Rivalität auszuhalten bzw. siegreich zu beenden. Die Staaten haben ein Dominanzproblem:  Die USA haben ein großes Leistungsbilanzdefizit (im Opiumkrieg hatte es England), China hat einen historischen Nachholbedarf (mandschurische Machtübernahme 1647, Opiumkrieg 1839). "Made in China 2025" soll die Hochtechnologie sichern aufgrund eines schuldengetriebenen Entwicklungsmodells. Im Grunde genommen will China sich weiterhin erfolgreich in der globalen Lieferverflechtung positionieren. Man kann dies in der "Crying Curve of Asia" darstellen. Freie Märkte sind nach diesem Modell auf dem Rückzug. Vgl. Ulrich Blum: Der Kampf um Wertschöpfungsketten: Krieg gegen den Freihandel? in: Wirtschaftsdienst 2018/10, S. 737ff. 

20. Industriepolitik: Der Mangel an großen deutschen IT - Konzernen birgt erhebliche Risiken für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Zu diesem Schluss kommt auch eine Analyse der Beratungsfirma McKinsey 2019. Technologie-Konzerne mit über 100 Mrd. Dollar Börsenwert wie Google, Apple, Facebook oder Amazon hat Deutschland nicht, nur die SAP. Solche Konzerne sind aber ein zentraler Motor der globalen Wirtschaft und Gesellschaft. China hat dies strategisch genau erkannt und seit Jahrzehnten Gegenunternehmen aufgebaut, die eine vergleichbare Größe haben oder sogar größer sind (Tencent, Huawei, Alibaba, Baudu). Dafür gibt es laut McKinsey Gründe: Aufstrebende Technologieunternehmen brauchen drei Schlüsselfaktoren: Talent (hochkarätige Tech-Gründer und Mitarbeiter), Kapital (um Wachstum zu finanzieren) und günstige Marktbedingungen (optimales Umfeld). So gibt es 2019 eine Diskussion in Deutschland, ob eine Industriepolitik die Schwächen ausgleichen sollte. Dabei geht es um folgende Punkte: 1. Sollte die Politik national oder europäisch sein? 2. Sollten sich Deutschland und Frankreich mehr zusammentun? 3. Kann man ohne Protektionismus nicht mehr gegen die USA und China bestehen? 4. Welche Schwächen müssten konkret ausgeglichen werden? (Langfristigkeit, Kapitalmärkte in Deutschland, Wagniskapital,  Sicherheitsrelevanz, nationale Sicherheitsinteressen). 5. Härteres Verhandeln mit China ("Walk the Talk, "Level playing field"). 6. Rahmenbedingungen (Beihilfen, Ausschreibungen). 6. Braucht man Europäische Champions?

21. Volkswirtschaftslehre 4.0: Die letzten Abschnitte zeigen schon, dass Volkswirtschaftslehre in ihrer Bedeutung mit der Digitalisierung und Globalisierung stark ansteigt. Das zeigt sich auch konkret darin, dass die großen Tech - Firmen, insbesondere im Silicon Valley, ihre volkswirtschaftlichen Abteilungen massiv ausbauen. Sie sollen bei der Suche nach neuen Geschäftsmodellen helfen. Auf der anderen Seite bieten die Datenflut und die Plattformen Ökonomen neue Möglichkeiten, Theorien und Hypothesen zu testen. Die vorrangigsten Aufgabe der Volkswirte ist aber, Muster zu erkennen (Algorithmen), Szenarien durchzuspielen und neue Start - ups in ihren Strategien auszurichten. Daten können die Märkte und die Wirtschaft besser koordinieren. Die angewandten Hochschulen in Deutschland (frühere Fachhochschulen, oder die dualen Hochschulen) haben auf diesen Trend noch nicht reagiert. Sie handeln azyklisch. Die Mechanismen der Selbstverwaltung sind zu stark politisch (durch Finanzen) gegängelt und zu stark an den eigenen Berufszielen (oft Lebensqualität) ausgerichtet. Vgl. Buhse, Malte: VWL 4.0: Wie Wissenschaft und Techunternehmen voneinander lernen, in: Wirtschaftswoche, 50/ 2.12.16, S. 40f. Im Zeitalter der Digitalisierung nehmen Verteilungsfragen stark zu in allen Ländern. Wenn es nicht gelingt, Lohn und Arbeit zu entkoppeln, werden viele Menschen in Zukunft keinen Arbeitsplatz mehr finden (vgl. Mayer-Schönberger/ Ramge: Das Digital, Berlin 2017). Weiterhin könnte aber die Blockchain - Technologie  mehr möglich machen als nur Handel mit Krypto - Währungen. Es könnte eine neue Weltwirtschaftsordnung entstehen. "Die Digitalisierung vernichtet in Summe keine Jobs. Sie verändert Berufsbilder und die Ausbildung", SAP-Vorstand Bernd Leukert 2017 (s. Handelsblatt 24.01.17, S. 17).

"Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen, was du denkst", Alphabet-Chairman Eric Schmidt (Google, bis Dez 2017). "Wir erfüllen eine soziale Mission, indem wir die Welt offener, vernetzter und transparenter machen", Facebook-Chef Mark Zuckerberg 2015.

 

Die politische und ökonomische Wende in den USA und ihre Auswirkungen auf die Globalisierung ("Trumponomics"; "Trumpokratie"; der globale Stellenwert der USA und der Kampf um die Weltvorherrschaft mit China; der Anfang einer neuen Weltordnung weg vom Multilateralismus).

Trump - Tower in Chicago im Hafengebiet. Trump gewinnt im November 2016 entgegen allen Prognosen die Präsidentschaftswahl in den USA. Experten fürchten, dass die Welt dadurch an einem Wendepunkt ist. Die entscheidende Frage ist, was Trump von seinen Wahlversprechen in der Praxis umsetzt. Die Möglichkeiten dafür hat er mit seinen Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses. Die Zusammenstellung seiner "Mannschaft" lässt nichts Gutes vermuten. Chicago ist  auch die Heimatstadt von Barak Obama, dem Vorgänger von Trump. Obama hält dort am 10.01.2017 seine Abschiedsrede. Die Ortsgemeinde Kallstadt  in der Pfalz, aus der der Großvater von Trump in die USA auswanderte, verweigert mit einem Trick die Ehrenbürgerschaft für Trump. Trump bezeichnet Bad Dürkheim in einem Interview als "das echte Deutschland". 2018 gibt es Anzeichen, dass Trump bei seinem nächsten Europa-Aufenthalt Kallstadt besuchen könnte. Der US-Generalkonsul Herman inspiziert das Geburtshaus des Großvaters Friedrich (Kallstadt, Freinsheimer Straße; 1869 geboren als Sohn von Joannes Trump und Katharina Trump; die Familie besaß ein kleines Weingut). In der Heimat heiratete Friedrich noch Elisabeth Christ und zog mit ihr in die USA. Weil er durch die Auswanderung 1885 seinen Wehrdienst nicht ableisten musste, konnte er später kein deutscher Staatsbürger mehr werden (seine Frau hatte Heimweh). Er wurde mit Restaurants und einem Bordell  im Nordwesten der USA (Monte Christo bei Seattle) und in der Goldgräber-Region am Yukon in Kanada  reich. Der Besuch von Trump könnte zusammen mit Rammstein erfolgen. Beim G7-Treffen im August 2019 stellt Trump einen Deutschland -Besuch noch 2019 in Aussicht.

"Alle Handelsabkommen, die wir haben, sind schrecklich. Wir werden sie neu verhandeln", Donald Trump im Wahlkampf 2016.

"Wie viel schmerzlicher sind die Folgen von Wut als die Gründe dafür", Marc Aurel (römischer Kaiser, gestorben 180 n. Chr.).

"Ich fürchte, das Welthandelssystem wird grundsätzlich beschädigt, denn es hat auf der Rolle der USA als ultimativem Garanten basiert, der für Stabilität sorgt. Aber die USA sind nicht mehr stark genug. Nun, da wir uns einmal als unzuverlässiger Partner erwiesen haben, wird ein neuer, den Freihandel befürwortender Präsident den Schaden nicht mehr beheben können. Die Welt wird immer wissen, dass dieses Land wieder einen Donald Trump wählen kann" Paul Krugman, US-Ökonom, Nobelpreisträger 2008 (Quelle: Der Spiegel 2/2019, 5.1., S. 69).

1. Die Wende und ihre Ursachen: a) Politik als Business: Im amerikanischen Wahlkampf 2016 betreibt Trump die Politik als Geschäftsmodell. Ausgrenzung, Hass und Beleidigung werden als Wahlkampfinstrument eingesetzt, um die Zielgruppen zu erreichen, die die Wahl entscheiden (z. B. "angry white males"). Insgesamt die "lower white middle class", die sich benachteiligt, beleidigt, erniedrigt und vergessen fühlt. Gleichzeitig hat Trump viele Reiche und Eliten angesprochen. Es wurden systematisch die Voraussetzungen ausgenutzt, von denen ein demokratischer Staat lebt.  Die Methode könnte Schule machen. In Deutschland könnte ein Wahlkämpfer die verarmten Rentner ködern. b) Populismus: In Europa ist die EU bedroht (Frankreich, Großbritannien). In den USA hat Trump damit die Wahl gewonnen. Der Populismus besteht aus folgenden sieben Elementen: 1. "Wir sind das Volk". 2. Abgrenzung. 3. Vereinfachung. 4. Die Ordnung der Welt wiederherstellen. 5. Tabus brechen. 6. Feinde benennen. 7. Gefühle und Emotionen ansprechen. Vgl. Gauweiler, R./ Schmitt, M.: Volkes Stimme, in: Rheinpfalz 13. November 2016, S. 3. Harvard-Ökonomen entwickeln nach der Wahl Modelle, die die Wahl eines unfähigen Präsidenten erklären sollen (DiTella, Rotemberg, Krugman, Buchanan). Aus psychologischen Gründen wird Inkompetenz nachgefragt. Menschen in ländlichen Regionen und gering qualifizierte Weiße bevorzugen diese Attribute. Die Wähler erwarten auch, dass Politiker normalerweise die Wählerinteressen missachten und Eliteinteressen bedienen. Mit einem Kandidaten geringer Kompetenz glauben die Bürger hier besser zu fahren. In der Handelspolitik macht die Wahl auch Sinn. Freihandel in der Globalisierung schadet vor allem den gering Qualifizierten. 80 Prozent des weißen Mittelstands glaubten vor der Wahl, dass die USA auf einem falschen Weg seien. Man könnte die Ideologie des Trumpismus auch historisch einordnen: Sie ruht auf den Pfeilern von Nationalismus, evangelischer Religion und einer Betonung der ethnischen Identität - alles Elemente, die über starke Traditionslinien in der Geschichte der USA verankert sind. Vgl. Katzenstein, Peter J.: Das Problem heißt nicht Donald Trump, in: WZB Mitteilungen, Heft 164, Juni 2019, S. 7.  "Das weiße Amerika hat sich das Land zurückerobert....In Trump hat es einen radikalen, charismatischen Führer gefunden, der den Widerstand gegen die multikulturelle Moderne vereinen soll", s. Der Spiegel, 46/ 2016, S. 3. Die Wahlforscher haben den Wahlausgang falsch prognostiziert. Ausnahme war Arie Kapteyn von der University of Southern California, Los Angeles. Wahrscheinlich beruhen die falschen Vorhersagen auf dem traditionellen Einsatz von Telefoninterviews. Über Festnetznummern erreicht man fast nur noch ältere Menschen.

2. Widerstand der "schweigenden Mehrheit" und der Verlierer gegen die Globalisierung und Zweifel an Trump: Nicht nur in den USA wächst der Widerstand gegen die übermächtigen Konzerne, die chaotischen Finanzmärkte und die Ungleichheit in der Gesellschaft. Die großen multinationalen Unternehmen wissen mit ihrem Geld, das sie als Profit verdienen, nichts produktives anzufangen. Sie nutzen global rechtsfreie Räume aus. Die Entkopplung des Geldsystems von der realen Wirtschaft geht weiter. Die Schulden steigen in allen Ländern, vor allem in den Schwellenländern, dramatisch an. Der Beitrag der Finanzmärkte zum Wachstum ist unklar, aber die Kosten werden immer mehr sichtbar. Steuerparadiese werden von ihnen systematisch genutzt. Die multinationalen Unternehmen, vor allem die aus den USA, parken dort 1,65 Billionen Dollar (Quelle: Citizens for Tax Justice, Der Spiegel 46/ 2016, S. 62). Die Einkommensungleichheit hat sich weltweit vergrößert (Gini - Koeffzient in den USA von 1985 bis 2014 +6 Prozentpunkte auf 40%; völlige Gleichheit 0, Quelle: OECD) Die Verlierer der Globalisierung sehnen sich nach Abschottung. Für sie ist es der richtige Weg, um ihren früheren Wohlstand wiederzugewinnen. Wichtigstes Motto scheint "America first" zu sein ("Make America Great Again"). Die USA soll mehr zählen als Freihandel und globale Kooperation. Der Populismus bedroht damit den Freihandel und die Globalisierung. "Abgehängte" und Verlierer der Globalisierung wollen Protektionismus und die Uhr zurückdrehen. Der Wahlkampf zeigt: Je mehr Informationen über Wähler existieren, desto direkter können Politiker sie ansprechen (Big Data). Sehr viel wird darüber diskutiert, dass Trumps Schwiegersohn Jared Kushner als Chef-Berater die rechte Hand des Präsidenten im Weißen Haus wird. Man spricht von Familienclan und zahlreichen Interessenskonflikten (chinesischer Versicherungskonzern, jüdische Verbände und Banken). Kushner wird später sogar an die Spitze eines neuen Büros für Innovation gestellt, was die Aufgabe hat, den Regierungsapparat zu reformieren ("soll wie eine große US-Firma geführt werden"). Seine Immobilienfirma will Trump seinen beiden Söhnen übertragen. Aber auch nach Amtsantritt scheinen die Geschäfte der Familie am wichtigsten zu sein ("Business first"). Die Kaufhauskette Nordstrom hatte eine Modekollektion der Trump - Tochter Ivanka aus dem Sortiment genommen. Ivanka macht bei offiziellen Anlässen Werbung für ihre Kollektion. Trump twittert in ihrem Sinne. Beim Besuch des chinesischen Präsidenten Xi lässt sie ihre Kinder in Mandarin singen und bekommt prompt drei Markenrechte in China (sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin, Modell und Unternehmerin und wichtigste Beraterin von Trump, setzt sich für Frauen in der Arbeitswelt und Familienfragen ein; Teilnehmerin am G20-Gipfel in Berlin). Kurz vor Antritt der Präsidentschaft muss sich Trump gegen Vorwürfe verteidigen, dass der russische Geheimdienst ihn in der Hand habe. Ein weiterer Vorwurf ist, dass russische Hacker das Wahlergebnis zugunsten von Trump beeinflusst hätten. Sein Sicherheitsberater Michael Flynn muss zurücktreten, weil er in einem Telefonat mit Russland mildere Sanktionen verspricht und danach leugnet. Trump hat Mühe, einen Nachfolger zu finden.  Das FBI ermittelt weiter wegen der Kontakte des Wahlkampfteams mit Russland. Im Mai 17 entlässt Trump den FBI-Chef Comey. Das ist wegen der Ermittlungen des russischen Einflusses auf die Wahl brisant (Trump nennt schlechte Arbeit als Grund; er wollte aber Ermittlungen gegen M. Flynn einstellen lassen). Es wird ein Sonderermittler eingesetzt (früherer FBI-Chef Robert Mueller). Im Mai 2017 gibt Trump zu, auch Schulden in Russland zu haben. Im gleichen Monat muss er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, Staatsgeheimnisse an den russischen Außenminister verraten zu haben (Putin bietet Veröffentlichung an). Im Juli gerät der Sohn Trumps schwer unter Druck. Er hatte Kontakte mit Russen im US-Wahlkampf (Material gegen Clinton). Am liebsten äußert sich Trump über Twitter, ungern in Pressekonferenzen. Dabei stellt er immer Ausspionierung von Trump durch Obama). Auf Pressekonferenzen tritt er wie ein Märchenkönig auf (spricht mehr über die Presse und wendet sich an sein Wahlvolk mit alternativen Fakten). Kommunikationschef Anthony Scaramucci muss gehen (Ratgeberbuch: Hopping over the Rabbit Hole). Im März 2018 wird Vize-FBI-Chef McCabe zwei Tage vor der Pensionierung entlassen.   "Die Anhänger der Globalisierung haben die amerikanische Arbeiterklasse ausgenommen und eine Mittelschicht in Asien geschaffen. Ich bin kein weißer Nationalist, ich bin ein Nationalist. Ich bin ein Wirtschaftsnationalist", Steve Bannon, Chefstratege unter Trump ("Finsternis ist gut"; viele bezeichnen ihn als heimlichen US-Präsident). Zumindest ist er der Chefideologe von Trump ("das Gehirn des Präsidenten"; hat "Breitbart" aufgebaut) und will die alte Ordnung der USA zerstören. Im August 2017 muss Bannon gehen. Er und Michael Flynn, der Sicherheitsberater, sind ständiger Gast im Oval Office (auch Sitz im National Security Council; Flynn muss zurücktreten). Später wird er sogar angeklagt wegen Falschaussage. Nachfolger als nationaler Sicherheitsberater wird H. R. McMaster. Am 22.03.18 wird auch der gefeuert.  Es folgt John Bolton ("Falke", hat sich für Krieg gegen Iran und Nord-Korea ausgesprochen). Auch Stabschef John Kelly muss gehen. Im April 17 verliert Bannon seinen Sitz im Sicherheitsrat. Anfang 2018 beschuldigt er Trump wegen der Kontakte zu Russland (in dem Buch "Fire and Fury: Inside the Trump White House" von Michael Wolff). Damit hat Bannon mit einem Tabu gebrochen und schlechtes über den Trump-Clan gesagt. Trump meint, dass Bannon den Verstand verloren habe. Trump erklärt sich zum Genie. Er könnte aber so seine nationalistische Basis verlieren. Bannon verlässt danach Breitbart News. "Ich will Präsident aller Amerikaner sein, das ist wichtig für mich. Die vergessenen Menschen sollen nicht länger vergessen sein. Wir müssen das Schicksal des Landes wieder in die Hand nehmen", Donald Trump. "Blender, Hochstapler und Möchtegerndiktator. Ich persönlich glaube, dass er scheitern wird", George Soros, US-Investor über D. Trump. Der Palm Golf Club in Florida, der Trump gehört erhöht die Aufnahmegebühr auf 200.000 $ und wird zum Regierungsnebensitz. Trumps Flüge dorthin kosten den Steuerzahler Millionen Dollar. Im Mai 2017 erscheint das Buch "The Sum of Small Things" der Soziologin Elisabeth Currid-Halkett (University of Southern California). Sie untersucht die Frage, warum die Trump - Wähler die Elite hassen (mangelnde Chancengleichheit!). Im März 2018 muss die junge Kommunikationsdirektorin Hope Hicks gehen (29 Jahre, Ex-Modell, ist durch viele brisante Notlügen aufgefallen).

3. Die innenpolitischen, insbesondere wirtschaftlichen, Pläne der Trump - Administration: Bisher erscheinen Trumps ökonomische Vorhaben als kruder Mix. Mit vielen Milliarden will er Infrastruktur und Militär ausbauen (im ersten Haushalt vom März 2017 Militär +10%; Grenzsicherung +7%) , um die Konjunktur anzukurbeln. Der US-Militäretat soll massiv erhöht werden (+10%). Die Mittel für die Vereinten Nationen und Entwicklungshilfe sollen stark gekürzt werden (bisher tragen die USA 22% der UN). Das wird dazu führen, dass auch andere Staaten, vor allem China den Militärhaushalt erhöhen. Es kommen auch spezielle  Konjunktur-Programme. Die will er mit privatem Geld machen, so es reicht. Die extrem hohe Staatsverschuldung wird aber wahrscheinlich weiter anwachsen. Im Kongress kann  Trump im Mai 2017 seine Haushaltsforderungen nicht ganz durchsetzen. Gleichzeit plant Trump, die Steuern zu senken.  Neuer Finanzminister wird Mnuchin (Ex-Goldman Sachs, Hedgefonds Dune Capital, Finanzmanager des Wahlkampfs; windiger Profiteur der Immobilienkrise 2008), der eine große Steuerreform plant. Er will unter anderem  die Unternehmenssteuern halbieren auf 15%. Außerdem plant er eine radikale Unternehmenssteuerreform: Sie zielt auf eine cashflow-basierte Besteuerung nach dem Bestimmungslandprinzip, wie es in der EU für die Mehrwertsteuer gilt. Das hätte große Auswirkungen auf andere Länder, auch die EU. In der Tat soll die Senkung der Unternehmenssteuern ab August 2017 kommen. Die Körperschaftsteuer soll von 35 auf 15% gesenkt werden. Das würde einen härteren Wettbewerb um Unternehmen auslösen, zumal GB nach dem Brexit auch eine deutliche Senkung plant. Dabei sind die Unternehmen nicht das schwächste Glied in der US-Wirtschaftskette, viel schwächer sind die Arbeitnehmer. Weiterhin ist eine "Border Adjustment Tax" angedacht. Hiernach sollen Exporte steuerfrei bleiben und Importe nicht steuerlich absetzbar sein. Das wäre eine Anti-Globalisierungssteuer und stark protektionistisch. Mit einem Dekret im April 2017 ordnet Trump die Überprüfung vieler bestehender Steuerregeln an. Damit soll einer Steuerreform der Weg geebnet werden (Entlastung von Mittelklasse und Unternehmen). Kern bleibt die "Destination-Based Cash Flow Tax" (DBCFT). Man muss aber abwarten, was tatsächlich kommt. Vielleicht soll nur der Mehrwertsteuer in den USA der Weg freigemacht werden. Ende April werden die Eckpunkte der Steuerreform klarer: Unternehmenssteuern von 35% auf 20% senken (unter den Durchschnitt der Industriestaaten (22,6%). Einkommenssteuer runter. Erbschaftssteuer abschaffen. Keine Grenzausgleichssteuer. Evtl. Mehrwertsteuer. Doch erst muss Trump die Mehrheit der Republikaner hinter sich bringen. Im Senat scheint er das zu schaffen. In den USA wird Anfang Dezember 2017 die historische Steuerreform vom Senat gebilligt (es müssen noch Repräsentantenhaus und Präsident folgen, aber wohl sicher): Senkung der Körperschaftssteuer von 35 auf 21 Prozent. Nach Berechnungen erhöht sich dadurch in zehn Jahren das Staatsdefizit um eine Billion Dollar.  Zusätzlich sollen konzerninterne Importe mit einer Sondersteuer belegt werden. Diese soll zwischen 10 und 20 Prozent liegen. Die Importbesteuerung würde die deutsche Wirtschaft hart treffen. Zusätzlich könnte kommen, dass bestimmte Betriebsausgaben (für Lizenzen, Motorenteile aus dem Ausland) nicht mehr geltend gemacht werden können. Am 20.12.2017 wird die Steuerreform beschlossen.  Noch Januar 17 erlässt Trump weiterhin ein Dekret, dass die Finanzmärkte wieder mehr dereguliert werden sollen (vor allem die Bankenregulierung nach 2008 soll aufgeweicht werden). Unter anderem geht es um höhere Eigenkapitalquoten, um eine Überschuldung zu verhindern. Nach der Trump - Administration behindert das Gesetz die Kreditvergabe. Die Korrekturen an den Bankenregeln (Dodd-Frank-Act) würde zu transatlantischen Wettbewerbsverzerrungen führen und zu Lasten Europas gehen. Der radikale Umbau des Finanzsystems konkretisiert sich immer mehr: Die Aufsichtsbehörde FDIC hat vorgeschlagen, die Finanzinstitute ganz von strengen Regeln zu befreien. Der neue Vize-Chef der Fed Randal Quarles folgt dem Anfang Dezember 2017. Eine Deregulierung des Bankensektors scheint bevor zu stehen.  ("Wir könnten Tausende an Regeln streichen, die die Banken bremsen", Thomas Hoenig, Vize-Chef der US-Einlagensicherung). Das traditionelle Bankgeschäft soll vom Investmentbanking getrennt werden. Das Trennbanksystem wurde 1930 in der Weltwirtschaftskrise eingeführt. 1999 wurde das Gesetz unter Bill Clinton aufgehoben (viele Experten sehen darin die Ursache der Finanzkrise 2008). Damit würde die US-Regierung auf einem wichtigen Politikfeld die internationale Kooperation aufkündigen (Ebene der G20). Der Ausbau der Infrastruktur und ihre Finanzierung erfordert Anleihen und Zwischenfinanzierungen, was der Wallstreet auch zugute kommt. Kernregelungen von Dott-Franck sind: 1. Effektive Finanzaufsicht, 2. Regulierungen der Finanzmärkte, 3. Schutz der Verbraucher und Investoren vor "Schwarzen Schafen" bei den Finanz - Dienstleistern, 4.  Werkzeuge für die Regierung, 5. Internationale Kooperation. Notenbanken in Europa warnen vor Deregulierung von Finanzinstituten.  Ökonomisch ist das Wirtschaftsprogramm eigentlich unmöglich. Außerdem käme dies in erster Linie den Reichen zugute ("Selbstbereicherungsprogramm für die alten Eliten"). Viele Experten rechnen daher mit einem Anstieg der Inflation ("Trumpflation"). Damit könnte der Druck auf die Fed, die amerikanische Notenbank, steigen, im Dezember die Leitzinsen anzuheben. Dies geschieht auch an 14.12.16 (auf 0,5 bis 0,75% angehoben). Danach kündigt Yellen schon weitere Erhöhungen an (Risiko einer überhitzten Wirtschaft). Dann wird Fed-Chefin Yanet Yellen wahrscheinlich 2018 ausgewechselt werden. Ein neuer Notenbankchef würde sich wahrscheinlich eher passiv verhalten (Powell). Dann würde ein Boom mit Inflation entstehen (zum Schaden der Armen). "Trumponomics" ähnelt in den Grundzügen "Reagonomics". Was die USA eigentlich brauchen, ist eine Umverteilung. Das ist aber ein Unwort in der amerikanischen Politik. Umverteilt werden müssten zumindest die ökonomischen Anreize (die Menschen sind ja nicht arm, weil sie faul sind; der "American Dream" müsste wiederhergestellt werden: jeder, der hart arbeitet, kann es nach oben schaffen).  Auch das Sozialsystem müsste dringend verbessert werden. Erziehungsministerin wird Betsy DeVos, die gegen staatliche Finanzierung von Schulen ist. Chef des nationalen Wirtschaftsrats wird Gary Cohn, leitender Geschäftsführer bei Goldman Sachs. Damit scheint die Bank zukünftig die Welt zu beherrschen ("Goldmänner" Bannon, Mnuchin, Cohn). Die Prognosen für die US-Wirtschaft für 2017 sind positiv: Die Wachstumsprognose liegt bei 2,3% (OECD). Die ALQ dürfte weit unter 5% liegen. Die Inflation könnte 2,3% erreichen (IWF). Dann würden weitere Zinserhöhungen folgen. Im April 2017 unterschreibt Trump das Dekret "Buy American, Hire American". US-Firmen sollen bei der Vergabe von Regierungsaufträgen bevorzugt werden. Angeblicher Missbrauch bei der Vergabe von Arbeits-Visa soll abgeschafft werden.  "Ich bin ein Macher und hasse die Bürokratie", D. Trump. Dabei wird er massiv vom ultraliberalen Hedgefonds-Manager Robert Mercer unterstützt. Zunächst mit viel Geld. Dann mit Netzwerken (erzkonservativer Juristenbund Federalist Society, Waffenlobbyistenverein NRA, auch Investition in Breitbart). Das Vermögen von Trump beläuft sich auf 1,4 Mrd. Dollar. 300 Mio. Dollar Schulden hat er, allein 130 Mio. Dollar bei der Deutschen Bank. Trump hat ein halbes Dutzend Goldman-Sachs-Banker in seine Mannschaft geholt. Die helfen prompt, den Banken mehr Freiheit zu geben. Trump nutzt fleißig sein Amt, um seinen Immobilien zu nutzen. Er pendelt ständig zwischen verschiedenen Golfplätzen, die sich über zunehmende Gäste und Preise freuen.

Im August 2017 gibt es Krawalle in Charlottesville/ Virginia. Rechtsextreme ("White Supremacy"; "Alt Right", "Vereinigt die Rechte") protestieren für ein Denkmal eines Südstaatengenerals (Robert E. Lee). Es kommt auch zu Zusammenstößen mit Demokraten und Bürgerrechtlern mit Toten. Der Ausnahmezustand muss verhängt werden. Trump verurteilt nicht klar den Rassismus, weil ihn die Rechten massiv unterstützen. Sogar Republikaner kritisieren das Verhalten des Präsidenten.  Später verurteilt Trump rassistische und antisemitische Gewalt auf Druck hin (auch seiner Partei), macht aber dann wieder eine Kehrtwende. Bannon, der als rechter Chefideologe gilt, muss das Weiße Haus verlassen (er hat sich aber gegen einen Krieg mit Nordkorea ausgesprochen).

Die Verschlüsselung des Datenverkehrs (Google, Apple, Facebook) soll auch aufgehoben werden, um mehr Kontrolle zu erreichen. Außerdem will Trump einen großen Teil der Migranten zurückschicken (1,2 Mio.?). Von diesen billigen Arbeitskräften profitieren die großen amerikanischen Internetkonzerne wie Google, Apple, Amazon und Facebook. Folglich sind die Aktienkurse dieser Unternehmen kurz vor und zu Beginn der Präsidentschaft um durchschnittlich 5% gesunken. Die führenden Manager der Internetkonzerne (Sandberg, Pichai, Chesky, Kalanick) melden sich sofort zu Wort und kritisieren die Migrationspolitik. Die Euphorie für Trump schwindet. Die Wirtschaft könnte am Ende über sein Schicksal entscheiden. Trumps mächtigste Gegner sind die Geheimdienste. Der Konflikt ist groß.   "Wir müssen sehen, welche seiner Drohungen Trump wirklich umsetzt", Eric Schmidt, Verwaltungsratschef von Alphabet (tritt Ende 2017 zurück).

Trump will Obamas Gesundheitsreform (allgemeine Krankenversicherung) teilweise zurücknehmen. Ein Dekret gleich nach Amtsantritt beginnt damit. Das würde wieder mehr die Armen treffen. Anbieter von Medizintechnik, vor allem Exporteure aus Deutschland (Siemens, Fresenius, Draeger), hätten Nachteile. Die Weichen für eine  Zentralangriff auf Obamacare sind gestellt: Der Obamacare - Gegner Tom Price (gelernter Chirurg) wird als Gesundheitsminister nominiert. Er wird die Reform möglichst beschneiden. Im September 2017 muss er zurücktreten, weil er auf Kosten der Steuerzahler teure Privatjets benutzte. Im März 2017 wird die Richtung deutlich: Die Pflicht zur Krankenversicherung soll abgeschafft werden. Die freiwillige Krankenversicherung soll gefördert werden. Wahrscheinlich wäre Obamacare auch ohne Machtwechsel in Schwierigkeiten gekommen. Die Kosten für den Staat sind sehr hoch und der Nutzen für die Patienten hält sich in Grenzen. Im US-Repräsentantenhaus können sich die Republikaner nicht einigen. Ein Votum wird mehrmals verschoben. Trump droht damit, Obamacare  beizubehalten. So zieht denn auch Trump den Gesetzentwurf für eine neue Gesundheitsversorgung zunächst am 24.03.17 zurück. Das ist eine schwere Niederlage für Trump scheitert an Rebellen aus den eigenen Reihen). Reformiert werden müsste eigentlich der Wettbewerb bei Medikamenten, die Bürokratie und das Rechtssystem. Anfang Mai 17 geht ein reformierter Gesetzentwurf (Neufassung, weniger Versicherung) knapp im Repräsentantenhaus durch. Im Kongress wird der Gesetzentwurf mehrmals abgesetzt. Im September 2017 scheitert eine Reform von Obamacare erneut. Auch der neue Arbeitsminister Andy Puzder, ehemaliger Chef der Fast-Food-Kette CKE,  lehnt die Gesundheitsreform ab. Er wird erst gar nicht ernannt, weil er jahrelang illegal (schwarz) eine Haushaltshilfe beschäftigt hatte. Jetzt ist Alexander Acosta designierter Arbeitsminister  (Arbeitsrechtler an der Uni von Florida) und wird es auch. Bildungsministerin wird Betsy DeVos, die Trump im Wahlkampf mit Geld unterstützt hat, aber nicht als Kämpferin für Chancengleichheit aufgefallen ist. Gleich nach Amtsantritt reformiert Trump Teile der Reform. Die Steuerreform von Dezember 2017 greift auch in den Gesundheitsbereich ein. Gesunde, junge Beschäftigte können befreit werden. Das dürften sie millionenfach machen. Auf Ältere und Kranke kommen drastisch steigende Beiträge zu.13 Mio. US-Bürger könnten ihren Gesundheitsschutz verlieren. Außerdem ordnet er ein Anti-Abtreibungs-Dekret an. Neil Gorsuch, ein Abtreibungsgegner, wird für den Verfassungsgerichtshof nominiert. Im Oktober 2017 ruft Trump den nationalen Gesundheits-Notstand aus. Der Heroin- und Opiummissbrauch ist gravierend. Jeden Tag sterben 91 Menschen an einer Überdosis. Weiterhin hat Trump Deregulierung und ein Modernisierungsprogramm für die Infrastruktur angekündigt.  "In den USA formiert sich hinter dem Sichtschutz legitimer Kritik an ökonomischer Ungleichheit eine reaktionäre Bewegung", in: Wirtschaftswoche 48/ 18.11.16, S. 26. "Wenn der Handel stoppt, stoppt die Welt. Nicht andere Länder stehlen den USA die Jobs. Die Amerikaner haben das Geld nicht richtig verteilt", Jack MA, Chef von Alibaba.

Im Februar 2018 startet Trump sein Infrastruktur-Paket. Das Programm umfasst Investitionen in Höhe von 1,5 Billionen Dollar. Allerdings will die US-Regierung nur 200 Milliarden Dollar selbst beisteuern. Die fehlende Differenz soll von Bundesstaaten, Kommunen und dem Privatsektor investiert werden. 54.000 Brücken in den USA sind sanierungsbedürftig. Viele Tunnel sind für heutige Bedürfnisse zu eng. Weiterhin müssen Straßen, Bahnlinien, Stromnetze, Flughäfen, Dämme und Schleusen dringend auf den Stand des 21. Jahrhunderts gebracht werden. Wenn man bedenkt, dass wegen der Steuerreform die Einnahmen zurückgehen werden, kann das nur durch Erhöhung der öffentlichen Schulden gehen. "Wie zahlreiche Rechtsexperten festgestellt haben, habe ich das absolute Recht, mich selbst zu begnadigen. Aber warum sollte ich das machen, wenn ich nicht unrechtes getan habe?", Donald Trump, US-Präsident über Twitter im Juni 2018.

Ende September 2018 gibt es eine große Auseinandersetzung um die Ernennung des obersten Richters. Trump hat Brett Kavanaugh vorgeschlagen. Er soll noch vor der Senatswahlen ernannt werden. Drei Frauen beschuldigen den Kandidaten sexueller Übergriffe. Die Wahl des Richters ist auch nach einer Empfehlung des Justizausschusses noch offen. Das FBI ermittelt. Die Mehrheit für Kavanaugh scheint nahe zu sein. Tatsächlich gibt es eine Senatsmehrheit für ihn. Er wird oberster Richter. Die Personalie spaltet wieder die US-Politik. Der frühere amerikanische Justizminister William Blarr wird wieder im Dezember 2018 Minister, Trump hofft, dass er die Untersuchungen gegen ihn  stoppt. Haushaltsdirektor Mick Mulvaney löst im Dezember 2018 den Stabschef im Weißen Haus Kelly ab. Im gleichen Monat tritt Innenminister Ryan Zinke wegen Skandalen zurück.   Die New York Times bringt im Oktober 2018 einen großen Artikel über die Familie Trump. Sie entlarvt darin die Mär vom Milliardär, der sein Vermögen erarbeitete. Die Steuerbehörde prüft nun, ob der US-Präsident seinen Eltern bei der Steuerhinterziehung geholfen hat (Immobilienvermögen zu niedrig bewertet; zu wenig Erbschaftssteuer).

Ende Februar 2019 findet eine Anhörung des Ex-Anwalts von Trump Michael Cohen vor dem US-Kongress statt. Er belastet den Präsidenten schwer bei den Russlandgeschäften, dem Wahlkampf  und den Sex-Affären. Trump habe ein Hochhaus in Moskau gebaut, bei dem er noch verhandelt habe als schon Wahlkampf war. Von Julian Assange und Wikileaks habe Trump Material gegn Hillary Clinton verwendet. In den Sex-Affären habe er Schweigegeld gezahlt. Cohen bezeichnet Trump als Rassist, Betrüger und Lügner.

Anfang Februar 2019 wird der ehemalige Trump - Berater und Wahlkampfmanager Paul Manafort zu 47 Monaten Haft verurteilt. Es ging dabei auch um die Russland-Affäre (Treffen mit eine russischen Anwältin im Trump-Tower). Manafort war schon verurteilt worden wegen Steuerhinterziehung und Bankbetrugs.

Im März 2019 streitet sich ein prominentes Ehepaar über den Geisteszustand von Trump. Es geht um Kellyanne und George Conway. Diei Frau war Trumps Wahlkampfmanagerin und ist heute eine der wichtigsten Beraterinnen. Sie prägte den Ausdruck "Alternative Fakten" (Unwort des Jahres 2017 in Deutschland). George ist ein prominenter Anwalt. Er kritisiert regelmäßig den Präsidenten. Er stellt seine psychische Verfassung in Zweifel.

Am 21.03.2019 legt US-Sonderermittler Robert Mueller seinen Abschlussbericht  über die Russlandaffäre beim Justizminister Bill Barr vor. Der will die wichtigsten Schlussfolgerungen zusammenfassen. Diese müssen nicht strafrechtlich relevant sein, könnten aber politisch heikel sein. Im schlimmsten Fall könnten sie Grundlage für ein Amtsenthebungsverfahren sein. Mueller ermittelt seit Mai 2017. Mueller sieht es als erwiesen an, dass Russland versuchte, Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen zu erlangen. Hinweise auf eine tatsächliche Zusammenarbeit oder Absprachen gibt es aber nicht. Die Demokratische Partei und andere Gruppen fordern eine vollständige Veröffentlichung des Berichtes. Viele Stellen wurden für die Öffentlichkeit geschwärzt. Es gibt einen überraschenden auftritt von Sonderermittler Robert Mueller im Mai 2019 (die Nachforschungen hätten Trump nicht entlastet). Die Debatte über ein mögliches Amtsenthebungsverfahren entbrennt neu. Die Demokraten wollen Trump jagen. Mueller muss vor dem Kongress aussagen.

Im April 2019 zwingt Trump seine Heimatministerin zum Rücktritt. Kirstjen Nielsen wollte die Leitung der Heimatpolizei ICE einem Kandidaten übertragen, den Trump nicht wollte. Trump fühlt sich nicht genug unterstützt in seiner kompromisslosen Politik gegen illegale Einwanderer.

Im April 2019 informiert die Deutsche Bank Ermittler über Kredite an Trump. Ausschüsse im US-Kongress verlangen Unterlagen über Kredite in Milliardenhöhe. Trump verklagt die Deutsche Bank wegen der Herausgabe.

Im April 2019 tritt Justizminister Rosenberg zurück. Er war bei Trump in Ungnade gefallen, weil er Mueller nicht abgesetzt bzw. entsprechend angegriffen hatte. Der Nachfolger steht mit Rosen schon bereit.

Im Mai 2019 entbrennt ein Streit über die 20-Dollar-Note. Bisher zeigt sie Präsident Andrew Jackson. Er soll durch Harriet Tubman abgelöst werden. Sie gilt als berühmteste Fluchthelferin für Sklaven. Trump sieht Jackson als sein Vorbild und möchte die Ablösung verhindern.  Der Vorschlag Tubman geht noch auf Obama zurück. 

Ende Juni 2019 scheidet die US-Präsidentensprecherin aus dem Amt. Sarah Sanders war sehr umstritten. Im Kurznachrichtendienst Twitter spricht Trump von einer "wunderbaren" Sprecherin. Sie will in ihren Heimatstaat Arkansas zurück. Sanders ist 36 Jahre alt und seit Juli 2017 im Amt. Die bisherige Sprecherin von Ehefrau Melania Trump , Stephanie Grisham, soll neue Pressesprecherin von Trump werden.

Im Juni 2019 eröffnet Trump den Wahlkampf mit dem Slogan "Keep America great again".

Im Juni 2019 tritt der geschäftsführende Verteidigungsminister Shanahan sein Amt nicht an. Neuer kommissarischer Minister wird Mark Esper. Er war Verwaltungschef des Heeres. Er soll das Amt auch dauerhaft übernehmen.

Am 4. Juli 2019, dem US-Nationalfeiertag, widmet Trump diesen zur Bühne für seine Selbstdarstellung um. Panzer und Kampf-Jets treten zum ersten Mal als Symbole amerikanischer Stärke auf.

Am 12.07.2019 tritt Arbeitsminister Alexander Acosta zurück. Im Zuge der Missbrauchsaffäre um den US-Milliardär Jeffrey Epstein hatte er als Staatsanwalt einen Deal ausgehandelt.

Die Zahl der Amokläufe und Bluttaten häuft sich. Trump scheut sich, gegen die Waffen-Lobby vorzugehen. Er setzt auf härtere Strafen (Todesstrafe).

Im Sommer 2019 positionieren sich die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gegen Trump: Joe Biden, Bernie Sanders, Elisabeth Warren, Kamala Harris. Mein Favorit ist Warren.

Im September 2019 schmeißt Trump Sicherheitsberater John Bolton raus, der als Falke galt. Nachfolger wird Robert O´Brien, der eher als Pragmatiker denn als Ideologe gilt. Er ist in der republikanischen Partei gut vernetzt und gilt als Mannschaftsspieler. 

4. Außenwirtschaftspolitische bzw. protektionistische Vorhaben (Handelspolitik): Bannon, der Chefberater von Trump, spricht von einer "wirtschaftsnationalen Agenda" als einer der neuen Säulen der Trump - Administration (neben "Dekonstruktion des Staates" und nationale Sicherheit bzw. Abbau der Immigration). Bestehende internationale Verträge wie NAFTA will Trump neu verhandeln. Das bestätigt er auch gleich nach Amtsantritt (Mexiko wäre der große Verlierer). Ende April 2017 gibt Trump bekannt, dass er das Abkommen der NAFTA neu verhandeln will.  Er macht die internationalen Verträge  für die ökonomischen Probleme der USA verantwortlich. Mexiko und Kanada suchen nach Alternativen und positionieren sich klar (keine Zölle). Die Verhandlungen beginnen im August 2017.  Die Neuverhandlungen kommen nicht voran. Für Mexiko ist NAFTA ein Eckfeiler. Etwa 80% der Exporte des Landes gehen in die USA. Auch TTIP lehnt er kategorisch ab. Weil Trump später aber auf einen gemäßigteren Kurs einschwenkt, könnte das Vertragswerk noch mal belebt werden.  TPP, der tranpazifische Handelsvertrag, soll als erstes gekündigt werden. Das würde besonders stark Japan treffen, das auf Wachstumsimpulse für die Industrie hoffte. TPP ist ein zentraler Pfeiler von Abenomics und war durchaus gegen China gerichtet. Sofort nach Amtsantritt am 23.01.17 kündigt Trump TPP auf. Japan steht vor einem Scherbenhaufen (Japan erzielt seinen Handelsüberschuss mit der USA auch durch Protektionismus). Sogar aus der WTO will Trump austreten. "Strafzölle, keine Abkommen", D. Trump. Neuer Handelsminister wird ein Ex-Wallstreet-Banker, nämlich Wilbur Ross ("Der König des Bankrotts"). Er plädiert für bilaterale Handelsabkommen. Im November 2017 gerät er im Rahmen der "Paradise Papers" schwer unter Druck: Er ist über Fonds auf den Kaimaninseln an einer russischen Reederei beteiligt. Robert Lightnizer wird neuer Handelsbeauftragter (Protektionist). Peter Navarro wird Chef für Handelsfragen im Weißen Haus. Der Ökonom ist ein ausgewiesener China-Kritiker (Direktor des Nationalen Handelsrates; Autor des Buches "Tod durch China"; Forderung nach "fairen" Handelsverträgen). Larry Kudlow wird 2018 neuer Wirtschaftsberater von Trump. Er gilt als Befürworter des Freihandels, schlägt aber scharfe töne an. Die VR China dient als Sündenbock für stagnierende Löhne in den USA. Auslandsproduktion soll mit Strafen und Zöllen belastet werden. Damit soll eine Zurückverlegung in die USA erreicht werden (Reshoring). Handelsregulierungen sind nach dem "Trading with the Enemy Act" möglich. Auch den "International Emergency Powers Act" von 1977 könnte man heranziehen. Der "Trade Act" erlaubt bei Zahlungsbilanzproblemen wie Handelsbilanz-Ungleichgewichten Gegenmaßnahmen. Eine Abschottung der USA mit mehr Zöllen wäre für alle großen Exportwirtschaften eine Katastrophe, so zu allererst für Deutschland und China. Dann wäre eine globale Rezession wahrscheinlich ("ohne absehbares Ende", Paul Krugman). Es könnte auch sein, dass nur bestimmte Länder von den Zöllen betroffen sind (Mexiko, China). Davon könnte Deutschland als Konkurrent profitieren (2015 sind die USA erstmals größter Handelspartner Deutschlands). Trump konkretisiert nach Amtsantritt seine Ziele: Länder, mit denen die USA ein Handelsdefizit haben, sollen mit Importzöllen von 20% belegt werden (besonders betroffen China, Japan, Deutschland). Zölle würden auch die Konsumenten in den USA am meisten treffen. Sie könnten mit Preiserhöhungen rechnen. Das würde vor allem die Menschen mit niedrigen Einkommen treffen (Absinken der Konsumentenrente). Handelspolitik betrifft aber nicht nur den Welthandel, sondern immer auch globale Wertschöpfungsketten. Insgesamt könnte eine Abschottung der USA zu einem erheblichen Wohlstandsverlust global führen (9%, Ifo-Institut). Dies gilt vor allem, wenn die Handelspartner Gegenmaßnahmen ergreifen. In der Handelspolitik muss sich der Präsident allerdings die Kompetenzen mit dem Senat teilen. Trump und seine Handelsfachleute fordern eine Welt der "Dealmaker", die von Multilateralismus zu bilateralen Handelsverträgen wechselt. Am 31. März 2017 unterzeichnet der amerikanische Präsident Trump zwei Dekrete (Erlasse), in denen steht, dass nach Branchen und Ländern geprüft werden soll (Prüfaufträge), wo die USA ein großes Handelsdefizit haben. Dann sollen Strafzölle eingeführt werden, die in Proportion zu der Höhe des Defizits stehen. Betroffen davon sind China (Exporte mehr als dreimal so hoch wie Importe), Japan (Exporte doppelt so hoch), Deutschland (Exporte fast dreimal so hoch, aber geringer als Länder aus Asien), Mexiko (relativ geringe Differenz wie die folgenden Länder), Vietnam, Indien, Thailand, Südkorea. Aus Deutschland sind die Stahlunternehmen Salzgitter und Dillinger Hütte betroffen. Trotzdem bleibt der Kurs von Trump unklar (Hunderte Stellen sind unbesetzt). Im April 2017 wird Kevin A. Hassett Chefvolkswirt von Trump. Er arbeitete im American Enterprise Institute und ist eher umstritten (skurrile Prognose über die Börse, Steuerideen). Tochter Ivanka Trump besucht noch im April 17 nach Deutschland und will Siemens besuchen (sie ist einerseits eine Art "First Lady" und andererseits umstritten wegen der Geschäftsführung der "Trump Organization" und als Betreiberin diverser Schmuckläden). Außenpolitisch will Trump eine Abkehr von der Kuba-Politik seines Vorgängers machen ("Sonnenscheinpolitik" Obamas). Geschäfte mit Kuba  werden erschwert. Auf dem APEC - Gipfel in Da Nang/ Vietnam im November 2017 gibt Trump bekannt, dass er aus dem Freihandel aussteigt und bilaterale Handelsabkommen bevorzugen will. Die restlichen 11 Länder (darunter China, Russland und Kanada) wollen enger zusammenarbeiten. Der Ausstieg der USA dürfte China zugute kommen. Auf dem G20-Gipfel Anfang Dezember 2018 in Buenes Aires sprechen Trump und Xi Jinping miteinander. Sie vereinbaren, bis März 2019 keine weiteren Zölle zu erhöhen. Die Chinesen versprechen, mehr amerikanische Waren zu kaufen. Die größten deutschen Investoren in den USA sind: Bayer, Telecom, Evonik, Henkel. Die deutschen Direktinvestitionen lagen 2015 bei 228 Mrd. $. Trump will nach seiner Wahl schon eine Verlagerung eines Ford-Werkes nach Mexiko stoppen. Die deutschen Exporte sind von Januar bis September 2016 um insgesamt 6% gesunken. Grund dafür dürfte der US-Wahlkampf gewesen sein. Den höchsten Umsatzanteil der DAX-Konzerne hat das Geschäft in den USA bei folgenden Unternehmen: Fresenius Medical Care (fast 80%), Deutsche Telecom 40%), SAP 40%), Linde (35%). 2017 will Toyota eine Großinvestition von 1,3 Mrd. $ in sein Werk in Georgetown/ Kentucky stecken.

Trump verspricht auch, binnen 100 Tagen zu prüfen, ob China als "Währungsmanipulator" eingestuft werden kann. Zunächst düpiert er die VR China, indem er ein Telefonat mit der Führung in Taiwan macht (Taiwans Präsidentin Tsai Ing - Wen). Später, im Jahre 2018, lässt er hochrangige Regierungsvertreter nach Taiwan reisen und verärgert China noch mehr. Trump wird sicher stärker gegen China vorgehen. Wahrscheinlich wird China versuchen, den Abzug von Kapital aus dem Land und zurückgehende Exporte in die USA durch eine Abwertung des Yuan zu bekämpfen. China ist immer noch einer der Hauptkäufer von US-Staatsanleihen. Im Oktober 2016 waren dies allein 1,115 Billionen Dollar an US-Staatsanleihen (zweitgrößter Gläubiger nach Japan; zeitweise größter Gläubiger). Mit Maßnahmen gegen China würde er sich selbst den Geldhahn zudrehen. Bald wird sich zeigen, ob die USA China als Marktwirtschaft anerkennen. Das war dem Land beim WTO-Beitritt 2001 nach 15-jähriger Übergangszeit versprochen worden (Frist läuft am 11.12.16 ab). Das könnte aber Arbeitsplätze in den USA kosten. Es gibt Pläne, alle Einfuhren aus China mit einem Zoll von 45% zu belegen. Trumps Politik bedeutet aber auch eine große Chance für China (weg von der exportorientierten Strategie). Es könnte mächtiger werden, wenn es seine eigenen Probleme in den Griff bekommt (billiges Geld, Verschuldung).  Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos (Beginn 17.01.17) warnt Chinas Präsident Xi Jinping Trump vor einem Handelskrieg. "Niemand wird daraus als Sieger hervor gehen" (China als Anwalt offener Märkte!?). Anfang April treffen sich Staatschef Xi und Trump in Mar-a-Lago/ Florida. Asien öffnet sich, während der Protektionismus in den USA zunimmt. Im August 2017 unterzeichnet Trump ein Memorandum, das die chinesischen Handelspraktiken untersucht werden sollen (Stahl zu Dumpingpreisen, Diebstahl geistigen Eigentums).  Am 23.01.2018 macht Trump seine Ankündigung war und führt Einfuhrzölle (Strafzölle) für den Import von  Solarmodulen und Waschmaschinen ein  ein. Davon sind sehr stark China und Südkorea betroffen. Südkorea legt Beschwerde vor der WTO ein. Einen Gesamtwandel in der Handelspolitik gibt es aber noch nicht, mehr Aktionismus. Trotzdem verärgert die Politik mit Strafzölle die wichtigen Gläubiger der USA China und Japan. In der High-Tech-Industrie und dem Umbau zu umweltfreundlicher Produktion könnten deutsche Firmen profitieren. Im Wahlkampf hat Trump angedeutet, dass er viele Regulierungen der Finanzmärkte, auch des Immobilienmarktes, zurückfahren will (Auflagen für Geldinstitute lockern; das macht er auch). Dadurch würden sicher Blasen und deren Platzen an den Finanzmärkten wieder begünstigt. Die Finanzmärkte haben auf die Ankündigungen zur Deregulierung euphorisch reagiert. Finanzminister Mnuchin und Wirtschaftsminister Ross als ehemalige Wall Street - Manager stehen für eine solche Politik. Linda McMahon, die im Wrestling - Geschäft zu Geld gekommen ist, wird Beauftrage für kleine und mittlere Unternehmen.  Die Deutsche Bank ist eine der größten Gläubiger von Donald Trump. Das ist eine brisante Beziehung.

Noch im Jahr 2016 gelingt Trump ein Schlag gegen Mexiko: Der US-Autobauer Ford sagt nach Druck eine Milliarden-Investition im Nachbarland ab. Danach droht Trump den japanischen Auto-Firmen. Insbesondere von Toyota fordert er die Corolla-Produktion in den USA. Ein Strafzoll würde unter den japanischen Autobauern Nissan am stärksten treffen. Auch die deutschen Autofirmen Daimler und BMW wären von einem Strafzoll betroffen. Beide planen bzw. bauen Produktionsstätten in Mexiko (konkret BMW droht Trump mit 35% Strafzoll). Amerikas Autofirmen und auch die anderer Länder befürchten, dass Trump ihr weltweites Netzwerk aus Zulieferern zerstören könnte. Die drei größten Hersteller in Mexiko sind GM, Fiat - Chrysler und Ford, also amerikanische Firmen. Erst an vierter Stelle kommt VW vor Toyota. Fraglich ist bisher, ob die USA wirklich mit Importzöllen arbeiten werden. Diese fordern oft Vergeltung (Retorsionszoll) hervor. Raffinierter wären Steuern.  Solche Cash-Flow-Steuern belasten nachträglich die ausländische Wertschöpfung, die in Importgütern steckt. Die inländische Wertschöpfung, die in Exportgütern steckt, bleibt steuerfrei. Sicher würden amerikanische Schutzzölle, wie auch immer gestaltet, Gegenmaßnahmen der anderen Länder auslösen. So war es auch zur Zeit des Protektionismus Anfang der 1930er Jahre (Smoot-Hawley Tariff Act). Damals brach die US-Wirtschaftsleistung um 8,5% ein. Amerika und Europa streiten auch immer noch darüber, wie man Banken endlich sicher machen kann. Ausländische Unternehmen scheinen nicht auf die Außenwirtschaftspolitik  von Trump abzufahren: Im ersten Quartal 2017 lagen die ausländischen Direktinvestitionen mit 83,6 Mrd. Dollar um fast 40% tiefer als im 1.Quartal des Vorjahres. Im Abschluss-Kommunique des G20-Gipfels in Hamburg spricht man sich für freien Handel aus, erlaubt aber auch nationale Verteidigungsstrategien. Die USA erhöhen im August 2017 die Sanktionen gegen Russland. Firmen, die Geschäfte mit Russland bei der Energie machen, werden in den USA bestraft (auch einige chinesische Firmen sind betroffen). Damit werden die Erdgaslieferungen an Deutschland getroffen (auch die BASF). In Helsinki trifft Trump am 16.07.18 Putin. Es kommt zu einem langen Vier-Augen-Gespräch der beiden. Die europäischen Verbündeten werden nervös. Es gibt eine große Empörung über Trumps Auftritt. Es kommt zu keinen konkreten Ergebnissen. Trump ist wegen der russischen Hacker-Angiffe im Wahlkampf unter Druck. Trump verteidigt sich, indem er behauptet sich versprochen zu haben. Er habe das Gegenteil gemeint (damit wird alles entschuldbar).. Heidelberg Cement könnte von der Mauer profitieren. Der Aktienkurs steigt. Siemens will in den kommenden zehn Jahren ab 2017 trotz Trump 200 Mio. Dollar (188 Mio. €) in Mexiko investieren. Dadurch entstehen rund 1000 neue Arbeitsplätze. Auf dem G7-Gipfel in Taormina spricht Trump bezogen auf die Handelspolitik von "bad, very bad Germany". Die Presse titelt "Trampel-Trump".  Bei Flüchtlingspolitik und Klimapolitik schließen sich die USA keiner Abschlusserklärung an.

Der Konflikt mit Nord-Korea wegen der Atomraketen-Tests zeigt, dass Trump nichts dazu lernt. Er liefert sich ein wüstes Duell von Drohungen mit dem nordkoreanischen Diktator (Kriegsandrohungen). Trump droht auch Venezuela mit Krieg. In Bezug auf den Afghanistan-Kurs lässt sich Trump von seinen Generälen überzeugen, noch mehr Soldaten dort einzusetzen. Im Bezug auf das Atomabkommen mit dem Iran lehnt es Trump ab, dem US-Kongress zu bestätigen, dass sich Teheran an den 2015 geschlossenen Wiener Vertrag hält. Im November 2017 bereist Trump fünf asiatische Länder (Japan, Südkorea, Vietnam, China, Philippinen). Vorher tönt er, dass es auf ihn ankomme. "Wir haben viele Optionen für Venezuela, einschließlich einer militärischen, falls nötig", D. Trump 2017). Er sieht Staatskunst weiterhin eher als Show. Mitte Januar 2018 richten die USA und Kanada eine Konferenz zu Nordkorea mit 20 Außenministern in Vancouver aus. Russland und China sind nicht eingeladen. Es geht um die Umsetzung der UN-Sanktionen. ein geplantes Treffen zwischen Trump und Kim kommt nicht zustande (Brief an Kim, grundsätzlich zu treffen bereit). Im Süden von Singapur auf der Insel Sentosa (Ruhe, Frieden) im Luxushotel "Capella" kommt das Treffen zwischen Trump und Kim tatsächlich dann doch zustande. Es gibt auch eine Vereinbarung, die allerdings geheim bleibt. In einer Erklärung werden folgende Punkte angedeutet: Gefangenenaustausch, Friedensvertrag, Botschafteraustausch, Entnuklearisierung Nordkoreas, keine Militärmanöver mehr. Scheinbar gibt es nur Sieger. Die Wiedervereinigung bleibt als Ziel. Im August 2018 gibt Nordkorea 55 Särge von im Korea-Krieg gefallenen US-Soldaten an die USA zurück.

Im Dezember 2017 erkennen die USA unter Führung von Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels an. Der Umzug der Botschaft soll später erfolgen. Damit ist ein eigener palätinänsischer Staat gestorben. Die USA stellen sich ganz auf die Seite von Israel. Das entspricht einem Wahlversprechen von Trump (wichtige Geldgeber der republikanischen Partei). Es werden große Unruhen befürchtet. Jerusalem teilen sich die drei Religionen Juden, Christen und Moslems. Die UN-Vollversammlung wendet sich gegen Amerikas Jerusalempolitik. Trump droht: Die USA werden sich diesen Tag merken. Die USA treten noch 2018 aus dem UN-Menschenrechtsrat aus. Begründung: Zu viele Staaten, die Menschenrechte verletzen und Diskriminierung Israels (US-Botschafterin bei UN Nikki Haley: "scheinheilig, selbstsüchtig"). Im August 2018 werden Sanktionen gegen die Türkei verhängt. Auslöser ist der US-Pfarrer Brunson, der der Gülen - Bewegung zugerechnet wird. Im Oktober 2018 lässt die Türkei Brunson frei; er reist in die USA. Israel und Saudi-Arabien sind die beiden großen Verbündeten der USA im Nahen Osten. Mit Saudi-Arabien wird die Beziehung auch immer wieder durch große Rüstungsgeschäfte untermauert. Der saudi-arabische Kronprinz und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sind durch riesige Geschäfte eng verbunden. Dies, obwohl Kushner kein offizielles Amt innehat. Ende Oktober 2018 bringt ein Antisemit 11 Juden in einer Synagoge in Pittsburgh um. Die US-Botschafterin bei der UN tritt zurück. Nachfolgerin wird im Dezember 2018 H. Nauert (vorher Sprecherin des US-Außenministeriums, oft bei Fox News).

Am 12.01.18 sagt Trump einen Besuch in London ab, um die neue Botschaft einzuweihen. Er hat wohl Angst vor den vielen Demonstranten. Er erntet Zustimmung in GB für die Absage. Am gleichen Tag hält Trump am Atomabkommen mit dem Iran fest, fordert aber Nachbesserungen innerhalb von 4 Monaten. Am 13.03.18 wird Außenminister Rex Tillerson entlassen ("Die Führungsstärke der USA beginnt mit der Diplomatie", Tillerson; "Wir haben einfach nicht dasselbe gedacht", Trump). Es gab zu viele Meinungsverschiedenheiten mit Trump. Neuer Außenminister wird Mike Pompeo. Es war seit 2017 CIA-Chef. Er gilt als sehr konservativ und ist auf der Linie von Trump. CIA-Chefin wird Gina Haspel, erstmals eine Frau und hoch umstritten, weil sie bei brutalen Verhören gegen Al Qaida Verantwortung trug. Die USA und Israel werfen dem Iran ein Bruch des Atomabkommens vor. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA widerspricht, auch die EU hat Zweifel. Sogar der CIA gibt keine Bestätigung. Am 08.05.2018 kündigt Trump einseitig des Atomabkommen mit dem Iran. Er kritisiert die expansive Nahostpolitik und das Raketenprogramm.  Wirtschaftssanktionen gelten wieder. Indirekt wird Europa einbezogen: Unternehmen, die mit dem Iran Handel treiben, werden mit Sanktion im US-Handel belegt. Der Iran will vorerst an dem Abkommen festhalten und mit den verbliebenen Partnern Deutschland, Frankreich, Großbritannien, China, Russland verhandeln. Am 15.07.18 besucht Trump GB. Er trifft sich auch mit der Königin. Er kritisiert May für einen weichen Brexit. Die EU bezeichnet er als Feind. Im Oktober kündigt Trump an, aus dem Abrüstungsvertrag mit Russland aussteigen zu wollen (Begrenzung von Mittelstreckenraketen).  Der INF-Vertrag soll neu verhandelt werden (seit 1987, geht bis 2020, evtl. neu bis 2025). US-Sicherheitsberater Bolton reist zu diesem Zweck nach Moskau. Hintergrund könnte die Aufrüstung Chinas sein, die beide Länder betrifft. Die USA fürchten die Stärke der chinesischen Streitkräfte. Die EU warnt vor einer Abkehr vom Vertrag. Im Vorfeld des Staatsbesuchs in London im Juni 2019 lässt Trump kaum ein Fettnäpfchen aus. Er will unter anderem in die Nachfolge von May eingreifen. Beim Besuch trifft er sich mit dem Vorsitzenden der Brexit-Partei und verspricht den Briten "phänomenalen" Handel. Er hält ein Freihandelsabkommen zwischen beiden Ländern für möglich.

Der Präsident Trump erweitert systematisch den Protektionismus gegen den Rest der Welt. Es ist ein Konfrontationskurs. Säulen sind das Steuerdumping (Steuerreform Ende 2017), ein Handelskrieg (mit Importzöllen auf einzelne Produkte) und ein Abwertungswettlauf (Abwertung des Dollars fördern, um die US-Exporte zu stärken). Er hält auch 2018 grundsätzlich an der Idee eines Importzolls bzw. einer Importsteuer fest. Zumindest will er Retorsionszölle einrichten (d. h. für Waren von Ländern, die ihrerseits  Importzölle erheben). Er geißelt "so genannte Verbündete, die aber keine Verbündete beim Handel" seien. Im Visier hat die US-Regierung Importquoten und Schutzzölle auf  Stahl und Aluminium. Südkorea und China drohen Gegenmaßnahmen an (auch über die WTO). Die Einführung dieser beiden Zölle kommt ab Ende März 2018. Der Zollsatz beträgt bei Stahl 25%, bei Aluminium 10%. Betroffen sit auch die EU und Brasilien. Die EU droht mit Retorsionszöllen (Harley Davidson, Jeans, Whiskey, Orangensaft, Maisprodukte). Schwerwiegender dürfte der Dominoeffekt sein: Asiatische Anbieter weichen auf Europa aus. Interessant dürften die Nachteile für die verarbeitende Industrie in den USA sein, deren Produktpreise steigen müssen. Dann greift Trump konkret Daimler und BMW an und droht mit Importzöllen. Gegenüber Kanada  sind Anti-Dumping-Zölle bei Papier geplant. Ab März 2018 nimmt sich Trump gezielt China vor: Er will die Einfuhren zurückdrängen. Einmal soll es Beschränkungen beim Export geben, um geistiges Eigentum zu schützen. China war mit einem Volumen von 636 Mrd. $ 2017 der wichtigste Handelspartner der USA. Besonders groß ist der Import bei Computern und Telekommunikation. Auch die Bekleidungsimporte werden unter die Lupe genommen. Die US-Wirtschaft warnt Trump vor einem eskalierenden Handelsstreit. Im März 2018 kurz vor Inkrafttreten der Importzölle auf Stahl und Aluminium reisen Bundeswirtschaftsminister Altmaier und die für den EU-Handel zuständige Kommissarin Malmström in die USA. Sie wollen Ausnahmeregelungen für die EU erreichen. Die Zölle, die eigentlich am 23.03.18 in Kraft treten sollten, werden für die EU, Argentinien und Australien auf später verschoben. Somit treten sie hauptsächlich für China in Kraft. Die Übergangsfrist für die EU läuft bis 1. Mai 2018. Trump kündigt Ende März 2018 an, neben Stahl und Aluminium eine Reihe weiterer Produkte mit Zöllen zu belegen (Wert von 60 Mrd. $). China droht mit Retorsionszöllen (Schweinefleisch, Früchte, Wein, Mais; Agrarprodukte). Diese kommen auch im April 2018. Neben den drei eben genannten Produkten sind 125 weitere betroffen. Die Zölle liegen zwischen 15 und 25%. Am 04.04.18 erweitern die USA die Liste an Produkten, die mit Einfuhrzöllen belegt werden (50 Mrd. Dollar). Es handelt sich um ca. 1200 Produkte, jetzt auch im industriellen und High-Tech-Bereich (wichtigste Warengruppen sind Mobiltelefone, Spielzeug, Kleidung;  10% der chinesischen  Exporte in die USA). China antwortet sofort mit über 106 Retorsionszöllen (u. a. Soja, Autos; wichtigste Warengruppen sind Boing -Flugzeuge, Sojabohnen, Neu- und Gebrauchtwaren; ca. 38% der US-Exporte nach China). Die meisten Zollsätze liegen bei 25%. Treffen könnte es auch Whiskey, Zigarren, Orangensaft. Die beiden größten Volkswirtschaften befinden sich auf Kollisionskurs. Nach Verhandlungen werden die Zölle aber dann ausgesetzt. Die USA brauchen China als grüßten Gläubiger. Die Zölle auf Aluminium (10%) und Stahl (25%) setzt Trump ein zweites Mal aus für die EU, Mexiko und Kanada bis zum 01.06.2018, um zu verhandeln. Später kommen die Zölle dann. Kanada richtet Retorsionszölle ein. Südkorea wird dauerhaft von den Zöllen ausgenommen. Ende Mai 18 legt Trump nach. Er will Zölle auf Importautos einführen (25%).  Trump soll dem französischen Präsidenten Macron bei dessen letzten Besuch in den USA im April 2018 gesagt haben, dass er seine Handelspolitik so lange fortsetzen werde, "bis auf der Fifth Avenue in New York keine Modelle von Mercedes mehr rollen".  China bietet im Zollstreit an, die Importe aus den USA um 70 Mrd. Euro zu erhöhen, um seinen Handelsüberschuss zu reduzieren. Trotzdem verhängen die USA am 15.0618 weitere Strafzölle gegen China (25%; Produkte im Wert von 50 Mrd. US-$; 1100 Produkte; Industrie- und High-Tech-Produkte aus dem China 2025-Programm). China kündigt umgehend an, dass Retorsionszölle erhoben werden auf 659 verschiedene Produkte (Soja, Rindfleisch u. a.). Es wird immer wieder kritisiert, dass die USA sich auf den Warenhandel beschränken und übersehen, dass sie mit vielen Ländern einen Ausfuhrüberschuss im Dienstleistungsbereich haben (durch die US-Internetfirmen Amazon, Google und Apple). Dann eskaliert der Handelstreit zwischen den USA und China. Trump kündigt neue Vergeltungszölle im Wert von 200 Mrd. Dollar an (10% Zollsatz). Das iPhone aus China nimmt Trump  ausdrücklich aus (Versprechen gegenüber Tim Cook). China ist der größte Handelspartner der USA, die ein Defizit von -337 Mrd. Dollar 2017 haben. Im Juli 2018 erhöht Trump noch einmal drastisch die Zahl der Zölle gegen chinesische Waren. Die Chinesen kündigen sofort Retorsionszölle an. Der Handelskrieg eskaliert. EU-Kommissionschef Juncker und US-Präsident Trump vereinbaren Ende Juli 2018 Handelsgespräche zu führen und vorerst keine neuem Zölle einzuführen. Die EU schließt dabei generell den Agrarsektor aus. Vorerst will man aber mehr Soja und Flüssiggas aus den USA importieren. Man ist sich darin einig, dass es ein neues Handelssystem geben muss.Das Handelsministerium entscheidet darüber, ob die deutschen und EU-Autos eine Bedrohung für Sicherheit der USA darstellen. Bei Bejahung, die dann kommt,  könnte Trump innerhalb von 90 Tagen Sonderzölle (in Höhe von 25%) erheben. Die EU droht sofort mit Vergeltung. Bei China spricht Trump jetzt von Diebstahl geistigen Eigentums und will Strafzölle auf ausgewählte Produkte erheben. Die neue Handelspolitik der USA wird aktiv von einer Clique gelenkt: Dazu gehören Handelsminister Wilbur Ross, der Handelsbeauftragte Robert Lightnizer und der Exprofessor Peter Navarro. Sie vertreten als Klienten Stahlunternehmen oder haben Aktienpakete dieser Unternehmen. Navarro hat ein Buch mit dem Titel "Tod durch China" geschrieben. Ihre Macht ist gewachsen, seit der Leiter des Beratergremiums Gary Cohn praktisch nichts mehr zu sagen hat. Er tritt später zurück. Nachfolger wird Larry Kudlow. Er signalisiert eine harte Gangart gegen China und die EU, obwohl er als Befürworter des Freihandels gilt. Sein Credo kann in zwei Sätzen zusammengefasst werden: der freie Markt ist König. Steuern sind Gift. Kudlow kommt vom Fernsehen. 

Erklärung der strategischen Position der USA: Kampf um Wertschöpfungsketten (Modell der Institutionenökonomik/ Jean Tirole, Toulouse, Nobelpreis 2014): Die Institutionenökonomik/ Tirole bietet ebenfalls wie Krugman eine Alternative zum Freihandelsmodell. Freihandel wird nicht als Wert an sich gesehen. Es ist eines der Verfahren, um für eine Gesellschaft Wohlstand zu erzeugen. Aktuelle Handelskonflikte (wie zum Beispiel der zwischen den USA und China 2018) ergeben sich danach aus grundlegend veränderten Risiko- und Kommunikationsstrukturen. Die Digitalisierung senkt die Transaktionskosten weiter und verändert das Risiko. Es entstehen durch reduzierte Informationsasymmetrien neue Institutionen im Kontext der Plattformökonomie. Dadurch wandeln sich Informationstransport, Informationsspeicherung und Informationsverarbeitung. Die Digitalisierung beeinflusst auch die Industriestruktur: Systemtreiber sind die Fähigkeit zur Kontrolle des Agenten und die Möglichkeit, Skaleneffekte zu realisieren. Es kommt zu einer Reintegration von Wertschöpfungsketten. Treiber sind die Finanz- und Schuldenkrise, die Störanfälligkeit von Lieferketten und die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts. In diesem Zusammenhang sind Zölle ein Mittel der politischen und wirtschaftlichen Rivalität. Unter zu erwartenden Konfliktbedingungen ist die Sicherung der Lieferkette entscheidend dafür, die Rivalität auszuhalten bzw. siegreich zu beenden. Die Staaten haben ein Dominanzproblem:  Die USA haben ein großes Leistungsbilanzdefizit (im Opiumkrieg hatte es England), China hat einen historischen Nachholbedarf (mandschurische Machtübernahme 1647, Opiumkrieg 1839). "Made in China 2025" soll die Hochtechnologie sichern aufgrund eines schuldengetriebenen Entwicklungsmodells. Im Grunde genommen will China sich weiterhin erfolgreich in der globalen Lieferverflechtung positionieren. Man kann dies in der "Crying Curve of Asia" darstellen. Freie Märkte sind nach diesem Modell auf dem Rückzug. Vgl. Ulrich Blum: Der Kampf um Wertschöpfungsketten: Krieg gegen den Freihandel? in: Wirtschaftsdienst 2018/10, S. 737ff.  "Trump ist ein Schwein, und jeder Bauer wird sagen: Du kannst nicht mit einem Schwein ringen, denn das Schwein wird dich umstoßen, in den Dreck ziehen und dabei grunzen", Ex-Sprecher von Trump, und früherer Hedgefonds - Manager (Quelle: WiWo, 33, 9.8.19, S. 3; das Zitat stammt aus der Schweizer Zeitschrift "Finanz und Wirtschaft").

Militärpolitisch wollen die USA auch ihre Rolle als Weltpolizist aufgeben. Für 2019 ist der Abzug der Truppen aus Syrien und Afghanistan angekündigt. Bei Syrien gibt es immer wieder Kehrtwenden (selbst Russland, Pakistan und Iran wollen den Abzug nicht). Die Türkei will mit allen mitteln einen Kurdenstaat verhindern. In den USA zeigen sich 2019 immer mehr die negativen Folgen der Handelspolitik. Die importierten Vorleistungen sind durch die Zölle teuerer geworden und verschlechtern die Wettbewerbssituation vieler Industriezweige (z. B. Automobilindustrie). So herrscht erst mal Sendepause in der Zollpolitik der USA. Anfang Februar 2019 kündigen die USA den INF-Vertrag mit Russland ohne Rücksicht auf die europäischen Verbündeten (Mittelstrecken-Raketen: Ballistische Raketen, Marschflugkörper). Die Maßnahme ist nicht allein gegen Russland gerichtet, sondern auch gegen den großen Rivalen des 21.Jahrhunderts China. Bei Waffenverkäufen wird der Kongress immer mehr übergangen. Die US-Regierung beruft sich dabei auf die Notfallklausel im Waffenexport-Kontrollgesetz. so werden etwa Waffen am Kongress vorbei nach Saudi-Arabien, den VAE und Jordanien geliefert. Im Juni 2019 setzen die USA der Türkei eine Frist für den Verzicht auf russische Raketen (S-400-Flugabwehrraketen). Ansonsten treten Sanktion der USA in Kraft (türkische Piloten für F-35-Kampfjets, die in den USA trainieren, werden ausgewiesen; türkische Unternehmen, die am Bau der F-35-Maschien beteiligt sind, verlieren ihre Aufträge).

Aber es geht auf anderen Feldern weiter: Im Dezember 2018 wird die Finanzchefin von Huawei Meng Wanzhou in Kanada festgenommen. Sie ist auch die Tochter vom Firmengründer Ren Zhengfei. Die USA verlangen die Auslieferung. Es geht um Verstöße gegen die US-Sanktionen gegen den Iran. Die Verhaftung könnte die Handelsgespräche zwischen den USA und China platzen lassen. Die USA verstärken am 29.01.19 kurz vor der nächsten Runde der Handelsgespräche in Washington den Druck: Huawei wird nun auch der Spionage beschuldigt (bis zu 10 Jahre zurück). Die Nähe zur Staatsführung in China wird recht eng eingestuft. Die US-Regierung verhängt damit immer aggressivere Sanktionen. Letztlich will sie damit den eigenen Unternehmen Vorteile verschaffen ("Amerca first" in der Praxis). Europas Konzerne geraten immer öfter zwischen die Blöcke USA und China. Erpressung scheint zum Mittel der Handelspolitik zu werden. Die Handelsgespräche zwischen den USA und China laufen zunächst auf untergeordneter Ebene. Man ist optimistisch. Irgendwann wollen sich aber auch die Präsidenten treffen. Dann wird Huawei aus China auf die Schwarze Liste gesetzt. Daraufhin will Google sein Betriebssystem nicht mehr an Huawei liefern. Die Sanktion wird später wieder ausgesetzt. China erwägt Exportreduktionen bei Seltenen Erden. Die Ökonomen der USA (NABE, Washington) sehen 2019 eine Rezessionsgefahr durch die protektionistische Handelspolitik. Mit 60%-Wahrscheinlichkeit sehen sie bis 2020 eine Rezession. Sie schätzen einen Wachstumsrückgang (2019: 2,6%; 2020: 2,1%).

Im April 2019 steigen die USA aus dem UN-Vertrag über den Waffenhandel aus. Der Vertrag ATT war 2014 unter Trumps Vorgänger Obama abgeschlossen worden.

Trump verschärft den Handelskrieg mit China auch, um den Vorsprung der USA in der Welt zu konservieren. Der Schuss könnte aber nach hinten losgehen. China forciert als Gegenschlag seine technologische und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Entglobalisierung könnte so den Abstieg der USA beschleunigen und erhöht gleichzeitig das Risiko militärischer Konflikte. So wird der Wohlstand der ganzen Welt gefährdet. Im Sommer 2019 gelangt ein internes Papier des britischen Botschafters in den USA Sir Kim Darroch an die Öffentlichkeit. Er bezeichnet darin Trump als "unfähig" und "unbeholfen". Argumente sollten für ihn "einfach" und "ungehobelt" sein. Trump attackiert daraufhin Theresa May. Der Botschafter muss zurücktreten.

Im August 2019 sagt Trump einen geplanten Staatsbesuch in Dänemark ab. Er hatte vorher gefordert, dass Dänemark Grönland an die USA verkaufen solle. Die größte Insel der Welt hat eine wichtige strategische Lage und viele Rohstoffvorkommen. Außerdem will China dort mehr Einfluss gewinnen.

Die USA machen im Sommer 2019 ein Waffengeschäft mit Taiwan. Sie liefern 66 Kampfflugzeuge vom Typ F-16. China droht mit Strafmaßnahmen.

Im August 2019 bezeichnet Trump den Chef der US-Notenbank (Fed) als seinen Feind. Er vergleicht ihn mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping. Er hätte gerne weitere Zinssenkungen.

Vor dem G7-Gipfel kündigt Trump Importzölle auf französischen Wein an. Auf dem Gipfel selbst tritt er dann sehr entsannt auf. Er stellt sogar ein Treffen mit seinem iranischen Amtskollegen in Aussicht. Er will auch bald nach Deutschland kommen. Das nächste G7-Treffen findet in den USA statt. Trump schlägt seine Golfanlage in Florida vor.

Im September 2019 stoppt Trump die Gespräche mit Taliban. Grund ist ein tödlicher Anschlag der Extremisten in Kabul. Die Unterzeichnung eines Abkommens stand kurz bevor. Noch im gleichen Monat wird der Sicherheitsberater John Bolton von Trump gefeuert. Er galt als Falke bzw. Hardliner. Er war für einen Krieg mit dem Iran und hatte Trump zum Stoppen der Gespräche mit den Taliban bewogen. Nachfolger wird Robert O´Brien. "Ginge es nach John, würden wir jetzt schon vier Kriege gleichzeitig führen", Trump über Bolton zu dessen Entlassung.

5. Migrationspolitik und Arbeitsmarkt: An der Grenze zu Mexiko will Trump eine Mauer bauen. Die Mittel dafür genehmigt der US-Kongress nicht im Mai 2017. Daraufhin plant Trump mit einer Solarwand, die Geld sparen helfen soll. 2018 beantragt Trump erneut vom Kongress 18 Milliarden Dollar für die erste Phase des Mauerbaus (auf zehn Jahre angelegt). Allerdings stellen Mexikaner - auch Illegale - ein Viertel der Arbeiter in der US-Landwirtschaft. Auch andere Branchen in den USA sind auf Mexikaner angewiesen (Ölindustrie in Texas, Internetkonzerne, siehe oben). Zahllose Dörfer und ganze Landstriche sind auf das Geld angewiesen, das in den USA arbeitende Angehörige nach Hause überweisen. Falls Millionen Mexikaner zurück müssen, droht dem Land der soziale und ökonomische Zusammenbruch (seit Arizona hart gegen Illegale vorging, geht die Wirtschaftsleistung zurück). Trump ordnet den Mauerbau zu Mexiko gleich nach Amtsantritt an (Mexiko soll zahlen, USA in Vorleistung; 3200 km Grenze; teilweise schon Grenzzäune; Trump: "Mexiko ist nicht unser Freund"; Kosten 15 bis 20 Mrd. $; fertig 2020). Der mexikanische Präsident sagt eine USA-Reise ab. Mexiko soll für die Kosten des Mauerbaus mit einem Strafzoll von 20% auf alle Einfuhren belegt werden. Die Maueridee fördert das Geschäft der Schleuser - Banden an der Grenze. Die Preise steigen stark an. Der Rio Grande ist die Hauptroute. An der Grenze zu Mexiko profitieren beide Seiten vom Grenzverkehr. So wäre die Mauer auch für die amerikanischen Grenzstädte schlecht. Im Dezember 2018 führen 5 Mrd. $ im Haushalt für den Mauerbau wieder zu einem Shutdown. Es wird der längste Shutdown in der Geschichte der USA. Durch die Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus kann sich der Präsident nicht durchsetzen. So endet der Stopp am 26.01.19 mit einer Übergangslösung (aber ohne Beschluss zum Mauerbau). 700 Firmen haben sich bis 2017 beworben, um den Grenzwall zu bauen. Kalifornische Städte wollen Firmen boykottieren, die sich am Mauerbau beteiligen. In Bethlehem ist ein Hotel, dass an einer Mauer zu Israel liegt, eine Touristenattraktion. Mauern sind wieder in Mode. Flüchtlinge aus überwiegend muslimischen Ländern sollen vorläufig nicht mehr ins Land gelassen werden.  Die Visa - Politik der USA soll noch strenger werden. Trump ordnet Einreisebeschränkungen für sieben muslimische Länder an (gilt sogar für Menschen mit Aufenthaltsgenehmigungen). Ein New Yorker Gericht nimmt den Einreisstopp teilweise zurück. Mehr als 130.000 Bundesbürger mit zusätzlichem Pass sind betroffen. Einen Tag später rudert die US-Regierung zurück: Die betroffenen Bürger mit Doppelpass können mit dem zweiten Pass einreisen (auch die mit Genehmigung und Green Card). Ein Bundesgericht hebt den Einreisestopp vorläufig auf. Ein Eilantrag der Regierung wird dann abgelehnt. "Unsere Gerichte sind so politisch geworden", D. Trump. Das Berufungsgericht entscheidet nicht im Sinne von Trump. Die nächste Stufe ist wohl das Verfassungsgericht (Supreme Court). Es lässt die Einreiseverbote befristet zu. Doch Trump lässt ein neues Dekret für ein Einreiseverbot erarbeiten, was er am 06.03.17 unterschreibt ("Schutz der Nation vor Einreise").  Betroffen sind Menschen aus sechs muslimisch geprägten Ländern (ohne Irak; 90 Tage Einreisestopp). Dieses Dekret stoppt am 15.03.17 ein Gericht auf Hawaii (andere Gerichte folgen). Der oberste Gerichtshof gibt Trump im Juni 2017 teilweise recht. Im Oktober 2017 will das Gericht endgültig entscheiden. Mit dem australischen Premierminister kommt es zu einem Eklat über die verabredete Aufnahme von Flüchtlingen. Neuer Heimatschutzminister wird der Ex-General John Kelly, der wahrscheinlich illegale Einwanderung unterbinden wird. Nach Kritik an seiner Einwanderungspolitik, insbesondere dem Dekret, feuert Trump seine kommissarische Justizministerin Sally Yates (noch Generalstaatsanwältin). Nachfolger Jeff Sessions gerät wegen Falschaussage über seine Russlandkontakte  vor dem Kongress in Erklärungsnot. Trump erfindet immer wieder "alternative Fakten" um seine Migrationspolitik zu rechtfertigen (z. B. Terrorangriff in Schweden, den es nie gab). Neue Abschieberegeln werden vorbereitet. diese könnten zu Massenabschiebungen führen (11 Mio. ?). In Zukunft reicht der Verdacht auf einen Gesetzesverstoß. Im April 2017 gibt die US-Regierung bekannt, dass die Migrationsvereinbarung der Obama - Regierung mit Australien eingehalten werde (Aufnahme von Flüchtlingen aus australischen Lagern in die USA). Auf dem G7-Gipfel im Mai 2017 scheitert Italiens Plan einer "geordneten Zuwanderung" an den USA. Im September 2017 kippt Trump das Schutzprogramm für die "Dreamer" (Kinder von illegalen Einwanderern, die in den USA geboren sind und die einen Job haben können nicht abgeschoben werden). Obama hatte das Schutzprogramm erlassen. Es ist noch unklar, was die konkreten Folgen sind. Im Januar 2018 entscheidet ein Gericht in den USA, dass das "Dreamer"-Programm vorläufig bestehen bleiben muss. Betroffen davon sind ca. 800.000 junge Menschen. Das oberste Gericht verschafft den Dreamern Ende Februar 2018 eine Verschnaufpause.  Im Dezember 2017 verlassen die USA den globalen Flüchtlings- und Migrationspakt der UN. Die USA wollen allein über ihre Migrationspolitik entscheiden (sie waren schon vorher aus der UNESCO ausgestiegen). Im Juni 2018 werden die Kinder von mexikanischen Einwanderern ihren Eltern weggenommen und getrennt interniert. Trump rechtfertigt die Politik damit, dass kriminelle Ausländer ihre Kinder einsetzen, um Asyl zu erschleichen. Die USA haben die UN-Kinderrechtskonvention nicht unterzeichnet. Auf zu starken Druck hin, nimmt Trump die Anordnung zurück.  "Ich schütze mein Land vor kriminellen Ausländern", D. Trump. "Ich traue Muslimen nicht über den Weg", Trump. "Die Vereinigten Staaten sind eine Nation von Einwanderern, und wir sollten stolz darauf sein", Mark Zuckerberg, Facebook, 2017. Im Juni 2017 legt sich Trump mit dem Bürgermeister von London Sadiq Khan an. Dieser ist Moslem und hat eine vorbildliche Biographie. Daraufhin erklärt Khan, dass Trump in London nicht willkommen sei.

Am 12.01.18 bezeichnet Trump bestimmte Herkunftsländer von Migranten als "Drecksloch-Staaten" (Shithole Countries; Haiti, El Salvador, Afrika). Berichte darüber lösen eine internationale Empörung aus. Später gegen Ende Januar 2018 setzt Trump die Migranten als Verhandlungsmasse ein. Zuerst gegenüber dem Senat für die Aufhebung der Haushaltssperre ("Dreamer"). Danach bietet Trump die Einbürgerung von 1,8 Mio. Illegaler an, wenn der Kongress 25 Mrd. Dollar für den Mauerbau zu Mexiko bewilligt. Am 29.01.18 heben die USA ihren pauschalen Einreisestopp für Flüchtlinge aus elf Ländern auf (Ägypten, Iran, Irak, Libyen, Nordkorea, Somalia, Südsudan, Mali, Syrien, Jemen). Stattdessen sollen Flüchtlinge verschärft überprüft werden. Gegen die Haftbedingungen von illegalen Mirgranten klagen im August 2018 Bürger gegen die US-Regierung. Im Oktober 2018 droht Trump Mexiko mit einer Grenzschließung durch das Militär. Ihn stört, dass Mexiko Migranten aus Guatemala, Honduras und El Salvador einfach durchlässt. Im Oktober sind es ca. 7000 Migranten.  Trump droht den Herkunftsländern mit der Streichung von Entwicklungshilfe. Der bevorstehende Mauerbau könnte ein Vorziehen der Auswanderung ausgelöst haben. Die Menschen flüchten vor der Gewalt, der Armut und der Perspektivlosigkeit in ihren Ländern. Die Fluchtwelle könnte erst der Anfang sein. Bald könnten auch viele Brasilianer auf der Flucht sein. Trump schickt Soldaten an die Grenze. Weiterhin soll das Geburtsortprinzip abgeschafft werden. Die Regeln für Asylsuchende werden verschärft: Wer illegal über die Grenze kommt verliert seinen Anspruch auf ein Asylverfahren. Im Haushaltsstreit mit dem Kongress erzielt Trump nur einen Kompromiss. Das Geld reicht nicht für die Mauer zu Mexiko, so dass er den Nationalen Notstand ausrufen will. Das macht er dann auch. 16 Staaten der USA klagen daraufhin gegen den Präsidenten. Senat und Repräsentantenhaus stimmen gegen den Nationalem Notstand. Der Präsident könnte nach den Schlappen noch ein Veto einlegen. In Kalifornien entscheidet das Gericht gegen die Mauer aus nationalem Notstand heraus. Es gibt mittlerweile einige reiche Spender, die Geld für den Mauerbau geben wollen. Die Justizminister der Bundesstaaten Kalifornien, Maine, Oregon, Pennsylvania und der Bundeshauptstadt Washington klagen im August 2019 gegen die Migrationspolitik von Trump.

Trump will Strafzölle ab 10. Juni 2019 auch einsetzen, um Mexiko dazu zu zwingen, gegen illegale Migration vorzugehen (+5% jeden Monat, bis Oktober 25%; Mexiko exportiert jährlich Waren in Höhe von 450,9 Mrd. $ in die USA). Das würde auch deutsche Autobauer in Mexiko treffen. Das Gesetz wird dann kurz vorher ausgesetzt. Mexiko will mithilfe der Nationalgarde die Grenze zur USA besser sichern. Migranten, die von der USA zurückgeschickt werden, sollen wieder aufgenommen werden. Ende Juni 2019 schickt Mexiko 15.000 Sicherheitskräfte an die Grenze zur USA.

Im März 2017 wird der erste Arbeitsmarktbericht unter Trump vorgelegt. Die Genesung des amerikanischen Arbeitsmarktes schreitet voran. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 4,7% (7,5 Mio. AL, Umfragemethode, relativ genau; 60% der Amerikaner, die älter sind als 16 Jahre, arbeiten; Quote entspricht fast der NRU). Im Februar 2017 sind 235.000 neue Stellen entstanden. Nun hält Trump die Zahlen überraschend nicht mehr für gefälscht, sondern für das Ergebnis seiner industriepolitischen Initiativen. Insgesamt ist aber beunruhigend, dass die USA von 2017 15 Jahre zurück 33 Prozent ihrer Industriearbeitsplätze verloren haben. Ursache dürften in der Hauptsache Standortverlagerungen sein. Industrieroboter dürften es weniger sein, denn die USA setzen relativ wenig davon ein (Deutschland dreimal so viele pro Arbeitsstunde; nur 19% Industriearbeitsplätze - Verlust in den letzten 15 Jahren). Die USA sind Vorreiter, was moderne Ausbeutung der Arbeit angeht: Das Konzept lautet: Billige Produkte, billige Arbeiter. Als die Pioniere gelten die beiden amerikanischen Handelsriesen Wal-Mart und Amazon. Wal-Mart begann in den Achtzigerjahren Einkäufer nach China zu schicken. Schon vorher hatte man billige Ware aus anderen asiatischen Ländern importiert (Japan, Taiwan, Südkorea). Durch die Größe hatten Wal-Mart und Amazon großen Einfluss auf den US-Arbeitsmarkt. Durch den systematischen Bezug von Billigwaren aus Asien wurden Millionen von Industriearbeitsplätzen in den USA vernichtet. Profitiert haben ärmere Konsumenten. Diese sind aber häufig bei den Handelsriesen beschäftigt. Sie drücken das Lohnniveau und helfen gleichzeitig die Lebenshaltungskosten zu senken. So sieht moderne Ausbeutung heute aus. Ganz sicher haben ausländische Automobilproduzenten nicht in so großem Ausmaß Industriearbeitsplätze in den USA vernichtet, weil sie auch hohe Direktinvestitionen in den USA getätigt haben. "Globale Herausforderungen bedürfen globaler Beachtung, globaler Verantwortung und globaler Lösungen", gemeinsame Erklärung von IWF, WTO, OECD und ILO im April 2017. Im April 2018 tritt der Heimatschutzbeauftragte Tom Bossert zurück.

2019 werden schwache Arbeitsmarktzahlen verkündet. Das macht zumindest eine Eskalation des Handelskrieges unwahrscheinlicher. Die Zahl der Arbeitsplätze ist so gut wie nicht gewachsen (+ 75.000 im Mai 2019). Ökonomen hatten mit mehr gerechnet.

Im Juli sorgt Trump mit rassistischen Tweeds gegen Politikerinnen für Empörung. Es geht gegen vier junge Politikerinnen der Demokraten, die einen Migrationshintergrund haben. Man nennt sie "The Squad". Am bekanntesten ist Alexandria Ocasio-Cortez (AOC). Trump ordnet Razzien in mehreren Großstädten an gegen Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere - die meisten aus Südamerika. Es hagelt Kritik an Donald Trump, sowohl aus dem In- und Ausland. Man wirft ihm Rassismus vor. Das US-Repräsentantenhaus missbilligt die Äußerungen auch als rassistisch.

Im August 2019 entscheidet das Weiße Haus, dass Migranten - Kinder künftig unbefristet festgenommen werden können (seit 1997 nicht länger als 20 Tage). Im September gibt das Verteidigungsministerium 3,6 Milliarden Dollar für den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko frei (für ca. 280 km). Die Mittel wurden aus anderen Etat-Posten umgeschichtet. Der oberste Gerichtshof billigt im September 2019 die drastische Verschärfung des Asylrechtes: Asylanträge aus Mittel- bzw. Südamerika dürfen nur dann in den USA bearbeitet werden, wenn Ablehnungen aus Mexiko vorliegen.

6. Umwelt- und Klimapolitik (einschließlich Energiepolitik): Trump will auch aus dem Klimaabkommen von Paris aussteigen. Die USA wollen eigentlich bis 2050  80%  der CO2-Emissionen (auf der Basis von 1990) abbauen. Das wollen sie durch De-Carbonisierung (Zurückfahren nicht erneuerbarer Energien) und durch Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Atomenergie erreichen. Die Frage ist, ob Trump seine Wahlkampfziele umsetzt und länger auf die fossilen Energieträger setzt. Er will damit Arbeitsplätzen in traditionellen Zulieferern der fossilen Kraftwerke sichern (Kohle, Öl, Gas). Eine umstrittene Ölpipeline im Bundesstaat North-Dakota darf vorerst nicht gebaut werden (entlang eines Indianerreservats; heilige Stätten der Sioux). In sie hatte auch Donald Trump investiert. Seine Reaktion bleibt abzuwarten. Sofort nach Amtsantritt versucht er die Erlaubnis zum Pipeline-Bau zu erwirken. Er genehmigt zwei umstrittene Öl-Pipeline-Projekte ("Ich heize den grünlinken Klimalügnern ein", Trump am 24.01.17). Ein Indianer-Stamm klagt. Parallel kommt es immer wieder zu folkloristischen Demonstrationen der Indianer, insbesondere der Sioux, in Washington vor dem Weißen Haus. Die Ölpipeline von Alberta/ Kanada durch fast die ganze USA bis in den Golf von Mexiko genehmigt Trump ebenfalls im März 2017 (Keystone XL; TransCanada). Chef der Umweltbehörde EPA wird ein Mann, der die Existenz von Klimawandel leugnet (Scott Pruitt). Das lässt Alles erwarten ("Mann für Ruß und Schwefel"). Er hatte Prozesse gegen die Umweltbehörde geführt. Er wird bestätigt. Obama hatte gerade für Kohlekraftwerke die Vorschriften zur Luftreinhaltung verschärft. Neuer Außenminister soll der Exxon-Chef und Putin-Freund  Rex Tillerson werden. Auch der ist bisher nicht als Umweltfreund in Erscheinung getreten, sondern natürlich als Fürsprecher fossiler Energieträger. Auch der neue Justizminister Jeff Sessions bezweifelt den Klimawandel (er ist auch gegen Einwanderung). Der Energieminister Rick Perry strebt Energie-Unabhängigkeit an (weiter fossile Energieträger, Fracking, Ausweitung der Ölbohrungen). Im März 2017 gibt Trump seine Pläne bekannt, das Budget der Umweltbehörde EPA um ein Viertel zu kürzen (auf 6,1 Mrd. $; Mitarbeiter um ein Fünftel weniger). Der erste Haushalt von Trump, der im März 2017 vorgestellt wird, enthält sogar eine Kürzung um 31%. Zahlungen für Klimaschutzregelungen sollen komplett gestrichen werden. Am 28.03.2017 unterzeichnet Trump ein Dekret zur Klimapolitik: Kohle, Gas  und Öl (fossile Energieträger) sollen wieder mehr gefördert werden. Vor allem die Begrenzung der Kohlestoffbelastung durch Kraftwerke soll überdacht werden. Die CO2-Ausstoß-Grenzen sollen wieder abgesenkt werden. Bundesbehören sollen nicht mehr die Auswirkungen des Klimawandels bedenken müssen. Das ist eine Demontage des "Clean Power Plan" von Obama, der die Beschlüsse des Pariser Weltklimagipfels implementieren sollte. Große US-Bundesstaaten, z. B. Kalifornien, haben angedeutet, dass sie an den Klimazielen festhalten wollen (das gleiche Vorgehen planen auch Städte). Außerdem dürfte der Rückbau und das Aufweichen der Regelungen von Obama auch Jahre dauern. Sehr schmerzhaft dürfte in jedem Falle sein, wenn sich die USA aus dem Klimafonds für Entwicklungsländer zurückziehen. Im April 2017 scheitert eine gemeinsame Erklärung der Wirtschafts- und Energieminister der G7 an den USA. Eine Gruppe bei den Republikanern will 2017 mit einer Steuer auf Ressourcen die CO2-Emissionen stärker senken als durch alle bestehenden Regelungen. Genannt werden 40 Dollar pro Tonne. Die Steuern sollen dort erhoben werden, wo Rohstoffe Eingang in den Wirtschaftprozess finden (Öl, Kohle u. a.). Haushalte sollen eine Bar-Dividende bekommen. Vgl. Martin Feldstein in WiWo 17/ 21.4.17, S. 42. Im Frühjahr 2017 scheint sich die Position durchzusetzen, im Klimavertrag zu bleiben, aber neu zu verhandeln. Besonders kritisiert wird Deutschland, weil es aus der Atomkraft aussteigt. Auch auf dem G7-Gipfel in Taormina/ Sizilien blockiert Trump eine Berufung auf die Beschlüsse des Pariser Klimaabkommens. Am 01.06.17 verkündet Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzvertrag. Er bezeichnet das Abkommen als "unfair". Er will aber auch neu verhandeln. Diese Möglichkeit ist sehr unwahrscheinlich (Deutschland, Frankreich und Italien und die EU verweigern sich; auch China und Russland). Die USA können frühestens am 4.11.2020 faktisch raus (einschließlich einjähriger Kündigungsfrist). Bis dahin sind sie gebunden. Gelder für den "Green Climate Fonds" werden nicht geleistet. Mehrere US-Bundesstaaten (30) wollen am Abkommen festhalten (auch viele Städte). Große Teile der Industrie äußern sich auch skeptisch (100 große Unternehmen, z. B. Apple, Google, Tesla, Exxon, Chevron). Das Pariser Abkommen war nie ein fertiges Rezept, die Erde zu retten, sondern eher der Anfang eines Prozesses dazu. Die USA werden damit zum Geisterfahrer und globalen Außenseiter. Auf dem G20-Gipfel in Hamburg  sind die USA beim Klima isoliert, weil Trump zu fossilen Brennstoffen zurückkehren will. Später fordert er Nachverhandlungen. Im November 2017 legen 13 US - Behörden einen Klimareport kurz vor der Klimakonferenz in Bonn vor: Erstmals wird darin eingeräumt, dass der Mensch an der Erderwärmung die Verantwortung trägt (mit 95% bis 100% Sicherheit). Sie warnen vor einem Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 um 2,40 Meter. Im Dezember 2017 verkleinert Trump zwei Naturschutzgebiete im Westen der USA. Es geht um Bohrungen nach Bodenschätzen. Naturschützer klagen. die Regelungen für Bohrungen auf dem Meer werden auch gelockert. Die ehemalige Gouverneurin von South Carolina (Partnerland von RLP) Nikki Haley wird UN-Botschafterin. Sie war als Republikanerin eine Trump - Gegnerin. Die Vereinigten Staaten seien auch nur ein Teil dieses Planeten sagt der tiefgläubige ehemalige Präsident Jimmy Carter zu "America first". Sie sollten die Sorgen anderer Staaten nicht ignorieren. Im Juni 2017 schließen Kalifornien und China ein Klimaschutzabkommen.

Die Energiepolitik der USA mit Sanktionen gegenüber Russland drohen die internationale Koordination in der Energiepolitik zu unterminieren. Europa könnte hierbei erhebliche Nachteile haben (Deutschland zahlt den Preis). Trump und die USA nutzen Gas als geopolitisches Mittel. Russland soll geschwächt, das eigene Gasgeschäft gestärkt werden. Sanktioniert werden Unternehmen, die mit Russland Energiegeschäfte abwickeln. Die USA sprechen 2019 bei Flüssiggas, das durch Fracking gewonnen wird, von "Freedom Gas" (Freiheitsgas). So bemäntelt die Trump - Regierung durch Begriffsveränderungen zunehmend ihre eigentlichen Interessen.

Im August 2018 will Trump den zukünftigen Kraftstoffverbrauch von Autos wieder liberalisieren. Das sind Regeln von Obama. Trump will die Regel abschaffen aus drei Gründen: 1. Verleitung zu mehr Fahren bei effizienteren Autos. 2. Ausgefeilte Technik treibt die Preise nach oben. 3. Leichteres Material ginge auf Kosten der Sicherheit. Er will auch die Autonomie der Bundesstatten bei dieser Regelung einschränken.

Resümee:  Mit zahlreichen Dekreten versucht Trump alles, um Umweltgesetze auszuhebeln (Beispiele: Ölförderung in Naturschutzgebieten, Agrargifte zulassen, Grenzwerte verwässern, Wasserläufe freigeben für
Abraum). Insgesamt geht es um 76 Maßnahmen. Doch er hat erhebliche Probleme bei der Umsetzung. Bürger, Juristen und ganze Bundesstaaten setzen sich zur Wehr.

7. Außenhandel der USA, insbesondere mit Deutschland (Bedeutung für Deutschland): 2016 machen die deutschen Exporte 38% des deutschen BIP aus. 2015 hatten die deutschen Exporte insgesamt einen Wert von 1194 Milliarden Euro (10% des deutschen Außenhandels machen die USA aus; 107 Mrd. Euro Exporte 2016; Importe 58 Mrd. €, 6%). Die größten Überschüsse im Handel mit den USA erzielt Deutschland bei: 1. Autos. 2. Chemie. 3. Medikamente. Einen Importüberschuss hatten die USA bei Motoren und Motorenteilen, bei Sprengstoffen, bei Rindfleisch und bei Erdöl (Quelle: Statistisches Bundesamt). Trumps Handelsberater Peter Navarro wirft Deutschland Anfang Februar 2017 vor, die USA auszubeuten (Wettbewerbsvorteil durch schwachen Euro: "Deutschland beutet sowohl andere EU-Staaten als auch die USA aus, mithilfe einer impliziten Deutschen Mark, die extrem unterbewertet ist"). Er sieht nicht die Rolle der EZB und  der EU. 2016 fällt das Handelsdefizit der USA so hoch wie nie vorher aus. Es liegt bei 502,2 Mrd. Dollar (466,8 Mrd. €).  Die meisten und höchsten Strafzölle haben die USA gegen China. 266% Importzölle gegen kalt gewalzten Flachstahl, 50% gegen Solartechnik. Der DIHK rechnet insgesamt für 2017 mit einer Steigerung der Exporte in die USA, d.h. er erwartet einen Konjunkturaufschwung in den USA. Der Deutsche Außenhandelsverband prognostiziert für 2017 ein Plus von 2,5% bei den Exporten (auf 1235 Mrd. €). Allerdings verlangsamt sich das Wachstum im ersten Quartal 2017: nur 0,7%. Es gibt folgende Rangfolge der Handelspartner der USA: Bei den Importen in die USA führen China, Mexiko, Kanada, Japan und Deutschland. Bei den Exporten aus den USA Kanada, Mexiko, China, Japan, Großbritannien, Deutschland und Süd-Korea (jeweils Rangfolge). Eine Handelsabschottung der USA würde auch Drittmarkteffekte haben (deutsche Handelspartner sind betroffen, die weniger deutsche Produkte ordern, wichtigstes deutsches Zielland ist Frankreich, wichtigstes Exportland außerhalb der EU ist China). Es würden auch die deutschen Exporte leiden, die mit Direktinvestitionen verbunden sind (USA, auch GB). 28 Prozent aller deutschen Direktinvestitionen werden in den USA getätigt (2014, wichtigstes Zielland; insgesamt 271 Mrd. € deutsche Direktinvestitionen Stand 2016; seit dem 2. Weltkrieg; 810.000 Arbeitsplätze). Von der Kaufkraft her ist die EU der größte Binnenmarkt der Welt. Von der Zahl der Käufer ist es China. Beide würden protektionistische Maßnahmen sicher nicht ohne Vergeltung hinnehmen. Die EU entwickelt schon hypothetisch Vergeltungsmaßnahmen. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Asien dürften sich weiter intensivieren (2015: EU-Importe 864 Mrd. $, EU-Exporte 775 Mrd. $). Gabriel spricht beim Treffen mit seinem chinesischen Kollegen Wang Yi am Rande des Außenminister-G20-Treffens von einer "strategischen Partnerschaft" mit China und einem Bekenntnis zum Multilateralismus. Auch Äußerungen von Trump nach der Brexit -Entscheidung, andere EU-Länder sollten das Gleiche tun, sind unfreundlich. Trumps Attacken auf das Atom-Abkommen mit dem Iran könnten die Deutsche Wirtschaft um das Iran-Geschäft bringen. Insgesamt ist das deutsche Geschäftsmodell auf eine liberale internationale Handelsordnung angewiesen. Deutschland ist im Bezug auf die USA nur der fünftwichtigste Handelspartner (hinter China, Mexiko, Kanada und Japan vor GB). Am 17 März 2017 reist Bundeskanzlerin Merkel in die USA und spricht mit Trump (wegen Schneesturm um einige Tage verschoben). Vielleicht äußert Trump seine außenwirtschaftspolitischen Vorhaben dann klarer. Er soll über das deutsche duale Ausbildungssystem unterrichtet werden. Es wird klar, dass Merkel und Trump in Handelsfragen uneins sind. Ende April 2017 besucht die Trump - Tochter Ivanka Deutschland (Themen: Frauen, Familie, Gesundheit, Gleichberechtigung). Sie besucht unter anderem auch Siemens und nimmt an einer Veranstaltung der W20 teil (wichtige Führungsfrauen der G20). Ende Juni sagt Handelsminister Ross einen Besuch in Deutschland ab. Die USA erheben Dumping-Vorwürfe gegen deutsche Stahlkonzerne. Die US-Regierung geht mit Strafzöllen bereits gegen Salzgitter und die Dillinger Hütte vor. Die Strafzölle für Stahl und Aluminium werden bis 1. Mai 2018 für die EU ausgesetzt. Für eine Verlängerung der Frist verlangen die USA Zugeständnisse, z. B. bei den Importzöllen der EU für amerikanische Autos. später kommen die Zölle. Die EU richtet Retorsionszölle ein. Auf dem Nato-Gipfel im Juli 2018 wettert Trump gegen Deutschland (geplante Gaspipeline Nord Stream 2). Die Frist für das Handelsministerium läuft ab darüber zu entscheiden, ob Autos und Autoteile aus der EU und Deutschland die Sicherheit der USA bedrohen. Man rechnet mit einer Bejahung. Dann könnte Trump binnen 90 Tagen entscheiden, ob er Sonderzölle erheben soll.  "Keine Mauern, sondern Vertrauen aufbauen", Asia Business Insight, Handelsblatt-Konferenz 2017. Genauere Simulationsanalysen über die Wirkungen möglicher protektionistischer Maßnahmen der USA, insbesondere auf Deutschland, hat 2017 das Ifo-Institut in München berechnet. Diese Simulationsanalysen beruhen auf bestimmten Annahmen, die nicht eintreten müssen. Pünktlich zum Besuch von Angela Merkel in den USA am 27.04.18 steht der neue US-Botschafter in Deutschland fest: Grenell. Er gilt als Cheflobbyist von Trump.

In der Folge zeigen sich immer mehr Unstimmigkeiten zwischen den USA und Deutschland. Die Strafzölle gegen Unternehmen aus Mexiko, weil Mexiko nicht die Migranten in die USA aufhält, würden auch deutsche Unternehmen treffen (+5% jeden Monat). Außenpolitische Differenzen gibt es zu Iran, zu Huawei (Aufbau des 5G-Netzes in Deutschland) und der Gaspipeline Nord Stream 2. Trump verknüpft rigoros wirtschaftliche und politische Interessen.  Im Juni 2019 brechen die deutschen Exporte ein (8% gegenüber Juni 2018). Die internationalen Handelskonflikte (Trump, Brexit) scheinen durchzuschlagen.

Bundeskanzlerin Merkel erhält Ende Mai die Ehrendoktorwürde der Eliteuniversität Harvard. In ihrer Rede grenzt sie sich scharf von Trump ab, ohne seinen Namen zu nennen. Der US-Botschafter Grenell droht im August mit einem Truppenabzug. Deutschland tue zu wenig für seine Verteidigung und nutze die USA aus. 

8. Einfluss der Maßnahmen von Trump auf die Weltleitwährung Dollar: Bisher funktionierte der Welthandel nach folgendem Modell: Die Chinesen, Japaner und andere Länder verkauften ihre Waren in die USA. Diese Länder räumten den USA im Gegenzug unbegrenzt Kredite ein (Kauf von Staatsanleihen). Handelsbilanzdefizite wurden über die Kapitalbilanz ausgeglichen. Außerdem haben Ausländer acht Billionen Dollar in den USA mehr investiert als Amerikaner im Ausland. US-Amerikaner holen sich das billigere Geld in den USA und legen es gewinnbringend im Ausland an (z. B. Beteiligungen). Ausländer bekommen in den USA relativ wenig für ihre Anlagen, weil die Leitwährung als sicher gilt. So fließen etwa 200 Mrd. Dollar mehr nach den USA als raus. Die USA machen auch einen Gewinn aus den Dollarnoten. Trump kann den Handel nur zu Gunsten Amerikas verändern, wenn er das Land unabhängiger von Schulden im Ausland macht.  Sein Protektionismus würde die Weltleitwährung Dollar in Frage stellen. Vgl. Pletter, Roman: Donald Trump macht den Dollar klein, in: Die Zeit, Nr. 14, 30.03.2017, S. 21. Seit dem Amtsantritt von Trump ist der Welthandel um 3,6% gestiegen (bis Ende 2017; anschwellende Handelsströme in Asien, mehr Importe in die USA).   Im Umfeld des neuen Präsidenten Trump herrscht wohl das Chaos. Ebenso ein ideologischer Machtkampf um den Wirtschaftskurs. Eine wichtige Rolle soll dabei Gary Cohn spielen (ehemals Goldman Sachs, 285 Mio. $ Abfindung, eingetragener Demokrat). Als Angehöriger der so genannten  "New Yorker" ist er Gegenspieler von Bannon, dem Wirtschaftsnationalisten.

Trump schürt immer wieder die Angst vor einem Währungskrieg. Er wirft auch China und Europa vor, die Wechselkurse von Renminbi und Euro künstlich niedrig zu halten. Er attackiert die betroffenen Notenbanken. Der Handelskrieg könnte durchaus auch zu einem Währungskrieg führen.

9. US-Wirtschaft in ihrer relativen Bedeutung zur Weltwirtschaft und zum Hauptkonkurrenten China: 4,4% der Weltbevölkerung lebt in den USA. Nur in China und Indien leben mehr Menschen. Die USA verfügen über 6,6% der Landfläche der Erde. Sie sind damit 27 Mal größer als Deutschland. Nur Russland, Kanada und China sind größer. Mit einem realen Bruttoinlandsprodukt von fast 20 Billionen USD stand  die USA 2017 für fast ein Viertel der gesamten Weltwirtschaftsleistung. Die Staatsverschuldung liegt bei 106,1 % des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (Deutschland 59,8%). Unter den Top 100 (Börsennotierte Unternehmen nach Höhe der Marktkapitalisierung) liegen 60 US-Firmen, dagegen nur 4 deutsche. Mississippi ist der US-Bundesstaat mit dem niedrigsten , Maryland mit dem höchsten durchschnittlichen Haushaltseinkommen (US-Schnitt 62.500 USD). Die meisten Ausfuhren aus den USA gehen nach Kanada, Mexiko und China. Bei den Importen sind es die gleichen Handelspartner - nur in umgekehrter Reihenfolge. Rund 20% aller Einfuhren kommen aus dem Reich der Mitte. Quelle: Deutsche Bank, Perspektiven Ausgabe 10-11/2018, S. 8.

Vergleicht man direkt die USA und China, so ergibt sich folgendes Bild: China hat Güterexporte in Höhe von 2263 Mrd. $ 2017; China in Höhe von 1546 Mrd. $ 2017. Bei den Güterimporten stehen die Zahlen  1844 (China) und 2408 (USA) für 2017 im Raum. China verfügt über Devisenreserven in Höhe von 3051 Mrd. $ Oktober 2018, die USA haben 42 Mrd. $. "Du führst deinen Krieg, ich führe meinen", Mao Zedong. "China kämpft den Kampf von morgen", Quelle: Der Spiegel 1/2019, 29.12.2018; S.12ff.

Die USA haben auch in den letzten Jahren ihre finanzielle Abhängigkeit von China reduziert. China ist zwar weiterhin größter Gläubiger, aber der Anteil der ausstehenden US-Staatsanleihen im chinesischen Besitz ist von 15% (2010, nach der Finanzkrise) auf knapp 8,5% Ende 2018 nahezu halbiert. Amerikanische Staatspapiere werden heute zu 60% von Inländern gehalten.

Chimerica (Niall Ferguson 2016) als enge Symbiose eines unablässig produzierenden Chinas mit einem unablässig konsumierenden Amerika neigt sich dem Ende entgegen. Die USA wollen China so klein wie möglich halten und den Aufstieg zur Weltführungsmacht verhindern. Aber Protektionismus und Verhinderung eines Technologietransfers können den weiteren Aufstieg Chinas nur verlangsamen, nicht verhindern. Zwischen 2030 und 2050 wird China die Spitzenposition erreichen. Da die Weltwirtschaft kein Nullsummenspiel ist, könnten viele andere Länder, auch in Europa, davon profitieren.

10. Fazit: Auf jeden Fall weckt Trump Amerikas Lebensgeister. Insofern gibt es sicher einen positiven Trump - Effekt. Er wird die USA verändern. Die Welt wird vielleicht noch unsicherer; seine Amtszeit könnte zur Achterbahn werden. Der entscheidende Punkt wird sein, ob er das Auseinanderdriften der US-Gesellschaft stoppen kann. Die USA sind zerrissen. Wenn nicht, hat die Masse eine Politik gewählt, die ihr am Ende schadet. Viele neue Jobs (2 Mio.), niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Löhne. Obama hinterlässt seinem Nachfolger eine robuste Wirtschaft. Das Risiko der Inflation steigt. Interessant ist die Frage, wie sich der Charakter von Trump (Narzisst; Anhänger des Freund-Feind-Denkens, Krieger, Rassist; "machtbesessener" Familienunternehmer, unkonventionell, ruppig) mit der Rolle als Präsident vereinbaren lässt. Die Republikaner, eine "national-anarchistische Partei mit religiöser Schlagseite" (Die Zeit, Nr. 4, 19.01.17, S. 38) dürften nicht viel stabilisieren. In seiner Antrittsrede am 20.01.17 kündigt Trump eine Zeitenwende an und sagt dem politischen Establishment in Washington den Kampf an. Es ist das erklärte Ziel von Trump, auf ganz neue Art und Weise Politik zu machen. Wenn er auf einzelnen Feldern sein Ziel nicht erreicht, sucht er einen Sündenbock (Presse, Gerichte). Viele weitere Vorschläge und Ankündigungen von Trump im Wahlkampf würden wahrscheinlich auch andere Länder beeinflussen, auch Deutschland:  Aufbau engerer Beziehungen zu Russland. In der amerikanischen Außenpolitik sollen die Werte nicht mehr so im Mittelpunkt stehen (andererseits ist von einer weltweiten Kulturrevolution die Rede). Nach einem Giftgasangriff in Syrien macht Trump eine Kehrtwende und übernimmt wieder eher die Rolle des Weltpolizisten (Marschflugkörper auf syrische Luftbasis im April 2017).  Die zentrale These seiner Präsidentschaft scheint zu sein, dass das böse Ausland die USA abzockt.  Trump selbst zieht Ende April 2017 eine äußerst positive Bilanz seiner Arbeit der ersten 100 Tage. Die Wirtschafts-Politik von Trump in den USA ab 2017 wird von vielen Experten inzwischen eher positiv für die EU gesehen (ZEW/ Mannheim-Umfrage 2017). Unter Trump verlieren die USA ihre ökonomische Vormachtstellung immer mehr: Der Dollar wird zur Risikowährung. Die Staatsverschuldung steigt weiter (2017: 108,3% des BIP, +0,9%). Der US-Anteil am Welt-BIP sinkt weiter (2016 nur noch 25%). Die US-Wirtschaft wächst aber relativ stark (dritte Quartal 2017 3,2%). Die Republikaner lassen ihren Präsidenten immer öfter auflaufen. Es entsteht der Eindruck einer Demontage. Mit entscheidend dürfte der Gesundheitszustand des Präsidenten sein (Demenz?). Die Steuerreform in den USA Ende 2017 und die Lockerung viele Regel für Unternehmen löst einen Boom in der Wirtschaft aus. Die Politik findet Nachahmer, z. B. in China. Tatsächlich profitieren auch Niedrigverdiener. Ein Shutdown (Haushaltsperre im Senat) blockiert im Januar 2018 eine Zeitlang die Politik bis man sich auf einen Kompromiss einigt (nicht nur Demokraten stimmen gegen Trump). Am 3001.2018 hält Trump die erste Rede zur Lage der Nation. Ca. 50 Prozent der US-Bürger schätzen die Rede positiv ein. Der Mix aus sinkenden Steuern, Deregulierung und Importzöllen beschert den USA in der zweiten Hälfte 2018 einen wirtschaftlichen Höhenflug. Dies könnte aber eine gefährliche Scheinblüte sein. Letztendlich entscheidet aber die Wirtschaft über das Schicksal von Trump. Politisch droht ein Stillstand, weil das Abgeordnetenhaus in der Hand der Demokraten ist. Erstes Anzeichen ist der längste Shutdown der US-Geschichte (entsteht, weil Trump unbedingt einen Mauer zu Mexiko bauen will).  "America first" - "Make America Great Again" - "Buy American" Mottos aus dem Wahlkampf von D. Trump. Die Netz-Subkultur überträgt einen Slogan auf Martin Schulz (Tschu-Tschu) von der SPD: MEGA - "Make Europe great again".  "Fairness first"; Antwort von Lawrence Summers auf das berühmte Motto von Trump. Summers, Harvard,  war Chefökonom der Weltbank und US-Finanzminister unter Bill Clinton.

"Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten - dann ginge die Lüge in die Geschichte ein und würde Wahrheit", George Orwell, Roman "1984". Nachrichten werden in der Regel über die sozialen Medien verbreitet: Twitter - Adresse  @realDonaldTrump. Mittlerweile hat Trump bei Twitter 45,3 Mio. Follower (2017). Damit liegt er im Ranking auf Platz 20. Er postet durchschnittlich 4 Tweets pro Tag. Das ist völlig neu in der Welt der Politik.

Seit 1953 untersucht das US-Meinungsforschungsinstitut Gallup, wie zufrieden die Bürger mit dem neuen Präsidenten sind. Drei Tage nach Trumps Amtsantritt waren nur 45 Prozent der Befragten mit seiner Arbeit zufrieden (niedrigster Wert aller gemessenen US-Präsidenten).

Die 100 Tage-Bilanz Ende April 2017 fällt mau aus. Trump hat so gut wie nichts erreicht und bisher nur Dekrete erlassen. Der amerikanische Professor A. Lichtman prognostiziert ein "Impeachment", weil Trump zwanghaft davon besessen sei, von eigener Schuld abzulenken und unfähig sei, das Amt auszuüben. Zu Fall bringen könnte ihn die Russland-Affäre. Sie hat mittlerweile seinen Familien-Clan (Jared Kushner) erreicht. Sonderermittler Robert Mueller, ein Ex-FBI-Chef, scheint Ernst zu machen. James Comey, den Trump abgesetzt hatte, belastet Trump schwer vor dem Senatsausschuss. Comey schreibt später ein buch über Trump. Er spricht ihm die Eignung als Staatschef ab. Nachfolger von Trump würde Vizepräsident Mike Pence, ein evangelikaler, reaktionärer Fundamentalist. Im Juni 2017 verklagen der Bundesstaat Maryland und der Hauptstadtbezirk District of Columbia den Präsidenten wegen Verfassungsbruchs. Es geht um die Vermischung von Amt und Geschäft (Trump - Tower als Hotel). Dann wird gegen Trump in der Russland-Affäre direkt ermittelt. Es geht um "unzulässigen Einfluss auf die Justiz". Trump twittert: "Größte Hexenjagd der amerikanischen Geschichte". Im Juli 2017 wird der erste Antrag auf Amtsenthebung des Präsidenten im Kongress gestellt (wegen der Russland-Kontakte seines Sohnes). Eine russische Anwältin sagt, der Trump-Sohn hätte einen Deal vorgeschlagen: komromittierende Informationen über Hillary Clinton gegen eine russlandfreundliche Politik im Falle eines Wahlsieges. Flynn gibt gegenüber Sonderermittler Mueller zu, dass er die Russlandkontakte im Auftrag des Trump-Teams gepflegt hat und dass er das FBI belogen hat. Der US-Sonderermittler weist den Einfluss von Cyber-Experten aus Russland auf den Wahlkampf nach. Im April 2018 gibt es eine Razzia bei Trumps Anwalt. Es geht um eine Zahlung an eine Pornodarstellerin. Im August 2018 protestieren US-Zeitungen gegen die Beschimpfungen durch Trump. Es gibt abgestimmte Leitartikel in 300 Zeitungen. Der frühere Wahlkampfmanager von D. Trump Paul Manafort wird 2018 in einem Prozess wegen Steuerhinterziehung und Bankbetrugs in acht von 18 Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der Ex-Anwalt Michael Cohen versichert im August 2018 in Manhattan an Eides statt, Schweigegeld an zwei Frauen  gezahlt zu haben (illegale Wahlkampfhilfe? Trump bezeichnet Cohen als Lügner). Im September 2018 druckt die New York Times einen anonymen Text: Es geht um Widerstand im Weißen Haus gegen Trump. Ein Kreis von Mitarbeitern mühe sich, die Amoralität des Präsidenten im Rahmen zu halten. Im September 2018 veröffentlicht Bob Woodward sein Buch über Trump: Fear. Es kommt im Oktober auch auf Deutsch.

Midterms/ Kongresswahlen in den USA am 06.11.2018: Sie gelten als "Zwischenzeugnis" für Trump bzw. als ein Referendum über Trump. Im Repräsentantenhaus verlieren die Republikaner die Mehrheit (viele junge Frauen mit Migrationshintergrund werden für die Demokraten gewählt). Das kann das Regieren für Trump erschweren (Gesetzesvorhaben blockieren; Ermittlungsverfahren und öffentliche Anhörungen einleiten; Herausgabe interner Unterlagen; Amtsenthebungsverfahren). Im Senat bauen die Republikaner ihre Mehrheit leicht aus. An der Westküste und im Nordosten der USA sowie bei Minderheiten (Latinos, Schwarze, Jungwähler) dominieren die Demokraten. In den mittleren Staaten, wo viele Verlierer der Globalisierung wohnen, siegen meist die Republikaner. Frauen entscheiden die Wahlen nicht endgültig zuungunsten von Trump, weil viele noch sexistisch sind und an der alten Rollenverteilung festhalten wollen (vor allem aber Frauen in den Vororten der Städte haben demokratisch gewählt). Trump hat die Sprache in der politischen Kultur vollkommen verändert - was auch der Wahlkampf zeigt - und die USA immer mehr gespalten. Einen Tag nach der Wahl wird Justizminister Jeff Sessions abgelöst. Nachfolger könnte Whitaker (Stabschef) werden, der die Russland-Ermittlungen stoppen soll. Durch die Ermittlungen wird Trump immer mehr in die Enge getrieben. Es wird dann William Blarr, der schon mal Justizminister war. Ende 2018 (wirksam Ende Februar 2019) tritt Verteidigungsminister James Mattis zurück. Auslöser sind der Rückzug der US-Truppen aus Syrien und Afghanistan. Im Februar 2019 wird der Terminkalender des Präsidenten auf der US-Internetseite Axios veröffentlicht. Dabei zeigt sich, dass 60% der Arbeitszeit unstrukturiert sind (wenige offizielle Termine, viel Golf, viel Müßiggang). Trotzdem könnte er wieder die nächste Wahl gewinnen: "It`s the culture, stupid! So lautet die Kernbotschaft Trumps. Sie zielt gar nicht auf die Mehrheit, sondern auf eine weiße Minderheit", Claus Leggewie, Politikwissenschaftler, Uni Gießen, Quelle: Handelsblatt, Wochenende 17./18./19. Mai 2019, S. 64.

"You aren`t going to like what comes after America", Leonard Cohen, kanadischer Sänger, gestorben 2017. Es wird euch nicht gefallen, was nach Amerika kommt. Fast prophetisch auf das Ende der von den USA dominierten Weltordnung anspielend.

 

Karl Marx - Jahr 2018: 200. Geburtstag und fast 150 Jahre "Das Kapital". Von den Folgen der industriellen Revolution zu denen der digitalen Revolution (auch die Bedeutung von Karl Marx in China) .

Dies ist die Gründungsstätte der KPC in Shanghai (Zhonggong Yida Huihi, in der Xingye Lu 76). 13 junge Intellektuelle gründen am 23.07.1921 heimlich die Partei. Das Treffen wurde verraten und musste später an einem anderen Ort fortgesetzt werden (so eigentlich auf einem Vergnügungsboot in der Nahe von Shanghai). Das berühmteste Gründungsmitglied war der erste Vorsitzende Mao. Er wurde im Ort Shaoshan (in der Nähe von Xiangtan) geboren (1893), wo noch heute sein Geburtshaus steht. Das Reich der Qing-Dynastie lag damals in den letzten Zügen. In China hat die Lehre von Karl Marx ihre größte Wirkung erzielt (deshalb dieses Bild; zu anderen bekannten Fotos vgl. den Wikipedia -Artikel zu Karl Marx oder die neueren Biographien).

"Was mich betrifft, ich bin kein Marxist", Karl Marx (1818 - 1883). Sein Freund Engels starb 1895 (in London, an Kehlkopfkrebs). Zum 200. Geburtstag des Philosophen am 05.05. 2018 eröffnen in seiner Geburtsstadt Trier gleich vier Ausstellungen. Vgl. www.karl-marx-ausstellung.de . Ein Hauptziel ist es, Marx zu entideologisieren. Trier stellt 2018 zwei Ampeln auf, bei denen Karl Marx als Ampelmännchen enthalten ist. Als zweite deutsche Stadt hat Chemnitz einen engen Bezug zu Marx. Sie hieß zu Zeiten der DDR Karl Marx-Stadt. Auch hier finden Ausstellungen im Marx-Jahr statt.

"Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben", Friedrich Engels bei der Grabrede 1883 auf dem Highgate-Cemetry in Nordlondon. 73 Jahre nach seiner Beerdigung wurde Marx exhumiert und 200m weiter nördlich beerdigt (die Sowjetunion wollte die sterblichen Überreste nach Moskau überführen). So bekam Marx ein repräsentativeres Grab. Es wurde zur Pilgerstätte, aber auch immer wieder zum Gegenstand von Schändungen. So auch mehrmals 2019, weil das Brexit-Referendum die Briten polarisiert hat.

"In der Tat ist also G - W - G die allgemeine Formel des Kapitals", Karl Marx (G Geld, W Waren).

1. Ausschnitte aus seinem Leben und aktuelle Biographien:  1818 wurde er am 5. Mai  in Trier geboren, wo sein Vater eine Rechtsanwaltskanzlei betrieb. Aus pragmatischen Gründen konvertierte der Vater vom Judentum zum Protestantismus. Marx studierte in Bonn (Jura), Berlin (Jura, Philosophie) und Jena (Promotion, 1841). Ab 1842 schrieb Marx Artikel für die Rheinische Zeitung in Köln (eine wissenschaftliche Karriere blieb ihm in Preußen wegen seiner kritischen Haltung versagt, seinem Vorbild Bruno Bauer wurde in Bonn die Lehrbefugnis entzogen). Marx machte die Zeitung zu einem linken Oppositionsblatt gegen die preußische Regierung. Auch Engels schrieb einige Artikel. 1843 wurde die Zeitung verboten und Marx musste Deutschland verlassen und ging nach Paris. Nach längerer Zeit mit seiner Familie (Ehefrau seit 1843 Jenny von Westphalen und insgesamt 7 Kinder, von denen nur drei überlebten) in Brüssel ab 1845 musste er später 1849 als Staatenloser nach London fliehen.1948 hatte er noch einmal die "Neue Rheinische Zeitung" in Köln gegründet (mit seinem Erbe und Spenden). Marx arbeitete in einer Reihe von Organisationen mit (kommunistische Korrespondenz-Komitee, Bund der Kommunisten, die I. Internationale). In London lebte er mit seiner Familie in verschiedenen Wohnungen (es gibt heute eine Tour dazu) und wurde in der Stadt begraben (auf dem Highgate Cemetry). In England konnte er das Elend der Industriearbeiter im Frühkapitalismus aus nächster Nähe beobachten (er besuchte auch die streikenden Textil- und Werftarbeiter in Schottland). Sein lebenslanger treuer Freund Friedrich Engels, der auch Werke in England (Manchester)  besaß, unterstützte ihn materiell (zumindest bis er selbst Pleite ging; 350 Pfund pro Jahr). Marx´ Haarpracht war schon zu Lebzeiten legendär. Sein Haupt-Werk schrieb er in der British Library in London (ab 1850 durfte er die Bibliothek benutzen; in London herrscht heute der Marx-Kult). Fast 30 Jahre lang besuchte Marx täglich den Bibliothekssaal, das Eldorado der Wissbegierungen der damaligen Zeit.. Marx und Engels traten in vieler Hinsicht immer als Team auf. Marx hat die Rolle des Theoretikers, Engels war der Praktiker (der auch glänzend schreiben konnte). Er erfand eigentlich den Marxismus.

Der Erzbischof von München Reinhard Marx, Erzbischof von München,  hat 2008 ein Buch mit dem Titel "Das Kapital" vorgelegt (München, Pattloch). Es ist eine Auseinandersetzung mit den Ideen von Karl Marx. Es geht um die zentrale Frage, ob in den marktwirtschaftlichen Ordnungen der Traum vom Wohlstand zu Ende ist (dient das Kapital noch dem Menschen?). Es gibt zahlreiche Biographien über Marx, eine stammt von Clara Zetkin aus dem Jahre 1913, eine zweite von Franz Mehring von 1918. 2017 erscheinen zwei ausführliche neuere Biographien zu Marx: Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete, München 2017 (Bertelsmann). Neffe erklärt auch die ökonomischen Theorien in verständlicher Form und konfrontiert sie mit der Realität. Eine weitere Marx-Biographie hat Gareth Stedman Jones vorgelegt. Es handelt sich um eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Titel lautet nur "Karl Marx" (Frankfurt, S. Fischer, 2017, 891 S.). Jones geht besonders intensiv auf die Zeit von Marx in England ein. Er legt auch sein besonderes Augenmerk auf die Zusammenhänge mit geschichtlichen Ereignissen. Er erklärt Marx aus der Zeit heraus und geht auch auf die Gedanken von Kant, Hegel, Feuerbach, Ricardo und anderen ein. Als extreme Kurzfassung ist folgender Aufsatz dem Leser mit wenig Zeit zu empfehlen: Christian Gehrke: Karl Marx (1818 - 1883), in: Heinz D. Kurz (Hrsg.): Klassiker des ökonomischen Denkens, Band 1, München (Beck) 2008, S. 217-241. Ähnlich kurz und plakativ mit vielen Fotos: Geschichte, GPorträt "Karl Marx, 1818 - 1883. Der Mensch hinter der Ikone. Egozentriker, Workaholic, Lebemann. Frühjahr 2018". Ausgezeichnet ist auch eine ältere Biographie von David McLellan (Karl Marx. Life and Thought, Macmillan London 1973).

2017 erschien auch ein Film über Marx: Der junge Karl Marx; teilbiografisches Historiendrama zu Marx' Leben in den 1840er Jahren, der ersten Zeit seiner Zusammenarbeit mit Friedrich Engels und dem Beginn seines politischen Wirkens. Mit August Diehl in der Rolle von Karl Marx; französisch-deutsch-belgische Koproduktion von 2017 unter der Regie von Raoul Peck; Beitrag zur Berlinale 2017/Sektion Special. Die letzte Biographie aus dem Jahre 2018 stammt von Uwe Wittstock. Der Titel ist: Karl Marx Beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs (München: Karl Blessing Verlag 2018). In Algier, seiner letzten Reise, elf Monate vor seinem Tod und drei Jahre nach dem Tod von Jenny, lässt sich Marx radikal Haare und Bart abschneiden. Daher der Titel. Wittstock arbeitet mit vielen neuen Quellen, wie sie im MEGA-Projekt dargestellt sind (z. B. Briefe der Töchter). Neben der Biographie und Erzählungen werden  philosophischen Ideen der Zeit anschaulich beschrieben.

"Die Nationalökonomie geht von der Arbeit als der eigentlichen Seele der Produktion aus, und dennoch gibt sie der Arbeit nichts und dem Privateigentum alles", Karl Marx... "Die Tätigkeit des Arbeiters auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft , die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt, durch die Konstruktion zweckgemäß als Automat zu wirken, existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst", Karl Marx, MEW 42, S. 599.

2. Werk (Aufsätze, Briefe, Bücher, Vorträge) und Herausgabe: Das Kapital, 3 Bände, Berlin 2008 (1859 erscheint das Einführungskapitel unter dem Titel "Zur Kritik der politischen Ökonomie", 1867 der erste Band; damit 2017 150 Jahre). Der erste Band ist eindeutig von Marx. Die anderen Bände sollen auf Fragmente zurückgehen, die Friedrich Engels redigiert hat. Das Werk soll nach der Bibel das meist gelesene Buch der Welt sein. Marx selbst nannte es "ökonomische Scheiße". Noch häufiger ist wahrscheinlich das Kommunistische Manifest von Marx/ Engels gelesen worden (ein analytisch- rethorisches Meisterwerk, es erschien 1848). Beide Werke wurden 2013 "Memory of the World" (Weltkulturerbe) der UNESCO. Ein weiteres bekanntes Werk sind  die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 (MEW Ergänzungsband I). Die Schriften und der Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels wurden in der 43 Bände umfassenden Reihe " Marx Engels Werke" (MEW) im Dietz Verlag, Berlin, herausgegeben. In den 1970er Jahren wurde in Moskau und Ostberlin mit dem Projekt einer vollständigen, historisch-kritischen Ausgabe sämtlicher Veröffentlichungen, der Handschriften und des Briefwechsels von Karl Marx und Friedrich Engels begonnen (MEGA; 54 von 114 geplanten Bänden sind bis 2018 erschienen). Teile des Werkes sind auch digital erhältlich. Auszüge aus den Marx-Werken haben unter anderem auch der Kröner- und der Ullstein-Verlag veröffentlicht.

Die wichtigsten Quellen für Marx beherbergen folgende Institutionen: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (mit dem Projekt "Mega"), das Karl-Marx-Haus in Trier innerhalb der Friedrich Ebert Stiftung (Geburtshaus von Marx und Marx-Museum) und das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam. Vgl. auch www.karlmarx2018.de (die neue Trierer Dauerausstellung).

"Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der Ausdehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des einfachen, unwissenschaftlichen Schacherns ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswissenschaft", Friedrich Engels, MEW 1, S. 499 (Marx-Engels-Werke, Berlin, Dietz-Verlag, 1956 - 1990, 43 Bände).

3. Ideenlieferanten: Ökonomen und Philosophen, Zeitgeist: Bei aller Originalität war Marx eingebunden in die Diskussionen seiner Zeit. Der Vater machte Marx mit der Aufklärung vertraut (Kant, Lessing)  In den Studienjahren in Berlin (vorher in Bonn Jura) lernte Marx die Hegelschen Ideen kennen. Danach sind Wirtschaft und Gesellschaft in beständiger Wandlung begriffen. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) war der  wichtigste Vertreter des deutschen Idealismus. Die Struktur der Philosophischen Werke ist wie folgt: Logik, Naturphilosophie, Philosophie des Geistes. Berühmt ist sein Schema der Dialektik: These, Antithese, Synthese. Eine seiner berühmtesten Werke: System der Wissenschaft. Erster Teil: Die Phänomenologie des Geistes, Bamberg 1807. Hegel hat großen Einfluss gehabt auf Karl Marx. Er schuf die Grundlage für seinen historischen Materialismus. "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit", G. W. F. Hegel. Großen Einfluss auf Marx hatten auch der Religionskritiker Feuerbach und die Ökonomen Adam Smith und David Ricardo (las er in der British Library). Marx setzte sich auch mit Zeitgenossen auseinander wie Michael Bakunin, Proudhon, Ferdinand Lassalle, Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Heinrich Heine (Cousin dritten Grades), Moses Hess, Georg Herwegh, Bettina von Arnim, George Sand, Pawel Annenkow oder Charles Darwin. Marx bediente sich aber auch der gesamten griechischen antiken Philosophie (sein späterer Schwiegervater von Westphalen brachte ihn mit Homer und der Antike in Berührung) und bringt in seinem Buch "Das Kapital" unzählige aktuelle Beispiele der damaligen Zeit. Sie stammen überwiegend aus Recherchen für Artikel für die New York Tribune, für die Marx viele Jahre schrieb (damals die Zeitung mit der weltweit höchsten Auflage; einige Artikel stammen auch von Engels; Marx veröffentlichte sie unter seinem Namen, weil er das Geld brauchte). Marx hat ja die Vorstellung entwickelt, dass das Dasein, d. h. die ökonomischen Verhältnisse, das Denken prägen. Insofern war ihm immer die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse wichtiger. Er lebte in einer Epoche des industriellen und politischen Umbruchs. Er versuchte Antworten auf neue Herausforderungen zu finden, die vielleicht zu Anfang besonders deutlich hervortraten (der Einfluss durch den Zeitgeist steht im Mittelpunkt der Marx-Biographie von Jones, s. o.). Wir leben heute in der Anfangsphase einer digitalen Revolution, die wahrscheinlich ähnlich gravierende Änderungen hervorrufen wird. Um so deutlicher tritt zu Tage, wie weit Marx seiner Zeit auch voraus war.

Umstritten ist sein Verhältnis zum Judentum, seine Einschätzung der europäischen Rasse zu anderen (Grundzüge von Rassismus waren dem deutschen Idealismus nicht fremd), seine Beziehung zur Sozialdemokratie und sein Verhalten in der Familie und zu Freunden. Ausgewählte, bekannte Kritiker seines Werkes waren Böhm-Bawerck, Schumpeter, Samuelson und Popper.

Marx kann intellektuell schwer in eine Rolle gedrängt werden: Er war Soziologe, Nationalökonom, Philosoph, Journalist, Religionskritiker, Gesellschaftskritiker, Prophet, Revolutionär, Sozialreformer.

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine >ungeheure Warensammlung<, die einzelne Ware als seine Elementarform", Karl Marx, MEW 23, S. 49 (Marx-Engels-Werke, Berlin, Dietz Verlag, 1956 - 1990, 43 Bände).

4. Ausgewählte Inhalte und Grundzüge: 1. Die Niederlage des Kapitalismus ist historisch vorbestimmt (durch Akkumulation und Krisen). 2. Gier und Egoismus determinieren die Kulturen. 3. Von Einkünften aus Kapital profitieren nur die Reichen (Wert- und Mehrwert). 4. Kapital entsteht durch Ausbeuten der Arbeitskraft (Produktionspreise weichen von den Arbeitswerten ab, Warencharakter der Arbeit). 5. Die relative Verelendung der Arbeiter führt zu einer Revolution. 6. Die Diktatur des Proletariats schafft die Grundlagen des Kommunismus, in dem alle Menschen gleich sind. 7. Eigentumsrechte sind abgeschafft und müssen nicht mehr auf Märkten gehandelt werden (Volkseigentum).

Heute noch aktuell und gültig sind folgende Elemente: seine Entfremdungstheorie, seine Analyse der Zeit, sein Warenfetischismus, die Ersetzung der Arbeitskraft durch Technik.

Der erste und wichtigste Band des Kapitals, der 1867 erschien, gliederte sich in acht Teile: I. Ware und Geld, II. Die Verwandlung von Geld in Kapital, III. Die Produktion des absoluten Mehrwerts, IV. Die Produktion des relativen Mehrwerts. V. Die Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts. VI. Der Arbeitslohn. VII. Der Akkumulationsprozess des Kapitals. VIII. Die sog. ursprüngliche Akkumulation.

Neffe teilt in seiner Biographie die Gedankenwelt von Marx in folgende Abschnitte ein: Arbeit und Entfremdung, Herrschaft und Eigentum, Kollektiv und Plan, Welt und Gott, Kopie und Original (Kapitel 8).

Marx sah viele Probleme des Kapitalismus voraus, die noch heute eine Rolle spielen (und von Rechtspopulisten behandelt werden). Er sah sich auch sehr genau die Arbeiterklasse und die Kapitalisten an. Managergehälter (einschließlich Pensionsfonds und Lebensversicherungen) kosten die Eigentümer von Unternehmen Abermillionen. Er beschrieb die Folgen der Ausbeutung der Arbeiter. In seiner Krisentheorie spielt das Gesetz von der tendenziell fallenden Profitrate eine große Rolle. Das Kapital vermehre sich schneller als die Arbeit. Irgendwann werde die Rendite der Unternehmen zu gering. Sie würden keine Investitionen mehr wagen. Diese These ist wieder hoch aktuell. Aber auch mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche ("Warenfetischismus") hatte Marx Recht.

Schon im "Kommunistischen Manifest" von 1848 heißt es: "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen ..."

"Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Die Idee des Sozialstaates wird hier auf den Punkt gebracht.

5. Prognosen und Evaluation: Mit zwei Dingen hat Marx richtig gelegen: Mit der Prognose der Globalisierung und der Fragilität der Finanzmärkte (deshalb wurde er auch 2008 wieder aktuell). Im Kern ist auch die Analyse des Kapitalismus scharfsinnig: Märkte werden nach Marx von Unternehmen und Geld dominiert. Unternehmen koordinieren die Produktion und schöpfen den Mehrwert ab. Dafür bieten sie der Gesellschaft Arbeitsplätze an. Preise sind zuverlässige Indikatoren für verdichtete Informationen.

Big Data, Künstliche Intelligenz und Internet verändern die Spielregeln heute, sie können Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen. So stellt sich wieder einmal die Frage, was bleibt von Marx (verstärkt im Marx-Jahr 2018!). Seine Entfremdungstheorie - später Warenfetischismus - ist nie ernsthaft angezweifelt worden. Der Fluch der Arbeit beginnt nach Marx mit der Arbeitsteilung. Auch die digitale Revolution wird wie die industrielle Revolution die Arbeitsteilung und das Wesen der Arbeit grundlegend verändern genauso wie in der Folge die moderne Gesellschaft. Betroffen werden alle Qualifikationsstufen und auch die Organisation von Arbeit sein. Marx war der erste umfassende Analyst der industriellen Revolution. Für Organisationsdefizite von Zentralverwaltungswirtschaften und Irrtümer sollte man ihn nicht mehr verantwortlich machen. Heute ist kein Ökonom in Sicht, der ähnlich generell die Folgen der digitalen Revolution überblicken kann. Insbesondere die zentralen Fragen - wie Marx sie gestellt hätte - sind ungeklärt: Wer hat die Hoheit über die Digitalisierung? Wer bestimmt, wie sie genutzt wird und wem sie dient? Gerade Staaten wie China, die sich noch auf Marx berufen, tun sich hier unrühmlich hervor. Vielleicht wird das virtuelle Kassenbuch "Blockchain" die Plattformen ruinieren und wieder alles in die Hände von Produzenten und Kunden geben? Dann wäre die Technologie der Internetgiganten schon wieder überflüssig.

Der Neoliberalismus scheint am Ende zu sein, allein schon, weil Protektionismus weltweit zunimmt. Marx betrachtet den Kapitalismus als komplexes System, das nicht stabil ist. Er beschreibt die verschiedenen Arten von Krisen: Da ist zunächst die Überproduktionskrise, die dadurch entsteht, dass es zu wenig Nachfrage für ein Übermaß an Gütern gibt. Es gibt einen weiteren Typ von Krisen, die dadurch entstehen, dass Gegenkräfte nicht wirken. Dadurch geht die Profitrate weiter zurück. Schließlich beschreibt Marx auch die Finanzkrise: Der Kredit nimmt überhand, Spekulationen blähen sich auf, dann platzt die Kreditblase und eine mehrjährige Rezession folgt. Marx Krisenprognose könnte für die industrielle Entwicklung zu früh gekommen sein. Sie könnte aber in einer digitalen Revolution wieder zum Zuge kommen. Die Digitalisierung beschleunigt die Volatilitäten und die globalen Interdependenzen der Finanzmärkte; die Informationsgüter verändern alles. Vgl. Paul Mason: Postkapitalismus, Berlin 2018, S. 83ff.

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern", Karl Marx.

"Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist", Wladimir Iljitsch Lenin, 1913.

6. Praktische Wirkungen: Marx´ Leben war interessant und bewegt. Seine bis heute bestehende Bedeutung beruht aber auf dem Einfluss seiner Ideen, also seinem Denken. Marx wurde als Philosoph gefeiert und zu einem Mythos gemacht, weil seine Werke die Welt entscheidend beeinflusst haben (Wirtschaftssysteme in Russland, DDR, Cuba, China, Nordkorea). Fleißige Leser waren Lenin, Stalin, Mao, Che Guevara und Fidel Castro. In Russland berief sich die Oktoberrevolution 2017 auf die Lehre von Marx. In China gehört Karl Marx als Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus zu den einflussreichsten Philosophen und politischen Theoretikern der Neuzeit (obwohl Mao zunächst glaubte, in der Agrargesellschaft "China" ginge das nicht). Zeitweilig lebte ja fast die Hälfte der Weltbevölkerung unter Regierungssystemen, die sich nach ihrem Anspruch auf seine Ideen gründeten. Noch heute ist in China Marx Bestandteil fast aller ökonomischen Curricula. Allerdings hat seine Lehre heute kaum Einfluss auf die tatsächlichen Organisationsprinzipien der Wirtschaft. Auch Friedrich Engels ist in China sehr bekannt. Viele Chinesen, die Deutschland besuchen, fahren nach Wuppertal zum Engels-Geburtshaus oder nach Trier zum Marx-Geburtshaus und -Museum. Theoretisch hat Marx neben Keynes die bedeutendste makroökonomische Analyse abgeliefert. In Deutschland haben die Ideen von Marx Einfluss auf die Entwicklung des Sozialismus, des Kommunismus und die Sozialdemokratie gehabt. Marx selbst glaubte, dass seine Wirkung auf Lassalle und Liebknecht immens gewesen sei. Dafür war Marx aber zu weit weg und diese beiden hatten beim Aufbau von ADAV und SDAP eigene Gedanken. Seine Ideen hatten sicher einen Einfluss. Nach dem Zusammenschluss von ADAV und SDAP 1875 zur Vorgängerorganisation der SPD übte Marx scharfe Kritik. Im Erfurter Programm von 1891 der SPD finden sich noch viele Forderungen von Marx, im Godesberger Programm von 1959 fehlen diese. Der Österreicher Victor Adler, ein Freund von Engels, gründet die Sozialdemokratische Partei Österreichs. Aber auch "die katholische Soziallehre steht auf den Schultern von Karl Marx" (Bischof Reinhard Marx, Kardinal von München; so auch der Jesuit und Sozialreformer Oswald von Nell-Breuning).  Der chinesische Künstler Wu spendet der Geburtsstadt von Karl Marx Trier im Marxjahr 2018 eine Statue (6,30m hoch auf 1,40m Sockel). Wu hat schon 500 Stauen historischer Persönlichkeiten angefertigt (Konfuzius in Peking, Laotse). Marx dürfte Mao in der Erinnerung überleben. Marx selbst hatte keine hohe Meinung von China. 1862 wird China als ein "lebendes Fossil" beschrieben, das in gewisser Weise exemplarisch sei, denn "die orientalischen Reiche zeigen uns beständig Bewegungslosigkeit im sozialen Unterbau, rastlosen Wechsel in den Personen und Stämmen, die sich des politischen Überbaus bemächtigen" Karl Marx, in: Die Presse, 7. Juli 1862, zitiert nach G. S. Jones: Karl Marx, Frankfurt 2017, S. 431.

"Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. in der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt", Karl Marx, MEW 23, S. 445. Marx erkannte genau die Vorteile von KMU.

"Marx rettete den Kapitalismus, indem er seinen Zusammenbruch ankündigte", Yuval Noah Harari in Homo Deus, München/ Beck 2017.

7. Eigene Vorträge bzw. Projekte:  Durch die historische Bedeutung und die Zusammenbrüche bzw. die Transformation der großen Planwirtschaften in China und Russland, die sich theoretisch mit dem Marxismus legitimierten, hatten sich Berührungsängste in der Wissenschaft und der Gesellschaft herausgebildet. Einige machten ihn zum Verantwortlichen für Millionen Tote. Kein Philosoph hat die Welt so gespalten in Anhänger und Gegner.  Also ist Marx in der Wissenschaft immer ein sehr schwieriges und sperriges Thema. Vgl. als aktuelle Literatur auch: Katja Kipping: Wer flüchtet schon freiwillig, Frankfurt/Main 2015. In der Vergangenheit habe ich immer wieder Vorträge zu Karl Marx gehalten (seine Auswirkung in China, "Keynes meets Marx" vor der Keynes-Gesellschaft, Marx in der deutschen Philosophie und Ökonomie an HS in China u. a). Gegenwärtig arbeite ich an Vorträgen bzw. Präsentationen über die aktuelle Bedeutung von Marx in China, die Paradoxie seiner Prognosen: einerseits richtig, andererseits nicht eingetroffen (Bedeutung einer mittelständischen Struktur der Wirtschaft; siehe Zitat oben und mein Vortrag bei Research) oder Bezüge zur heutigen digitalen Revolution. Interessant wäre im Weinbaustudiengang unserer Hochschule eine Analyse der Studien von Marx über die soziale Situation der Winzer an der Mosel ("notleidende Moselbauern"). Es handelt sich um Verteidigungen/ Rechtfertigungen von Artikeln in der Rheinischen Zeitung vom Januar 1843 in Köln , wo Marx als Redakteur arbeitete. Er macht sich zum Anwalt der Armen und greift die preußische Verwaltung an (Oberpräsident von Schaper). Beim Forum für Weltreligionen/Wien habe ich im Stift St. Florian bei Linz im September 2018 an der Donau einen Vortrag zum Thema "Chinesische Marxismusrezeption und die Beziehung zum Konfuzianismus" gehalten. Daraus ist ein Aufsatz entstanden, der 2019 veröffentlicht wird: Chinesische Marxismus-Rezeption und die Beziehung zum Konfuzianismus, in: Forum für Weltreligionen/ Uni Wien (Hrsg.): Monotheismus: Interreligiöse Gespräche im Umfeld moderner Gottesfragen, Hermann Stieglecker-Projekt, Wien 2019 (voraussichtlich Sommer). Das Wirtschaftsministerium von RLP hat 2019 einen Film drehen lassen, der bilderreich für das Land als Standort wirbt ("Rheinland Pfalz - offen für neue Ideen"). Knapp zweieinhalb Minuten dauert das Video. Die Karl Marx-Statue in Trier kommt auch vor, ebenso wie das Hambacher Schloss. Man hofft auf starke Wirkung in China (auch chinesischer Untertext).

Marx und Engels hatten eine sehr kritische Haltung zur Nationalökonomie der damaligen Zeit. Vgl. folgendes Zitat:

"Die einzigen Räder, die der Nationalökonom in Bewegung setzt, sind die Habsucht und der Krieg unter den Habsüchtigen, die Konkurrenz", Karl Marx, MEW, 40, S. 511.

8. Weiterlesen, um noch mehr zu erfahren (einige Tipps): Ganz hervorragend und kostenlos ist der Marx-Artikel in Wikipedia mit Fotos. Er ist wesentlich ausführlicher und genauer als meine kurze Darlegung hier. Im Mai 2018 findet in Berlin wieder der "MARX IS MUSS"- Kongress statt. Rudolf Walther: Wie viel Marx steckt im Marxismus? in: Blätter für deutsche und internationale Politik, März 2018. Christina Morina: Die Erfindung des Marxismus, Siedler 2017. Homann, Karl u. a.: Karl Marx - heute noch aktuell?, in Wirtschaftsdienst 2018/ 4, S. 227ff. Der Spiegel Edition Geschichte 1/ 2018: 200. Geburtstag Karl Marx. Thomas Kucynski: "Ich fürchte die Revolution nicht", in: Die Zeit, Nr. 17, 19.04.2018, S. 28. ZEITGeschichte: Marx und die Geburt des modernen Kapitalismus, 3/ 2018. Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit (Reclam, 6 Euro). Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx. Er war auf Kuba geboren (kreolische Wurzeln). In Maschinen sah er den "Erlöser", der dem Menschen "Muße und Freiheit schenken" werde.

Antworten von Marx in einem Fragebogen:

Ihre Lieblingsmaxime: Nihil humani a me alienum puto.

Ihr Lieblingsmotto: De omnibus dubitandum.

 

Die Genossenschaftsidee von F. W. Raiffeisen - Die ideale Organisationsform in einer digitalen und nachhaltigen Welt? (200 Jahre Raiffeisen-Jubiläum, mit Fokus auf Japan)

"Raiffeisen schrieb nicht das Kapital. Er verpflichtete es", Motto im Raiffeisen-Museum Flammersfeld. Anspielung auf den Unterschied zu Marx. Marx setzte eher auf Konfrontation, Raiffeisen auf Netzwerke und Konsens.

Raiffeisenbegegnungszentrum in Weyerbusch/ Westerwald. Hier war der erste Betätigungsort von Raiffeisen als Bürgermeister (im Kreis Altenkirchen im Norden von RLP). Dort entwickelte er die Idee eines Brotvereins, ursprünglich als Nothilfe für arme Bauern nach Missernten. Daraus entstand später die Raiffeisenbank als Genossenschaft (vgl. ausführlichen Text weiter unten). Hier beginnt auch die historische Raiffeisen-Straße. Genossenschaften erleben heute überall auf der Welt eine Renaissance im Finanzbereich  durch Wertewandel und Energiewende (insbesondere in Brasilien, Indien und Japan). Wahrscheinlich die meisten Besucher in den verschiedenen Gedenkstätten von Raiffeisen (Begegnungsstätte Weyerbusch, Geburtshaus und Deutsches Raiffeisenmuseum in Hamm/Sieg, Raiffeisenhaus Flammersfeld/ 2018 Bundespräsident) sind Japaner.  "Was einer allein nicht schafft, schaffen viele", F. W. Raiffeisen. Das ist heute auch der Grundgedanke der Crowd-Ökonomie (Crowd finance; Mikrokredite).

1. Zur Person und Geschichte: Die Raiffeisenidee geht auf Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurück, Sozialreformer und auch Kommunalbeamter. Er wurde 1818 in Hamm/Sieg geboren und starb 1888 in Heddesdorf/ Neuwied (kurz vor dem Ehrendoktortitel der Uni Bonn), wo auch sein Grab ist. Er wuchs ohne Vater auf, stark geprägt von seinem Onkel Seippel, der evangelischer Pfarrer in Hamm/ Sieg war. Raiffeisen musste den Militärdienst früh wegen eines Augenleidens aufgeben. In Weyerbusch/ Westerwald, wo Raiffeisen seine erste Bürgermeisterstelle hatte, entwickelte er 1845 die Idee des Brotvereins (Getreide für Arme auf Kredit; reiche Bürger sind Bürgen). "Er verteilte kein Brot. Er baute ein Backhaus" (Aufschrift im Raiffeisen-Museum Flammersfeld). Von dort ließ er die Historische Raiffeisenstraße bauen (heute B 256), damit die Bauern auch in den Städten verkaufen konnten. Die zweite Bürgermeisterstelle hatte er in Flammersfeld/Ww. Hier gründete er den Hilfsverein für bedürftige Landwirte. Dies war der Kern der Genossenschaft, die heute weltumspannend ist. Zuerst waren die Genossenschaften in der Landwirtschaft (Molkereien, Winzergenossenschaften, Verkaufs-Märkte). Wichtig war der sichere Preis für die Erzeuger. Er hat zwar kein großes Buch geschrieben, aber durch seine praktische Arbeit die Ökonomie beeinflusst wie kaum ein anderer Deutscher. Vgl. Ders.: Die Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter, Neuwied 1866. Das Buch geschrieben hat praktisch seine Tochter Amalie, die die Diktate ihres Vaters verwertete. Er ist in seiner Wirkung - auch international -  im Grunde genommen der größte deutsche praktische Ökonom nach Marx, wenn auch noch andere die Genossenschaftsidee vorangebracht haben (z. B. Hermann Schulze Delitzsch). Er ist im gleichen Jahr wie Marx geboren und erlebt heute eine große Renaissance (beide haben darin einen Berührungspunkt, dass sich Marx mit der Lage der Winzergenossenschaften an der Mosel seiner Zeit auseinandersetzte; Raiffeisen betrieb nach seiner Pensionierung auch eine Weinhandlung). In der Nazi-Zeit wurde Raiffeisen gegen das Judentum instrumentalisiert. Ihm war es aber um die Bekämpfung des Wuchers gegangen. Weitere Herausforderungen der Zeitepoche waren Missernten und die Realteilung. Vgl. ausführliche Darstellung in Wikipedia und auch Deutsche Friedrich-Wilhelm Raiffeisen-Gesellschaft e. V. Sie wurde 2012 im internationalen Jahr der Genossenschaften gegründet. Interessant auch folgende Institution: Akademie Deutscher Genossenschaften e. V. Montabaur ( www.adgonline.de ) "Man nennt die Vereine nach meinem Namen. Ich habe dieselben indes nicht erfunden. Der erste Verein war ein Kind unserer Zeit, aus der Not geboren. Ich habe nur die Patenstelle übernommen", F. W. Raiffeisen.

2. Organisationsform und Inhalt: Die Genossenschaft ist eine Gesellschaft von nicht geschlossener Mitgliederzahl, welche die Förderung des Erwerbs oder der Wirtschaft ihrer Mitglieder durch gemeinsamen Geschäftsbetrieb bezweckt (Olfert, Finanzierung, 2013, S. 265).  Prinzip war "Hilfe zur Selbsthilfe" (wie heute bei den Mikrokrediten). 1889 kam ein Genossenschaftsgesetz im Deutschen Reich, das zum Vorbild in vielen Ländern wurde (auch stark geprägt von Schulze-Delitzsch der im Reichstag saß; Gründer der "Schumacher-Assoziation" und von "Volksbanken"). Schultze-Delitzsch war ökonomischer ausgerichtet. Er stellte das Handwerk in den Mittelpunkt (Zusammenschuss Schwacher, Abbau von Fremdbestimmung).  Raiffeisen war Sozialreformer, Helfer der Armen, Vater des Raiffeisengedankens, Begründer der Genossenschaftsidee. Heute gibt es in Deutschland nicht nur die regionalen Raiffeisenbanken, sondern auch die Deutsche Zentrale Genossenschaftsbank (DZ, Berlin, Frankfurt) und die WGZ-Bank als überregionale Banken. Die Organe der Genossenschaft sind Generalversammlung, Aufsichtsrat, Vorstand. Genossenschaften sind Zusammenschlüsse vieler Personen, die ein Geschäft betreiben wollen. Vorrangig geht es nicht um Gewinn, sondern um Vorteile für alle Beteiligten. Das Credo der Genossenschaftsidee ist: Eigenverantwortung durch Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung.  Das Revolutionäre seiner Idee liegt darin, Kredite und Geschäftsanteile als soziales Bindemittel zu sehen. Kreditgeber und Kreditnehmer sind Mitglieder. Es herrscht Symmetrie der Macht. Die Mitglieder helfen sich selbst, es fließen keine Mittel an Investoren. Das Motto lautet "Hilfe zur Selbsthilfe", Mildtätigkeit reicht nicht aus. Menschen verfolgen nicht nur egoistisch wirtschaftliche Ziele, sondern können partnerschaftlich zusammenarbeiten und kooperieren bei Geschäftsprojekten. Das schont ganz erheblich Ressourcen. Die Genossenschaftsidee ist damit auch nachhaltig. Versucht man die Genossenschaftsidee auf den Punkt zu bringen, besteht sie aus drei Prinzipien: Selbstversorgung (Menschen nehmen ihre eigenen Interessen in die Hand), Selbstverwaltung (jedes Mitglied hat das gleiche Stimmrecht), Selbstverantwortung (alle Mitglieder haften für die Genossenschaft). Die Genossenschaft ist von der Finanzierung her ein Beteiligungsmodell. Jedes Mitglied zahlt in das Genossenschaftsvermögen ein und erhält Anteile. Sie bilden das Eigenkapital des Unternehmens. Jedes Mitglied hat eine Stimme unabhängig von der Höhe der Einlage (anders als bei der AG). Entscheidungen dauern länger, haben aber eine breitere Basis.  Genossenschaftlicher Bankensektor in Deutschland: Es gibt in Deutschland 2016 1026 Volks- und Raiffeisenbanken. Sie vertreiben Finanzprodukte und geben Kredite. Eigentümer sind 18 Millionen Mitglieder. Die Volks- und Raiffeisenbanken sind Eigentümer der DZ Bank, von schwäbisch Hall, Union Investment, Reisebank, R + V Versicherung und VR Leasing. Die Bilanzsumme der Volksbanken lag 2014 bei 788 Mrd. Euro. Die Zahl der Mitarbeiter betrug 158.700. Aber immer mehr Volks- und Raiffeisenbanken schließen sich zusammen. Gründe sind der wachsende Kostendruck, die aufwendigen Auflagen der EU und das dauerhafte niedrige Zinsniveau. 2016 ist die Zahl der Genossenschaftsbanken unter 1000 gerutscht. 70 Fusionen könnten noch bis 2017 (ab 2016) dazu kommen. Die Krisenstrategie läuft also über Fusionen.

3. Wirkung in der Praxis international sowie in der zukünftig digitalen und nachhaltigen Welt:  Aus Anlass des 150. Geburtstages Raiffeisens wurde 1968 im Rahmen des Welt - Raiffeisentages in Neuwied die IRU (Internationale Raiffeisenunion) gegründet. Ihr gehören heute 61 Mitgliedsorganisationen in 36 Ländern an.  Raiffeisen ist außerordentlich bekannt in Japan und Indien sowie Brasilien (auch in Österreich, der Schweiz, Tansania, USA, Kanada, Mexiko, Kolumbien; starker Tourismus aus diesen Ländern in den Wirkungsstätten). Im Jahre 2016 wird das Genossenschaftswesen als erste deutsche Kulturform in das Immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen (Antrag 2014). In Deutschland gibt es 2018 über 8000 Genossenschaften. In über 100 Ländern sind heute mehr als 900 Mio. Menschen in rund 900.000 Genossenschaften organisiert.  Heute wird die Idee auch im Energiebereich umgesetzt (Solarparks, Windparks; z. B. Maxwäll - Energiegenossenschaft).  Die Genossenschaftsidee ist Grundlage der Sharing Economy und anderer neogenossenschaftlicher Plattformen heute in der digitalen Revolution. Machtsymmetrie, Werteteilung der Kreditgeber, Schwarm, auch Mitgliedschaft und Mitsprache der Kreditnehmer, keine Gewinnorientierung passen ideal. Hierzu entwickele ich zur Zeit einen Vortrag, der die Möglichkeiten der Genossenschaftsidee in der digitalen Welt einschätzt. Die Genossenschaftsidee ist weiterhin ein Modell für nachhaltigeres Wirtschaften. "Das Geld des Dorfes dem Dorfe", Raiffeisen (Wertschöpfungsketten, die regional nachvollziehbar sind). Die Anreizstrukturen sind auf langfristiges, bedarfsorientiertes Wirtschaften ausgelegt. Genossenschaften haben eine soziale Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern. Das Genossenschaftswesen wurde im 19. Jahrhundert begründet, in einer Zeit mit revolutionär sich vollziehendem Umbruch. Säkularisierung, Bauernbefreiung, Aufhebung des Zunftzwangs boten neue Chancen, aber auch Risiken. Diese Zeiten des Wandels ähneln in ihren Auswirkungen den heutigen Veränderungen in der Digitalisierung.  Es wäre durchaus vorstellbar, die privatisierten, ehemals staatlich gemeinnützigen Unternehmen (Stadt- und Regionalverkehr, Krankenhäuser, Wasserwerke, E-Werke, Badeanstalten) wieder in Dasein vorsorgende Unternehmen umzuwandeln gemeinnützige Genossenschaften. Fast jeder zweite Anleger des Windkraftbetreibers "Prokon" will bei einer Genossenschaft mitmachen.  Das sind rund 36.000 Genussscheininhaber (keine Rückzahlung, stattdessen Investition). Das Genusscheinmodell war durch Insolvenz gescheitert. 973 Energiegenossenschaften waren Ende 2014 in Deutschland registriert. Die Genossenschaftsidee ist in der Globalisierung stark auf dem Vormarsch: 2004 gab es 5470 Genossenschaften in Deutschland. 2017 sind es mehr als 8000 (Banken-, Agrar-, Energie- und Wohnungssektor sowie Mikrokreditprogramme). Die Idee ist sehr erfolgreich in Japan, Indien und Brasilien. Weltweit gehören heute mehr als 1 Mrd. Menschen Genossenschaften an. Vgl. auch: J. Blome - Drees/ Ingrid Schmale: Genossenschaft innovativ. Genossenschaften als neue Organisationsform in der Sozialwirtschaft, Springer Verlag 2016. In der Pfalz ist die Pfalzmarkt-Genossenschaft am größten. Sitz ist Mutterstadt. Der Umsatz soll 2018 auf 150 Millionen Euro steigen. Derzeit 2018  gibt es 160 Mitarbeiter. Die bekanntesten Genossenschaften in Deutschland dürften 2017 Edeka, Rewe und Datev sein. Genossenschaften stellen auch ein Modell für die Nachfolge dar: Mitarbeiter können eine Genossenschaft gründen. 2019 warnt die Stiftung Warentest vor schwarzen Schafen bei Genossenschaften. Dubiose Geschäftemacher wollen das gute Image der Genossenschaften ausnutzen.

4. Focus auf Japan:  International ist die Genossenschaftsidee sehr verbreitet in Japan (noch bekannter als bei uns, seit dem deutschen Kaiserreich; weiterhin hat sie sich in Asien in China, Laos, Indien und Korea ausgebreitet). Japan hat immer noch 54 Atomkraftwerke. Japan war nach USA und Frankreich drittgrößter Atom-Produzent. Nach Fukushima 2011 waren alle Anlagen außer Betrieb. 2014 kommt die Rücknahme des Ausstiegs, weil Alternativen nicht reichen. Eine der besten Alternativen wären alternative Energieprojekte, genossenschaftlich organisiert. Die kollektivistische Kultur Japans wäre dafür gut geeignet. Tatsächlich erlebt die Genossenschaftsidee im Bereich alternativer Energien in Japan eine Renaissance. Im Jahre 2014 ist der Stand wie folgt: 10%; Sonne, Wind, Wellen, feuriger Untergrund; Quelle: WWF. Japan hat viele gute Voraussetzungen für die Nutzung alternativer Energie (bis 2050 Investitionen von 73 Mrd. Euro). Subventionierung vom Staat. Probleme:  Wassertiefe; feuriger Untergrund als Bäder und Heilquellen genutzt (Kultur, Shintoismus, Hygiene). Sonne und Wind. Flächenproblem/ dichte Besiedelung; Wellen. Netzmonopolisten speisen den sauberen Strom nicht ein (Zank über Bau von Stromtrassen). Schwierige Entscheidungsprozesse in Japan. Einfluss der Atom-Lobby. Kostenproblem. Vernetzung und Einkauf aufgrund der Insellage schwierig. Politische Konstellation (Konflikte mit China und Russland). Bevölkerung: Proteste haben nach Anstieg von Strompreis (Energiepreise in 3 Jahren um ein Viertel gestiegen) nachgelassen. Immer noch ist die Mehrheit aber gegen die Atomkraft. Hierzu habe ich eine ausführliche Power-Point-Präsentation (gezeigt bei der Energie-Arbeitsgruppe der HS Lu). Raiffeisenidee und Kollektivismus der Kultur in Japan passen hervorragend zusammen. Die engen Beziehungen des deutschen Kaiserreichs brachten das Raiffeisenmodell früh nach Japan. Die Energiewende führte zu einer Renaissance. Im Todesjahr von Raiffeisen wurde im fernen Japan ein Mann geboren, der in seine Fußstapfen trat: Toyohiko Kagawa (1888-1960). Er wollte sogar einen genossenschaftlichen Staat. Er wurde zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert. Er unterteilte die Genossenschaften in sieben Prinzipien: Versicherungsgenossenschaft, Produktionsgenossenschaft, Vertriebsgenossenschaft, Kreditgenossenschaft, gegenseitige Hilfsgenossenschaft, Versorgungsgenossenschaft, Verbrauchsgenossenschaft. Er ging davon aus, dass die Genossenschaften ihre Wirkung erst dann voll entfalteten, wenn sie das gesamte Wirtschaftsleben prägten und sich komplementär ergänzten. Vgl. Kurz, Carl Heinz: Toyohiko Kagawa. Der Samurai Christi, Brunnen Verlag 1955. Seine Gesamtkonzeption wird heute "Bruderschaftsökonomie" genannt. Der Kooperationsgedanke der kollektivistischen Kultur Japans (aber auch in anderen Ländern Asiens, siehe oben) passt idealerweise zur Raiffeisenidee.

"Was einer allein nicht schafft, schaffen viele", F. W. Raiffeisen.

 

"Vom Land der aufgehenden zum Land der untergehenden Sonne?": Der langsame Abstieg Japans in einer lang andauernden  ökonomischen Krise. Was können die EU und Deutschland daraus lernen?  Der japanische Kaiser schickte einst 600 n. Chr. eine Depesche an den chinesischen Kaiser. Er eröffnete diese mit dem Titel dieser Analyse: Der Himmelssohn vom Land der aufgehenden Sonne (Japan) an den Himmelssohn vom Land der untergehenden Sonne (China). Der Satz sollte Anspruch auf Gleichrangigkeit und Ebenbürtigkeit ausdrücken.  Den Satz habe ich sozusagen "geklaut" und ihn in zeitlicher Bedeutung auf Japan allein angewandt.

"Niemand hat Japan jemals beschuldigt, es einem leicht zu machen, Japan zu verstehen", Winston Churchill (britischer Premierminister, auch während des 2. Weltkriegs).

"Kuki wo Yomu": Einfühlungsvermögen, auf andere einzugehen. Kollektive Anpassungsbereitschaft. "Die Luft lesen": intuitiv erfassen, was die Umgebung denkt und will. Diese Eigenschaft gilt als die größte Stärke der japanischen Bevölkerung und Kultur. Als zweite wichtige kollektive psychologische Fähigkeit gilt die schnelle Rückkehr zum Alltag nach Katastrophen.

 Bild vom berühmten Thunfisch-Markt in Tokio (Tsukiji; auch Thunfisch-Auktion). Er muss 2018 nach mehr als 80 Jahren umziehen. Gründe waren die Enge und die Tausenden von Ratten, die sich in den Kanälen von den Fischabfällen ernährten. Viele Japaner wollen auch den alten Markt noch als Weltkulturerbe der Unesco erhalten, weil in dem Viertel viele Sushi - Kneipen, Nudelstände und Mini-Shops liegen. Nach langen Verzögerungen und vielen Querelen wird der neue Markt am 14.12.2018 wieder an anderer Stelle eröffnet. In erster Linie ziehen Groß- und Zwischenhändler ein. Direkt neben dem alten Markt werden die besten Messer der Welt verkauft.  Der Thunfischfang weltweit ist mittlerweile sehr umstritten wegen Überfischung. Seit den 60er-Jahren ist der Bestand an Blauflossenthunfisch um 97% zurückgegangen. Japan hat eine der größten Flotten. Es werden aber auch Thunfisch-Farmen in der ganzen Welt von Japan betrieben. Beim Walfischfang will Japan nicht zurückstecken und tritt ab 2019 aus der internationalen Walfang-Kommission aus. Japan erlaubt so wieder die kommerzielle Jagd. Walfischfleisch wird in Japan überwiegend von älteren Menschen gegessen, die diese Ernährung aus der Nachkriegszeit kennen. Der Thunfisch-Konsum und auch der Walfisch-Konsum sind als Gewohnheit fester Bestandteil der japanischen Kultur. Früher gingen die Männer noch täglich von Tür zu Tür und riefen: "Wal, frischer Wal!". Der Fischfang steht hier symbolisch für das Beharren auf Tradition, was den Menschen in Japan auch in der Wirtschaftskrise zugleich hilft und schadet (vgl. die Erläuterung weiter unten bei 2.). Am berühmtesten ist die jährliche Neujahrsauktion. 2019 ersteigert Kiyoshi Kimura, Chef der japanischen Sushi-Kette Sushi Zanmai, den teuersten Thunfisch: 2,7 Mio. € für 278 Kilogramm (als Werbung für seine Kette gedacht).

0. Vorgeschichte: Mit dem Plaza-Abkommen 1985 geriet das Exportwunder von Japan in Gefahr. Die Vereinigten Staaten fürchteten damals aufgrund des starken US-Dollar um ihre Wettbewerbsfähigkeit und einigten sich mit den damaligen G5-Staaten auf eine Aufwertung des japanischen Yen und der Deutschen Mark im Vergleich zur Weltleitwährung. Dadurch gerieten in den Folgejahren die japanischen Exportunternehmen unter Druck. Daraufhin weitete Japan seine Staatsausgaben massiv aus und die japanische Zentralbank  (BoJ) senkte die Leitzinsen.  Angetrieben durch die zunehmende Liquidität floss mehr Kapital an die Tokioter Börse. Diese expandierte wie auch der Immobilienmarkt. Auf den Boom folgte 1989 der große Knall (Börsencrash, Asienkrise). Es begann ein Jahrzehnt des Stillstands. Darauf folgen die "verlorenen Dekaden", wie man die Jahre nennt. 2001 wird aus dem äußerst erfolgreichen Miti das Meti (das aber nicht an die Erfolge anknüpfen kann; offenbar wirkt staatliche Industriepolitik vor allem bei stark aufholenden Volkswirtschaften). 2012 kommt dann Abenomics, das eine Belebung bringen soll. Seit 2013 forcierte die japanische Notenbank vor allem die Ankäufe von Staatsanleihen (das hat die EZB auch gemacht). Ihr Bilanzvolumen liegt 2018 bei rund 100 Prozent des BIP, 1990 waren es nur 9,3%. Das billige Geld nutzte vor allem den Reichen in Japan. Sie haben Immobilien in Tokio und investierten in den US-Aktienmarkt. Japans sparfreudige Mittelschicht hat mit fallenden Zinsen auf Bankeinlagen zu kämpfen. Statt 3,6% wie 1990 gibt es 2018 0,3% Zinsen.

1. Problem: Langsamer Abstieg: Japans Wirtschaft, die lange Zeit als unbesiegbar galt, befindet sich seit Jahrzehnten in einer Abwärtsspirale. Die Stagnation verändert den Alltag und die Gesellschaft in Japan, das sich tief greifender Reformen verweigert (zu langsamer Strukturwandel). Japan ist weit davon entfernt, eine neue Vision für das postindustrielle Zeitalter zu haben. Das Land ist nicht mehr Vorbild in der Forschungs- und Technologiepolitik (besonders die EU hatte Japan als Vorbild in der Industriepolitik). Es tut sich besonders schwer damit, sich von seinem überkommenen Erfolgsmodell zu verabschieden, sich zu erneuern und seine Wirtschaft umzubauen. Vgl. Wieland Wagner: Japan. Abstieg in Würde. Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt, DVA, München 2018. Was dieses Buch so interessant macht, ist, dass wir in Deutschland und Europa viel daraus für uns lernen könnten. Daten: Das Wirtschaftswachstum bleibt seit Jahrzehnten gleich, wächst leicht oder geht zu zurück. Die Gesamtverschuldung des Landes ist extrem hoch (ca. 230%). Die Investitionen sind zurückgegangen, der Konsum hält sich in Grenzen wegen der hohen Sparquote. Seit 2013 forcierte die japanische Notenbank vor allem die Ankäufe von Staatsanleihen. Ihr Bilanzvolumen liegt 2018 bei rund 100 Prozent des BIP, 1990 waren es nur 9,3%. Das billige Geld nutzte vor allem den Reichen in Japan. Sie haben Immobilien in Tokio und investierten in den US-Aktienmarkt. Japans sparfreudige Mittelschicht hat mit fallenden Zinsen auf Bankeinlagen zu kämpfen. Statt 3,6% wie 1990 gibt es 2018 0,3%.  Die radikale Handelspolitik von Trump trifft Japan sehr stark und zieht das Land weiter nach unten. Zum Glück kann ein Abkommen mit der EU ausgehandelt werden. 2018 kommt es zu einem Kurseinbruch japanischer Aktien.

2. Kultur als Rahmenbedingung der Stabilisierung:  Dass die japanische Gesellschaft an ihren ungelösten Herausforderungen nicht zerbricht, lässt sich vor allem auf kulturelle Rahmenbedingungen zurückführen . Die Japaner legen großen Wert auf Konsens und Harmonie (Quelle: Konfuzianismus). Vgl. meinen Aufsatz zur Kultur Japans: Das Japan - Paradoxon. Gedanken über den Zusammenhang zwischen Kultur und Wirtschaft anlässlich einer Japan-Reise, in: Update 6 (FH Mainz, Fb. Wirtschaftswissenschaften, SS 2008), Mainz  2008, S. 30 - 35. 2017 kommt ein Gesetz in Japan, dass dem Kaiser die Abdankung erlaubt. Damit kann Akihito die Krone an seinen Sohn Naruhito weiterreichen. Sollte Tochter Prinzessin Mako einen Bürgerlichen heiraten, muss sie vom Gesetz aus, den Hof verlassen. Das könnte das Ende des Kaisertums in Japan sein. Japans Kaiserenkelin Mako verlobt sich im September 2017 mit einem Bürgerlichen. Am 30.04.2019 wird Kaiser Akihito den Chrysanthemen-Thron aufgeben und seinem ältesten Sohn Prinz Naruhito überlassen. Das Ritual ist geprägt von prächtigen Kimonos, einem Eid auf die japanische Verfassung und den "Drei Heiligen Schätzen" (mystischer Spiegel, legendäres Schwert, Juwel; Symbole der 2600 Jahre alten Dynastie). Nach dem Shintoismus, der wichtigsten Glaubensströmung (Naturphilosophie) in Japan, stammt der Kaiser direkt von den Göttern ab. Der 126. Tenno von Japan besteigt den imposanten und aufwendig restaurierten Takamikura-Thron. Der 6,5 Meter hohe und acht Tonnen schwere Herrschersitz dient bereits drei japanischen Kaisern als Symbol der Machterlangung. Zweiter in der Thronfolge ist Prinz Akishino, der Bruder. Er hat vier Kinder, die jetzt an dritter Stelle in der Thronfolge stehen.

Wichtig für den Aufstieg war die Meiji-Restauration: Eine Phase in der Geschichte Japans, die als Vorbild für den Aufstieg Asiens insgesamt gilt. 1868 (vor 150 Jahren) wurde der "Fünf-Artikel-Eid" unterzeichnet. Es handelt sich um ein Regierungsprogramm, das Japan den Anschluss an die übrige Welt ermöglichen sollte. Zum ersten Mal brach ein asiatisches Land ins Zeitalter des Fortschritts, der Technik und der Industrie auf. Bislang hatte nur Hierarchie und Tradition gegolten, ebenso Abschottung von der Welt; jetzt war die politische, geistige, gesellschaftliche und wirtschaftliche Öffnung angesagt. Sinn war aber auch die Bewahrung und Selbstbehauptung von Monarchie und Staat. Sehr stark war in dieser Zeit der Einfluss des kaiserlichen Deutschlands. 1878 bekam die japanische Armee einen Generalstab nach preußischem Vorbild. Auch die japanische Verfassung ließ sich von Preußen inspirieren. Japan erhält so eine effiziente Verwaltung, zeitgemäßen Postdienst, öffentliches Schulwesen. Die Wehrpflicht wird eingeführt. Die Fundamente einer modernen Industrie werden gelegt.  Es war der Aufbruch in eine multipolare Welt. Japan ist bis heute Modell für den Aufstieg anderer Länder  in Asien. Deng Xiaoping folgte dem Rezept in China. Die Tiger-Staaten orientierten sich auch daran. Vgl. auch: Jan Ross, Als Japan preußisch wurde, in: Die Zeit, Nr. 9, 22.02.2018, S. 22. Der Strukturwandel im Land bringt viele Probleme mit sich. Die starke Zunahme prekärer Beschäftigungsformen steht im Widerspruch zur hohen Bedeutung der Arbeit. Die Rolle der Frau und ihr Wandel belastet viele Frauen. Viele wollen als Singles in den großen Städten leben.  Die starke Verflechtung zwischen Wirtschaft und Politik verhindert wichtige Reformen. Die Parteien sind sehr zerstritten. Die Solidarität in der Gesellschaft bröckelt.

Wichtig für die Stabilität im Abstieg ist "Nemawashi": der japanische Ausdruck für das allgegenwärtige Streben nach Konsens und Harmonie gilt als einer der Hauptgründe für den wirtschaftlichen Aufstieg nach dem 2. Weltkrieg. Dieses System verlangt sehr viel Kommunikation und ist extrem zeitintensiv. Shitsurei - Entschuldigen Sie. Das Senioritätsprinzip wird traditionell immer noch hoch geschätzt, wenn es auch in großen internationalen Unternehmen im Abbau begriffen ist Es geht wie Gruppengeist und Loyalität unter anderem auf die Samurai zurück, die auch die Gründer einiger  erfolgreicher Firmen waren (z. B. Honda, Mitsubishi). Andererseits hat die Individualisierung der Gesellschaft alle Industriestaaten ergriffen und auch Japan wird sich dieser Entwicklung nur bedingt entziehen können. Vgl. auch Wieland Wagner: Die Luft lesen, in: Der Spiegel 1/2019, 29.12.2018; S. 84ff.  "Der Gewalt auszuweichen ist Stärke", Laotse. 2017 muss sich in einer japanischen Schule in Japan eine Schülerin die Haare ganz schwarz färben. Die Schulleitung beruft sich auf die geltende Regel der Uniformität. Die Eltern der Schülerin gehen vor Gericht.

Aber auch der Konfuzianismus, der generell das Herrschaftssystem in Japan legitimiert, sorgt für eine Grundstabilität. Vgl. Krämer, Werner: Chinesische Marxismus-Rezeption und die Beziehung zum Konfuzianismus, in: Forum für Weltreligionen/ Uni Wien (Hrsg.): Monotheismus: Interreligiöse Gespräche im Umfeld moderner Gottesfragen, Hermann Stieglecker-Projekt, Wien 2019 (voraussichtlich Sommer).

3. Theoretische ökonomische Analyse: Säkulare Stagnation (Secular Stagnation): Das Wirtschaftswachstum eines Landes bleibt über einen längeren Zeitraum sehr gering. Das trifft auf Japan zu. Ursachen dafür können sein: Fehlende Investitionen, hoher Entwicklungsstand (Sättigung), steigende Einkommensungleichheit, geringer technischer Fortschritt, geringes Bevölkerungswachstum. Die Zinssätze liegen nahe Null und die Nachfrage fällt aus. Hinzu kommen als Faktoren falsche Statistik (China; Zahlen in der Internetökonomie irreführend), Schuldenfalle und zunehmender Nationalismus. Vgl. Thieß Petersen: Säkulare Stagnation, in: WISU 1/2016, S. 52ff. Der Begriff wurde von dem Ökonomen Alvin Hansen während der Großen Depression geprägt. Er wurde dann von Larry Summers und Paul Krugman wieder aufgegriffen. Die eigentlich Hypothese der Säkularen Stagnation wird aber dem US-Ökonomen Robert Gordon zugerechnet.  "Das Anwerfen der Notenpresse und kreditfinanzierte Konjunkturprogramme leisten neuen Finanz- und Schuldenkrisen Vorschub", Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank, 2016 (s. Wiwo 37, 9.9.16, S. 41). Hinzu kommen noch andere Einflussfaktoren, die im Folgenden erläutert werden:

4. Überalterung (Bevölkerung): Japan ist zur Zeit die älteste Nation der Welt (Prognose: in den nächsten 50 Jahren soll die Bevölkerung um 40 Mio. abnehmen, bis 2050 soll der Anteil der über 65-Jährigen von heute 21% auf 41% wachsen!). 2005 ist die Bevölkerung erstmals seit dem 2. Weltkrieg geschrumpft; Bevölkerungsdichte: 336 je qkm. Nur noch knapp 17 Mio. sind unter 15 Jahre alt. Ein Viertel der Japaner ist 2011 über 65 Jahre alt. Gut ein Viertel der Bevölkerung sind 2017 65 Jahre und älter. 2030 sind nur noch 57% aller Japaner im erwerbstätigen Alter. Die älteren Menschen werden also gebraucht. In Japan arbeiten so viele Senioren wie in keinem anderen wohlhabenden Land. Von 34 Mio. Rentnern haben 2016  12,6 Mio. einen Job.  Einflussfaktoren sind Geld, Arbeitsethos (vollen Einsatz für den Job) und die Ehefrau (strenge Arbeitsteilung der Geschlechter). Immer wieder tauchen Nachrichten über einzelnen Diskriminierungen auf. Der Rollenwandel der Geschlechter hat sich in den Institutionen noch nicht durchgesetzt.

Migration (Migrationspolitik): Immigration ist in Japan eher ein politisches Tabu (in einem Projekt haben wir mal die Migrationsrentabilität in Japan versucht einzuschätzen). Ausländische Facharbeiter in ausgewählten Branchen bekommen ein Visum. Viele Asylbewerber dürfen aber nach Ablehnung ihres Antrages bleiben. Auch Studenten aus China arbeiten mit Studentenvisum im Niedriglohnbereich. In den letzten drei Jahren (von 2016 an) ist die Zahl ausländischer Arbeitskräfte um 40 Prozent gestiegen auf knapp eine Million. Bis 2020 fehlen allein 300.000 Altenpfleger. Hierfür wird ein Trainee -Programm für Arbeitskräfte aus Vietnam, Indonesien, Thailand, Nepal und China aufgebaut. Früher entledigte man sich in Japan auf "elegante" Weise von den alten Menschen. Ab einem bestimmten Alter wurden sie in den Bergen ausgesetzt. Das war in der Regel der sichere Tod.

Seit 2018 gilt plötzlich Zuwanderung als probates Mittel, um bei nur 2,4% Arbeitslosigkeit den Arbeitskräftemangel zu bekämpfen. Nepalesen, Filipinos, Taiwanesen und Chinesen dürfen als Arbeitskräfte einreisen, fünf Jahre bleiben und müssen das Land dann verlassen. Diese Maßnahmen sind in Japan  umstritten, weil der Durchschnittslohn gedrückt wird, die Infrastruktur für Ausbildung belastet wird und die medizinische Hilfe nicht verweigert werden kann. Vgl. WiWo 7, 8.2.2019, S. 79. Ab 2019 öffnet sich Japan noch stärker für ausländische Arbeitsmigranten. Neue Visa -Regeln treten in Kraft. Mehrere hunderttausend Gastarbeiter sollen ins Land gelockt werden, vor allem aus den Nachbarländern China, Indonesien, Philippinen oder Vietnam. Ein erster Visa - Typ erlaubt Ausländern mit einfachen Japanischkenntnissen und bestimmten Jobfähigkeiten eine Beschäftigung bis zu fünf Jahren. In vierzehn Sektoren dürfen aber Familienangehörige nicht mitgebracht werden. Ausländische Arbeitskräfte mit höherer Bildung und Spezialkenntnissen in den Sektoren Häuser- und Schiffsbau können ihren Aufenthalt verlängern und auch ihre Familienangehörige ins Land holen..

5. Wandel in Verteilung und Wohlstand: Mit der Entwicklung in der säkularen Stagnation wird der jungen Generation doppelt geschadet. Denn sie leidet auch unter der schon lange andauernden (seit den 1980er Jahren)  Politik des billigen Geldes: Früher galt Japan als gerechtes Land, wo sich alle als Teil der Mittelschicht sahen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Die Mittelschicht erodiert. Für immer mehr junge Menschen sind Haus, Familie, Auto und Urlaub nicht mehr finanzierbar. Die reichen Japaner, die wie in anderen Ländern auch immer reicher werden, profitieren von Spekulationen und Anlagen auf den Finanzmärkten (Aktien, Immobilien). Die Geldschwemme schwächt auch die Innovationskraft der Wirtschaft und zeigt sich auf dem Arbeitsmarkt (Prekarisierung und weniger gute Stellen). Der Anteil prekärer Beschäftigungsverhältnisse hat sich von 20% im Jahr 1990 auf 37% 2018 fast verdoppelt. Das drückt noch mehr die Geburtenrate mit drastischen Folgen für Sozial- und Gesundheitssystem. Die EU sollte gewarnt sein. In der Familie herrscht noch immer das alte Rollenverständnis vor: Mann arbeitet, Frau macht den Haushalt. Weil viele Frauen der jungen Generation dies ablehnen, bleiben sie lieber Single und leben eher anonym in Großstädten. 

6. Risse im Finanzsystem: Die Löhne stagnieren, die Vermögenswerte expandieren, die Staatsschulden explodieren. In der Geldpolitik, die seit Anfang 1999 auf Nullzinsniveau ist, gibt es offenbar keinen Rückwärtsgang. Die "deflationäre Mentalität" hemmt den Konsum der Kunden und die Investitions- und Innovationslust der Unternehmen. Die notwendigen Investitionen finanzieren Unternehmen aus dem Cashflow und legen den Rest auf die hohe Kante. Das Kreditvolumen wuchs bei Immobilien rapide. Für die Notenbank zu schnell. Seit 2018 vergeben die Banken Hypothekenkredite selbst bei Eigenbedarf nur noch an Kunden mit bester Bonität. Die Hälfte aller Staatsschulden wanderte in die Bilanz der Notenbank. Der Staatshaushalt wird voraussichtlich bis 2027 in den roten Zahlen bleiben. Die Geldinstitute des Landes stießen japanische Staatsanleihen ab und kauften ausländische Vermögenswerte (führend dabei die Postbank, die die meisten privaten Sparer hat). Vgl. Fritz, Martin: Der alarmierende Riss im japanischen Finanzsystem, in: WiWo 35, 23.8.2019, S. 18f.

7. Umwelt, d. h. Naturkatastrophen und unzureichende Energiewende: Das Land liegt in einer Erdbebenzone. Immer wieder kommt es zu schweren Erdbeben. Das Jahrhundert-Erdbeben 2011 verbunden mit einem Tsunami richtet große Schäden an und tötet viele Menschen. Zwei Atomkraftwerke werden schwer beschädigt. In Fukushima  treten nach einer Explosion radioaktives Cäsium, Jod, Plutonium und Strontium aus. Mehrere Meiler geraten außer Kontrolle. In der Erdbebengegend sind auch Halbleiter- und Autowerke betroffen, die abgeschaltet werden müssen. Die Produktionsausfälle sind hoch. Sie werden verschärft durch einen massiven Strommangel und Energiemangel insgesamt. Besonders betroffen ist die Lebensmittelindustrie. Die Fischerei in dem Gebiet steht vor dem aus. Japan kann seine Abhängigkeit von der Atomenergie nicht beheben und schafft die Energiewende nicht. Das schadet letztendlich auch der Entwicklung des Landes. Bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio möchte die japanische Regierung die strahlenden Reste von Fukushima aus dem Blickfeld schaffen. Doch die Frage ist wie. Ein Ablassen in den Pazifik käme einer Katastrophe gleich. Aus der verpassten Energiewende sollte Europa seine Lehre ziehen.

8. Zwischen Handelsrestriktionen der USA unter Trump und der Außenwirtschaftsstrategie Chinas in der Zange: Die Transpazifische Partnerschaft (TPP) ist eine kleinere Alternative zur FTAAP. Möglichst bis 2015 wollten die USA und Japan dies umsetzen ohne China (12 Länder, darunter auch: Kanada, Australien, Südkorea, Mexiko, Malaysia, Chile, Peru, Neuseeland, Singapur, Vietnam); 0,8 Mio. Menschen, Gesamtexporte 5,5 Mrd. Dollar, WTO/ IMF). Die Gespräche auf Hawaii scheitern Mitte 2015. Mitte Oktober 2015 erzielte man Einigkeit. Das Vertragswerk umfasst 30 Kapitel. 18.000 Zölle und andere Handels- und Investitionshemmnisse sind betroffen. Auch die Harmonisierung von Umweltschutz- und Arbeitsschutzmaßnahmen ist vorgesehen. In Asien gibt es dagegen so gut wie keinen Widerstand. Mit dem Amtsantritt von Trump ist das Abkommen aber auf Eis gelegt.

Japan hat auch großes Interesse an einem Handelsabkommen mit der EU. Die Verhandlungen laufen schon seit 2013. Sie sollen schnell zu Ende gebracht werden, nachdem beide Regionen in Bezug auf die USA gescheitert sind.  Ziel ist der G20-Gipfel am 07.07.17 in Hamburg. Man einigt sich aber erst im Dezember 2017: Zölle werden abgebaut. Das Abkommen tritt 2019 in Kraft. Das BIP in Deutschland könnte um + 20 Mrd. € wachsen (Ifo-Institut, München). Für Japan ist die EU drittgrößter Handelspartner; für die EU ist Japan sechstgrößter Handelspartner. Am 17.07.2018 schließen die EU und Japan (Jefta) ein Freihandelsabkommen. In Anbetracht der Handelspolitik der USA unter Trump gibt es kaum Widerstände. Das Abkommen steht für 30% des Welthandels und 25% aller Exporte. Es wird Jefta genannt. 99% aller Zölle sollen wegfallen. Es soll 2019 in Kraft treten (genau am 01.02.2019). Kameras und Motorräder dürften in Europa billiger werden. Die Landwirtschaft der EU könnte mehr nach Japan exportieren (z. B. Wein, Schweine, bestimmte Käsesorten). Es ist die größte Freihandelszone der Welt. 635 Mio. Menschen sind ökonomisch verbunden. Die EU und Japan haben zusammen knapp ein Drittel der Weltwirtschaftsleistung.

2016 plant Asien eine weitere Freihandelszone, nämlich RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership). Der Anteil an der Weltwirtschaftsleistung betrüge 30,5%, der Anteil an der Weltbevölkerung 47,9%. Mitgliedsländer wären China, Indien, Süd-Korea, Japan, Indonesien, Australien, Myanmar, Vietnam, Laos, Thailand, Kambodscha, Philippinen, Malaysia, Singapur, Brunei. Ansonsten setzt Japan stark auf bilaterale Abkommen.  2018 wollen die USA mit Japan ein Freihandelsabkommen außerhalb von TPP abschließen. Japan will vor allem seine Autoindustrie schützen. Lieber wäre Japan aber TPP.

China hat einen historischen Nachholbedarf in seiner Außenwirtschaft (mandschurische Machtübernahme 1647, Opiumkrieg 1839 als Traumata). Bis 1000 n. Chr. noch musste Japan Tributschiffe nach China schicken. "Made in China 2025" soll die Hochtechnologie sichern und die Führung anstreben aufgrund eines schuldengetriebenen Entwicklungsmodells. Das aber wollen die USA um jeden Preis verhindern. Im Grunde genommen will China sich weiterhin erfolgreich in der globalen Lieferverflechtung positionieren. In diesem Zusammenhang sind Zölle ein Mittel der politischen und wirtschaftlichen Rivalität. Unter zu erwartenden Konfliktbedingungen ist die Sicherung der Lieferkette entscheidend dafür, die Rivalität auszuhalten bzw. siegreich zu beenden. Die Digitalisierung verändert die Transaktionskosten und die Industriestruktur. Durch das Dominanzstreben Chinas wird Japan in Asien und in der Welt zurückgedrängt. China strebt sicher seine frühere historische Dominanz wieder an. Japan leidet auch unter Produktionsverlagerungen nach China. Es wird für Japan schwierig, aus dem Aufstieg Chinas optimal zu profitieren.

Im Juni 2019 findet ein G20-Gipfel in Osaka/ Japan statt. Zuerst treffen sich Finanzminister und Notenbankchefs. Sie einigen sich auf die Einführung einer Besteuerung von Digitalunternehmen nach Nutzern bzw. Konsumenten. Traditionalisten in Japan wollen westlichen Medien die "korrekte" Nennung japanischer Namen vorschreiben. Shinzo Abe sieht sich in der Rolle als "Dealmaker" (Japan ist entschlossen, die freie, offene und regelbasierte internationale Ordnung zu bewahren"). Bisher macht er allerdings durch eine außerordentlich nationalistische Politik von sich reden (Nippon wo torimodosu: "Japan zurückholen"). Vielleicht kann er seine Golfbrüder-Beziehung zu Trump ja positiv nutzen. Er hofft auch China von Subventionen seiner Industrie abzubringen. Japan vermeidet in Handelsabkommen konkrete Bestimmungen und Regeln.

9. Verallgemeinerung und Übertragung (Generalisierung auf andere Länder); Japan-Syndrom (Japanisierung): Lahmen des Wachstums, Deflation, ständige Turbulenzen an den Finanzmärkten (hohe Volatilität), Crash auf einzelnen Märkten (z. B. Immobilienmarkt), Kluft zwischen Arm und Reich vertieft sich (keine Inklusion), "säkulare Stagnation" (Larry Summers), geringe Unternehmensinvestitionen. Seit mehr als 20 Jahren kämpft Japan gegen die Wirtschaftsflaute. Hauptinstrumente waren hohe Verschuldung der öffentlichen Hand und Nullzinspolitik von Zentralbank/ Finanzministerium (die Notenbank ist nicht unabhängig; im Prinzip klassische Keynesianische Politik trotz Liquiditätsfalle). Seit 20 Jahre liegt der Leitzins nahe bei Null. Das Wirtschaftsprogramm von Premierminister Abe, das 2013 begann und Abenomics genannt wird, treibt die beiden Instrumente auf die Spitze. Kurzfristig zeigten sich mal Erfolge in konjunktureller Hinsicht, mittel- und langfristig scheint das Programm zu verpuffen. Was in jedem Falle die Wirkung ist: Der Verfall von Immobilienpreisen und anderen Vermögenswerten kann gestoppt werden. Damit werden die Folgen der Fehlinvestitionen der Reichen abgefedert. Die Zeche zahlen müssen die Armen über ihre Steuern. Insofern kann man bei Japan gut sehen, was der EU bevorsteht. Vgl. H. W. Sinn: Man schaue sich Japan an, in: Die Zeit Nr. 17, 14. April 2016, S. 28. Ausgangspunkt der Entwicklung war die Liquiditätsfalle (Zinsfalle), wie Keynes sie schon beschrieben hat. Die jüngste Neuerung in der japanischen Geldpolitik ist die Steuerung der Zinsstrukturkurve, die am 21. September 2016 angekündigt wurde. Das Ankaufsziel wird aufgegeben und die Zinsstruktur soll gesteuert werden (Nachhaltigkeit).  Immer mehr zeigt sich in Japan, was lockere Geldpolitik anrichten kann. Von den Maßnahmen der Notenbank haben vor allem Alte und Reiche Vorteile (der Unterschied zwischen Arm und Reich hat stark zugenommen, unproduktive Unternehmen überleben, ältere Menschen haben sicherere Jobs, gespart wird bei jüngeren Menschen). Die EU ist Japan in vielen Punkten gefolgt und kämpft heute mit ähnlichen Folgen. Die Regierung führt 2017 eine originelle Regelung ein, um den Konsum in Japan anzuregen. Einmal im Monat soll es einen Premium-Freitag geben, an dem die Japaner um 15.00 Uhr aufhören zu arbeiten, damit sie Zeit haben, ihr hart verdientes Geld auszugeben. 2018 spricht man von einer Japanisierung der Euro-Zone. Mit der lockeren Geldpolitik hat die EZB zwar Banken und Unternehmen gerettet. Aber die Bürger müssen dafür zahlen.

1989 schieb der japanische Management-Guru Ohmae Kenichi: "Europe does`nt matter" (gleichnamiger Aufsatz). Er meinte damit, Europa spiele im weltweiten Wettbewerb keine Rolle mehr. Ironischerweise begann im gleichen Jahr der Abstieg Japans. Der US-Ökonom Kenneth Rogoff, Harvard und IWF, erklärte Europa nach der Finanzkrise 2009 zum "Ground Zero", also der Verwüstung preisgegeben. Just begann mit dem Amtsantritt von Trump eher der Abstieg der USA. Man muss also vorsichtig sein mit Abstiegsprognosen über die EU. Bisher hat die EU ihre Schwächen immer zu Stärken umgewandelt und ist wieder auf die Füße gefallen. Dazu gehören Vielfalt (technisch, sozial, kulturell), Geschichte und Tradition. Vgl. Heuser, Uwe Jens: Zum Glück chaotisch, in: Die Zeit Nr. 25, 13. Juni 2019, S. 17.

Nach jahrelangem Aufschwung steht die deutsche Wirtschaft 2019 vor härteren Zeiten. Das Wachstum lässt nach, die Inflation steigt. Die erschlaffende Konjunktur im Ausland, insbesondere in China, machen der deutschen Wirtschaft zu schaffen. Zunehmender Protektionismus, von Trump ausgelöst, und der Brexit verheißen nichts Gutes. Es könnte eine Stagflation drohen. Hinzu kommt die Demographie (die Erwerbsbevölkerung schrumpft; der Fachkräftemangel steigt an). Sie ist auch mit ein Grund für die sich öffnende  Schere von Wachstum und Inflation. Wenn Deutschland nicht mehr Wachstumslokomotive in der EU ist, können auch Nachbarländer nach unten gezogen werden. Die EZB steckt in einem Dilemma: Inflation durch höhere Zinsen bekämpfen oder die Rezession durch niedrige Zinsen. Deutschland hat sicher nicht die Stabilität durch die Kultur wie sie in Japan herrscht. Allein schon die AfD ist ein Sammelbecken für Unzufriedene. Die Dichotomisierung bzw. der Konflikt  zwischen Kosmopoliten, den Profiteuren der Globalisierung, und  den national orientierten Populisten  ist kaum lösbar.  Ein Abschwung ist wahrscheinlich; offen ist, ob daraus eine Rezession erwächst. Die höheren Leitzinsen in den USA (weitere Erhöhungen sind angekündigt) entfalten zusätzlich bremsende Wirkung. Die Inlandsnachfrage wirkt dem entgegen (Boom am Bau, Kauffreude der Konsumenten). Die Investitionen der Unternehmen werden durch die Unsicherheiten gebremst.

Bei der Bundesanleihe in Deutschland spricht man auch mittlerweile von einer Japanisierung. Erstmals seit Jahrzehnten sind die Renditen für deutsche Staatsanleihen über alle Laufzeiten hinweg niedriger als die japanischen Staatsanleihen. Mit einem verwalteten Vermögen von rund 1,2 Billionen Euro ist der japanische Government Pension Investment Fund (GPIF) einer der größten Pensionsfonds der Welt. Wegen der anhaltenden Niedrigzinsen in Japan seit 2012 hat der Fonds seine Staatsanleihenquote von ca. 60% auf 35% reduziert und die Aktienquote von 24 auf 50% erhöht. Doch diese Strategie birgt ein hohes Risiko: Im vierten Quartal 2018 brach der GPIF um neun Prozent ein. Dieses Schicksal könnte auch deutschen Pensionsfonds bevorstehen. Institutionelle Anleger dürfen nicht zu stark aus den Niedrigzinsen rausgehen und Aktien bevorzugen. Zunehmend ist die Finanzaufsicht Bafin auf den Plan gerufen. Vgl. Handelsblatt, Wochenende 17.-19. Mai 2019, S. 27.

10. Politik: Japanische Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Krise (Abenomics, Abe-Economics): Mittlerweile spricht man seit 2013 von Abenomics (Abe-Economics). Gemeint ist eine Wirtschafts- und Finanzpolitik, die auf Ausweitung der Geldmenge, Abwertung der Währung und öffentliche Investitionen setzt (genauer: Baustein 1 radikale Geldpolitik, um künstlich Inflation und Abwertung herbeizuführen; Baustein 2 schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme; Baustein 3 strukturelle Reformprogramme zur Erhöhung der Steuereinnahmen und Deregulierung des Arbeitsmarktes: vollständige Integration der Frauen, gerechtere Bezahlung der Jugendlichen im Niedriglohnbereich). 2013 zeigen sich erste positive Effekte (Exportanstieg, Wachstum). Die Regierung beschließt im Oktober 2013 konkrete Maßnahmen: Erhöhung der Mehrwertsteuer von 5 auf 8% ab April 2014. Konjunkturpaket in Höhe von 38 Mrd. €. Die Stimmung verbessert sich deutlich im Lande, so dass zum ersten Mal seit langem mehr Wirtschaftswachstum geschafft wird. Der Yen bleibt schwach (was wegen der Exporte gewollt ist). Ende des Jahres 2013 wird noch ein Konjunkturprogramm in Höhe von 134 Mrd. € aufgezogen (auch gegen restriktive Wirkungen der Verbrauchssteueranhebung, Wachstum langsamer im dritten Quartal 13). Die Verbrauchssteueranhebung für 2015 auf 10% dürfte wegen der schlechten Wirtschaftslage verschoben werden (auf 2017).  Um den Haushalt mittelfristig zu konsolidieren wäre eine Mehrwertsteuer von 23 Prozent notwendig. Am 18.11.14 tritt Abe wegen der Rezession zurück (dürfte aber im Dezember wieder gewählt werden, was dann auch passiert). Damit ist die schuldenfinanzierte Wirtschafts- und Wachstumsstrategie des leichten Geldes im Prinzip gescheitert. Der versprochene Haushaltsausgleich bis 2020 ist nicht mehr zu schaffen. Mit einem massiven Konjunkturprogramm will die neue japanische Regierung ab 2015 die Wirtschaft wieder in Schwung bringen (3,5 Billionen Yen/ 24 Milliarden Euro). Die wichtigsten Elemente sind Unterstützung für den Mittelstand, für Verbraucher und die Opfer von Naturkatastrophen. Auf dem G7-Gipfel in Ise-Shima am 26.05.2016 versucht Premier Abe, die anderen Länder für einen "konzentrierten Push" zu gewinnen. Der Staat soll massiv in Infrastrukturprojekte investieren. Bei Merkel ist er schon abgeblitzt. Knapp die Hälfte der japanischen Steuereinnahmen und ein Viertel des Haushalts  2016 fließen in die Schuldentilgung.  "Abenomics hat bisher nur die Gewinne exportorientierter Unternehmen erhöht", Ökonomieprofessor Yasuo Goto 2016 (Die Zeit, Nr. 30, 14.07.16, S. 26).  Der japanische Ökonom Takuro Morinaga will 2013 eine Steuer für gut aussehende Männer einführen, um die Geburtenrate zu heben. Begründung: Schöne Männer hätten es beruflich leichter und verdienten im Schnitt mehr. Sie seien von Frauen umschwärmt, würden aber nur wenig Kinder zeugen. Die Steuer soll die Attraktivitätslücke schließen. Beurteilen soll eine Damenjury der Steuerbehörde. Die Regierung führt 2017 eine originelle Regelung ein, um den Konsum in Japan anzuregen. Einmal im Monat soll es einen Premium-Freitag geben, an dem die Japaner um 15.00 Uhr aufhören zu arbeiten, damit sie Zeit haben, ihr hart verdientes Geld auszugeben.

11. Übrige Politik Japans (Reaktionen) und Zukunft: Ende Oktober 2018 kündigt Japans Regierungschef Abe an, dass er mehr Kooperation mit China will. Er spricht von "einem historischen Wendepunkt" auf dem ersten Gipfel beider Staaten in Peking. Möglichkeiten der Zusammenarbeit sieht er bei der Infrastruktur, der Logistik, bei Gesundheit und Finanzdienstleistungen. Einige Wirtschaftsabkommen wurden unterzeichnet. Auch beim Thema "Nordkorea" will man zusammenarbeiten. Kooperationen im Bildungsbereich hat es immer wieder zwischen beiden Ländern gegeben. Viele Führungskader von Partei und Ministerien in China wurden in der Vergangenheit in Japan ausgebildet. Anfang November 2018 besuchte Wirtschaftsminister Peter Altmaier Tokio vor dem Asien-Pazifik-Gipfel. Er trifft seinen Amtskollegen Hiroshige Seko. Auch ein Treffen mit Abe ist geplant. In Anbetracht des Wandels der US-Handelspolitik wollen beide Länder enger zusammenarbeiten. Die führenden Länder der Weltwirtschaft, zu denen auch Japan noch gehört, richten sich strategisch neu aus (ausgelöst durch den radikalen Wandel der US-Handelspolitik und der US-Außenpolitik insgesamt). Die Frage ist allerdings, ob Japan eine langfristige Strategie hat, vergleichbar der Chinas. Man hört zu oft den Satz: "Bis zu den Spielen", womit die Olympischen Spiele 2020 gemeint sind. Das wäre viel zu kurzfristig gesehen. Hinzu kommt noch, dass Japan hier vor einer Blamage steht. Japans NOK-Chef Tsunekazu Takeda zieht sich aufgrund Korruptionsvorwürfen aus seinen Ämtern zurück. Ungeklärte Fragen bleiben: Wofür wurden Millionen US-Dollar an eine Firma in Singapur gezahlt. Die Korruptionsvorwürfe finden kein Ende, zusätzlich explodieren noch die Kosten..

Japan leidet auch in Zukunft unter der Überalterung seiner Gesellschaft, anhaltenden Deflationssorgen und einer geringen Wirtschaftsdynamik. Im Oktober 2019 ist eine weitere Mehrwertsteuererhöhung angekündigt. Sie dürfte zu Vorzugseffekten beim Konsum führen. Die Mehrwertsteuererhöhung von 2014 führte dann zu einer Rezession. Die Aussichten sind daher eher verhalten (2019 0,6% Wirtschaftswachstum? IWF 0,9%). Die japanische Notenbank stemmt sich gegen höhere Zinsen, eine Yen-Schwäche könnte auch helfen. Aufgrund der starken Exportorientierung sind viele japanischen Konzerne eher abhängig von der globalen als den heimischen Konjunkturtrends. Für japanische Aktien spricht ihre günstige Bewertung. Vgl. Deutsche Bank: Perspektiven 2019, Frankfurt 2019, S. 10f. Den dynamischen Aufstieg Chinas scheint Japan nicht für sich nutzen zu können, im Gegenteil scheint es das Land psychologisch zu hemmen. Auswirkungen einer China-Schwäche werden viel zu wenig untersucht. Doch gibt es auch viel versprechende Reformbemühungen (bessere Steuerpolitik, Abschaffung des Senioritätsprinzips, Entflechtung der Konglomerate).  Im ersten Halbjahr 2019 erreichen zumindest die Unternehmensgewinne Rekorde, ein Aufschwung zeichnet sich ab, man braucht sogar ausländische Arbeitskräfte. Japan hat damit zu kämpfen, dass China immer mehr Asien dominiert wie schon einmal in der Geschichte (um 800 bis 1500 n. Chr.). Das "Neue Seidenstraßenprojekt" symbolisiert auch den Imperialismus Chinas in Asien und Eurasien (Chinas "Griff nach dem Westen"). Japan muss eine neue Rolle  in dieser chinesischen Strategie finden. Allianzen mit den USA und Australien sind ein Anfang. Weiterhin muss Ostasien (China, Japan) nicht der allein prägende Teil Asiens bleiben: Indien und Indonesien sowie Korea und Vietnam sowie Malaysia  holen gewaltig auf. Aber Asien wird mit dem Kernland China die Globalisierung der Zukunft dominieren, was auch eine Chance für Japan ist.

"Still sitzend, nichts tuend, kommt der Frühling und das Gras wächst von allein", Zen-Weisheit. Vielleicht kommt so das Ende der Krise! Es bleibt für Japan, dieses faszinierende Land, zu hoffen.

Viele Experten sehen Japan aber heute als "Museum für die Vergänglichkeit von Erfolg".

 

 

Erfolgsmodell Mittelstand! Die mittelständische Struktur der deutschen Wirtschaft als Grundlage des ökonomischen Erfolges Deutschlands.

Einzige deutsche  IT - Firma von Weltrang, gegründet 1972. Die SAP war wie jedes Unternehmen auch einmal ein mittelständisches Unternehmen und natürlich auch ein Start - up. Es hat aber nicht wie viele digitale Weltunternehmen der USA im Silicon - Valley in einer Garage angefangen.  In den Anfängen war meine Frau noch bei der Firma Unisys beschäftigt. Diese verfügte über ein vergleichbares Produkt; die SAP wurde eher belächelt und einer Kooperation nicht für würdig gehalten. Heute ist die SAP ein Groß- und Weltunternehmen und das einzige deutsche IT - Unternehmen von Weltrang (das auch eine wichtige Niederlassung im Silicon Valley betreibt).. Das Unternehmen ist natürlich auch im DAX. Wenn man den deutschen Mittelstand verstehen will, muss man sich mit den Gründen beschäftigen, warum SAP nie im deutschen Mittelstand Fuß gefasst hat, obwohl es immer die Absicht war. Das Foto stammt von der Homepage der Firma, wo auch die Firmengeschichte erläutert wird. Die SAP ist eine der größten Firmen in der Metropol -Region - Rhein - Neckar, zu der auch die Hochschule Ludwigshafen gehört. Sie hatte SAP ins Chinesische übersetzt, die Niederlassung in Peking aufgebaut und damit den Sprung des Unternehmens nach China unterstützt. Ich selbst habe viele Diplom-, Bachelor- und Masterarbeiten zu Projekten der SAP, insbesondere in Asien, betreut. Die Hochschule Ludwigshafen hat Kooperationsstudiengänge mit der SAP. Viele Absolventen der Hochschule arbeiten mittlerweile in der Firma. Einige Jahre war ich Gutachter der Klaus Tschira -Stiftung in Heidelberg (verliert viel Geld bei der Lehman Bank, mehrere Gerichtsverfahren in der Schweiz und London). Tschira war einer der Gründer von SAP. Hopp, ein anderer Gründer, tritt als Sponsor in der Region auf (SAP-Halle, Uni Mannheim, Eishockey Mannheim, Fußball in Hoffenheim). Ein weiterer Gründer, Hasso Plattner, der noch Aufsichtsratsvorsitzender ist, fördert ein IT - Institut in Berlin (vorher gab es auch einmal eine Privatuni der SAP). Hasso Plattner bleibt auch 2019 mit 75 Jahren noch Aufsichtsratvorsitzender. Die Gründer halten noch große Aktienpakete. SAP hat auch eine Partnerschaft mit Alibaba in China. Das Unternehmen ist sehr bekannt in China. Delegationen, wie z. B. vom Umweltministerium 2019, wollen das Unternehmen besuchen. Mittlerweile spielt der Cloud-Bereich eine große Rolle. Ende 2018 wird die Plattform für Marktforschung in Echtzeit  Qualtrics gekauft (für 7,1 Mrd. €). Diese verwenden wir auch bei Umfragen an der Hochschule für Abschlussarbeiten.

2003 habe ich das letzte Lehrbuch über die Mittelstandsökonomik veröffentlicht: W. Krämer, Mittelstandsökonomik, München (Vahlen) 2003. Heute kann man die Dynamik der Entwicklung in der digitalen Transformation nur noch im Internet darstellen (Vgl. Mittelstandsökonomik). Bei der Digitalisierung müssen Großunternehmen, wie die SAP, und KMU kooperieren.

"Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. in der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt", Karl Marx, MEW 23, S. 445. Marx erkannte genau die Vorteile von KMU. Er beschäftigte sich auch mit der Situation der Winzer an der Mosel, seiner Heimat. Wegen eines kritischen Artikels über die preußische Verwaltung und einer entsprechenden Reaktion, antwortet Marx selbst in der Rheinischen Zeitung. Köln.

1. Mittelstand: Wird am besten qualitativ abgegrenzt. Eigentum, Führung und Haftung fallen zusammen. Das Unternehmen ist kleiner, nicht marktbeherrschend; Werte und ein gutes Betriebsklima herrschen vor. Laut Arbeitsgemeinschaft Mittelstand gibt es in Deutschland 3,4 Mio. mittelständischer Unternehmen (99,6%), in denen fast 70% aller Beschäftigten arbeiten und der 45% der gesamten Wirtschaftsleistung erbringt. 15,7 Mio. Beschäftigte, 3,4% F&E-Quote, 117.307 Euro Umsatz je tätige Person (2011; Markt und Mittelstand, 10/2014, S. 18ff.). In früheren Zeiten war er eine gesellschaftliche Schicht, die gemessen an Eigenschaften wie Einkommen, Vermögen und Beruf einen mittleren Status einnahm. Für "Mittelstand" gibt es aber verschiedene Definitionen: EU bis 249 Beschäftigte (B.), bis 50 Mio. € Umsatz (U.) im Jahr; IHK 499 B., 100 Mio. € U.; Bundesministerium für Wirtschaft und IMF - Bonn 499 B. und 50 Mio. U.. Manche zählen auch Eigentümer geführte Familienunternehmen dazu (diese werden bei den Links teilweise auch dazu gerechnet). Der Begriff selbst ist eigentlich nur in Deutschland. Er ist auch in den Niederlanden oder Dänemark gebräuchlich. Mittlerweile gilt er als deutsches Erfolgsmodell und wird sogar in den USA und Frankreich verwandt. "Le Mittelstand" steht für die duale Ausbildung, gute Arbeitsverträge, erfolgreiche Familienunternehmen in der Welt und Innovation. Der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff nennt folgende Kriterien des  klassischen" Mittelstands­modells: im Familienbesitz und familiengeführt, Kontinuität über mehrere Generationen hinweg, emotionales Zugehörigkeitsgefühl, eine patriarchale Kultur und informelle Strukturen, Unabhängigkeit. Mit der Situation des Mittelstands beschäftige ich mich schon sehr lange; vgl. als Beispiel: Krämer, W.: Die Bedeutung innovativer Investitionen und des Führungspersonals für den Unternehmenserfolg mittelständischer Industrieunternehmen, in: Schmalenbachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung (zfbf), 8/1983, S. 666 - 681, (gemeinsam mit Werner Biehl).

2. Häufigkeiten in der Unternehmensstruktur in Deutschland: Quellen sind die Umsatzsteuerstatistik des Statistischen Bundesamtes (StBA), der Mikrozensus des StBA, Sonderauswertungen des Unternehmensregisters (Arbeitstättenzählung, StBA) und Berechnungen des IfM, Bonn. Vgl. auch FAZ Nr. 248, 25. Oktober 2013, S. 14. Es gibt ca. 18.000 Großunternehmen in Deutschland (zur Abgrenzung vgl. diese Homepage, IfM-Bonn oder Wirtschaftsministerium bzw. EU). 66.500 Unternehmen sind Mittlere Unternehmen. 238.000 Unternehmen werden als Kleine Unternehmen bezeichnet. Kleinste Unternehmen sind 740.000. Selbstständige ohne Beschäftigte machen 2.513.000 aus. Unternehmen unterhalb der 17.501 Euro Schwelle sind 2.197.000. Betrachtet man die eigentümer- und familiengeführten Unternehmen, so kommt das Ifm-Bonn für 2014 auf einen Anteil von 93,8% (1998: 94,8%; Materialen 253).   In RLP sind 99,7% aller Unternehmen KMU. Den meisten Umsatz macht der Handel vor dem produzierenden Gewerbe. RLP hat die rentabelsten Kleinunternehmen. Im Mittel wird eine Umsatzrendite von 7,9% erzielt. Auf dem zweiten Platz liegen Mittelständler aus Hamburg (6,9%). Am niedrigsten ist die Kennziffer in Sachsen-Anhalt mit 4,6%. Quelle: Studie der KfW, Frankfurt 2018. Vgl. auch: Krämer, Werner: Personalführung und Organisation im Wandel. Die Berücksichtigung von Entwicklungen im Umfeld der kleinen und mittleren Unternehmen im Management, in: Schauf, M. (Hrsg.): Unternehmensführung im Mittelstand, Rainer Hampp-Verlag, München und Mering 2006, S. 203 - 244.

3.Weltmarktführer ("Hidden-Champions"): Es gibt drei Definitionskriterien: 1) In der Branche Nr. 1,2 oder 3 und auf dem Weltmarkt Nr. 1. 2) Der Jahresumsatz liegt in der Regel höher als 5 Milliarden Euro. 3) Geringer Bekanntheitsgrad auf Basis qualitativer Beurteilung.  Sie beherrschen Nischen bzw. Segmente des Weltmarktes. Sie werden auch als "Hidden-Champions" bezeichnet. Darunter sind viele KMU und Familienunternehmen. Zwischen 1100 und 1500 Unternehmen in Deutschland gelten als Weltmarktführer auf speziellen Gebieten (manche Experten nennen nur 455). Mehr als 20 Prozent sind in ländlichen Gebieten, die meisten in Süddeutschland (wichtige Bedeutung der KMU für die Region). Gute Beispiele sind Selb, Künzelsau, Albstadt und Biberach (Quelle: Weissman Gruppe für Familienunternehmen, Leibniz-Institut für Länderkunde). Vgl. auch die Seite "Links" (Mittelstand/ Unternehmen/ Hidden Champions). Folgende Merkmale gelten für diese Unternehmensgruppe: Focussierung auf spezielle Kompetenzen, Innovation und Kundennähe, Globalisierung, Wettbewerbsvorteile. Heute geht man von sechs Faktoren aus, die Weltmarktführer stärken: 1. Zwang zur Innovation. 2. Lokal verwurzelt. 3. Nischen besetzt. 4. Global focussiert. 5. Nah am Kunden. 6. Langfristig denken. Nach einer Erhebung der Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners 2015 gibt es folgende Häufigkeitsverteilung bei den "Hidden Champions" nach Ländern: Deutschland 1307, USA 366, Japan 220, Italien 76, Frankreich 75, Großbritannien 67, China 69, Korea 23, Russland 14, Spanien 11, Brasilien 11. Quelle: Unternehmermagazin 7/8, 2015, S. 20. Vgl. auch: Krämer, Werner: Führungskräfte im Mittelbetrieb .Ein Beitrag zur Qualifikationsforschung, in: Internationales Gewerbearchiv (IGA) St. Gallen, (jetzt: Zeitschrift für Kleinunternehmen und Entrepreneurship), Heft 2/1985, S. 98 - 106.

4. Familienunternehmen: Keine allgemeingültige Abgrenzung. Merkmale: Kopplung Familie - Unternehmen; Einfluss der Familie; Generationen übergreifend (nachhaltig). Das IfM-Bonn hält die Kriterien Eigentum und Leitung in Verbindung für notwendig: Danach sind 95% aller deutschen Unternehmen Familienunternehmen (41% des Gesamtumsatzes, 16% Eigenkapitalquote). Weitere Punkte: Die Firma ist kein Business, sondern eher Lebenszweck. Ziel ist der Erfolg vor Geld. Hinzu kommt die besondere Beachtung der Mitarbeiter, und das Hören auf die Kunden. die emotionale Bindung ist ein Anker. Mittlerweile werden alle Familienunternehmen auch als Mittelstand definiert ohne Berücksichtigung der Beschäftigtenzahl (anders nur bei Unternehmen, in denen Besitzer und Geschäftsführer nicht identisch sind). Vgl. Klein, S. B.: Familienunternehmen, Wiesbaden 2004. Inhabergeführte Unternehmen sind keineswegs generell erfolgreicher. Wenn die Kinder das Ruder übernehmen, geht es oft bergab. Die beiden mächtigsten Familien ("Clans") in Deutschland sind Piech und Klatten/Quandt. Ihnen gehören nicht nur die Automobilfirmen (VW, BMW), sondern auch viele andere Unternehmen (Altana, Nordex, SGL Carbon, Datacard, Gemalto). Die Aktien der Familienunternehmen schlagen in den letzten Jahren den DAX. Die Organisation der Familien ist in ihrer Durchdachtheit mit Firmenorganisationen vergleichbar (z. B. Familie Henkel: Gesellschafterausschuss, Familienbesprechungen, Familienkomitee, Henkel Family Office für Finanzen). Familienunternehmen waren in den letzten Jahren ein Jobmotor. Hier sind besonders viele Arbeitsplätze in der Industrie entstanden: Die 4700 größten Firmen (mindestens 50 Mio. € Jahresumsatz) stellten zwischen 2012 und 2015 im Schnitt rund 7% neue Mitarbeiter ein (Quelle: BDI/ Deutsche Bank 2016). Die meisten großen Familienunternehmen hat NRW (1195) vor Bayern (914) und Baden-Württemberg (830). Das sind zwei Drittel aller großen Familienunternehmen. Gemessen an der Einwohnerzahl hat Hamburg die meisten Familienunternehmen.  Das größte nicht börsennotierte Familienunternehmen in Deutschland ist nach dem Umsatz (2010) die Schwarz-Gruppe (Lidl) vor Aldi, Haniel (Metro) und der Merkle-Gruppe. Mittlerweile (2015) liegt VW an der Spitze (202 Mrd. €). Dann folgen Heraeus, Bertelsmann und Boehringer Ingelheim. Vgl. auch Sabine B. Rau: Erneuern oder verkaufen, in: Handelsblatt, Mo. 29.12.2014, S.48: Die Autorin nennt drei Bausteine zur Überlebensfähigkeit: 1. Entrepreneurial legacy und Innovation; 2. Ausbildung, Lehr- und Wanderjahre; 3. Experimentieren der jüngeren Generation. Der Einfluss der Familien geht oft über einzelnen Unternehmen hinaus. Berühmt ist etwa die schwedische Familie Wallenberg. Sie ist zum Synonym für Schwedens Wirtschaft geworden. Sie  hat Einfluss auf fast alle Unternehmen in Schweden. Aber sie steht auch für patriarchalisch geprägte soziale Verantwortung, "Tatsächlich sind jedoch große familiengeführte Unternehmen, bei denen die Familienmitglieder noch in der Geschäftsführung aktiv sind, rentabler als managergeführte Unternehmen und das unabhängig von der konjunkturellen Lage, wie eine unserer aktuellen Studien anschaulich belegt: Hierfür waren im vergangenen Jahr erstmals die Bilanzdaten von 3.723 großen Familienunternehmen mit denen von 2.852 großen managergeführten Unternehmen im Zeitraum zwischen 2008 und 2012 verglichen worden. Als große Unternehmen galten in dieser Studie solche mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro". s. Jutta Gröschl/ ifm-Bonn, Vorteil Familie, in: Handelsblatt, am 16.02.2015, S. 48. In Deutschland gilt die Familie Quandt als eine der einflussreichsten (Stefan Quandt hält allein 25,8% der Stammaktien von BMW, viertgrößter Konzern Deutschlands; auch Eigentümer von Solarwatt, Kiwigrid, BHF-Bank, Logwin, Entrust Datacard). 2015 führt die Schwarz-Gruppe bei den Familienunternehmen sowohl bei Umsatz als auch bei Mitarbeitern. Vgl. Krämer, Werner: Mittelstandsökonomik, München 2003.

5. Handwerk:  In manchen Mittelstandsuntersuchungen arbeitet man mit einer Abschneidegrenze von 20, so dass das Handwerk raus fällt. Im Römischen Reich und Mittelalter kann man das Handwerk als erste Ausprägung des Mittelstands ansehen (Zünfte, wenn man die Hauswirtschaft der Antike ausschließt). Heute ringt das Handwerk oft mit Klischees und ringt ebenso um Nachwuchs. Es ist schwer, gute Fachkräfte zu bekommen. Das Handwerk gilt als Stabilisator der konjunkturellen Entwicklung. Dies gilt gemessen an der Umsatzentwicklung generell. Diese Funktion beruht auf einer geringen Exportabhängigkeit bei stabiler Binnennachfrage. Vgl. Thomä, J.: Das Handwerk als Stabilisator der konjunkturellen Entwicklung, in: Wirtschaftsdienst 2011/2, S. 127ff. Viele Handwerker geraten in Schwierigkeiten, weil die Hersteller harte Bedingungen etwa für Ersatzteillieferung diktieren. So sind oft eine spezielle Werkstattausstattung und teuere Fortbildungen notwendig. Kleinbetriebe können oft nicht mehr mithalten (z. B. Uhrmacher). Die Zahl der Handwerksbetriebe ist 2017 auf 999.636 angestiegen (1998 850.586). Es gibt aber weniger Meister (-5% gegenüber 2008, 574.086). Am stärksten stieg die Zahl der Betriebe im Fliesen-, Platten- uns Mosaikleger-Bereich vor den Raumausstattern. Das Handwerk erwartet für 2017 ein Umsatzplus von 2,5% (2016 waren es 3,5%). Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. 2017 geht es dem Handwerk so gut wie lange nicht mehr. Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um 3,65% gestiegen. Industrienahe Sparten profitieren am stärksten. Der Boom dürfte 2018 anhalten. Die Schattenseite ist, dass man als Kunde lange warten muss. Die Preise steigen sprunghaft. Vgl. auch Krämer, W.: Compliance: Wer ehrlich, anständig und integer bleibt, geht langfristig in Führung. Vortrag (Power Point - Präsentation)  in Landau/ Handwerkskammer Südpfalz (Dienstleistungszentrum Handwerk, DLZH), November 2014. Mit Handout und Diskussion.

6. Mittelstand/ KMU im Ausland: Mittelständische Unternehmen spielen in der Schweiz eine ähnliche Rolle wie in Deutschland. Zwei Dritte aller Beschäftigten arbeiten in KMU (bis 249 Beschäftigte). Diese Unternehmen machen 99,6% aller Unternehmen aus. Als großer Vorteil der Schweiz gelten die Rahmenbedingungen: Sozialpartnerschaft, Nähe zur Wissenschaft und Groß-Industrie, lockeres Arbeitsrecht, wirtschaftsfreundliche Politik (mit Volksentscheiden). Vgl. Wirtschaftswoche 37, 4.9.15, S. 50. Mehr noch als Deutschland lebt auch Österreich von den KMU. Aber schon mehr als 75% investieren 2015 nicht mehr im eigenen Land. Es gibt klagen über die hohen Arbeitskosten, die wuchernde Bürokratie und das Arbeitsschutzgesetz (Wirtschaftswoche 46/ 6.11.15, S.58ff.). In Polen können die KMU nicht mehr mit niedrigen Preisen punkten. Sie müssen innovativer werden. Die Steuergesetze sind sehr kompliziert. Vgl. Wirtschaftswoche 49, 27.11.15, S. 54f. In Frankreich ist French Tec auf dem Vormarsch. Das Land hat eine sehr erfolgreiche Gründerszene. Die Vorzeige-Start-ups heißen Blablacar (Mitfahrzentrale), Criteo (Internetwerbung), Drivy (Auto-Sharing), Captain-Train (Zugticket-Verkauf), Parrot (Drohen). In den USA gibt es 2014 eine Welle der Produktions-Rückverlagerung. Mehr als 800 Unternehmen haben ihre Fertigung wieder zurückgeholt. Zum Mittelstand zählen nur ca. 200.000 Unternehmen , die zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Dollar umsetzen und rund 40 Mio. Menschen beschäftigen. Die Produktionskosten in den USA sind gesunken und die Kunden wollen "Made in USA" (vgl. Wirtschaftswoche 2/8.1.2016, S. 42). Unternehmen mit beschränkter Haftung heißen in den USA Corp. oder Inc. (kurz für "Corporation" oder "Incorporated"). Dies entspricht in etwa der deutschen GmbH. Es gibt abweichende Regelungen in den einzelnen Bundesstaaten. Der Unternehmensname ist lediglich in dem Bundesstaat geschützt, in dem er eingetragen wurde. Vgl. auch: Krämer, Werner: Chancen und Risiken deutscher kleiner und mittlerer Unternehmen in der VR China, in: Letmathe, P./ Eigler, J./ Welter, F./ Kathan, D./ Heupel, T. (Hrsg.): Management kleiner und mittlerer Unternehmen, Stand und Perspektiven der KMU-Forschung (Gabler Edition Wissenschaft), Wiesbaden 2007, S. 489 - 504 und: Krämer, Werner: Trends im Mittelstand - Fallstudie G. Bee GmbH, (zusammen mit Karsten Ranger; es geht um eine Direktinvestition in China), in: Kruse, Oliver./ Wittberg, Volker. (Hrsg.): Fallstudien zur  Unternehmensführung, Wiesbaden (Gabler - Verlag, Lehrbuch zu Management, Unternehmensführung, Organisation) 2008, S. 127 - 142.

7. Digitalisierung: Neugestaltung des Unternehmens als solches in der digitalen Welt. Der Schlüssel sind die Entscheidungen über Grenzen, vor allem die Festlegung der Unternehmensgrenzen. Die Entwicklung geht von der Hierarchie zum Monopol. Als Kriterien dienen: 1. Suchkosten. 2. Vertragskosten - Intelligente Verträge, Multisignatur: Intelligente komplexe Verträge. 3. Koordinationskosten. 4. Die Kosten des (Wieder-) Aufbaus von Vertrauen. Vgl. Don Tapscott/ Alex Tapscott: Blockchain Revolution, Kulmbach 2016, S. 123ff. Facebook und Mittelstand: Etwa 40% der KMU in Deutschland haben keine Website. Sogar in den USA sind es bei KMU 35% (2016). Facebook appelliert an alle KMU in der Welt, also 60 Mio. Unternehmen, dem Netzwerk beizutreten. Der Hintergedanke bei Facebook liegt natürlich wie immer in der Vergrößerung der Werbeplattform.

8. Mittelstandssoftware: 2013 stoppt die SAP die Weiterentwicklung der Mittelstandssoftware Business By Design. Es ist der größte Flop der Unternehmensgeschichte. KMU behelfen sich in der Regel mit Microsoft Office und mit Modifikationen dieses Programms. Weitere bekannte Anbieter sind DATEV (insbesondere für Steuern) und Haufe (Lexmark). ERP-Systeme tun sich schwer damit, dass die KMU einzelne Prozesse auslagern (Steuerbüro, Buchführung). Weiterhin haben die KMU vor allem im Produktionsbereich spezielle Anforderungen, auf die einzugehen zu teuer ist. Neue Entwicklungen wie Produktion 4.0 oder Energiemanagement können aber zu einem Wandel führen. Softwarepaket für den Mittelstand: Die meisten KMU haben Einzelprodukte, die lose miteinander verknüpft sind. Im Mittelpunkt stehen in der Regel die Business bzw. Professional Pakete "Windows Office". Das Mittelstandspaket "Business by Design" von SAP wartet noch wie alle Versuche vorher auf Erfolg. Die SAP baut auch den neuen Geschäftsbereich "SMB Solution Group" auf. Der Markt für Lösungen für Unternehmen unter 500 Beschäftigten soll neu definiert werden. Marktforscher rechnen mit einer Erhöhung der IT-Ausgaben von KMU bis 2018 auf 680 Mrd. US-Dollar. "Never change a running system", Glaubensbekenntnis vieler IT-Abteilungen.

9. Beschäftigung im Mittelstand (Mittelstand und Arbeitsmarkt): 70,5% aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (einschließlich Azubis und tätige Inhaber) arbeiten in KMU. 83,1% aller 1,7 Mio. Auszubildenden haben einen Ausbildungsplatz in KMU, (Schlüsselzahlen des IfM - Bonn 2009). Mittelständische Unternehmen haben nach einer Schätzung von Creditreform allein  in 2007 400.000 Arbeitsplätze geschaffen (2003-2005 nach KfW - Mittelstands - Panel auch 400.000, 2009 in der Krise werden aber allein im Maschinenbau 50.000 Stellen abgebaut). Im Handwerk sollen in der Krise 40.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sein. Mit einem Wachstum und damit mehr Arbeitsplätzen wird erst ab 2011 gerechnet (ZDH). 2011 ist der Mittelstand im Stimmungshoch. Jedes vierte Unternehmen will Personal aufstocken. Für 2016 erwartet der Mittelstand eine deutliche Zunahme der Beschäftigung (Jobwunder, 450.000 neue Stellen). 2016 ist die Zahl der Beschäftigten im Mittelstand so hoch wie noch nie: +4,6% auf 30,9 Mio. (Quelle: KfW-Studie 2017). Zur Beschäftigung in KMU habe ich viel publiziert. Vgl. zum Beispiel: Krämer, Werner: Der Teilarbeitsmarkt für Führungskräfte kleiner und mittlerer Unternehmen , in Soziale Welt, Heft 4 (1983), S. 500 - 513 und Personalwirtschaft in Klein- und Mittelbetrieben - Ein empirischer Überblick -, in: Personal, Report 84, Juni 1984, S. 14 - 17.  "Für Familienunternehmer sind Entlassungen eine persönliche Niederlage", Jürgen Thömmes, Mittelstandsforscher.

10. Mittelstandsfinanzierung: Schätzungen für 2016 (Quelle: Capmarcon): Eigenkapital 400 Mrd. Euro, Bankkredite (315 Mrd. €, Rückstellungen 110 Mrd. €, Schuldscheine 24 Mrd. €, Anleihen 3 Mrd. €. Vgl. Handelsblatt 8.2.2017, S. 31. Literatur: Geiseler, C: Das Finanzierungsverhalten kleiner und mittlerer Unternehmen: Eine empirische Untersuchung, Wiesbaden 1999 und Hommel, U,/ Schneider, H.: Financing the German Mittelstand, EIB-Papers, 8(2), S. 53-90. Der traditionelle Bankkredit ist die Säule. Hier stehen die Sparkassen und Volksbanken im Vordergrund. Die Kreditkosten machen im Schnitt zwei bis vier Prozent des Umsatzes aus. Immer mehr setzt sich der Finanzierungs-Mix durch. Neben Eigen- und Fremdkapital kommen auch Beteiligung, Factoring und Leasing. Schwarmkapital spielt in der Finanzierung von Start-ups eine immer größere Rolle. Die Kapitalbeschaffung über das Internet wird zur Alternative zu Risikokapital. Innovationen passen oft nicht in das Kreditschema, weil die meisten Banken standardisierte Modelle anbieten. Weitere alternative Formen sind Private Equity, Anleihen und Genussrechte. Zusammenhänge in der Mittelstandsfinanzierung: 1. Die Anfangsfinanzierung bei der Gründung beeinflusst spätere Phasen der Finanzierung. 2. Subjektive Faktoren haben Einfluss. 3. Besonders wichtig ist eine genaue Beobachtung nach der Investition (Monitoring) und entscheidet auch über den Erfolg des Unternehmens. Vgl. Krämer, Werner: Aktuelle Herausforderungen für mittelständische Unternehmen -Trends in der Finanzierung in Zeiten von Finanz- und Eurokrise, in: Andrea Honal (Hrsg.): Aktuelle Marketing- und Management-Trends. Das Beste aus Theorie und Praxis, Verlag Dr. Kovac, Oktober 2014, S. 409-426. "Ich habe alles Geld, das ich verdient habe, sofort wieder reinvestiert. Hätte ich es auf der Bank gelassen, wäre es emotional weniger wert als das, was ich daraus gemacht habe", Reinhold Messner, Bergsteiger. Mittlerweile gibt es im Fernsehen eine Sendung, mithilfe derer Start-ups Finanzierungen für ihre Investitionen suchen können. Sie heißt die "Höhle der Löwen" (VOX, Di. 20.15 Uhr). 2015 lanciert die IKB Debt Fonds für den Mittelstand ("Valin Mittelstand Senior Debt Fund"). Er hat ein Volumen von 475 Mio. € und vergibt Fremdkapital für Laufzeiten von sieben bis zehn Jahre. Versicherungen und Pensionsfonds wollen von der Kreditnachfrage solider Mittelständler profitieren (höhere Rendite; Investoren sind Generali, NNGroup, Gothaer Versicherungen). IKB soll auf einen neuen Gesellschafter vorbereitet werden (US-Investor Lone Star will aussteigen). 2015 gibt es Pläne für ein europäisches Kreditregister, in dem alle Darlehen ab 25.000 € erfasst werden. Der Mittelstand fürchtet zunehmende Bürokratisierung.

11. Mittelstandspolitik: Hierbei handelt es sich um staatliche Hilfen (Steuererleichterungen, Krediterleichterungen, Investitions- und Finanzhilfen, Beratung) für kleine und mittlere Unternehmen. Sie sollen die relativen Nachteile dieser Unternehmen gegenüber Großunternehmen und Multis und die Schwachstellen ausgleichen, die Effizienz und Innovation steigern. Um die Folgen der weltweiten Finanzkrise 2008 auszugleichen, richtet die EU spezielle Darlehen ein, die über die Europäische Strukturbank (EIB) zu erlangen sind (bis 2011  30 Mrd. €). Die Mittelstandspolitik ist Teilbereich der Strukturpolitik (neben regionaler, sektoraler). Eine vernünftige Evaluierung findet nicht statt (häufig nur Ermittlung der Bekanntheit). Die EU plant 2013 eine Reform des Beihilferechts. Die Kriterien werden überarbeitet (Verschuldungsgrad, Verhältnis zum Unternehmensergebnis). Davon betroffen ist insbesondere die Förderung für kleinere Betriebe (bis zu 200.000 €). Das ifm-Bonn sieht die Mittelstandspolitik als Rahmenpolitik (Studie 2016). Mit der KMU-Politik weltweit habe ich mich öfters beschäftigt. Vgl. zum Beispiel folgende Publikation: Krämer, Werner: KMU-Politik in Deutschland im Vergleich zu den Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt China, Japan und USA im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit, Working Paper HS Ludwigshafen 1/2012., Ludwigshafen, im März  2012, 21 S.

12. Moderne Industriepolitik: Notwendigkeit der Industriepolitik durch Digitalisierung, Energiewende und den Aufstieg Chinas. Es geht um die Grundsatzfrage, ob es ein ineffizienter staatlicher Eingriff ist oder eine zukunftsweisende Option. Direkte Interventionen können in eine technologische Sackgasse führen und dem Wettbewerb schaden. Investitionen sind auf der anderen Seite mit großer Unsicherheit über die Zukunft und mit hohen Risiken belastet. Die Wirtschaft wird mittlerweile von Netzwerkeffekten und Pfadabhängigkeiten dominiert. Ziele könnten sein, mehr Wohlfahrt und Nachhaltigkeit für die gesamte Gesellschaft zu erreichen. Es geht aber auch vor allem um das "Wie". Wettbewerb, Technologie und Innovation sollten im Mittelpunkt stehen. Vgl. Industriepolitik, in: Wirtschaftsdienst 2019/2, S. 87ff. Es geht um eine optimale Gestaltung des technischen Wandels von morgen, um die moderne Fabrik. Grundprinzipien: ist staatliche Förderung entscheidend oder der Wettbewerb? Unterstützung der Unternehmen durch die Wirtschaft. Schlüssel- und Zukunftstechnologien sollen wachsen. Die Unternehmen wollen allerdings keine Dauerintervention des Staates. Die Industriepolitik für KMU wird zur Mittelstandspolitik gerechnet. Im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher KMU ist sie im Auge zu behalten. In den asiatischen Ländern ist die Mittelstandspolitik (SME-Policy) in die Industriepolitik eingebunden. So versuchen China und Japan, längerfristig ihre Wirtschaftsstrukturen zu beeinflussen. In der EU muss sich erstmal eine klare Arbeitsteilung zwischen EU-Mittelstandspolitik und den Politiken der Länder herausbilden (dazu habe ich einen Artikel geschrieben: KMU-Politik in Deutschland im Vergleich zu den Hauptkonkurrenten auf dem Weltmarkt China, Japan und USA im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit, Working Paper HS Ludwigshafen 1/2012., Ludwigshafen, im März  2012, 21 S. ). In Deutschland bewegt sich die Industriepolitik zwischen "Rheinischem Kapitalismus" und Beschränkung der freien Kräfte des Marktes durch Gesetze. Mittlerweile ist China die größte Herausforderung für eine moderne Industriepolitik. Die Erfolge der Chinesen erklären sich aus der Mischung von plan- und marktwirtschaftlichen Strategien. Sie wurden aber auch durch die schiere Größe des Marktes und die Abschottung begünstigt. Vor allem auf dem Feld der Digitalisierung arbeitet China mit einem Tempo, das unheimlich ist. "Die heimische Wirtschaftspolitik verunsichert die Unternehmen zunehmend, vor allem den Mittelstand", Martin Wansleben, DIHK. Die Übernahme von Kaiser´s Tengelmann durch Edeka und die damit verbundenen Schwierigkeiten zeigen die Schwachpunkte der Industriepolitik in Deutschland. Das Verbot des Zusammenschlusses der Bahnsparte von Siemens und Alstom durch die Wettbewerbskommissarin zeigt Schwachpunkte der EU-Industriepolitik.

13. Bedeutung für gleichwertige Lebensverhältnisse: KMU haben eine große Bedeutung für gleichwertige Lebensverhältnisse. Die gleichmäßige Verteilung der Arbeitsplätze ermöglicht einen vergleichbaren Wohlstand. Regionen in den neuen Ländern: Abseits der aufgepäppelten Zentren gibt es auch 2017 noch viele Regionen, die veröden. Alterung und Abwanderung verdunkeln weiter die Perspektive. Iris Gleicke, die Ost-Beauftragte der Bundesregierung legt zum 03.10.2017 eine Bilanz vor. Die Lage lässt auch besser verstehen, warum die AfD bei der Bundestagswahl 2017 zweitstärkste Kraft in den neuen Ländern geworden ist. 2019 läuft der Solidarpakt II (Soli auf den Arbeitslohn) aus. Ab 2021 dürfen wohl viele der Gebiete nicht mehr gefördert werden (auch Folge des Brexits). Erstmals seit der Wiedervereinigung sind 2018 mehr Umzüge nach Osten erfolgt als umgekehrt.

Lebensverhältnisse in Deutschland nach Regionen: Ergebnisse der Kommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse"  (Vertreter von Bund, Länder und Kommunen, Bertelsmann-Stiftung) 2019 zeigt, dass die Lebensverhältnisse in Deutschland immer weiter auseinanderdriften. Die Pro-Kopf-Verschuldung ist in den Kommunen sehr unterschiedlich. Am höchsten ist sie im Saarland und in einigen Kommunen von RLP im Westen. Kassenkredite müssen dort für Altschulden aufgenommen werden und die Sozialleistungen steigen rapide. Wenn die Konjunktur abkühlt, dürfte die Lage noch dramatischer werden. Ein Altschuldenschnitt sollte in Betracht gezogen werden. Es soll ein Modernisierungsplan für Deutschland entwickelt werden mit fundamentaler Veränderung der Struktur- und Förderpolitik. Der Plan soll 12 Punkte umfassen (unter anderen Ansiedlung von Behörden und Forschungseinrichtungen, Ortskernsanierung von Dörfern, staatliche Infrastrukturgesellschaft).

14. Social Entrepreneurship: Das Konzept entstand mit der Aufgabe vom Primat des Politischen und Öffentlichen. Die Balance zwischen Leistungsprinzip und Solidarität ist verloren gegangen. Auf den Markt ist kein Verlass mehr. Also sucht man nach Auswegen. Die Frage ist aber, ob Sozialunternehmertum die gesellschaftliche Lösung ist. Vgl. Louis Klein: So geht es nicht, in: agora 42, 2018, S. 19ff. Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM-Bonn) beurteilt die Sozialen Unternehmen nach drei Kriterien: 1. Marktaktivität. 2. Soziale Mission. 3. Gewinnverwendung. Soziales Unternehmertum kann die Gesellschaft verändern. Doch haben Social Start-ups große Probleme. Woran liegt das? 1. Wie viel Gutes ist gut genug? 2. Viel Motivation, wenig Geld. 3. Vom Engagement zur guten Kennzahl. 4. Kollaboration unter den Akteuren. Vgl. Heckel, Manuell: t3n, digital pioneers 1/2019, S. 108ff. Soziale Nachhaltigkeit in KMU (Social Sustainability): Normalerweise wird sie aus Social Compliance, nachhaltiger Personalwirtschaft (Nachfolge, Familie) und nachhaltiger Finanzierung (Selbstfinanzierung, Eigenkapital) gebildet. Im Master des Weinbaustudiengangs habe ich dazu eine Veranstaltung. Vgl. auch:  Krämer, Werner. Soziale Dimensionen der Nachhaltigkeit bei Unternehmen in der Digitalisierung, in: Vieweg/Müller/Wiegand/Meisner (Hrsg.): Nachhaltige Unternehmensführung in der Digitalisierung. Instrumente - Erfolgsfaktoren - Praxisbeispiele, Berlin (Erich Schmidt-Verlag)  Juni 2018, S. 71 - 84.

"Gelobt seist du, Mittelstand! Es sind vor allem Mittelständler, die in Deutschland produzieren, investieren und junge Menschen ausbilden. Deshalb muss jede Wirtschaftspolitik das Ziel haben, diese Firmen mit aller Macht zu fördern", Sahra Wagenknecht, Gastkommentar in WiWo 46, 9.11.2018, S. 12. (diese Einsicht ist für eine Politikerin der Linken nicht selbstverständlich; schon die Analyse von Karl Marx am Anfang hätte sicher nicht jeder erwartet. Auf der anderen Seite analysierte Marx auch sehr weitsichtig die Gefahren von Großunternehmen in der Globalisierung).

 

 

Weitere Teile des VWL - Lehrbuchs:

Übungsmodell für Deutschland:

mit logischer Struktur, Spieltheorie, Wirtschaftspolitik, Grundbegriffen  u. a. , auf der Seite Meth/Econometrics einzusehen. Auf der Seite Economics/Basic gibt es eine umfangreiche Darstellung von

Übungstheoreme der Volkswirtschaftslehre: Übungstheoreme

Satirisches Portrait der VWL auf der Seite Öffentlichkeit.

"Einen Zyniker erkennt man daran, dass er von jedem Ding seinen Preis, aber von keinem den Wert kennt", Oskar Wilde, 1854 - 1900, englisch - irischer Autor;    "A cynic...is a man who knows the price of everything and the value of nothing".

Blogonomics:

Rasant steigt die Zahl ökonomischer Blogs im weltweiten Netz. Mittlerweile kann man diese auch zum Informieren und Lernen nutzen. Teilweise kümmern sich diese um bestimmte Themen. Andere stehen für bestimmte Denkrichtungen. Eine dritte Sorte geht von berühmten Ökonomen aus. Auch Zahlenbilder kann man sich in guter Qualität im Internet beschaffen (Probeabo bzw. Abo). Hier können Meinungen implizit enthalten sein. Im Folgenden finden sich einige Beispiele 8eine wesentlich umfassendere Sammlung findet sich bei Links):

1. Berühmte Ökonomen

www.krugman.blogs.nytimes.com (Paul Krugman, Nobelpreis, Lehrbuch)

www.gregmankiw.blogspot.com (Gregory Mankiw, Lehrbuch)

www.economonitor.com/nouriel/ (Nouriel Roubini)

2. Ökonomengruppen

www.oekonomenstimme.org (Link auch auf der Startseite)

www.marginalrevolution.com

Netzwerk "Plurale Ökonomie e. V."

Was ist Ökonomie? (Berliner Studenteninitiative)

3. Denkrichtungen

www.wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress (klassische Ordnungspolitik, Wettbewerb)

4. Zahlenbilder

www.zahlenbilder.de

 

Ostasien  

"Liebe und Freundlichkeit sind die besten Gewürze zu allen Speisen", aus China.

Fallstudie "Asienkrise", Literatur: Krugman Paul R.: Die große Rezession, Frankfurt/New York 1999(2001 als Taschenbuch). Stiglitz, Joseph: Die Schatten der Globalisierung, Berlin 2002. Diese Fallstudie habe ich einige Jahre im Hauptstudium bei Marketing Ostasien eingesetzt (6. Semester). Als Gerüst diente das Buch von Krugman, das ich wirtschaftstheoretisch erläutert habe. Zusätzlich gab es Präsentationen der Studenten mit ihren vertieften Asien - Erfahrungen. Boom-and-Bust Cycles in Ostasien werden auf Grund der sehr guten wirtschaftlichen Entwicklung dort auch weiter durch ihre Blasen die Weltökonomie beeinflussen. Das Verhalten der Bank of Japan wird weiterhin für die ostasiatischen Tigerstaaten prägend sein. Die Abhängigkeit zwischen den Schuldner- (Japan) und Gläubigerstaaten (Tiger), sowie die Abhängigkeit Japans und Chinas vom amerikanischen Gütermarkt besteht auch heute noch. Die amerikanische Wachstumsschwäche im Zusammenhang mit der Unterbewertung vieler asiatischer Währungen führt dazu, das sich die asiatische Produktion immer stärker auf andere  Exportmärkte konzentriert. Die Devisenmarktinterventionen in China pumpen zusätzliches Geld in die inländische Wirtschaft. Dadurch nimmt die Geldmenge zu und die Preisblasen bei Vermögenswerten (die "Sterilisation" durch den Verkauf von Anleihen gelingt nur unvollständig). Die Folge könnte eine neue Finanzkrise sein. Insofern kann diese Fallstudien immer noch in geraffter Form eingesetzt werden.

2009 erscheint das Buch in einer Neuauflage mit neuen Kapiteln zur aktuellen Weltwirtschaftskrise (Die Neue Weltwirtschaftskrise, Frankfurt/ New York 2009). Ich verwende es im Master-Modul "Internationale Ökonomie", wo im SS 2009 die Krise im Mittelpunkt steht.

"Die Ostasienkrise war zuallererst eine Krise des Finanzsystems....Das Finanzsystem lässt sich mit dem Gehirn einer Volkswirtschaft vergleichen", Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung, Berlin 2002, S.135.

Aktien-Crash in Shanghai (CSI 300 - Index, Yuan, mit Shenzhen) und seine Folgen für Finanz- und Gütermärkte. Ursachen waren ein Rückgang der US-Auftragseingänge, Infos vom Nationalen Volkskongress (Kapitalertragsteuer) und Äußerungen von Alan Greenspan. Es zeigen sich unmittelbare Folgen an den japanischen und US-amerikanischen Finanzmärkten. Gewöhnungs- und Lerneffekte können einbezogen werden ebenso wie kulturelle Aspekte. Besonders interessant ist der noch isolierte Status der Börse in Shanghai (kaum Fremdkapital). Aber immer mehr Unternehmen, die schon in Hongkong an der Börse sind, wollen auch in Shanghai Fuß fassen (z. B. China Mobile). Einflüsse des Handelsbilanzdefizits der USA auf die Stabilität müssen analysiert werden. China argumentiert, dass die amerikanischen Multis, die in China produzieren, durch ihren Export in die USA in erster Linie dafür verantwortlich sind. Mit dieser Fallstudie habe ich erstmals im SS 2007 im Hauptstudium gearbeitet.

Es kann auch eine Verbindung zu den Problemen auf dem amerikanischen Hypothekenkreditmarkt hergestellt werden:  Im Zentrum steht hier die Bankenkrise, die sich in Verlusten bemerkbar macht. Die Zinsen steigen und die US-Hausbesitzer können Kreditraten nicht mehr bezahlen. Dadurch werden die Banken vorsichtiger bei der Vergabe neuer Kredite.  Dies spüren Finanzinvestoren, Hedgefonds und private Konsumenten. Dadurch sinkt das US-Wirtschaftswachstum (die Aktienkurse fallen global) und die Wirtschaft könnte global langsamer wachsen. Ganz klar zeigen sich die Interdependenzen zu den weltweiten Aktienmärkten, die Kursrutsche erleben. Die Volatilität wird immer größer, weil sich die Risikoeinschätzung dynamisiert. Auf den realen Bereich greift die Krise außer durch die geringere Nachfrage aus den USA mit einer weitaus restriktiveren Kreditvergabe über (Baunachfrage rückläufig, weniger Kredit finanzierte Konsumausgaben und Investitionen). Es wird wahrscheinlich zu einem massiven Wertverlust amerikanischer Immobilien kommen (wegen der Wertberichtigung bei Hypotheken könnte eine Bankenkrise folgen). Entscheidend ist auch für die Auswirkungen auf die Konjunktur die Zinspolitik der Notenbanken (am besten wäre eine Zinssenkung; unveränderte Zinsen bzw. Zinserhöhungen können bremsen). Mit mehrfachen Zinssenkungen  versucht die Fed  die Finanzmärkte zu besänftigen. Ebenso wird Geld, auch von anderen Notenbanken (EZB, England, Schweiz, Kanada), in den Geldmarkt gepumpt. Trotzdem geraten die Aktienmärkte weltweit ab 21.01.08 in Turbulenzen (die erst durch eine Leitzinssenkung in den USA vorerst abgebremst werden und später durch das Rettungspaket der USA). Die Übergänge zwischen Vertrauenskrise, Liquiditätskrise und Finanzkrise sind fließend. Bei der Vertrauenskrise gilt eine Informationsasymmetrie ("Market for Lemmons"!). Die Liquiditätskrise wird durch die so genannten Commercial Papers (kurzfristige Kredite) verstärkt. Der internationale Finanzmarkt wird durch Geldspritzen der Notenbanken (über 1000 Mrd. $), durch Sozialisierung der Risiken (AIG, Freddy und Fannie) und durch Rettungsfonds mühsam stabil gehalten. Insgesamt betragen die Anlagenverluste durch die Finanz- und Wirtschaftskrise schon 50 Bill. $ (Asiatische Entwicklungsbank). 2009 sind in den USA schon 28 Banken Pleite gegangen. Vgl. auch Robert Shiller, Yale: Recent Trends in House Prices and Home Ownership ("Hot Paper", September 2007)  "Es wird noch eine Zeit lang dauern, bis das überwunden ist", Henry Paulson, damaliger US-Finanzminister über die Finanzkrise im Sommer 2007.

"Die USA unter Paulson sind kommunistischer als China", Jim Rogers, amerikanischer Hedgefonds-Manager.

Fehler der japanischen Wirtschaftspolitik in den 1990er Jahren: In dieser Zeit steckte Japan in einer langen Rezession. Geld- und Fiskalpolitik blieben relativ wirkungslos. Das Bankenwesen befand sich in einer Krise. Was kann man aus diesen Fehlern lernen? Inwieweit waren veraltete makroökonomische Paradigmen schuld. Literatur: Werner, Richard A.: Neue Wirtschaftspolitik. Was Europa aus Japans Fehlern lernen kann, München 2007. Besonders interessant ist das Kapitel über den deutschen Ökonomen Friedrich List, der als einer der ersten Ökonomen die These des Freihandels von David Ricardo in Zweifel zog und die Vorzüge von Protektionismus herausarbeitete. List belegte seine These mit Entwicklungsstudien über England und die USA. Von diesem Denken wurde die japanische ökonomische Lehre sehr stark beeinflusst (vgl. S. 442 ff.).

"Die Fed, die Europäische Zentralbank und die Bank von Japan bestimmen die Geldpolitik für eine Zone, die 80% der weltweiten industrialisierten Wirtschaftsaktivität auf sich vereint... Kaum zuvor, wenn denn je, ist eine derart geballte Macht von einer so kleinen Anzahl von Institutionen unbehelligt vom direkten demokratischen Prozess ausgeübt worden", Goldman Sachs.

Eine Mittelstandsfallstudie bezogen auf ein deutsches KMU, das auch in China tätig ist, habe ich geschrieben. Sie wurde in einem Sammelband veröffentlicht. Es geht darum, welchen Spielraum ein mittelständisches Unternehmen in der Globalisierung hat.

"Der Sozialismus macht kapitale Fehler, der Kapitalismus soziale", N. N. (zitiert nach Vogt, G.: Faszinierende Mikroökonomie, München 2007, S. 347).

 

Betriebswirtschaftslehre 

"Betriebswirtschaftslehre ist zu fünfzig Prozent selbstverständlich und zu fünfzig Prozent unverständlich", N. N..

Einfluss der demographischen Entwicklung auf die Personalwirtschaft von Unternehmen.

"Ich prophezeihe Ihnen, dass Unternehmen in 20 Jahren völlig anders ausgerichtet sein werden als heute. Es wird in Zukunft nicht mehr um Survival of the Fittest gehen, sondern um Survivel of the Wisest", Deepak Chopra, Autor von Management-Bestzellern.

Klimawandel und betriebswirtschaftliche Entscheidungen. Diese Fallstudien setze ich in Allgemeiner Betriebswirtschaftslehre zur Vorbereitung auf die Klausur ein. Im Mittelpunkt stehen Gesichtspunkte der Produktion, des Umweltmanagements und des Marketings.

"A great many people think they are thinking when they are merely rearranging their prejudices" (sehr viele Leute denken, dass sie denken, wenn sie lediglich ihre Vorurteile neu sortieren), William James, amerikanischer Philosoph und Psychologe, 1842 - 1910.

Rollenspiel "Interkulturelle Kommunikation": Dr. Walter Müller und Heinrich Lüdenscheid, Eigentümer einer mittelständischen Unternehmung in Süddeutschland möchten in China ein Joint - Venture gründen. Dazu treffen sie sich in Shanghai mit einem chinesischen Geschäftsmann und seinem Assistenten, um bei einem Bankett Verhandlungen zu führen. Den Kontakt haben sie über die Außenhandelskammer hergestellt. Der Chauffeur der chinesischen Gastgeber hat sie gerade aus dem Hotel abgeholt und zu dem Treffen gebracht. Dieses Rollenspiel zeigt, wie sich zwei vollkommen verschiedene Nationalitäten gegenüberstehen und über die jeweils andere kaum Wissen haben. Beide Parteien sind gewillt, zusammen zu kommen und das gemeinsame Ziel (Geschäftsabschluss) zu erreichen. Die Chinesen wie die Deutschen geben sich Mühe; es wird jedoch im Laufe des Gesprächs deutlich, dass alle Anwesenden stark in persönlichen Vorurteilen, sozialen und kulturellen Mustern, Ego-Bedürfnissen, Konditionierungen etc. festgesetzt sind. Dies macht eine ehrliche, persönliche Begegnung problematisch. Selbstverständlich ist die folgende Arbeit und das dazugehörige Theaterstück im umfang der Missverständnisse übertrieben, alle Beispiele sind jedoch real passiert und stammen meist aus den landeskundlichen Vorlesungen.

Dies ist ein Ausschnitt aus dem Drehbuch eines der vielen Rollenspiele aus der Veranstaltung "Psychologie und Kommunikation". Die Rollenspiele können von den Studenten als Prüfungsleistung erbracht werden. Andere Rollenspiele, die auf DVD gespeichert vorliegen, beschäftigen sich z. B. mit der Bedeutung des Essens-Rituals in China, mit dem Ablauf eines Kulturschock oder mit einem interkulturellen Bewerbungsgespräch. Vgl. zur Forschung z. B. Rituale

"Die ältesten und kürzesten Wörter - "Ja" und "Nein" - erfordern auch das stärkste Nachdenken", Pythagoras, griechischer Mathematiker (Lehrsatz), ca. 570 -480 v. Chr. Dieser Satz gilt umso mehr für die Kommunikation mit chinesischen oder japanischen Gesprächspartnern. Das japanische "Hai=Ja" hat z. B. sehr viele Bedeutungen, die sich erst aus dem Zusammenhang ergeben.

 

        "Das Denken kann man auch den  Pferden überlassen". Kunst in  der Hochschule Ludwigshafen (zum Glück ist das Pferd nicht weiß und somit kein Hochschulschimmel). Inwiefern ist das Pferd ein Modell und für eine Fallstudie geeignet?

"The goal of HBS is to prepare students for the challenges of leadership. We believe that the case method is by far the most powerfull way to learn the skills requiered to manage and to lead", Hompepage der Harvard Business School.

Das European Case Clearing House (www.ecch.cranfield.ac.uk ) verfügt über die weltweit größte Datenbank mit Zugriff auf über 20.000 Fallstudien überwiegend aus dem angel-sächsischen Raum.

Wert der Fallmethode und Quellen dazu

Fallmethode als Lehr- und Lerntechnik (case learning). Sie eignet sich besonders, um die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu überbrücken. Sie wurde 1880 an der Harvard Law School entwickelt. Sie hat auch Vorteile, wenn Zeit und Geld sehr begrenzt sind oder der Zugang eingeschränkt ist. Sie kann komplexe Situationen besser darstellen und ganzheitlich besser lösen. Sie fördert das gehirngerechte Lehren, indem sie Erfahrungen, wiederholen und andocken ermöglicht. Ihr großer Nachteil ist die eingeschränkte Generalisierung. Probleme können auch bei zu großen Gruppen entstehen.

Im Rahmen des Bologna-Prozesses, in dem neue Bachelor- und Masterstudiengänge an den Hochschulen  entstehen, müssen dazu passende Lernmethoden entwickelt werden. Die Fallstudie kann der Illustration, der Entwicklung von Hypothesen und Konzepten, dem Test von Hypothesen, der Voraussage und methodischen Tests dienen. Sie muss auf die Praxis und Handlung bezogen sein, aktuell und anschaulich.

Durch die Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2008/2009 gerät die Fallmethode unter Beschuss. Da die Studenten anhand von Beispielen lernen, wie Manager vermeintlich erfolgreiche Unternehmen führen, sei die Ausbildung zu sehr auf unkritische, zu kurzfristige Renditesteigerung ausgerichtet. Zu viele MBA-Absolventen seien in den vergangenen Jahren zu den Investmentbanken gegangen und hätten wie die Lemminge die Krise verursacht. Der MBA wird als Master of Apocalypse verspottet, der Ethik zwar im Lehrplan hat, aber nicht vermittelt. Der Blick müsse von der Fallmethode weg wieder auf das große Ganze gelenkt werden. Es müsse auch weniger auf Zahlen als auf Persönlichkeit geschaut werden.

Fallbearbeitung als Methode (Phasen)

1. Problemstellung und -erkennung, 2. Ausgangslage, 3. Problemfelder und -diagnose (Zusammenhänge und Spannungsfelder), 4. Entwickeln von Lösungsalternativen, 5. Bewertung und Beurteilung der Alternativen, 6. Entscheidung: Auswahl und Begründung der Alternativen (Synthese), 7. Umsetzung planen (Maßnahmen, Ressourcen), 8. Kontrolle und Evaluation. Vgl. Zaugg, J./ Wenger, A. P.: Anleitung zur Bearbeitung von Case Studies, in: WiSt Heft 3, März 2003, S. 178 - 182.

Meister Konfuzius sprach: "Lernen und nicht denken ist nichtig. Denken und nicht lernen ermüdend".

 

Mitarbeiterbefragung in der  Personalökonomik 

"Don´t be irreplaceable - if you can´t be replaced, you won´t get promoted",       N. N..

Eine spezifische Form der Fallstudie stellt die Mitarbeiterbefragung dar. Im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung werden alle Mitarbeiter zu unterschiedlichen Merkmalen und Bedingungen ihrer Arbeit befragt. Von einer Mitarbeiterbefragung profitieren Geschäftsleitung und Mitarbeiter gleichermaßen. Vorteile liegen in der Status - Quo - Ermittlung, in der Steigerung der Motivation der Mitarbeiter und in der Verbesserung der Einstellung zum Unternehmen. Als Argument gegen eine Mitarbeiter-befragung werden schlechte Kosten-Nutzenrelation, Widerstände von Seiten der Mitarbeiter und kein zusätzlicher Informationsgewinn aufgeführt.

In vielen Unternehmen wird mittlerweile die Arbeitszufriedenheit ermittelt. Dies geschieht jährlich und wird häufig in einer Mitarbeiterzeitung veröffentlicht. Bekannt ist der Employee-Engagement-Index. Über einen schlechten Wert bei diesem Index stolperte der frühere SAP-Chef Leo Apotheker.

"Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische", Karl Valentin. 2007 ist eine neue Biografie erschienen von Dimpfl, M. Berühmt ist auch folgendes Zitat: "Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut". 2007 ist der 125. Geburtstag.

 

Fallstudie im Studium  

"Wissenschaft ändert sich ständig... Das alles sind nur Theorien, die immer wieder von anderen abgelöst werden. Die Mythologie allein verschafft uns einen Aufschluss über das Wesen der Welt", Anselm Kiefer, (einer der größten lebenden Künstler, 1945 in Donaueschingen geboren, lebt in Paris, Zitat aus Focus 33/2008, S.58).

Die Fallstudie ist eine Methode, um die studentische Motivation und Eigenaktivität zu fördern und damit das Kompetenzniveau optimal zu erhöhen, indem sie neben Wissen und Verständnis auch Anwendung, Analyse und Beurteilung mit sich bringt. Damit verbunden ist intrinsisches Lernen (Deci & Ryan), das durch emotionales Erleben Kompetenz, Autonomie und soziale Eingebundenheit kombiniert. Die Fallstudien müssen  in die Planung der Lehre integriert werden. Am besten wird sie mit Gruppenarbeit zusammengebracht. Sie sollte mit anderen Lehrmethoden kombiniert werden. Im Plenum sollte ein Feedback und eine Diskussion erfolgen. Eine Bewertung muss eingebunden sein. Vgl. Paul, H.: Fallstudien, in: WiSt, Heft 6, Juni 2005, S. 349-353. Die Fallstudie bietet auch die Möglichkeit, mehrere Fächer im Hinblick auf einen Fall zu vernetzen und ist damit eine Kooperations-möglichkeit zwischen Kollegen. Der Fragmentierung der Fächer entgegen zuwirken und Transferelemente sowie Interdependenzen aufzuzeigen ist gerade am Ostasien-Studiengang ein wesentliches Lernziel.

"Eine Fähigkeit, die nicht täglich zunimmt, geht täglich zurück", Chinesische Weisheit.

 

Stellenwert des Internet  

"Dem sind keine Grenzen gesetzt, der sie nicht hinnimmt", ZEN - Weisheit.

Internet, Blogs, Podcasts, Wikis und E-Mails revolutionieren die Präsentation der Fallstudien und die Ökonomie insgesamt. Sie verkürzen drastisch die Veröffentlichungszeit und erhöhen die Veröffentlichungsmöglichkeiten durch immer mehr Online-Zeitschriften, Online-Paper sowie Foren und durch Werbemöglichkeiten auf Homepages. Außerdem leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung und Freiheit der Wirtschaftswissenschaften weg auch von Zitier-Kartellen. Durch die Virtualisierung von Datenzentren und Software-Werkzeugen (z. B. PHP) kommt es zu einer Privatisierung der Informationstechnologie, die die Unabhängigkeit erst möglich macht. Natürlich ist das Internet selbst im Rahmen der Internetökonomie auch ein interessanter Forschungsgegenstand, z. B. inwieweit die Informationstechnologie die Ungleichheit erhöht. Für die Studenten bedeuten sie einen erheblichen Zuwachs an Service durch die asynchrone Abrufbarkeit "on demand", durch die internationale Vergleichsmöglichkeit (Qualitätsmaßstäbe) und durch bessere Kontaktmöglichkeiten bei Auslandsaufenthalten. Auch im Selbststudium (Workload) kann das Internet einschließlich Lernplattformen zunehmend unterstützend wirken. Das Netz verändert alle Parameter der wissenschaftlichen Rahmenbedingungen. Immer verbreiteter sind Vorlesungen über You Tube. Hier können die Stars der Zunft bei der Arbeit beobachtet werden (teilweise auch über die Open University)

Wer allerdings den Computer zu stark nutzt, so belegen es Studien, lernt schlechter und zeigt schlechtere Leistungen (Ausdrucksvermögen, Kreativität). Noch unklar ist, wie sich die Abschaffung der handschriftlichen Schreibschrift auswirken würde (ab 2016 in Finnland Abschaffung der zusammenhängenden Handschrift, nur noch Druckbuchstaben für den Notfall). "Das Netz ist auch ein Medium, das in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrleser ermöglicht", Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ,  über das Internet. Das Gehirn wird überlastet (Königliches Institut für Technologie in Stockholm). Die Dauerberieselung nimmt dem Gehirn wichtige Pausen, in denen es im Leerlauf dreht. Die Auszeiten sind wichtig, um das zuvor Aufgenommene zu verarbeiten. Immer mehr Menschen lagern ihr Gehirn ins Internet aus. So wissen sie viel, verstehen aber wenig. Die Auseinandersetzung mit der virtuellen Welt kann nicht das Leben in der realen Welt ersetzen. Insbesondere das "Internetdeutsch" bzw. "Denglisch" kann zu Kommunikationsdefiziten führen. Für die Studenten ist auch  die Versuchung groß, sich unseriös zu bedienen (Seminararbeiten mit den Funktionen "Kopieren" und "Einfügen"). Sie müssen auch lernen, die Seriosität von Web-Seiten zu bewerten. Für Professoren wird die Bindung an eine Hochschule gelockert (kann durch virtuelle Netze und Lehrstuhl-Allianzen - z. B. Nice- Network - ergänzt werden) und  der Arbeitsaufwand steigt erheblich, wenn das Medium "Internet" stark  interaktiv ausgebaut wird. Allerdings muss das Netz-Image bzw. der Internet-Leumund auch gepflegt werden. Vgl. auch zu näheren Informationen das Impressum einschließlich des Kommentars. Offen ist derzeit, welche Rolle "Social Networks" im Hochschulbereich in Zukunft spielen werden. Ist ein solches Netzwerk als Dreh- und Angelpunkt für Surfen zu wissenschaftlichen Zwecken im Internet vorstellbar? Erste Ansätze finden sich bei wiwi-online. Die sozialen Medien, vor allem die beruflichen Netzwerke wie Xing oder Linkedln, unterstützen aber den Alumni - Gedanken pro Professor.  Das Internet ist deshalb zu effektiv, weil es Verbindungen schafft zwischen Kommunikationspartnern, die sich nicht gut kennen müssen. Eine wichtige Rolle spielten Foren im Internet im Wahlkampf von B. Obama. Viele Experten sind der Meinung, dass dies entscheidend war. 732 Millionen Menschen weltweit nutzen Social Networks (Nielsen). Das Netz räumt mit eingeübten Weisheiten auf, erlaubt theoretisch Weltbürgerträume und steht für eine neue Öffentlichkeit. Das Internet ermöglicht auch Bürgerbeteiligung in der Wissenschaft. Laien sammeln Daten (tausende Bürger fotografieren mit dem Smartphone der Sternenhimmel und Wissenschaftler werten die Bilder aus) und Forscher werten aus. "Das Internet als Freiheitsmedium ist eine zentrale Voraussetzung für Veränderungen in unserer Welt", Konstantin von Notz, Netzpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.

Die kulturellen Auswirkung des "cloud computing" werden noch einschneidender sein. Alle großen Hindernisse bei der Versorgung mit kreativen Produkten verschwinden. Wissenschaftliche Artikel werden im Nu digitalisiert werden. Das Internet wird das wichtigste Austauschmedium werden. Entscheidend ist die Frage, ob sich dadurch die Qualität verbessert oder verschlechtert. Die Anonymität der Massen (Klickzahlen!) scheint zuerst einmal Qualität durch Quantität zu ersetzen. Was am Ende steht, weiß aber noch niemand. Außerdem ist damit eine gewisse "Janusköpfigkeit" verbunden: Viele, die im Netz ihre Meinung - auch wissenschaftlich - äußern, wollen anonym bleiben. Andererseits erhöht das Internet die Offenheit und Öffentlichkeit. Alle, und damit auch alle Wissenschaftler, werden selbst zum Medium. Sie veröffentlichen im Internet, konsumieren und verlinken sich. In den sozialen Netzwerken findet man nicht nur Wissen, sondern kann auch verfolgen, wie es entsteht. Die Informationsanarchie durch das Internet ist einerseits eine große Bedrohung (und keiner weiß die genauen Folgen), andererseits hebt es die Lebensqualität ungemein (man braucht als Wissenschaftler kaum noch in Bibliotheken). Das Internet speichert auch politische Aussagen ewig (ein gutes Beispiel sind Professoren bei der AfD, die sich für ein gewichtetes Wahlrecht eingesetzt hatten). Der Umgang mit Informationsnetzwerken wird in der Wissenschaft fundamental wichtig werden. Die Instrumente zum Filtern und Ordnen werden sich verbessern. Es gibt eine Reihe von Rechenzentren für Aktivisten (Riseup.net), abhörfeste Telefonie-Dienste (Cryptostorm) und Cyber-Abwehr. Gut im Markt ist hierbei die Deutsche Telekom.

Die Techniken  stellen aber natürlich auch eine Gefahr dar. Die Verknüpfung von kommerzieller und staatlicher Datengier (vor allem durch die amerikanischen IT-Firmen) kann auch die wissenschaftliche Freiheit gefährden. Wissenschaftler sollten außerordentlich vorsichtig sein mit Informationen und im Umgang bei Apple, Google, Amazon u. a. (Abhörskandal der NSA und die Folgen). Andererseits lehrt uns der NSA-Skandal, dass die Bürger ihre Privatsphäre sowieso schon aufgegeben haben (die Öffentlichkeit bleibt ungerührt). Es gibt immer mehr Medien mit immer mehr Journalisten und Wissenschaftlern oder solchen, die sich dafür halten. Der Wettbewerb um Aktualität und der Konkurrenzdruck verführen zu oberflächlichen oder einseitigen Recherchen und fehlerhaften Darstellungen. Quellennachweis und Kritik werden oft vernachlässigt. Öffentliche und Privates wird immer mehr vermischt. 

Mittlerweile gibt es 2013 und 2014 eine Art Popkultur des Internets. Texte, Bilder und Videos werden rasend schnell verbreitet. Man spricht von Internet-Meme als neuer Weltsprache (sie werden als Texte und Bilder über soziale Netzwerke, Blogs, Web-Foren, E-Mails verbreitet). Insofern spiel Quatsch im Internet auch politisch und wirtschaftlich eine Rolle. 2013 war der Satz "Yes, we scan" Schlagzeile im Internet. Katzenbilder gelten oft als Insiderwitz (z. B. LOLcats). Berühmt geworden ist die Meme "Merkel entdeckt#Neuland" (es geht um die Abhöraffäre, die von Snowden aufgedeckt wurde). Das Internet könnte bald jede noch so kleine Nische des persönlichen und wirtschaftlichen Lebens erobern. Wenn die antreibenden Faktoren so weitergehen (preiswerte Chips, starke Mobilfunknetze, günstige Sensoren, ständige Ortung) wird die gesamte Kommunikation und Werbung revolutioniert.  Mit dem Internet der Dinge bekommen die Datensammler von Google auch Zugang zu Privatwohnungen, Autos und Geldbörsen. Der Staat wird daher nicht darum herum kommen, die Internetgiganten stärker zu regulieren. Die Daten müssen besser geschützt werden.  "Das Internet ist das erste von Menschen erschaffene Ding, das der Mensch nicht versteht. Es ist das größte Experiment in Anarchie, das es jemals gab", Eric Schmidt, Chef von Google.

Das Internet wird auch das Management in Organisationen verändern. Die Entwicklungen werden immer schneller und agiler, so dass man sich auf Unvorhergesehenes einstellen muss. Informationen können schell und einfach geteilt werden, was die Offenheit fördert. Die Vernetzung wird weiter zunehmen, ohne dass der Nutzen und die Risiken einschätzbar sind. Die Partizipation wird zunehmen (vgl. Management by Internet, Willms Buhse, 2014). Das Internet greift zusätzlich stark in die Abläufe von Informationsflüssen ein und bedroht ganze Branchen. Zum Beispiel gibt es Taxi-Apps wie ÜberPop und WunderCar, die Kunden und Privatautos zusammenbringen (ohne Steuern, ohne Zulassung, Fahrten zu Dumping-Preisen). 2014 entscheidet das BGH, dass kein Auskunftsanspruch bei Falschbehauptungen im Internet besteht. Die Portale müssen die Anonymität ihrer Nutzer schützen. Es besteht nur ein Recht auf Löschung. Formulare zur Löschung haben sowohl einige Suchmaschinen als auch soziale Netzwerke. Suchmaschinen löschen nur Links. Bei den Netzwerken ist wichtig, zuerst das Konto (account) zu löschen.  Illegales kann man einer zentralen Beschwerdestelle melden ( www.beschwerdestelle.de ). Sie wird von der Internetwirtschaft getragen und ist mit Juristen besetzt.  "Wir werden durch das Internet noch sehr viel mehr über uns und andere Menschen lernen und wissen", Eric Schmidt, Google-Chef über das Internet in 10 Jahren. Mittlerweile sind schon 13% aller Web-Seiten auf Chinesisch. Es gibt weltweit 2008 ca. 1,4 Milliarden Nutzer, in Deutschland 43 Mio. Im Jahre 2013 waren fast zwei Drittel der Internetsurfer gar keine Menschen, sonders so genannte Bots (Computerprogramme mit Auftrag; Incapsula, US-Datendiensleister).

"Die entscheidende Frage ist: Woher kommen die Daten? Und wem gehören Sie? Davon hängt am Ende ab, wer diesen digitalen Krieg gewinnt." Joe Kaeser, Siemens-Chef, im Jahre 2014.

"In a world without walls or fences, who needs Windows or Gates"?

 

 

"Wende dein Gesicht der Sonne zu, und du lässt die Schatten hinter dir", Afrikanisches Sprichwort; oder: "So wie man die Strahlen der Sonne nicht zudecken kann, so kann man auch das Licht der Wahrheit nicht auslöschen", aus Arabien.